Christoph

Das Gute im Schlechten

Gestern bin ich auf einen schon etwas älteren Artikel bei The Escapist gestoßen: I Play Bad Games (On Purpose). Autor Rus McLaughlin argumentiert darin dafür, dass man nicht nur die wirklich guten Spiele sich anschauen sollte, sondern auch hin und wieder die schlechten Titel (0-60%). Sein Hauptargument: Nur wenn ihr ein Rogue Warrior (Metacritic 27-29) gespielt habt, versteht ihr, warum eigentlich ein Call of Duty: Modern Warfare 3 (Metacritic 78-88) so gut ist.

Definitiv eine Sache, die ich nur unterstützen kann. Zwar habe ich das bislang selbst nur als Muss für Journalisten angesehen, für den informierten Spieler ist es aber auch nicht schlecht seinen Horizont mal zu erweitern. Mehr Verständnis kann durchaus auch den Spielspaß erhöhen, meiner Meinung nach. Natürlich stellt dabei sich die Frage, ob die Spieler bei der großen Menge an guten Titeln überhaupt die Zeit und damit auch den Willen hat sich auf diese Reise zu begeben. Allerdings ist die Sachlage auch dort nicht unbedingt immer eindeutig.

Gebiet der Geheimtipps

Herstellerscreenshot zu LegendaryEs gibt definitiv auch im Wertungsbereich 0-60 die ein oder andere “verschmähte” Perle, die zumindest für einen Budget-Preis einen Blick wert sind. Das kann ein kontroverser Fall wie Duke Nukem Forever (Metacritic 49-54) sein, ein überraschend solider Titel wie Eat Lead: The Return of Matt Hazard (Metacritic 51-53) oder ein Geheimtipp ähnlich des im Artikel auch erwähnten Legendary (Metacritic 47-50). Und welcher ältere Spieler erinnert sich nicht an Der Klomanager, dass in keinem deutschen Magazin mehr als 40% bekommen hat und dennoch Anfang des neuen Jahrtausends bei vielen Spielern auf dem Rechner zu finden war (wenn auch in den meisten Fällen nicht legal) und zumindest kurzzeitig für spaßige Gruppenunterhaltung sorgte. Sicherlich keine Spiele, an die man sich in 30 Jahren noch erinnert. Andererseits: Wie viele Titel, die 80% oder mehr erhalten haben, bleiben einem wirklich im Gedächtnis? Auch nicht viele.

Und damit haben wir noch gar nicht über die Spiele mit Wertungen von 60-80% gesprochen. Der wohl undankbarste Wertungsbereich in der Videospielebranche und paradoxerweise heutzutage quasi der Ort, wo angeblich der Durschnitt landet. Ich verstehe es absolut nicht, wie eine Generation von Spielern entstehen konnte, die (übertrieben gesagt) alles verschmäht, was keine “8″ vorne stehen hat. Dabei finden sich hier hervorragende Titel wieder, die natürlich ihre Macken haben, aber bei denen das Gesamtpaket am Ende dennoch stimmt und Spaß macht. Was haben die alten Herren unter den Spielejournalisten in den ersten 20 Jahren getrieben, um das zu fördern? Wobei die Frage viel wichtiger ist, wie sich dieses Denken durchbrechen lässt. Doch das ist ein Thema für einen anderen Eintrag.

Ein Muss

Wobei die Sache mit den schlechten Titeln sicherlich auch seinen Anteil daran hat. Welches Magazin berichtet heutzutage schließlich wirklich noch über solche Spiele? Print kann es sich sowieso nicht mehr leisten abseits von Hype-Sachen noch irgendetwas anderes abzudrucken und online pickt sich genauso jeder größtenteils nur die Sachen heraus, die aus seiner Sicht die großen Fische sind. Da wundert es nicht, dass man als Leser, der den ganzen Tag nur 80iger und 90iger zu Gesicht bekommt das Gefühl hat, dass alles drunter nichts wert ist.

Aber auch abseits von Tests finde ich es äußerst wichtig, dass jeder, der halbwegs professionell über Spiele berichtet, auch einen Blick in den unteren Bereich wirft. Selbst die alten Herren, die in so einem Fall gerne auf ihre langjährige Erfahrung verweisen, sollten sich darüber nicht hinwegsetzen. Wie kann ich schließlich einen wirklich fundierten Artikel über ein gutes Spiel schreiben, wenn ich als Vergleich nur andere gute Spiele habe? Wie soll ich da meine Argumente anständig begründen?

Es fühlt sich gut an

Rus bringt in seinem Artikel das Beispiel den Satz “Das Schießen fühlt sich gut an” für einen Ego-Shooter und stellt dann die Frage, was das eigentlich bedeutet abseits von: “Es hat Spaß gemacht”. Ein geübter Redakteur schmückt das natürlich dann noch mit allerlei Floskeln aus. Aber harte Fakten kommen viel zu oft einfach nicht rüber. Ich nehme mich da selbstverständlich nicht von aus. Auch ich mache mich sicherlich Unterbewusst ständig eines solchen Schreibverhalten schuldig. Mein Stiefkind ist da sicherlich die Sache mit den Waffen und dem ewigen id Software-Spiele-Vergleich wie “Schaut euch DOOM an, dann seht ihr, wie sich eine Schrotflinte anfühlen muss”.

Herstellerscreenshot zu DOOMEs ist übrigens die perfekte Kombination aus visuellem und audiovisuellem Feedback, welches die DOOM- Schrotflinte so viel besser macht. Der wuchtige Klang aus den Boxen, das kurze Aufflammen des Mündungsfeuers, das Grunzen des getroffenen Gegners und die auftauchenden Blutspritzer erweckt beim Spieler das Gefühl, dass man hier etwas richtig Cooles und Mächtiges in der Hand hält. Die Schrotflinte in Half-Life 2 klingt hingegen wie Spielzeug. Ihr Soundeffekt klingt billig und es fehlt auch einfach bei den Gegner eine entsprechende Reaktion. Stattdessen hat man das Gefühl, dass sie ewig viele Kugeln schlucken, bis sie umfallen.

Epilog

Sollt ihr jetzt alle ausschwärmen und die Läden nach Spielen mit durchschnittlichen Wertungen von unter 60% absuchen? Nein, natürlich nicht. Es lohnt sich aber hin und wieder den Blick über den Tellerrand zu werfen. Vielleicht erst einmal weniger, um besser über das eigene Hobby diskutieren zu können, sondern vielmehr, um zu lernen, dass eine solche Wertung eben nicht gleich bedeutet, dass IHR keinen Spaß mit dem jeweiligen Spiel haben werdet. Es muss ja nicht gleich ein Releasetag-Kauf sein. Aber für kleines Geld, warum nicht?

Wenn ich mir meine Spielesammlung (zum Teil auch die Filmsammlung) so anschaue, kann ich nur sagen, dass ich wirklich nur bei einem äußerst kleinen Teil den Kauf wirklich bereue (mir fällt auf Anhieb sogar kein einziges Spiel ein). Teilweise spiele ich sogar einen durchschnittlichen Titel lieber als den aktuell hippen Blockbuster. Für mich ist jeder Titel egal ob gut oder schlecht, eine Erfahrung, die mir weiterhilft mein Hobby besser zu verstehen und damit auch meine Leser besser und fundierter zu informieren. Und es ist auch eine Erfahrung, die es mir meiner Meinung nach erlaubt, die Dinge differenzierter zu sehen, genauer zu beurteilen warum das und jenes Spaß macht (die Details dazu sind für einen eigenen Eintrag oder vielleicht sogar Podcast vorgesehen), obwohl doch der andere Teil so misslungen ist und so selbst in den misslungensten Spielen das Gute zu finden (selbst in einem Rogue Warrior oder Soldier of Fortune: Payback!). Nachteil ist, dass vermutlich deshalb meine Wertungen aus Sicht so mancher Leser viel zu hoch sind :smile: .

Und mit diesem völlig unnötigen Eigenlob verabschiede ich mich bis Montag. Am Donnerstag wird euch Rondrer unterhalten und mich lest und hört ihr ab morgen Abend drüben bei GamersGlobal, angefangen mit der Berichterstattung über die Pressekonferenz von Electronic Arts. Mal schauen was sich hinter den bereits angekündigten Ankündigungen verbirgt. Battlefield 4 erwarte ich zwar noch nicht, ist aber auch nicht ganz unrealistisch.

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