Sicarius

10 Jahre Bagdadsoftware – Der emotionale Rückblick

Ein bewusst hässlicher Banner zum 10. Jahrestag

„So die Page ist Online!“ — als ich diesen Satz am 9.3.2001 um 19:01 Uhr niederschrieb, da wusste ich noch nicht was „Bagdadsoftware“ ist. Auch der Name „Sicarius“ existierte nicht und seitenlange Einträge waren im Angesicht von Dreizeilern voller Rechtschreib- und Grammatikfehler ein Fremdwort. Ich wusste nur, dass ich die alte kackbraune Frontpage-Seite mit ihren Frames endlich hinter mir lassen und einen anständigeren Neuanfang wagen wollte. Was nicht bedeutet, dass die „neue“ Seite anfänglich so viel besser war als die alte — sowohl vom Inhalt her, als auch vom Aussehen und der Technik dahinter. Das alles entwickelte sich erst über die Jahre hinweg.

Die Anfänge

Der entscheidende Wendepunkt war für mich der 17.04.2006, der Tag, an dem ich Bagdadsoftware endlich einen Sinn gab. Alles was davor kam, so nett und lustig es auch war mit Daiah, Don Quichotte und Co. im Forum und den Kommentaren herumzualbern — es war bei genauer Betrachtung einfach nichts Besonderes. Killer’s World beziehungsweise später dann schon Bagdadsoftware, war damals im Kern nicht mehr als eine Sammlung zusammengeklauter „Fun“-Inhalte verbunden durch die ewiggleichen Einträge in denen sinngemäß immer nur Stand „Sry, kei‘ Zeit!“.

An diesem Tag im April änderte sich das jedoch schlagartig. Bagdadsoftware hatte plötzlich einen Fokus und ja, der Ton wurde in diesem Moment vielleicht auch ein Stück weit ernster und erwachsener. Es war aber ein notwendiger Schritt, denn auch die Stammbesucher wurden älter, erfahrener und widmeten sich anderen Dingen. Bestes Beispiel sind Daiah und Don Quichotte. Früher ständige Begleiter, heute lesen sie vermutlich nicht einmal mehr konstant mit — wenn überhaupt. Kann ich aber sehr gut verstehen, denn genau diesen Wandel habe ich auch durchgemacht.

Eine Woche später habe ich mich übrigens bei MobyGames registriert. Wie das endete, wisst ihr ja alle :smile: .

Der Wandel

Meine Liebe zum Schreiben über Spiele hatte ich zu diesem Zeitpunkt bereits entdeckt. Ich „arbeitete“ schon seit September 2001 neben der DTAG bei media and tech hosting Networks und als 2004 meine Ausbildung beendet war, ging meine allererste Bewerbung an die GameStar raus. Trotz Vorstellungsgespräch, es sollte bis heute leider das einzige bleiben, bekam ich die Stelle als Spieletester-Trainee jedoch nicht. Anstatt meiner schafften es Fabian Siegismund und Daniel Matschijewsky in die Redaktion. Zum Glück!

Selbstverständlich habe ich mich darüber geärgert damals. Aber Erfahrung macht klug und im Nachhinein ist mir durchaus bewusst, dass ich zu dem Zeitpunkt einfach noch nicht reif genug war. Das kam erst später vor allem durch Bagdadsoftware. So beschränkte ich mich nach dem Zerfall von mthN darauf bei uns in der Firma im Forum die Leute mit längeren Texten zu beglücken. Daraus erwuchs dann irgendwann die fixe Idee meine potentielle Leserschaft auszuweiten und meine Sammelsucht zu befriedigen (ich wollte meine Texte endlich alle an einem Platz haben). Gleichzeitig hatte ich auch ein immer schneller anwachsendes Schuldgefühl angesichts unzähliger Abmahnung, die in dieser Zeit durch die Presse gingen. Bagdadsoftware wurde mehr und mehr zu einer tickenden Zeitbombe, die ganz schön teuer hätte werden können. Also schnappte ich mir meine vorhandene Plattform und habe sie über Nacht umgestaltet.

Die richtige Tür

Höchstwahrscheinlich wäre mein Leben komplett anders verlaufen, wäre ich damals diesen Schritt nicht gegangen. Ob es besser geworden wäre? Darüber kann und will ich gar nicht länger nachdenken. Aus heutiger Sicht war es auf jeden Fall die beste Entscheidung meines bisherigen Lebens — was vermutlich bedauerlich erscheint. Was ich allein bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich mein Journalismusfernstudium begann und danach dann bei GamersGlobal gelandet bin, nur durch das ständige und umfangreiche Schreiben gelernt habe (ob falsch oder richtig, sei mal dahingestellt) — ohne Bagdadsoftware schier unmöglich und eine Entwicklung, die ihr beim Stöbern in alten Einträgen wunderbar nachvollziehen könnt.

Egoistische Ansichten

Es mag den Stammlesern gegenüber vielleicht etwas unfair sein, wenn ich Bagdadsoftware nur als Lernplattform für mich selbst bezeichne. Und natürlich kann auch ich Azzkickr nur beipflichten: es gibt eine Bagdadsoftware-Familie mit der ich liebend gerne anspruchsvolle Diskussionen führte, führe und sicher auch in Zukunft führen werde (und danach oft beleidigt ins Bett gehe :wink:). Nicht umsonst habe ich die Ehre sie allesamt meine Freunde nennen zu dürfen und lade sie zur Belohnung seit mittlerweile drei Jahren regelmäßig zur Laberecke ein, damit ich nicht alleine Guitar Hero spielen muss.

Es sollte aber gleichzeitig jedem klar sein, dass Bagdadsoftware vor allem eines ist: ein Auslass für mich. Ein Ort, wo ich mein nutzloses Spiele-/Filme-/Katzenwissen unterbringen und so mein Ego pflegen kann. Ein Ort, an dem ich meine Gedanken in die Welt hinausschreien darf. Ein Ort, an dem ich das tun kann, was mir im realen Leben aufgrund meiner starken Introvertiertheit nicht möglich ist und somit auch eine Form der Selbsttherapie. Bagdadsoftware hatte großen Anteil daran, dass ich mich zu dem entwickelt habe, was ich heute bin. Das sich am Ende tatsächlich jemand auch noch für meine Ergüsse interessiert und es für ihn oft sogar einen Nutzen hat — umso besser!

Spiegel meines Lebens

Aus diesem Grund hat für mich persönlich Bagdadsoftware auch so einen hohen Stellenwert. Es ist nicht einfach nur eine von vielen privaten Webseiten mehr, wie es noch zu Anfang der Fall war. Wenn ich mich durch die alten Einträge klicke, dann sehe ich nicht vornehmlich die Inhalte. Ich sehe ein Zeugnis über mittlerweile 38% meines bisherigen Lebens. Eine Bestätigung, dass aus dem ehemals faulen Hund, der aufgrund dieser Faulheit sogar 4er und 5er mit nach Hause brachte, tatsächlich etwas geworden ist. Und ein Beweis dafür, dass ich definitiv meines Glückes Schmied bin, denn nichts von dem, was ich in den letzten Jahre in allen Bereichen erreicht habe, ist mir einfach in den Schoß gefallen.

Nein, harte Arbeit und auch schlichtes Dranbleiben sind zwei wichtige Bestandteile meiner persönlichen Erfolgsformel. Wenngleich darunter andere, nicht weniger wichtige Aspekte eines ausgefüllten Leben massiv leiden. Wie ich schon unter dem Jahresrückblick 2010 schrieb: ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass die Termine Montag und Donnerstag sich nicht fest in meine Wochenplanung eingebrannt hätten. Ich kann aber zumindest von mir behaupten, dass ich ein mittelfristiges Ziel in meinem Leben habe und ich auch alles daran setze dieses zu erreichen. Bei erschreckend vielen, vor allem jungen Leuten sieht das ja leider ganz anders aus.

Fels in der Brandung

Bagdadsoftware ist für mich aber auch eine Konstante geworden, eine Art Ordnung im Chaos und Stress des Alltags. Selbst in meinen schlimmsten Momenten gibt es montags und donnerstags einen Eintrag und am Ende des Monats einen Podcast. Und solange ich mich auf diesen Fels in der Brandung verlassen kann — solange weiß ich, dass ich am Ende des Tages doch irgendetwas richtig gemacht habe. So schnulzig das auch klingen mag…

Lange Rede, kurzer Sinn: Für mich ist der 9.3. nicht nur in diesem, sondern in jedem Jahr ein ganz besonderer Tag. Und ich freue riesig, dass ich ihn nun schon zehn Jahre lang mit euch erleben darf. So sehr ich auch immer behaupte „Ob einer, oder zwanzig — ich mache was ich will“, ihr seid genauso Teil von Bagdadsoftware!

Blick in die Glaskugel

Nun stellt sich natürlich die Frage, wo ich Bagdadsoftware in zehn Jahren sehe? Nun, angesichts der heutigen Schnelllebigkeit hoffe ich natürlich, dass die Seite überhaupt noch existieren und mit regelmäßigen Inhalten befüllt wird. Ob sich diese Inhalte dann immer noch um Videospiele, Katzen und anderen Nerdkram drehen werden oder durch alltäglicheres ersetzt wurden — das steht auf einem anderen Blatt. Lassen wir uns überraschen!

Zum Abschluss möchte ich mich mal wieder bei dir bedanken, lieber Leser. Egal ob du bereits von Anfang an dabei, oder gerade eben erst reingeschneit bist. Danke, dass es dich gibt! Wie schon gesagt, bist du für Bagdadsoftware genauso wichtig wie ich, denn ohne dich, würde all das hier nicht einmal halb so viel Spaß machen. Und natürlich auch einen herzlichen Dank an Rondrer, JakillSlavik, Azzkickr, Daiah, Don Quichotte und all die anderen, die Bagdadsoftware und mich von Anfang an und über die Jahre hinweg begleitet und unterstützt haben. Ihr seid einfach super und die besten Freunde, die man sich wünschen kann!

In diesem Sinne: Auf die nächsten 10 Jahre!

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5 Kommentare

Herzlichen Glückwunsch !!!

Würd jetzt sehr gern die Sektkorken knallen lassen (wobei, en Bier wär mir lieber), aber dummerweise fällt ja der Geburtstag auf den Beginn der Fastenzeit.."schluchz"

Übrigens: sehr, sehr schön geschriebener Text. Sowohl inhaltlich, als auch förmlich

Wenn dein Ziel tatsächlich war ein möglichst häßliches Banner zu kreieren kann ich nur sagen: Mission accomplished!

Einen herzlichen Glückwunsch an Bagdadsoftware – und natürlich an Herrn Sicarius für all die Arbeit :) . Guter Termin für einen Geburtstag, kann ich mir merken – meine Frau feiert den ihren auch heute :) .

Viel Erfolg weiterhin mit der Seite, mal sehen ob in zehn Jahren Katzen tatsächlich noch Nerdkram sind ;) .

Naju, ich hab ja schon vorgratuliert ^^

Was ich jetzt aber loswerden möchte:MUAHHAHAHAHHA Kessy bekommt nichts ab von den Geburtstagsgrüßen!

*mit Sektkorkenkanone hinter dem Fellknäuel herschieß* :laughing:

Zum Text:
Ja, die persönliche Lernplattform ist es eigentlich auch für den Leser muss ich sagen. Was man liest ist ja immer subjektiv (sollten einige GG-Trolle endlich mal lernen) und viele der Einträge zielen ja darauf ab bestimmte (Wissen-)Lücken zu schließen, genauso wie übrigens auch der Podcast (v.A. der Letzte). Je nachdem, wie gut deine Arbeit also war, Sic, und je nachdem für was man sich entscheidet, enthält man auch einige Einblicke der anderen Art. Ein Schelm wer böses denkt!

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