Sicarius

Pro Retail

Foto des Boxenstapels im Zimmer des WebmastersRetail ist ganz klar auf dem absteigenden Ast. Das war es schon so bevor der britische Händler GAME den Bach runtergegangen ist und GameStop anfing Steam-Codes zu verkaufen. Da brauchen wir sicherlich nicht drüber zu diskutieren. Selbst ich, als der bekloppte Sammler mit seinem Pappkarton-Fetish, werde früher oder später meine „Keine reinen Download-Titel“-Regel über Bord werfen müssen, um überhaupt noch in den Genuss von einer großen Zahl an guten Spielen kommen zu können. Auf dem iPhone habe ich schon jetzt keine andere Wahl. Die Zukunft ist ganz klar digital.

Das „Aber“

Doch noch sind wir nicht soweit. Wir sprechen immer noch von einem immens großen Markt, selbst in Amerika, wo die Zahlen am stärksten nach unten gehen. Ich glaube entsprechend auch nicht, dass die nächste Konsolengeneration kein Laufwerk mehr haben wird. Wie massiv das ansonsten in die Hose gehen kann, hat Sony ja schon bei der PSPgo gemerkt (sie hatte kein UMD-Laufwerk mehr).

Zumal man als Entwickler beziehungsweise Publisher auch nicht zu engstirnig nur auf die Kosten schauen darf. So eine Packung im Laden hat noch so einige Vorteile, wie auch schon Swen Vincke von den Larian Studios Ende Januar in seinem Blog ausführlich dargelegt hatte. Dort hatte ich auch bereits einen längeren Kommentar hinterlassen, den ich nun teilweise auch hier noch einmal wiedergeben werde, aber natürlich ausführlicher und um neue Erkenntnisse erweitert.

Die Punkte

Swens Hauptargumentation: Natürlich sind digitale Verkäufe, am besten direkt vom Entwickler zu bevorzugen. Da bleibt am meisten bei ihm hängen. Doch gleichzeitig rechnet er vor, dass die Profit-Unterschiede zwischen einer digitalen Kopie und einer Ladenfassung (noch) nicht so extrem sind. Er sagt, dass es drei Retailverkäufe braucht, um den Gewinn von zwei digitalen Kopien zu erreichen. Das ist schon einmal nicht wirklich viel unterschied und spricht nicht gerade eindeutig gegen eine Boxed Copy.

Denn dann kommt da noch die Sache mit der Werbung. Wir Hardcoregamer mögen das vielleicht nicht verstehen, aber so eine Packung im Laden hat eine ganz schön große Reichweite und auch Anziehungskraft. Online funktioniert viel nur über Mund-zu-Mund-Propaganda oder spezielle Aktionen von Steam & Co. Bannerwerbung und derlei Kram macht da nur einen schwinden geringen Teil aus. Und selbst das können sich die Indie-Entwickler mitunter nicht leisten, von denen wir hier hauptsächlich reden werden. Die großen Firmen wie EA oder Ubisoft sind schließlich immer noch stark Retailorientiert und treiben so oder so einen riesigen Werbeaufwand, da braucht man sich keine Gedanken machen. Bevor da die Gewinnmargen so klein werden, dass es sich nicht mehr lohnt, dauert es noch ein Weilchen. Indie-Entwickler haben aber eben kein großes Budget für Werbung. Entsprechend viele gute Spiele gehen unter. Aber lasst das Spiel mal auf Amazon in der Videospiele-Sektion oder im Media Markt im Großregal der jeweilige Titel auftauchen! Da werden viele tausend Menschen angesprochen und zum Kauf verleitet, die sonst nie davon gehört hätten.

Der Nischenmarkt

Und selbst wenn der große Erfolg schon vorher da war, so argumentiert auch Swen, kann eine zweite Marketingkampagne zum Release der Retailfassung noch einmal viele Leute zum Kauf animieren. Selbst diejenigen, die bereits die digitale Version besitzen, greifen dann unter Umständen noch einmal zu. Ich kenne viele, die haben sich ein Limbo oder The Binding of Isaac ein zweites Mal geholt, weil alleine die Boni in der Packung (und die coole Verpackung an sich) schon den erhöhten Preis wert waren (ich rechne mich da gar nicht erst mit ein). Viele haben die Spiele auch erst durch die zahlenreichen und mittlerweile total inflationären Indiebundles kennengelernt und dadurch auf das einzelne Spiel heruntergebrochen sowieso nur einen verschwindend geringen Preis bezahlt. Da ist die Hemmschwelle zum erneuten Kauf gleich viel niedriger.

Foto von mehreren Retailboxen ausgewähler Indie-SpieleEs gibt zwei Publisher in Deutschland, die haben diese Marktlücke sogar bereits erfolgreich erschlossen: Headup Games (z.B. Super Meat Boy) und Daedalic Entertainment (z.B. Gemini Rue). Zu den Erfahrungen von Daedalic kann ich nicht viel sagen, aber meine Freundschaft mit Headup Games ist sicherlich kein Geheimnis :smile: . Von daher weiß ich, dass es sich für sie definitiv lohnender ist bereits erfolgreiche Downloadtitel mit kleinen Extras versehen in eine DVD-Hülle zu packen und in den Laden zu stellen, als selbst eine Entwicklung zu finanzieren. Nach den Gründen dafür muss man auch gar nicht großartig suchen:

    1. Das Spiel hat bereits eine Runde Marketing hinter sich, ist also schon relativ bekannt und erfolgreich. Das lässt das erneute PR- und Marketingspektakel einfacher werden, da man sich auf vorhandene Tests und eine generelle, positive Grundstimmung stützen kann. Man holt das Spiel nur noch einmal zurück in die Köpfe der Spieler und aktiviert so erneut die immer noch wichtige Mund-zu-Mund-Propaganda.

    2. Die Entwicklung ist meist schon abgeschlossen oder in den letzten Zügen und es braucht maximal nur noch kleinere Beträge für etwaige Ingame-Extras oder eine Lokalisierung, bevor der Goldmaster gepresst werden kann. Die Hauptkosten sind die Verpackung, die Produktion und das Ausliefern.

    3. Ergo muss nur eine verschwinden geringe Zahl an Einheiten verkauft werden, bevor der Break Even (die Einnahmen übersteigen die Kosten) überschritten wird.

    4. Der Verkaufspreis ist von Anfang an im unteren Budget-Bereich, was es interessanter für die wichtigen Spontankäufe im Laden macht.

Offensichtlicher Vorteil

Das Risiko ist in diesem Markt verschwindend niedrig, selbst wenn man ein relativ unbekanntes Spiel wie Clones rausbringt, dass noch nicht seine Erfolgswelle im Netz hatte. Bestes Beispiel ist Jets ’n‘ Guns: Ohne die Retailfassung und das verbundene Marketing wäre es nie dieser große Erfolg geworden. Die erste Version erschien schon 2004 und war nur in kleinsten Fankreisen bekannt. Tests gab es so gut wie keine. Erst als Ende 2006 dann die in allen Bereichen verbesserte Gold-Version und damit dann auch die Boxed Copy kam, kam der Aufwind.

Zugegeben: Damals war der Indie-Markt noch anders. Heutzutage ist es, zumindest für Leute wie uns, doch etwas einfacher geworden solche Perlen zu entdecken. Dennoch bleibe ich dabei, dass es dem Spiel sehr gut getan hat bei Amazon & Co. aufzutauchen.

Weitere Beweisführung

Entsprechend verstehe ich es nicht, wenn sich Entwickler vehement weigern diesen Weg zu gehen. Vor allem mit der Begründung, dass würde zu viel kosten. Selbst im Eigenvertrieb ist eine Boxed Copy nicht zu verachten. Das zeigen nicht nur die kleinen Publisher, die jetzt überall auf der Welt aus dem Nichts auftauchen, auch auf Kickstarter sieht man das deutlich.

Mein Lieblingsbeispiel ist der Shadowrun Returns-Kickstarter. Die hatten zu Anfang keine Boxed Copy als Reward im Angebot. Da hatte ich schon früh eine Packung gefordert und dafür sehr viel Hass in den Kommentaren kassiert. Das Ende vom Lied? Alleine das niedrigste Bundle ($125) mit der Box macht 29% des gesammelten Gesamtbetrags aus. Das sind über 500.000 Dollar, die nur durch das Hinzufügen dieses Stück Pappe und der dazugehörigen Zahl an Backern dazu kamen! Noch ein Beispiel gefällig? Das Double Fine Adventure hatte die Box von Anfang an drin. Das Ergebnis? 35%, also über eine Million Dollar alleine nur dank dieser völlig überteuerten Schachtel.

Gegenargumentation

Foto des Risen-2-Gnoms und des Skyrim-DrachensNatürlich lässt sich dem entgegenhalten, dass diese zwei Projekte vor allem eine ältere Zielgruppe haben, die eine Box noch eher zu schätzen wissen. Und das ist ein völlig legitimes Argument. Ein Teil davon wird sicherlich von Nostalgikern und Sammlern erstanden worden sein. Es ist allerdings gleichzeitig auch wieder Pro-Retail, denn: So klein ist dieser Markt auch wieder nicht.

Die ganze Sache ist ja schließlich nichts Neues. Der Vinyl-Markt mag klein sein, aber es gibt ihn trotzdem, obwohl dass die CD-Verkäufe quasi im Keller sind und der Musikmarkt faktisch fast nur noch Digital existiert. Und so sehe ich auch die Zukunft des gesamten Videospiele-Retailmarkts, sobald Digital dann vollends die Herrschaft übernommen hat. Da wird es keine normalen Versionen mehr geben, sondern eben nur noch Collector’s, Special und was-weiß-ich-Editionen, die aber auch entsprechend eine größere Gewinnmarge für den Publisher haben. Es glaubt hier doch keiner ernsthaft, dass der billige Plastikdrache und das Hardcover-Artbook von The Elder Scrolls V: Skyrim Bethesda unterm Strich mehr als 50 Euro gekostet haben. Bei der großen Stückzahl vermutlich noch viel weniger. Zur Erinnerung: Die Collector’s Edition stand für 150 Euro im Laden! Was meint ihr, warum diese Versionen in den letzten Jahren zu solch‘ einem Trend geworden sind?

Und es wird von den Leuten angenommen! Wer sich das Diablo III-Mitternachtsevent in Berlin angeschaut hat, wird nämlich festgestellt haben, dass die meisten nur wegen der Collector’s Edition da waren! Die anwesenden Entwickler waren nicht das größte Zugpferd. Aber dem Thema „Warum greife ich zur CE?“, dass ich auch im Kommentar angesprochen hatte, werde ich mich noch einmal separat widmen.

Die andere Sache

Es ist auch ignorant zu glauben, dass alle Welt mit (Vorsicht: Übertreibung!) mit einem 1Gbit/s Glasfaser-Anschluss am Netz hängt. Selbst in Amerika, dem Land des flächendeckenden Kabelfernsehens, sieht die Realität genauso aus wie bei uns. Auch dort gibt es noch viele weiße Flecken mit wenig bis garkeiner Bandbreite, wo sich nicht einfach mal jemand schnell ein 15 GB großes Spiel runterladen kann wie z.B. Diablo III. Von Osteuropa, dem derzeit am schnellsten wachsenden Videospielemarkt in der EMEA-Region, brauchen wir erst gar nicht anfangen. Im Vergleich zu Russland sind die weißen Flecken in Deutschland ein Witz. Da sind mal ganz schnell ein paar hunderttausende potentielle Käufer ausgeschlossen, wenn jemand die rein digitale Route geht. Und am Ende des Tages geht es doch gerade darum das eigene Werk an so viele Leute wie möglich zu verkaufen.

Fazit

Wie ich schon anfangs sagte: Der Vormarsch der digitalen Downloads ist nicht aufzuhalten. Aber, und das richtet sich vor allem an Indie-Entwickler wie Almost Human (Legends of Grimrock) und Supergiant Games (Bastion), es ist ein großer Fehler die gute alte Pappschachtel (oder DVD-Box) völlig zu ignorieren. Und zwar völlig unabhängig davon, ob ihr sie nur über eure Webseite vertreibt oder tatsächlich über einen vertrauenswürdigen Publisher in den breiten Handel bringt. Die Nachfrage ist da. Die Vorteile sind offensichtlich und am Ende des Tages könnt ihr nur gewinnen. Und denkt auch immer an das einfachste Gesetz der freien Marktwirtschaft: Die Lücke, die ihr hinterlasst, schließt ein anderer!

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6 Kommentare

Hm, will nur auf einen Punkt eingehen: Die Werbung durch Präsenz in Verkaufsregalen.
Es ist sicher richtig, dass das eine gute Möglichkeit ist Werbung zu machen. Aber ist das wirklich auf Retail Versionen begrenzt? Wenn die Märkte nur noch Steam-Keys etc. verkaufen würden, stünden statt der Packungen halt Rubbelkarten im Regal… Oder leere DVD-Boxen (ok, das könnte man schonwieder als Retailversion sehen). Die Werbewirkung dürfte die gleiche sein, solang die nicht nur Scheckkartenformat haben und in irgend ner Ecke rumliegen.
Bei Amazon und Co seh ich dagegen überhaupt keinen Unterschied. Wenn die nurnoch digitale Versionen verkaufen würden, würde die Seite deswegen ja nicht anders aussehen. Die Werbung wäre die gleiche, nur ganz am Ende der Bestellung sieht die Vertriebsart ein bisschen anders aus.

Letztendlich will ich einfach nur sagen: Dieser eine Punkt ist dementsprechend nicht wirklich ein Vorteil der Retail-Kopie, es zeigt eigentlich nur, dass die Digitale Distribution noch lange nicht da ist, wo sie sein könnte. Und nur deswegen sind für diese Argumente tatsächlich noch ein Vorteil für die Retail Kopie ;)

Ja, das Werbeargument sehe ich ein, aber Gamestop stellt teilweise auch wirklich die leeren Boxen in solch einer Masse mit eigen gedrucktem Cover ins Regal, das es schon überkrass ist. Vor allem in Aschaffenburg dürfte das schon aufgefallen sein.

[i]Später meine "Keine reinen Download-Titel"-Regel über Bord werfen müssen, um überhaupt noch in den Genuss von einer großen Zahl an guten Spielen kommen zu können" [/i]
Sagen wir es so: Die Regel ist aus meiner Sicht bescheuert und ich habe außer der Sache, dass das eben noch der Sammlertick oder eben Nostalgie ist, wirklich keinen guten Grund für mich persönlich gefunden, der zwangsläufig FÜR eine Retailfassung spricht.
Außnahme: Wenn man natürlich lieber auf die Retail wartet, weil sie in einem akzeptablen Zeitrahmen auch nach Release angekündigt wurde – okay. Bei Binding of Isaac habe ich das oft genug mitbekommen, wie sich viele darüber gefreut haben, dass jetzt doch noch eine Box kommt. Auch so wie Christoph ausführt, dass sie es letzten Endes zweimal besitzen.
Aber: Wirklich verzichten könnte ich auf ein Spiel nicht, nur weil es keine Retail-Fassung gibt. Dafür hätte ich in der letzten Zeit zu viele Perlen versäumt. Da brauche ich noch nicht einmal Payday oder Dungeon Defenders nennen, sondern nur zu dem ganzen Indie Bundle Kram blicken, der zu 90% aus Download-Titeln besteht, die ich niemals missen wollen würde. Jetzt bräuchte ich nur noch Plattform-Unabhängigkeit, aber leider habe ich meine Seele an Steam verkauft.

Ich bereue es unheimlich, dass ich mir 6 Titel im Frühjahr gekauft habe, die alle nur Retails sind und teilweise eine begrenzte Installations-Anzahl besitzen. Und am Meisten bereue ich es, dass ich die UK-Fassung von Transformers-War for Cybertron nicht mit Steam kompatibel ist, die Deutsche hingegen schon. (Die UK-Fassung war halt international, wohingegen die deutsche Stimme von Starscream oder Soundwave ist mittlerweile unerträglich geworden sind). Da ich meinen Datenträger verloren, den Key aber noch habe, musste ich mir das Spiel 'saugen' um meine legale Version spielen zu können. Activisions Support war leider nicht gütig zu mir. :(

Diablo 3 . . . ich bin sogar derzeit am Überlegen, ob ich es mir zulege, nur um die Wartezeit auf Guild Wars 2 zu verkürzen. Ist der ideale Zeitfresser, da das Crafting richtig schön das Spiel zum Grinder macht. Aber wenn ich nicht sowieso genug Uni-Krams zu erledigen hätte. . . *hüstel*

Das mit den leeren Boxen fing ja schon damals mit den <b>Battlefield 2</b>-Addons Euro Force und Armored Fury an. Und ja, das gilt technisch gesehen natürlich auch als Retailversion — die hab' sogar ich im Regal stehen (und noch 2-3 andere leere DVD-Boxen nur mit Codezettel drin). Der Erfolg von GameStop mit dem Verkauf der Steamkeys in leeren Hüllen wird entsprechend zeigen, ob das eine echte Möglichkeit ist für die Retailer im Geschäft zu bleiben.

Der Negativpunkt mit dem Downloaden bleibt zwar, aber der Werbeeffekt ist dann ganz klar vorhanden.

@Jakill – Du bist nicht der einzige, der mein "Mantra" bescheuert findet. Aber ich seh' das vor allem so: Ich kauf jetzt schon viel zu viel. Da ist diese Einstellung unter anderem ein guter Vorwand, nicht noch mehr zu kaufen :smile: .

wie lange wird es noch dauern, bis man nicht mehr anonym (zumindest was die digitale Seite davon angeht; überwachungskameras in läden ausgenommen) echte hartware gegen echtes Bargeld in unserem Land bekommt? und wohin kann ich dann auswandern?

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