Sicarius

Lesespaß

Dieser Eintrag wurde am 3. März 2012 verfasst.

Jetzt bin ich seit fast vier Wochen auf Kur, hatte extra drei dicke Bücher mitgebracht und was hab‘ ich gelesen? So gut wie nix! Dabei gab es viele, die mir im Vorfeld gesagt haben, dass ich mich hier auf der Kur nur langweilen würde. Da sieht man mal wieder, wie gut man von sich selbst auf andere schließen kann. Nämlich gar nicht. Aber das Thema hatten wir ja schon. Wie gut, dass ich auf diese Leute wie immer nicht gehört habe und stattdessen wie gewohnt offen an sich Sache heran gegangen bin :smile: .

Aber auch wenn ich nicht ganz so viel gelesen habe, will ich euch heute trotzdem ein Buch vorstellen. Das liegt nämlich schon etwas länger auf meinem Nachttisch (sowohl hier, als auch Zuhause) und gehört zu der Art von Büchern, die man auch schon nach der Hälfte der 772 Seiten rezensieren kann:

The Guide to Classic Graphic AdventuresThe Guide to Classic Graphic Adventures – Wie man dem Namen entnehmen kann, handelt es sich um ein englischsprachiges Buch über klassische Grafikadventures, auch wenn hier und da auch ein Textadventure (beispielsweise die erste Zork-Trilogie) besprochen wird, um einen Kontext herzustellen. Es ist jedoch kein „Erst kam A mit diesen und jenen Features und als dann Designer C die tolle Idee hatte die Features G und H zu bauen, ging es über in die Ära J“. Stattdessen erwartet euch mehr ein Lexikon, in dem mehr als 300 der mehr oder wenige einflussreichen Grafikadventures von damals bis heute (der aktuellste Titel im Buch ist Gemini Rue) behandelt werden.

Der Fokus liegt jedoch ganz klar auf der goldenen Ära der Grafikadventures, sprich 1984 bis 2000. Unterteilt ist das Werk größtenteils nach Entwicklerstudios, angefangen bei Sierra über Studios wie Lucas Arts, Legend Entertainment, Westwood, MicroProse oder Pendulo Studios bis hin zu Microids. Danach folgen ein paar zusammenhängende Titel wie die Discworld-Spiele oder die Myst-Serie, bevor am Ende noch ein paar einzelne Spiele behandelt werden, darunter Toonstruck, A Vampyre Story oder auch der Blue Byte-Klassiker Chewy: Escape From F5. Jedes Studio und auch jede größere Serie werden außerdem mit einem längeren Vorwort bedacht, um zusätzliche Hintergründe zu liefern. Und wenn es gar „obskure“ Versionen gab — betrifft vor allem japanische Ports des jeweiligen Titels –, dann geht er auch darauf noch ein.

Die Texte

Durch seinen klar gestaffelten Aufbau funktioniert das Buch entsprechend sowohl als Nachschlagewerk, wenn man mal was schnell wissen will, als auch als en Titel, den man von vorne nach hinten durchlesen kann, um die ultimative Adventure-Dröhnung zu erhalten. Letztere Variante bevorzuge ich :smile: . Zwar gibt es hier und da redundante Informationen, weil eben jeder Bericht auch für sich selbst stehen soll. Es hält sich jedoch absolut im Rahmen.

Wer die Hardcoregaming101.net kennt, der weiß auch bereits was ihn in Sachen Text im Buch erwartet. Einige sind sogar auf der Webseite bereits vorhanden und wurden für das Lexikon nur korrigiert und entweder erweitert oder teilweise sogar etwas gekürzt. Je nach Spiel, erwarten euch halb- bis mehrseitige Artikel, die man durchaus ein wenig mit einem Test vergleichen kann. Der Autor, Kurt Kalata, erklärt euch, um was es geht, wie es sich spielt und wie es aussieht. Dabei bewertet er auch relativ objektiv alle Aspekte des jeweiligen Titels. Sprich wie gut ist die Story, wie gelungen die Rätsel, wie abstoßend die Grafik (sowohl aus damaliger, als auch aus heutiger Sicht). Er versucht aber auch immer das Spiel in einen Kontext zu bringen. Bevorzugt im Vergleich zu den anderen Titeln des jeweiligen Entwicklers. Dadurch erhaltet ihr einen guten Überblick darüber, wie sich die jeweilige Firma über die Zeit weiterentwickelt hat. Aber natürlich schaut er sich auch an, was sonst so damals im Genre Gang und Gebe war und lobt und kritisiert entsprechend. Das macht die Sache noch einmal interessanter.

Kleine Problemecken

Ein paar Punkte gibt es an The Guide To Classic Graphic Adventures aber auch zu kritisieren. Es handelt sich hier um ein Softcover-Buch im B5-Format, sprich es ist nicht ganz so hoch und breit wie ein A4-Blatt. Da es „nur“ 772 Seiten hat, ist es gerade noch zu handhaben, wobei das Lesen ohne Unterlage sehr schnell sehr anstrengend wird. Seiten zurückzuschlagen ist nicht zu empfehlen, denn zum einen ist das Buch einfach zu dick dafür und zum anderen ist die Bindung sehr empfindlich. Allein durch das freie Halten und das dadurch auf den Buchrücken drückende Gewicht, löst sich das Buch von der Mitte aus zügig in seine Bestandteile auf, wie ich leider auch schon selbst feststellen musste. Hinzukommt, dass die Schrift zwar sowohl von der Größe als auch des etwas dunkleren Weiß sehr gut zu lesen ist, aber der größte Teil der Screenshots und Covermotive praktisch völlig unkenntlich ist. Mir ist klar, dass eine Farbkopie wesentlich teurer gewesen wäre, aber zumindest hätte man sich beim Papier und der Auswahl der Screenshots dann etwas mehr Gedanken machen sollen. In der aktuellen Form jedoch verschwenden die Bilder eigentlich nur Platz und bieten keinen echten Mehrwert, weil man schlicht nichts darauf erkennen kann.

Mein zweiter Kritikpunkt sind die Interviews mit Größen wie Al Lowe oder Bob Bates. Ihnen merkt man deutlich an, dass sie per E-Mail geführt wurden und vom Autor keine weiteren Rückfragen kamen. Da werden Fragen gestellt, auf die der gegenüber entweder gar nicht oder ausschweifend antwortet und dann kommt schon das nächste Thema. Teilweise führt das sogar soweit, dass der Interviewte Sätze wie „wie ich gerade schon erwähnt hatte“ von sich gibt — ein absolutes No-Go! Ganz ehrlich: Da hätte man den Platz lieber für noch mehr Spiele hernehmen sollen oder die Gewichtung bei einigen Titeln anzupassen.

Das ist nämlich hin und wieder auch ein Problem, vor allem bei den etwas aktuelleren Spielen. Da merkt man dem Autoren deutlich an, dass sie ihn scheinbar überhaupt nicht interessiert haben. Mir persönlich stößt da vor allem das Kapitel über die Star Trek-Adventures böse auf, da ich hier sowohl das Franchise als auch die behandelten Spiele sehr gut kenne. Und wenn ich da einen Satz lese wie „[…]it’s based on Star Trek: Deep Space Nine, which even as a TV series is far less interesting than either of the series that preceded it.[…]”, dann kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Zumal er es nicht einmal für nötig hält, es geht um das grottenschlechte Star Trek: Deep Space Nine – Harbinger, den Titel halbwegs anständig zu besprechen. Und solche Beispiele gibt es neben einigen Rechtschreibfehlern und verschluckten Wörtern leider einige. Je besser man die Spiele selbst kennt, desto mehr fallen sie einem vermutlich auf. Was aber nicht bedeutet, dass jetzt das ganze Buch nur Müll ist. Bei extremen Aussagen solltet ihr nur etwas differenzierter an die Sache herangehen als der Autor.

Bagdadsoftware meint: Wer sich auch nur ein bisschen für die Entwicklung des Adventure-Genres interessiert, der kommt um dieses englischsprachige Kompendium nicht herum. Der Autor hat zwar seine kleinen Eigenheiten, aber informativ und vor allem äußerst interessant ist es trotzdem. Ich für meinen Teil habe schon sehr viel gelernt und vor allem so einige Spiele(-serien) entdeckt, die ich mir jetzt unbedingt auch mal selbst anschauen muss. Noch konnte ich mich dem Gang auf eBay (Abandonware mag eine rechtliche Grauzone sein, ich unterstütze diese Seiten trotzdem nicht) aber verwehren :smile: .

Leseproben und eine Liste mit allen Spielen, die im Buch behandelt werden, findet ihr direkt bei Hardcoregaming101.net. Erhältlich ist das Werk bei Amazon für derzeit 21,10 Euro. Bei der Größe und dem Umfang meiner Meinung nach ein fairer Preis. Die Kindle-Variante schlägt hingegen mit 7,89 Euro zu buche. Als Kindle-Käufer habt ihr sogar den großen Vorteil, dass sie im Gegensatz zur Printversion farbig ist. Da sieht man definitiv mehr auf den vielen Screenshots.

Und egal ob ihr euch jetzt das Buch holt oder nicht: Die Seite Hardcoregaming101.net ist immer einen Besuch wert!

Ich geh‘ dann mal wieder eine Runde Badminton spielen beziehungsweise schwitzen. Der eine Kollege hier, mit dem ich unter anderem immer spiele, der ist ganz schön auf Zack. Und das, obwohl ich ihn mindestens auf 55+ schätze! Hoffentlich bin ich in dem Alter auch noch so fit.

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4 Kommentare

Hmm, grundsätzlich äußerst interessant. Sowas hätte ich schon sehr gerne. Dann müsste es für mich aber in deutsch sein und besser gebunden und zudem fehlerfrei und mögichst objektiv sein. Das alles scheints net ganz zu erfüllen. Schade. Der Blick in die Kindle-Leseprobe hat mich zudem sehr erschrocken. Hab sowas ja noch nie gesehen, aber das wirkte vom Layout schon sehr lieblos auf mich. Grad die Bilder hätte man doch etwas liebevoller einpassen und die Textwüsten etwas klarer strukturien können. Sieht das aufm Kindle dann au so bescheiden aus ?

Ich geh' mal davon aus, dass die Leseprobe bei Amazon schon sehr gut wiederspiegelt, wie es dann auf dem Gerät selbst auch aussehen wird.

In S- und U-Bahnen sieht man realtiv häufig Kindles, deswegen kann ich glaub ich was dazu sagen, ohne je einen in der Hand gehalten zu haben:
Ich glaube, dass Kindle Bücher nicht wirklich ein Layout haben. Das muss auch so sein, weil man nach belieben die Schriftgröße verändern kann. Die meisten Leute lesen auf dem Kindle mit relativ großer Schrift (zumindest ist das mein Eindruck) und zusammen mit dem nicht sehr großen Display führt das dazu, dass auf eine "Seite" echt nicht viel Text passt. Da würde eh nichts mehr von irgend einem Layout übrig bleiben bzw. es würde alles nur noch schlimmer machen. Einfach mal bei der Leseprobe en paar mal reinzoomen und man kriegt nen Eindruck wie das aussehen kann.
Das mit den farbigen Bildern ist natürlich lustig, weil die "normalen" Kindles (E-Ink) nur schwarz-weiß können :D Und ob die gut aussehen wage ich auch zu bezweifeln, wobei ich das noch nicht live gesehen hab (die meisten Bücher haben einfach zu wenig Bilder :D )

Bei ihrem neusten Buch (SEGA Arcade Classics, Vol. 1) haben sie zumindest aus einem Fehler gelernt: Das gibt es für fünf Euro mehr auch in Farbe.

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