Sicarius

Reiner Tisch

Richard Garriott’s Tabula Rasa K.I.A.

Am 01.03.09 um exakt 00:00 Uhr war es also soweit: Die Verbindung zu den Welten von Richard Garriott’s Tabula Rasa brach nach einer vierstündigen Bane-Invasion ab. Als die letzten Reste der Menschheit sicher zurück auf die größtenteils zerstörte Erde gelangte, drückte die Geheimorganisation Penumbra auf der anderen Seite den roten Knopf. Foreas und Arieki und alles was sich auf ihnen befand ist nicht mehr. Die Schreibtafel wurde abgeschabt und steht bereit um mit neuen Worten gefüllt zu werden.

Aber bedeutet dies das Ende des Kampfes der Menschheit gegen die Bane? Unwahrscheinlich. Das plötzliche Erscheinen der technologisch weit fortgeschrittenen Neph an ihrer Seite hat gezeigt, dass die Horde nicht eher ruhen wird, bevor auch tatsächlich die gesamte Menschheit ausgelöscht wurde. Werden wir die Fortsetzung der Geschichte erleben? Nein. Obwohl die Entwickler bis zur letzten Minute noch mit neuem Content um sich geschmissen haben (Deployment 16 mit den langerwarteten Mechanzügen zwei Wochen vor Schluss, die Einführung einer weiteren Rasse vier Stunden vor Schluss und kurz vor dem endgültigen Aus durfte man sogar auf die Erde zurückgehen) und so zeigten was uns noch alles erwartet hätte, ist nach nur 1 1/2 Jahre die fantastische Reise bereits vorbei. Die Serversoftware steht nicht zur Verfügung und General British hat bereits letztes Jahr die Kapitulation unterzeichnet. Es bleibt also nicht mehr als eine Verpackung und eine ganze Menge Erinnerungen.

Erinnerungen an eine stimmige und detailverliebte Welt mit einer lebendigen Geschichte, der man die fantastische Kreativität von Richard Garriott an jeder Ecke anmerkte. Außerdem Erinnerungen an einen Entwickler, der sich nicht in einem geheimen Zimmer einschloss, sondern aktiv und mitten in der Community war ohne dabei an Professionalität einzubüßen. Und natürlich Erinnerungen an eine kleine aber feine Community, die bis zum bitteren Ende zusammengehalten und sich Richard Garriott’s Tabula Rasa zu eigenen gemacht hatte. Friday Night Fights ist nur das berühmteste Beispiel der Kreativität und Liebe der Community für „ihr“ Spiel und wie sehr die Entwickler und Supportmitarbeiter bereit waren so etwas auch zu unterstützen.

Man mag mir vorwerfen, dass ich die ganze Sache jetzt nur durch tränenunterlaufene Augen betrachte, aber vier Jahre ist es nun her seitdem mich World of Warcraft in die Welt der MMOs entführt hat. Vier Jahre in denen ich bereitwillig meinen Horizont erweitert habe und in viele verschiedene Welten abgetaucht bin. Von Guild Wars, über Ultima Online, Merdiain 59 und Vanguard: Saga of Heroes bis hin zu The Lord of the Rings: Online, Age of Conan und The Chronicles of Spellborn ging die Reise abseits von World of Warcraft. Aber besonders im Vergleich zu letzterem, sind mir aus den wenigen Monaten Richard Garriott’s Tabula Rasa viel mehr Erlebnisse positiv in Erinnerung geblieben als in den vier Jahren World of Warcraft, in denen ich unzähliges mehr erlebt habe.

Richard Garriott’s Tabula Rasa war bei weitem kein perfektes Spiel. In vielen Ecken wie Crafting oder dem berühmten Endgamecontent mangelte es bis spät nach dem Release und bereits der viel zu lang andauernde Betatest hatte dem Spiel deshalb das Rückgrat gebrochen. Aber, ohne mich wiederholen zu wollen, anders als Vanguard: Saga of Heroes, dem man schnell anmerkte, dass hier der Wille zur Verbesserung größtenteils schon verflogen ist, glaubte Destination Games bis zu letzt an ihr Baby und ließ die Community das auch spüren. Aber vermutlich war diese Liebe von Anfang an im Weg.

NCSoft ist kein kleiner Publisher der verzweifelt versuchen muss jeden Cent aus einem Speil zu pressen weil sonst die Insolvenz droht (Grüße an Funcom!). Wer Spiele wie Lineage, das nach World of Warcraft immer noch die Rangliste der meisten Spielerzahlen anführt, gewohnt ist, vergibt keine Almosen. Und selbst City of Heroes, das auch nie wirklich den großen Durchbruch geschafft hat, hatte genug anfänglichen Erfolg um die Entwicklungskosten einzufahren und sein Überleben zu sichern.

Mit einer Entwicklungsgeschichte die der von Duke Nukem Forever in fast nichts nachsteht, musste deshalb den Oberen eigentlich von Anfang an klar gewesen sein, dass Richard Garriott’s Tabula Rasa lange Zeit ein Schuldenberg sein würde. Vermutlich wäre auch bereits lange vorher der Stöpsel gezogen worden, wenn nicht Richard Garriott noch im Hintergrund mit die Fäden gezogen hätte und mit seinem Namen dafür gerade stand. Erst als er am 11.11.2008 das sinkende Schiff endgültig verließ, war das Ende des Spiels tatsächlich besiegelt. Bis dahin gab es noch berechtigte Hoffnung auf eine längere Zukunft.

Nehmen wir also den heutigen Tag einmal zum Anlass an all die Titel zu denken, die den Fehler begangen hatten dem einzigen Genre anzugehören, bei dem es den endgültigen Tod tatsächlich gibt. Es mögen am Ende nur Spiele gewesen sein, aber sie waren für so einige unter uns lange Zeit ein wichtiger Teil unseres Lebens.

Motor City Online (29.08.2003), Earth & Beyond (22.09.2004), Asheron’s Call 2 (30.12.2005), Auto Assault (31.08.2007), The Sims Online (01.08.2008) Richard Garriott’s Tabula Rasa (28.02.2009) und all ihr anderen, deren Namen ich nicht einmal kenne: Ruht in Frieden! Es war eine schöne Zeit und ihr alle hattet es verdient weiterzuleben – auch ihr, die ich nicht gespielt habe.

PS: Da ich es am Donnerstag vergessen hatte, ich bitte noch einmal um Entschuldigung dafür, wünsche ich auch von hier aus noch einmal Azzkickr nachträglich alles Gute zum Geburtstag!
PSS: Seit heute ist Bagdadsoftware mittlerweile achten Jahre erfolgreich am Netz! Wie immer herzlichen Dank an alle, die der Seite seitdem die Treue halten. Ohne euch wäre sie schon lange zu einer Internetleiche verkommen!

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6 Kommentare

Grad mal auf Wiki nach Auto Assautl gesucht:
"Offers to continue to run servers by various parties were denied, but additional „Parting Gifts” were sent via e-mail with, "…opportunities to take a part in some of our other products, including Richard Garriott’s Tabula Rasa"
von einem Server-Shutdown zum nächsten oder wie…

Jo, aber ich glaub den Transfer haben sowieso nicht viele Auto Assault Spieler getätigt. Im Vergleich zu Tabula Rasa, welches zumindest einmal seine 120k bezahlte Accounts hatte, kam AA laut MMOGChart selbst zu Höchstzeiten nicht einmal auf 15k.

würde erklären, warum ich überhaupt noch nie was davon gehört hab.. da war wahrshceinlich selbst Motor City noch erfolgreicher ;)

Aber ein Misserfolg wie MOC war auch damals schon ein Misserfolg :P
EA kann das übrigens mit dem überführen in ein anderes später sterbendes MMO auch…
"Previous Motor City Online users were offered access to […] or Earth & Beyond."
Da kam der Tod allerdings sogar noch schneller ;)

Das ist vermutlich überall üblich um zumindest noch ein paar Kunden zu retten.

Star Wars Galaxies hat übrigens einen intergrierten Webbrowser wie ich jetzt gerade feststelle :). Das fehlt WoW noch – dann bräuchte man es gar nicht mehr minimieren.

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