Sicarius

Melancholie des Winters

Hier stehe ich nun. Hoch oben von auf einem Baumstamm, der in das Tal hineinragt, blicke ich in die Ferne. Es ist ein schöner Tag. Nur wenige Wolken ziehen am tiefblauen Himmel vorüber. Obwohl ich ein kurzärmeliges Hemd trage, friert es mich in der wolligen Umarmung der Sonne nicht, deren Strahlen das verschneite Tal unter mir erhellen. Dank des klaren Wetters erkenne ich gar das Meer am Horizont und ergötze mich an der Schönheit des verschneiten Waldes auf dem braunen Berg mir gegenüber. Völlige Stille umgibt mich hier oben. Nur vereinzelt ist das Wehen des Windes zu höre, der meiner platten Frisur jedoch nichts anhaben kann.

Nach langen Minuten wende ich meine Aufmerksamkeit dem Treiben im Tal zu. Wie eine hellbraune Schlange windet sich die einzige Straße den Berg hinauf. Autos, so klein wie Ameisen fahren auf ihr hin und her. Es herrscht ein geschäftiges Treiben. Am Fuße des anderen Bergs thront hoch über dem zugefrorenen See ein schmuckloses Kraftwerk aus Sowjetzeiten. Ein funktionaler Betonklotz, der wie ein grauer Fleck auf einem weißen Kleid die Umgebung verschandelt. Rohre und Stromkabel führen willkürlich in alle Richtung davon weg. Und auf der anderen Seite des Tals steht ein riesiger, rot-weißer Empfangsmast. Er ragt so weit in den Himmel hinauf, dass seine Spitze selbst mich hier oben überragt. Vier faustdicken Stahlseilen führen von oben bis hinunter ins Tal und halten ihn aufrecht. An seinem Fuß befindet sich eine Militärbasis.

Es ist ein hässlicher Anblick.

Wut steigt in mir auf. Wut auf die Verantwortlichen, die so etwas zu lassen. Aber auch Wut auf mich selbst, der jahrelang Teil dieser Maschinerie war und als Konsument mit Schuld daran trägt, dass diese schöne Landschaft nun mit Industrie zugepflastert und ihr Anblick verschandelt wird.

Nicht zum ersten Mal springt mir die zentrale Frage in den Kopf: Wie konnte ich es nur dazu kommen lassen? Wie konnte ich jahrelang zusehen, wie die da oben einfach tun und lassen was sie wollen? Wie konnte ich nur so geblendet sein vom banalen Luxus in meinen vier Wänden, während dort draußen blühende Wälder abgeholzt wurden und dem hektargroßen Parkplatz eines Supermarkts weichen mussten? Wie konnte ich nur so blind sein?

Während ich so in Gedanken versunken dastehe, formen sich meine Hände zu Fäusten. Tief graben sich meine Fingernägel in meine Handflächen, so angespannt bin ich. Erst als ich bemerke, wie sanft warmes Blut über meine Finger fließt, erwache ich aus meinen Gedanken und löse die Verkrampfung.

Es ist Zeit etwas zu ändern.

Mit meiner linken Hand ziehe ich einen Gegenstand aus meiner Hosentasche. Ein kleines, unscheinbares Gerät. Ich richte meine gesamte Aufmerksamkeit darauf und verinnerliche seine simple Schönheit. Eine ausklappbare Antenne, eine längliche, rote Abdeckung — aus viel mehr besteht der handgroße, graue Plastikapparat nicht und doch ist er das Mittel zum Zweck mit dem sich die Welt verändern lässt. Mit der rechten Hand klappe ich langsam die Antenne aus. Ein Schnipp mit dem linken Daumen, die Abdeckung springt nach oben und offenbart den darunterliegenden Schalter.

Ich lasse die Hand wieder an meine Seite sinken, den Apparat fest umschlossen und werfe noch einmal einen Blick ins Tal. Nichts hat sich verändert an der Szenerie. Noch immer fahren die Autos vorbei an den Wachtürmen den Berg hinauf und hinab. Ignorant ihrer Umgebung gegenüber verfolgen die Fahrer ihr egoistisches Leben, immer auf den eigenen Vorteil bedacht.

Es ist Zeit sie aus ihrer Komfortzone herauszuholen.

Just Cause 2Kopfschüttelnd drehe ich mich auf dem Baumstamm um und kehre dem Tal den Rücken zu. Langsam verlasse ich meinen Aussichtspunkt. Auf halbem Weg schnippe ich erneut mit dem linken Daumen und mit einem leisen „klack“ ändert der Schalter seine Position.

Einen Sekundenbruchteil später ertönt hinter mir ein Stakkato von Explosionen. Ich spüre einen plötzlichen Hitzeschub aus dem Tal aufsteigen und um mich herum versinkt erneut alles in eine tiefe Stille. Doch der Moment der Ruhe hält nicht lange an. Metall beginnt erst zu knarzen, dann zu brechen. Der Sendemast stürzt zu Boden. Ein poppendes Geräusch pflanzt sich in meine Richtung fort. Die Ölpipeline explodiert. Segment für Segment geht in Flammen auf. Dann dringt das Geräusch zusammenstürzender Betonbauten zu mir herauf. Das Kraftwerk fällt in sich zusammen. Riesige Teile fliegen den Berg hinab und durchbrechen das Eis des Sees. Dumpfe Schreie mischen sich in die Geräuschekulisse der Zerstörung bevor schrille Alarmsirenen ertönen und die Musik der totalen Vernichtung übertönen. Doch das Orchester lässt sich nicht stoppen. Der alles entscheidende Krieg hat begonnen.

Ohne einen Blick zurückzuwerfen, stecke ich den Fernzünder zurück in die Hosentasche und laufe langsam über den Berg der Sonne entgegen. Der Anfang ist gemacht, doch der Sieg liegt noch in weiter Ferne und der Weg dorthin ist beschwerlich und voller Leid. Und doch beschreite ich ihn mit stolz geschwellter Brust, denn zum ersten Mal in meinem Leben vollbringe ich Gutes.

Ich bin Rico Rodriguez. Dies ist meine Geschichte. Just Cause 2.

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