Sicarius

George Smileys Geschichte

Sir Alec GuinnessSir Alec Guinness war ein Schauspieler der alten Garde. Das heißt, er gehörte wie beispielsweise auch Patrick Stewart (der Guinness als eines seiner Vorbilder nennt) zu der Sorte von britischen Schauspielern, die ihren Anfang auf der kleinen Bühne und der Verkörperung mehr oder weniger großen Figuren in den Werken von Shakespeare hatten. Oder einfach ausgedrückt: Er ist durch und durch ein klassischer Charakterdarsteller. Eine Eigenschaft, die viel zu seinem schauspielerischen Erfolg beigetragen hat.

Apropos Shakesspeare: Wusstet ihr, dass der mit Anne Hathaway verheiratet war? Ach Moment — Ich sehe gerade, dass das nicht die Darstellerin von Catwoman in Dark Knight Rises war, sondern eine andere Dame mit dem gleichen Namen. Mist. Dann war der Wiliam wohl doch nicht neben seiner Schreibtätigkeit heimlich der Batman des 16. und 17. Jahrhundert.

Die bekannteste Rolle

Aber zurück zu Sir Alec Guinness: Den meisten wird der Darsteller vermutlich nur aufgrund seiner Rolle als Obi-Wan Kenobi in Star Wars – Episode IV: Eine neue Hoffnung bekannt sein. Eine Rolle, die aus meiner Sicht seiner nicht wirklich würdig war und von der er sich zu Lebzeiten auch absolut distanzierte. Ein Mann, der Adolf Hilter (Hitler – Die letzten zehn Tage von 1972; ja, Der Untergang war nicht der erste Film über Hitlers Ende) gespielt hat, macht in einer billigen Märchensaga voller No-Names mit. Unvorstellbar eigentlich. Sehr wählerisch konnte er zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht mehr so wirklich sein. Trotz seiner zahlreichen Auszeichnungen (unter anderem der Oscar für den besten Hauptdarsteller für Die Brücke am Kwai), wurde er langsam aber sicher von Leuten wie Peter O’Toole oder Richard Burton (der jungen Garde) aus den Haupt- in Nebenrollen verdrängt.

Paradoxerweise war es aber genau Obi-Wan Kenobi, der ihm nicht nur zu einem zweiten Frühling, sondern auch zu einem geruhsamen Ruhestand verhalf. Seine Gage betrug zwar nur 150.000 Pfund, er war jedoch mit 2% an den Einnahmen (abzüglich der Produktionskosten) beteiligt. Und wie wir alle wissen, war der kleine Indie-Film zumindest ein bisschen erfolgreich :smile: . Da rollte nicht nur für den Geschäftemacher George Lucas der Rubel.

Das eigentliche Thema

Cover der TV-MiniserieSeine erstes Angebot nach dem Erfolg von Star Wars kam 1979 von der BBC. Diese hatten sich die Rechte an John le Carrés George-Smiley-Spionage-Romanen gesichert und wollten nun den bekanntesten davon als TV-Serie umsetzen: Dame, König, As, Spion (Tinker Tailor Soldier Spy) — mit Guinness in der Hauptrolle. Und damit sind wir beim heutigen Thema angekommen.

„Moment Sicarius, Dame, König, As, Spion? Gab es da nicht 2011 einen Film mit Gary Oldman, dem Typen der Commissioner Gordon in Nolans Batman-Trilogie gespielt hat?“ Gut erkannt, lieber Leser. Das war die äußerst erfolgreiche Neuverfilmung des Werks. Glücklicherweise allerdings nicht aus Amerika, sondern eine europäische Produktion und entsprechend wie die BBC-Serie fast ausschließlich mit britischen Darstellern besetzt. Macht schließlich auch Sinn, denn es geht in Buch wie Film um den britischen Geheimdienst. Wir sind hier ja nicht bei James Bond.

Darum geht’s

Die Geschichte ist logischerweise in allen Fassungen fast die Gleiche: Es gibt einen Doppelagenten in der Führung des Geheimdiensts und ein tschechischer General behauptet zu wissen (im Film ist es ein Ungar), wer es ist. Also wird ein Agent entsendet, um die Infos zu holen. Da die Sache so brisant ist, sollte er sich im Anschluss sofort melden und in Anlehnung an den traditionellen britischen Zählreim

Tinker, Tailor,
Soldier, Sailor,
Rich Man, Poor Man,
Beggar Man, Thief.

mit dem jeweiligen Codewort einfach nur den Verantwortlichen identifizieren. Daher der Name des Buchs. Irgendein deutscher Übersetzer hat daraus dann einfach Dame, König, As, Spion gemacht.

Die Sache entpuppt sich jedoch als Falle, der Agent wird von den Russen geschnappt, es wird ein internationaler Skandal draus und ein paar Leute müssen ihren Hut nehmen — darunter die rechte Hand des Vorstands George Smiley. Damit wäre die Sache eigentlich erst einmal vom Tisch und erledigt da abseits des obersten Chefs sowieso keiner so wirklich an die Doppelagenten geglaubt hat. Als jedoch ein vermisster Agent aus Portugal wieder auftaucht und neue Beweise in Bezug auf einen Doppelagenten im Circus mit dabei hat, wird George (Beggar Man) aus dem Ruhestand geholt und damit beauftragt das Rätsel ein für alle Mal zu lösen. Was folgt ist ein äußerst spannender Spionage-Thriller, der sowohl in der TV-Miniserie (sechs Stunden Spielzeit) als auch im Film (zwei Stunden) erfreulich Actionarm ist.

Der Vergleich

Cover des FilmsIch habe mir nun am Wochenende sowohl den Film mit Gary Oldman angeschaut als auch die siebenteilige TV-Serie (inklusive der sechsteiligen Nachfolgeminiserie Smiley’s People) mit Sir Alec Guinness (und Patrick Stewart als Karla, als eine Art Erzfeind von Smiley!). Ich habe ja bekanntlich gerne den Vergleich zwischen dem „Original“ und dem „Remake“. Im Nachhinein betrachtet war es jedoch ein Fehler zuerst die Miniserien zu schauen und erst dann den Film. Oder um es gleich deutlich auszudrücken: Dame, As, König, Spion (2011) erhält von mir 3 von 5 Sics, Dame, As, König, Spion (1979) 4 von 5 Sics und Smiley’s People (1982) satte 5 von 5 Sics. Der Unterschied zwischen den beiden TV-Miniserien ergibt sich, weil Smiley’s People noch wesentlich stärker auf Smiley und seine private Fehde mit dem sowjetischen Agenten Karla fixiert ist, an der er fast zu Grunde geht.

Sir Alec Guinness ist George Smiley. Punkt. Das hat selbst John le Carré so gesehen und in den späteren Romanen seine Figur an den Briten angepasst. Guinness ruhige, besonnene und im Prinzip auch typische britische Art passt wie die Faust aufs Auge zur Figur des ehemaligen Agenten, der alles schon gesehen und erlebt, entsprechend eine gewisse Ruhe ausstrahlt und vor dem jeder großen Respekt hat, der aber auch gleichzeitig zu einer aussterbenden Art gehört und der mittlerweile Müde ist (was in Smiley’s People sogar noch deutlich wird).

Es kommt ihm dabei natürlich auch das Format als TV-Miniserie zu Gute. Der Regisseur konnte sich nicht nur für die Dialoge sehr viel Zeit nehmen (viele Pausen und vieles, was sicherlich nicht relevant für die Geschichte ist, aber die Charaktere zum Leben erweckt), sondern auch für alltägliches. In Smiley’s People gibt es beispielsweise einen Part, in dem Smiley nach Hause kommt und ihr in den folgenden 15 Minuten nichts anderes macht als ihm dabei zuzuschauen, wie er es sich bequem macht, ein Fotonegativ entwickelt, beim Trocknen einschläft und im Anschluss es in Ruhe (und äußerst nachdenklich und etwas schockiert) betrachtet. Während der ganzen Zeit wird nichts gesprochen, aber durch Körperhaltung und Mimik von Guinness erfährt man hier (fast) mehr über den Charakter als in allen Dialogen zusammen. Das ist etwas, das kann zum einen nicht jeder und wird zum anderen dem hyperaktiven Publikum von heute schon gar nicht mehr zugemutet. Muss doch alles schnell, schnell gehen.

Der Film

Promobild zum FilmUnd damit sind wir auch schon beim ersten großen Negativpunkt des Films: Zwei Stunden sind meiner Meinung nach schlicht zu kurz, um dem Buch und vor allem dem Charakter tatsächlich gerecht zu werden. Man darf nicht vergessen, dass es zwar in sich eine eigenständige Geschichte erzählt, es aber das fünfte Buch mit George Smiley ist. Die Leser kennen (und lieben) den Agenten also bereits. Ein guter Spionage/Verschwörungs-Thriller braucht meiner Meinung nach eine gewisse Ruhe und Gelassenheit und die Zeit Charaktere einzuführen. Im Film werdet ihr kalt ins Geschehen geworfen. Der Agent stirbt, Control und Smiley werden entlassen — Titel läuft. Das weckt kein Interesse daran wie es weitergeht, sondern ist ausschließlich verwirrend. Ich weiß doch schließlich noch nicht, wer die beiden überhaupt sind und warum es mich interessieren soll, dass gerade sie ihren Hut nehmen.

Was jedoch wesentlich schwerer wiegt ist die Wahl des Hauptdarstellers. Ich nehme Gary Oldman die Rolle des müden Agenten im Ruhestand einfach nicht ab. Sir Alec Guinness war mit 65 ein wirklich alter Mann als er Smiley spielte. Oldman gerade mal 53. Da kann man die Haare noch so grau einfärben: Das funktioniert nicht. Vor allem dann nicht, wenn man gefühlt nur einen unfreiwillig komischen Gesichtsausdruck drauf hat. Man meint die ganze Zeit, er würde sich auf die Unterlippe beißen oder angestrengt nachdenken. Ich weiß natürlich, dass das sein normaler Ausdruck ist und wenn er einen Oberlippenbart hat, fällt es nicht so auf, aber das passt einfach nicht zusammen. Und nein: John Hurt (spielt Control) hätte ich Smiley auch nicht abgenommen. Dafür ist er einfach zu frisch und aktiv für seine 73 Jahre (was natürlich super ist, aber halt nicht zum ausgelaugten Spion passt). Ach und Michael Sarne kommt an Patrick Stewarts Karla natürlich auch nicht dran. Schon allein weil er mehr Text hat als Stewart in beiden Miniserien zusammen (es waren glaube ich zwei oder drei Sätze in Dame, As, König, Spion und kein einziger in Smiley’s People). Hatte ich schon erwähnt, dass ich es cool finde, dass die alten Serien und Filme Mut zur Stille hatten? :smile: .

Fazit

Bei aller Kritik: Für sich betrachtet ist Dame, König, As, Spion (2011) dennoch ein empfehlenswerter und spannender Film. Er hat definitiv nicht umsonst unzählige Auszeichnungen kassiert und ein „Prädikat besonders wertvoll“ erhalten. Meine relativ niedrige Wertung kommt wirklich fast ausschließlich dadurch zustande, dass ich auch das „Original“ geschaut habe. Es ist auch definitiv nicht so, dass ich mich beim Anschauen nur zwei Stunden lang geärgert habe (nur am Anfang ein bisschen).

Wenn ihr also nur Lust/Zeit habt auf eins von dreien (Buch, TV-Miniserie oder Film), dann ist der Film sicherlich die am einfachsten zu verdauende Variante. Ich persönlich ziehe aber ganz klar die BBC-Serie dem Film vor und das liegt zu 90% an einem fantastischen Sir Alec Guinness und seiner Version von George Smiley. Das Buch habe ich hingegen (noch nicht) gelesen.

Übrigens: Autor John le Carré lebt noch und hat sowohl an der Miniserie als auch dem Film aktiv mitgewirkt.

Ich wünsche eine angenehme Woche!

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