Sicarius

Die Geschichte von Might and Magic IX

Herstellerbild zu Might and Magic IXDer Sonntag ist so ein Tag, da will man irgendwie nicht so wirklich aus dem Bett. Schlafen geht aber auch nicht mehr, also wird sinnlos rumgelümmelt. Auch mir ging es gestern mal wieder so und dabei ist mir die Schachtel der Collector’s Edition von Might & Magic: Heroes VI (immer noch ein bekloppter Name!) ins Auge gesprungen. Nur sprichwörtlich natürlich, nicht tatsächlich. Das hätte vermutlich ganz schön wehgetan wenn mir die Packung ins Gesicht gefallen wäre. Und dabei ist mir eingefallen, dass wir schon lange kein reines Might and Magic mehr hatten, sprich ein (Gruppen-)Rollenspiel in diesem riesigen Universum. Der letzte Teil, Nr. 9, wird demnächst 11 Jahren alt (25.04.2002)!

Zugegeben: Might and Magic IX war nur mittelmäßig. Die Quests waren inhaltsleer und 08/15, es dauerte ewig bis die Geschichte in Fahrt kam und die leere 3D-Welt konnte nicht einmal mit dem ein Jahr zuvor veröffentlichten Gothic mithalten. Aber immerhin war es etwas besser als das absolut grottige Might and Magic VIII: Day of the Destroyer (2000), das ein absoluter Rückschritt im Vergleich zum Vorgänger war. Und: Anfang des Jahrtausends waren die 3D-Gruppen-Rollenspiele erst noch im Kommen. Es war mehr die Zeit der Solo-Helden (Gothic [2001], The Elder Scrolls III: Morrowind [2002]).

Baldur’s Gate II: Shadows of Amn (2000) war noch isometrisch, Neverwinter Nights kam erst am 18.06.2002 auf den Markt und das extrem gute Star Wars: Knights of the Old Republic lies noch ein ganzes Jahr auf sich warten (2003). Am 15.11.2001 war jedoch Wizardry 8 (der bislang letzte „richtige“ Teil der Serie) auf den Markt gekommen, der langjährige Konkurrent (Wizardry, Ultima und Might and Magic waren DIE drei Rollenspielgrößen der 80igern und 90igern). Er war auch erstmals komplett in 3D und konnte im Gegensatz zu Might and Magic IX in allen Belangen überzeugen. Auch definitiv noch heute eine Empfehlung, wenngleich natürlich der Komfort und die Grafik nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit sind.

Geld muss her!

Die Veröffentlichung von Wizardry brachte New World Computing beziehungsweise ihren Besitzer The 3DO Company ganz schön in Zugzwang. Zumal es dem Publisher und damit auch dem Entwickler zu diesem Zeitpunkt bereits richtig, richtig schlecht ging. Die Army Men-Reihe war bereits in Grund und Boden gestampft und der actionlastige Konsolenableger Warriors of Might and Magic (2001) gehört wohl zu den schlechtesten Spielen, die jemals für PlayStation und PlayStation 2 veröffentlicht wurden. Somit blieb nur noch Heroes of Might and Magic sowie Might and Magic übrig um das sinkende Schiff noch zu retten und immerhin: Heroes of Might and Magic IV war kein schlechtes Spiel, wenngleich es nicht an die Qualität des Vorgängers (und die Verkaufszahlen) herankam.

Sowohl 3DO als auch New World Computing musste allerdings zu diesem Zeitpunkt bereits klar sein, dass Might and Magic IX ein Desaster werden würde. Wir reden hier schließlich nicht von einer Parallelentwicklung. Teil 8 kam nicht von einem anderen Studio. New World Computing konnte erst nach der Fertigstellung mit der Produktion des Nachfolgers beginnen. Am Ende waren es zwar dennoch gut zwei Jahre Entwicklungszeit und sie verzichteten sogar darauf eine eigene Engine zu basteln. Stattdessen kam LithTech 1.5 von Monolith (F.E.A.R.) zum Einsatz, eine verbesserte Version des Grafikgerüsts, das sich bereits in Blood II: The Chosen und Shogo: Mobile Armor Division bewährt hatte. Doch bei New World Computing ging es drunter und drüber.

Don’t Split The Party

Herstellerbild zu Might and Magic VIII: Day of the DestroyerAls Konsequenz aus dem Desaster namens Might and Magic VIII: Day of the Destroyer, aber auch aus der bereits sehr angespannten Situation bei New World Computing, verzichtete der Erfinder der Serie Jon Van Caneghem bei Teil 9 darauf die Rolle des Game Desginers zu übernehmen. Mittlerweile ist er übrigens bei EA zuständig für die Comannd & Conquer-Lizenz und der Kopf hinter dem Free-2-Play-Titel Command & Conquer: Generals 2. Stattdessen durfte sein Kollege Tim Lang (mittlerweile auch bei EA und zuletzt mit Medal of Honor beschäftigt) dran. Doch der hatte nicht viel zum Arbeiten. New World Computing hatte weder genug Zeit noch ausreichend Ressourcen für die Entwicklung von Might and Magic IX.

Wie erwähnt kämpfte 3DO bereits gegen den finanziellen Bankrott an. Die Folge waren Entlassungen auch bei New World Computing. Gleichzeitig musste die geschrumpfte Mannschaft auch noch Legends of Might and Magic fertigstellen, der am 20.06.2001 auf den Markt kam und nur wenige Monate nach Might and Magic VIII: Day of the Destroyer auf der E3 2000 als ambitioniertes Action-Rollenspiel mit Koop angekündigt worden war. Die Pläne der Entwickler klangen wie ein kleines aber durchdachtes MMORPG.

Davon blieb am Ende freilich nicht viel übrig. Die Zweiteilung des kleinen Teams schadete beiden Titeln immens. Sie haben im Prinzip das ultimative Mantra aus Rollenspielkreisen missachtet: „Don’t Split the Party“. Statt eines Action-Rollenspiels mit Koop-Modus kam somit am Ende ein Counter-Strike-Abklatsch mit Fantasy-Setting auf den Markt. Ein uninspirierter Deathmatch-Titel mit einer völlig unbrauchbaren Einzelspielerkampagne, einer nicht vorhandenen Balance und quasi keinen Unterschieden zwischen den einzelnen Spielerklassen. Aber immerhin kam LithTech 2.0 (unter anderem No One Lives Forever) zum Einsatz. Grafisch konnte Legends of Might and Magic also immerhin überzeugen. Geholfen hat es dem Spiel freilich nicht. Selbst die härtesten der härtesten Fans der Serie ließen spätestens nach dem Genuss der Demo die Finger von dem Ding und hofften stattdessen auf Might and Magic IX.

Mehr Zeit

Doch nicht nur die Fans hofften auf Might and Magic IX, wie erwähnt hatte auch 3DO und New World Computing mittlerweile alles auf diese Pferd gesetzt. In einem älteren Interview mit Celestial Heavens erwähnt Lang, dass gleichzeitig 3DO immer weniger finanziellen Support leistete und auf immer kürzere Entwicklungszyklen pochte. Die Vision des Spiels war in der Zwischenzeit entsprechend massiv zusammengeschrumpft. Kürzungen an allen Ecken waren nötig um überhaupt noch etwas fertig stellen zu können. Selbst Features, die bereits in den Vorgängern vorhanden waren, wurden kurzerhand wieder rausgestrichen. Auch Jon Van Caneghem gibt Lang einen Teil der Mitschuld am Desaster. Er hätte sich mittlerweile komplett zurückgezogen gehabt und wäre schon gar nicht mehr oft im Büro gewesen. Das Team fiel sprichwörtlich immer stärker auseinander.

Das Endergebnis ist bekannt: Might and Magic IX ist nicht nur ein schlechtes, es ist auch immer noch ein äußerst verbuggtes Spiel. Laut Lang hätte 3DO nicht einmal die Entwicklung des einzigen Patches (1.2) gewollt, musste sie aber zähneknirschend hinnehmen weil der Titel schlicht in einem unspielbaren Zustand war. Mindestens 3 besser sogar 6 Monate mehr Entwicklungszeit hätte laut Lang der Titel noch gebraucht. Might and Magic IX war seiner Ansicht nach bestenfalls in einem Pre-Alpha-Status. Jon Van Caneghem schiebt hingegen jede Schuld von sich. Wäre es nach ihm gegangen, wäre das Spiel nie veröffentlicht worden. Und da 3DO kurz nach Veröffentlichung des Patches Insolvenz anmeldete, glaube ich ihm sogar, dass er da nicht viel tun konnte. Der Publisher brauchte Geld und zwar dringend und Might and Magic IX war das letzte heiße Eisen im Ofen. Am Ende entpuppte es sich jedoch als der finale Todesstoß für das Unternehmen und in der Folge kaufte Ubisoft die komplette Lizenz.

Was dann geschah

Herstellerbild zu Might and Magic: Clash of HeroesAnfangs sah es auch so aus als wollte Ubisoft in die vollen gehen mit ihrer neuen Akquisition. Heroes of Might & Magic V sowie Dark Messiah of Might and Magic wurden fix beaufragt und waren auch beides erfolgreiche Titel. Mit dem ungewöhnlichen Might and Magic: Clash of Heroes landete der Publisher einen Überraschungshit und selbst das mittelmäßige Might and Magic: Heroes VI verkaufte sich gut genug um mehrere Addons zu rechtfertigen. Nur das Rollenspiel Might and Magic, an das hat sich Ubisoft bis heute nicht herangetraut. Dabei könnten sie es dringend gebrauchen.

Ubisoft hat praktisch keine Rollenspiele im Portfolio. Ja, TERA wurde über sie vertrieben. Aber das ist nicht wirklich ihrs. Genauso wenig wie Fallout 3 oder The Elder Scrolls IV: Oblivion. Die stehen zwar auf ihrer Seite, aber sie waren ausschließlich Distributor bei diesen Titeln. Might & Magic Raiders, das kommende Free-2-Play Action-Rollenspiel lasse ich auch nicht gelten. Es bleibt dabei: Ubisoft hat die Lizenz für ein Rollenspiel in einem bereits massiv ausgearbeiteten Universum, Tim Lang hat sogar an Might and Magic X bereits ein bisschen gearbeitet während der Entwicklung von Teil 9, aber sie trauen sich nicht ran.

Die Zukunft

Und ganz ehrlich: Ich kann es verstehen, dass die Franzosen sich nicht an ein Rollenspiel machen. Ubisoft besitzt rund zwei Dutzend Entwicklerstudios, aber keines davon hat wirklich Erfahrung mit dieser Art von Rollenspielen (beziehungsweise generell mit reinrassigen Rollenspielen). Am ehesten geeignet wäre vermutlich noch Blue Byte Software, die vor bald 20 Jahren mit Albion (1995) einen Überraschungshit gelandet haben. Aber von den Verantwortlichen ist mittlerweile auch keiner mehr da. Außerdem wünsche ich mir von denen lieber ein Albion 2. Gleichzeitig finde ich es aber auch äußerst kritisch, dass Ubisoft hier eben nicht tätig wird und sein Portfolio noch erweitert. Vor allem da es dem Unternehmen derzeit richtig gut geht. Auch ihr Image bei den Spielern wird derzeit wieder besser, da UPlay und der dazugehörige Always-On-Kopierschutz bereits aus dem kollektiven Gedächtnis verschwindet und selbst die PC-Ports in letzter Zeit wieder sehr gut waren (Far Cry 3 und Assassin’s Creed III sind durchweg gelungen und erschienen auch nur mit minimaler Verspätung).

Es wäre also jetzt der perfekte Zeitpunkt für das Unternehmen sich einen erfahren Rollenspiel-Entwickler zu schnappen oder besser noch ein weiteres Studio mit entsprechenden Leuten aufzubauen und sich an Might and Magic X beziehungsweise einen Reboot der Serie heranzutrauen der nicht zum Genre der Ego-Shooter gehört. Tim Lang und Jon Van Caneghem wären sicherlich mittlerweile auch wieder für so was zu haben. Glaube nicht, dass es den beiden derzeit bei EA wirklich so gut geht. Und die Fans der Serie? Die sind genauso bereit Might and Magix IX hinter sich zu lassen und nach vorne zu schauen. Nachdem was Ubisoft bislang aus der Lizenz gemacht hat, trauen sie den Franzosen auch durchaus zu einen würdigen Serienvertreter zu basteln. Dank den vielen Kickstarter-Projekten werden wir 2013 und 2014 sowieso schon die Rückkehr der Old-School-Rollenspiele feiern. Da würde ein richtiges Might and Magic definitiv dazu passen. Also nicht länger zögern Ubisoft: Beldonia wartet!

PS: Wenn alles klappt, gibt es am Donnerstag das erste Spielevideo! Das neue Tomb Raider ist voraussichtlich das Thema, da ich das morgen ganz frisch reinkriege.

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11 Kommentare

"Wizardry, Ultima und Might and Magic waren DIE drei Rollenspielgrößen der 80igern und 90igern"
Ja und alle 3 sind (leider?) komplett an mir vorbei gegangen, von keinem auch nur einen einzigen Teil gespielt (Heroes of Might and Magic V zählt logischerweise nicht ;) ).

Bin halt doch ein Kind der mitte-bis-späten 90igern und 00igern :) Und nachholen werd ich das auch nicht mehr, da bleib ich bei "meinen" modernen RPGs (Gothic is das erste, was mir jetzt so richtig im Gedächtnis geblieben ist, k.a. ob ich vorher schon welche gespielt hab. Von Action-RPGs mal abgesehen)

Ich hab' die drei Serien auch erst Anfang des Jahrtausends wirklich entdeckt (Wizadry 8 [Teil 7 erschien 1992!], Might and Magic VII: For Blood and Honor, Ultima 9 — ja, ich weiß, sehr schlechter Einstieg). Und selbst Ultima 9 hatte ich mir damals noch nicht zum Releasetag gekauft gehabt, sondern erst später über eBay.

In Sachen Rollenspielen wurde ich einfach zu stark von Maverick anfangs beeinflusst. Sprich Eye of the Beholder, Das Schwarze Auge: Schatten über Riva, Lands of Lore und so die Richtung. Die richtigen Hardcoresachen (DSA ist im Vergleich zu DnD durchaus Rollenspiel Light), wie die drei erwähnten Serien, kamen später. Entsprechend viel muss ich auch immer noch nachholen (Pool of Radiance, The Bard's Tale, die ganz alten Ultimas und Wizadrys).

Der erste Teil des Tomb Raider-Videos (das Auspacken) ist im Kasten. Jetzt fehlt nur noch die erste Spielstunde mitsamt Kommentar. Leider erscheint es ja erst offiziell morgen entsprechend lässt es sich noch nicht installieren (Steam). Muss ich also noch warten.

@ Ron

also so langsam wirste mir unheimlich – scho wieder ne Gemeinsamkeit zwischen uns ^^ Hab au keines der o.g. Spiele gespielt. Und reizt mich auch garnemmer. Obwohl ich heutzutage recht rollenspiel- und dungeon-crawler-affin bin, würd ich nie auf die Idee kommen, diese Werke nachzuholen. Ein Grund ist da sicher auch, dass die Grafik EXTREM schlecht gealtert ist. Naja, immerhin wird meine to-do-liste dadurch nicht noch größer ^^

@ Sic

Ich hab DIE nische für dich entdeckt: "angespielt in dialekt" … authentischer gehts garnet. Und lustiger als die bekannten lets plays etc. wirds defintiv auch sein. Gerade für die, die unseres schönen Dialekts nicht mächtig sind :)

2D-Iso-Rollenspiele sind doch jetzt wieder total im Kommen (Project Eternity, Wasteland 2, Torment, etc.) :smile: . Aber ja, die ersten Voll-3D-Titel mit ihren Vierkantbrüsten sind definitiv schlecht gealtert. Ein Lands of Lore 1 oder DSA: SüR mit 2D-Sprites und Fake-3D-Umgebungen sieht hingegen immer noch super aus finde ich — wenn man mal über die maximal 3-4 Animationsstufen hinwegsieht. Aber das Thema hatten wir ja schon genüge und solang ihr zumindest aktuelle Titel noch spielt, ist das ja auch schon was :tongue: .

"Angespielt in Dialekt" macht glaube ich keinen Sinn. Da muss scho a Schweizer, Sachse, Schwabe odä Oberbayer her. Mei Hutzelgründisch is do im Vergleich viel zu "harmlos". Aber mal schauen, vielleicht mach ich mal ne Testfolge. Jetzt erstmal Tomb Raider fertig machen und dann vielleicht gleich noch Sim City hinterher (hab diese Woche Urlaub).

"angespielt in dialekt" gibt es leider schon. Ein paar Bayern, wenn auch vmtl. unbeabsichtigt.
Christoph hätte mit seinem Gunzenbacherisch (bald schon Hessisch *duck*) vielleicht ein kleines Alleinstellungsmerkmal.

Jörg meinte an der GamesCom mal zu mir, dass Christoph, wenn er sich in Rage redet, sowieso immer wieder auf Dialekt zurück fallen würde. Ich bin mir also sicher, dass die nötige Portion dabei sein wird.

Dazu hatte ich aber damals zum Release der DS-Version (mittlerweile gibts auch X360, iOS, PC und vermutlich noch viele mehr) auch den Test bei GG getippst, Zille :smile: .

Ja, da bin ich zwischenzeitlich auch drüber gestolpert. Da das damals aber wohl "nur DS" betraf ist das an mir vorübergegangen ;-)

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