Sicarius

Eine Geschichtsstunde

Herstellerbild zu Rise of the Triad (2013)Devolver Digital und Apogee Software — zwei Firmen, die sich derzeit sehr gerne haben. Wer auf Steam die Augen aufhält, dem sollte das speziell in den letzten Wochen aufgefallen sein. Aber wer sind eigentlich diese beiden Firmen und warum ist plötzlich so extrem viel Aktivität von beiden zu sehen? Nun, letzteres ist schnell beantwortet: Am 31. Juli 2013 erscheint Rise of the Triad, Remake/Reboot des gleichnamigen (schon wieder…) Kult-Shooters von 1995. Fast genau ein Jahr nachdem es auf der QuakeCon 2012 angekündigt wurde. Und mit den ganzen Re-Releases von Shadow Warrior, Blake Stone, Duke Nukem wird kräftig die Werbetrommel gerührt. Es gibt schließlich keinen stärkeren Verkaufsmotor als die rosarote Nostalgiebrille der Käufer.

Diese Brille hilft auch dabei so einiges zu vergessen. Zum Beispiel, dass hinter dem Namen Apogee Software eine gewisse andere Firma steckt: 3D Realms. Der ein oder andere erinnert sich vielleicht noch an meinen Artikel Tagebucheintrag vom Tag danach von 2007 anlässlich der ersten Neuigkeit zu Duke Nukem Forever seit Jahren, in dem ich das schon einmal erwähnt hatte. Aber zur Auffrischung: 3D Realms ist nur eine Art Label wie etwa Deep Silver, hinter dem nichts anders als Koch Media steckt. Rechtlich gesehen heißt 3D Realms bis heute Apogee Software.

Wie Phönix aus der Asche

Nachdem das mit dem Duke nichts wurde, hat 2010 Take-Two bekanntlich den Stecker gezogen und 3D Realms damit faktisch in den Ruin getrieben. Offiziell sind auch derzeit nur noch drei Mitarbeiter bei 3D Realms beschäftigt: Scott Miller (Gründer), George Broussard (Gründer) und Bryan Turner (Office Manager). Zwar hatte Scott Anfang 2011 vollmundig verkündet, dass angeblich einige Projekte in Arbeit wären, aber seitdem ist 3D Realms faktisch tot. Und dank des Desasters mit Duke Nukem Forever (unabhängig von der Qualität des fertigen Spiels) ist auch der Name „3D Realms“ zumindest mittelfristig mit einem extremen Stigma belastet. Wie gut also, dass es da ja noch einen anderen Firmennamen gibt: Apogee Software.

Ein Name, mit dem bis heute viele Spieleveteranen nur sehr gute Erinnerungen verknüpfen. Kein Wunder, erschien doch das letzte Spiel mit diesem Logo drauf vor fast 20 Jahren (anno 1996; Death Rally von Remedy Entertainment, den Köpfen hinter Max Payne). Duke Nukem 3D hatte bereits das 3D-Realms-Label auf der Packung. Genug Zeit also, um die schlechten Titel im Portfolio zu vergessen und sich stattdessen nur an glorreiches Material wie Duke Nukem, Wolfenstein 3D (sagt jetzt nicht, dass ihr nicht wusstet, dass Apogee zu Beginn der Publisher von id Software war. Also bitte! Lest ihr meine Artikel etwa nicht?!) oder Blake Stone: Aliens of Gold zu erinnern. Alles super Spiele und somit ist Apogee Software dank der Veröffentlichungen auf Steam wieder in aller Munde und keiner verbindet auch nur irgendetwas Schlechtes mit der Firma. Eins muss man Scott Miller also lassen: Vom Business hat er immer noch Ahnung.

Die andere Partei

Herstellerbild zu NocturneAuch Devolver Digital ist natürlich vorbelastet. Wäre schließlich blöd, wenn ich jetzt plötzlich den Eintrag mit den Worten „Ist halt eine neue Firma, die sich auf Indie-Titel spezialisiert hat“ beenden würde. Nein, hinter diesem anno 2011 gegründeten Publisher stecken wohl drei der hartnäckigsten Jungs der Branche: Mike Wilson, Harry Miller und Rick Stults, besser bekannt als die Gründer der drei Publisher Gathering of Developers (1998), Gamecock Media (2007) und eben jetzt Devolver Digital (2011).

God Games, wie sie unter den Spielen bekannt waren, wollte die Branche revolutionieren. Statt unabhängige Entwickler auszubeuten, sollten diese volle Kontrolle über ihre Werke haben und zudem auch bei Marketing- und Publishing-Fragen mit einbezogen werden. Eine noble Idee, die auch durchaus großen Zuspruch fand. Allerdings nicht in der Art und Weise, wie es sich die Gründer wohl vorgestellt hatten. Im Jahr 2000 kam Take Two an (ja, die schon wieder), kauften den kleinen Publisher schnurstracks auf und machten ihn zu einem Label wie heutzutage 2k Games. Die Liste der Spiele, die unter dem „echten“ G.O.D. veröffentlicht wurden, ist entsprechend kurz. Nocturne, Jazz Jackrabbit 2 und Railroad Tycoon II dürften die bekanntesten sein.

Schlechter Einfluss?

Wir Spieler bekamen davon (glücklicherweise) wenig mit. Von 2000 bis 2004 erschienen sehr viele erstklassige Titel unter dem Label. Man konnte GoD-Games fast schon blind kaufen. Der Wikingerschnetzler Rune zum Beispiel (mit einer endgeilen Verpackung in den USA) oder Serious Sam, Mafia, Hidden & Dangerous 2, Railroad Tycoon 3, Vietcong und Stronghold. Aber schon Mitte 2001 brodelte es hinter den Kulissen und die Gründungsmitglieder lamentierten über die mangelnde Freiheit von G.O.D., die es dem Publisher nicht mehr erlaubte ihre Entwicklerteams fair zu behandeln. Sprich so, wie sie es anno 1998 angedacht hatten.

Drei der fünf Gründermitglieder verließen also die Bude (Mike, Harry und Rick; Doug Myres war verstorben, nur Jim Bloom verblieb bei Take-Two) und 2004 hat Take-Two den Laden dann praktisch dicht gemacht beziehungsweise in 2k Games integriert. Die Fahnenflucht hielt aber zumindest bei Mike Wilson nicht lange an. Schon 2002 kam er schon wieder für vier Jahre zurück zu Take-Two, bevor die Idee für God2 reifte, besser bekannt als Gone off Deep Games.
Wos des?

Warum ihr von God2 nie was gehört habt? Weil die Firma zwar Mitte 2006 gegründet wurde, aber bereits Anfang 2007 von ihm zusammen mit Harry und Rick in Gamecock Media Group umgewandelt wurde. Von denen habt ihr sicherlich schon einmal gehört. Die hatten bei den Spike Video Game Awards im gleichen Jahr die Bühne gestürmt als Ken Levine für BioShock geehrt wurde und seine Rede halten wollte (am Ende aber nicht konnte). Mike entschuldigte sich später für die Aktion.

Das Credo von Gamecock war das Gleiche wie von Gathering of Developers: Die Entwickler stehen über allem. Aber auch die Gamecock-Ära dauerte nicht lange an. Ende 2008 kam SouthPeak Interactive, auch ein Publisher, der sich eher auf kleine Titel spezialisiert hat und kaufte Gamecock auf. Der Survival-Horror-Titel Dementium: The Ward für den NDS und der Shooter Legendary sind entsprechend die einzigen halbwegs guten Titel, auf denen der Hahnenkopf prangte.

Nummer 3

Herstellerbild zu Shadow WarriorGathering of Developers aufgekauft, Gamecock Media Group geschluckt — die Gründerväter scheinen echt kein Glück zu haben mit ihrer noblen Mission. Aber wie heißt es so schön? Aller guten Dinge sind drei: Devolver Digital ward zusammen mit dem derzeitigen CFO Fork Parker geboren. Und ja: Auch dieses Mal möchten sie nicht die Entwickler ausbeuten, sondern quasi als Partner von unabhängigen Studios auftreten. Wie lange sie wohl dieses Mal durchhalten, bevor sie aufgekauft werden?

Bislang waren sie vor allem verantwortlich für alles rund um Serious Sam (die HD-Remakes, die kleinen Indie-Titel, Teil 3), Hotline Miami (auch dann Teil 2) sowie, und damit schließt sich der Kreis, die Neuveröffentlichungen der Apogee-Software-Titel Duke Nukem 3D und Shadow Warrior. Da wird aber in nächster Zeit sicherlich noch mehr folgen. Zusätzlich ist die Firma mit Devolver Digital Films mittlerweile auch in den Independent Film Bereich eingestiegen. Und es scheint ihr auch relativ gut zu gehen. Allein Hotline Miami hat sich bekanntlich über 300.000 Mal verkauft im ersten Monat nach Release. Dürfte so ziemlich der bislang größte Hit gewesen sein, den die drei als tatsächlich unabhängiger Publisher hatten.

Epilog

Auf der einen Seite also Apogee Software, die wieder an alte Erfolge anknüpfen möchten und gleichzeitig mit ihrem Backlog Werbung betreiben sowie Geld für neue Projekte sammeln. Ein Vorhaben, das ich nur gutheißen kann. Es sollten mehr Publisher endlich ihre alten Titel auf GOG, Steam und Co. veröffentlichen. Der Markt ist mehr als offensichtlich vorhanden und für mich als faulen Spieler gibt es nichts Besseres als meine angeblichen Lieblingsspiele speziell für aktuelle Betriebssysteme aufbereitet und damit ohne viel Aufwand wieder erleben zu können.

Und auf der anderen Seite ein idealistischer Publisher/Entwickler, der seit 15 Jahren mehr oder weniger erfolglos versucht die Branche umzukrempeln. Definitiv eine interessante Kombination, die sich da gefunden hat. Aber eine, die offensichtlich sehr gut funktioniert und die vermutlich auch noch über die nächsten Monate hinweg Früchte tragen wird. Duke Nukem 3D: Megaton Edition hat sich bekanntlich verkauft wie geschnitten Brot und auch Shadow Warrior Classic Redux wird von den Fans äußerst positiv angenommen. Das einzige was einer weiteren erfolgreichen Zusammenarbeit im Wege steht ist somit nur die Anzahl der wirklich guten Spiele in Apogees Katalog. Schauen wir also mal, was da noch so auf uns zukommt. Viel wird sicherlich auch von Rise of the Triad abhängen. Wenn das ein Flop wird, dann wird auch Nostalgie nicht Apogee/3D Realms vor dem endgültigen Untergang retten.

Allerdings: Interplay gibt es ja leider auch immer noch. So einfach sind die alten Marken wohl doch nicht tot zu kriegen.

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