Sicarius

Die Angst vor dem Fürchten

Wow…Ich habe für dieses Spiel bezahlt. Nicht einmal ansatzweise furchterregend. […] Ernsthaft, wer fürchtet sich beim Spielen dieses Mülls?[…] fragt sich ein gewisser Zerrin im Steam-Diskussions-Forum von Slender: The Arrival. Meine Antwort: Ich! Und wie! Ich habe es bislang 1 1/2 Stunden gespielt aber nie länger als 30 Minuten am Stück weil mir immer die Haare zu Berge stehen. Dabei ist das Ende so nahe. Es sind nämlich nur fünf Level, die es zu meistern gilt. Aber fangen wir von vorne an:

Screenshot aus Slender: The Eight PagesIhr erinnert euch vielleicht an ein kostenloses Indie-Survival-Horror-Spiel namens Slender: The Eight Pages, das ab Juni 2012 seine Runde im Internet machte (zusammen mit ein paar anderen wie beispielsweise der Treppensimulation SCP-087). Die Prämisse war einfach, aber genial: Ihr seid alleine und nur mit einer Taschenlampe bewaffnet in einem stockdunklen Wald mit zufallsgeneriertem Aufbau unterwegs und müsst acht im Level verstreute Seiten finden. Euch dabei immer auf den Fersen war der Slender Man (aus dem gleichnamigen Mythos). Ein Herr im Anzug ohne Gesicht, der euch tötete kam er euch zu nahe oder habt ihr ihn zu lange angestarrt und der überall sein konnte. Eure einzige Warnung? Ein immer stärker werdendes Kriseln des Bildschirms, je kleiner eure Entfernung zu ihm wurde. Erschwerend kam hinzu, dass er aggressiver wurde je mehr Seiten ihr aufgesammelt habt, allergisch auf eure Taschenlampe reagierte und auf rennende Personen ganz extrem abfuhr. Da war Gänsehaut garantiert, wie zahlreiche Let’s-Play-Videos auf YouTube & Co. beweisen.

Der Neue

Letzte Woche ist nun Slender: The Arrival veröffentlicht worden. Kein Nachfolger im eigentlichen Sinne, sondern quasi eine erweiterte und grafisch wesentlich verbesserte Neuinterpretation basierend auf Slender: The Eight Pages für 8,99 Euro. Ihr übernehmt die Rolle von Lauren, die sich aufmacht ihre verschwundene Freundin Kate zu suchen. Es dauert aber nicht lange, da ist der Slender Man auch euch auf den Fersen. Fünf Levels lang folgt ihr wie erwähnt den Spuren von Katie (und anderen Personen) markiert durch Briefe, Schriftzüge an Wänden und andere Hinterlassenschaften mit dem Ziel dem Fluch ein Ende zu bereiten. Das Spiel besitzt also nun einen roten Faden, der euch zum Weitermachen motiviert und ist gleichzeitig auf dem Papier nicht sonderlich lang. Es gibt gar ein Achievement es in 45 Minuten zu schaffen. Das zweite Level nimmt sogar einfach nur das Spielprinzip aus dem Original her und lässt euch auf einen Park los, auf der Suche nach acht Seiten voller Warnungen.

Slender: The Arrival ist allerdings ein Titel, den man definitiv mehrmals spielt und es trotzdem immer wieder spannend ist weil vieles erneut zufallsgeneriert ist. Der Fundort der Taschenlampe in Level 1, der Parkaufbau in Level 2, die Standorte der sechs Generatoren im dritten Level und so weiter. Zusätzlich gibt es unterschiedliche Schwierigkeitsgrade (auf Hardcore verbraucht die Taschenlampe beispielsweise Batterie!) mit unterschiedlichen Enden basierend darauf sowie zwei zusätzliche Geheimlevels, bei denen ihr erst einmal herausfinden müsst, wir ihr diese eigentlich freischaltet (…oder im Internet nachschaut…). Es gibt also durchaus ein bisschen was, was euch auch abseits der Gänsehaut auf Trapp hält.

Die Atmosphäre

Herstellerbild von Slender: The ArrivalZwar versuchen die Entwickler alles Mögliche euch bei Laune zu halten, eure Hauptmotivation wird aber definitiv die eigene Angst sein. Die Angst vor dem Unbekannten, der hinter jeder Ecke lauern kann und seinen Gehilfen. Ja, es gibt noch einen weiteren Gegner abseits des Slender Man. Erneut ist rennen nur in absoluten Ausnahmefällen empfehlenswert und selbst auf dem mittleren Schwierigkeitsgrad habe ich mich sehr oft dabei ertappt die Taschenlampe auszumachen, nur um den Bösewicht nicht unnötig auf mich aufmerksam zu machen. Da alle Levels erneut äußerst duster sind (wenngleich es ein paar helle Passagen gibt), braucht das durchaus einiges an Überwindung.

Entsprechend lebt das Spiel extrem stark vom gelungenen Sounddesign. Musik gibt es keine. Euch begleiten nur Geräusche. Geräusche, die ihr beim Laufen verursacht. Geräusche der Natur. Unheimliche Geräusche deren Quelle nicht identifizierbar scheint und natürlich die Geräusche eures Verfolgers. Mir lief es schon im ersten Level kalt den Rücken runter als ich einfach nur einem Weg folgte und plötzlich das Gefühl hatte noch weitere Schritte neben mir im Gras zu hören. Ich weiß immer noch nicht, ob das nur Einbildung, ein Bug im Sounddesign oder tatsächlich so gewollt ist!

Und so geht es mir ständig. Ich schleiche angespannt durch die Levels, fürchte mich vor jeder Biegung und bin am Ende fix und alle und muss eine Pause einlegen ohne, dass ich vielleicht den Slender Man überhaupt gesehen habe! Dass ist es, was ein gutes Survival-Horror-Spiel ausmacht. Nicht das Monster, das möglichst ekelhaft aussieht (siehe Dead Space 3), sondern das Potenzial eines Monsters und die eigene Angst davor. Entsprechend muss man sich ein Stück weit sicherlich auch auf das Spiel einlassen und seine Umgebung entsprechend gestalten (ich habe es bislang nur im Dunkeln gespielt), um die gezielte Wirkung zu erhalten. Darauf weisen die Entwickler euch am Anfang auch in Form eines kurzen Texts hin und ich glaube, darin lag der Fehler von Zerrin, der seinen Aussagen nach sich ansonsten immer leicht fürchtet. Es sind nämlich definitiv nicht die wenigen „Jump-Scares“, die Slender: The Arrival angsteinflößend machen, es ist mein eigenes Gehirn. Und auch wenn ich am Ende zittere wie Espenlaub: Es ist doch irgendwie ein geniales Gefühl.

Fazit

Ob der Titel am Ende neun Euro wert ist, dass müsst ihr zwar wie immer selbst entscheiden. Ich finde die Sache mit der gefühlten Wertigkeit von Spielen ist heutzutage sowieso komplett im Eimer dank Steam-Sales, Humble-Bundles und dem Preisgefüge im Play- und Appstore. Aber unabhängig vom Preis kann ich Genrefans und allen, die es werden wollen, das Spiel nur ans Herz legen. So stark emotional beeinträchtigt hat mich schon lange kein Survival-Horror-Titel mehr (nein, ich habe Amnesia – The Dark Descent leider immer noch nicht gespielt). Ich kann aber natürlich nicht versprechen, dass es euch genauso geht.

Ob euch das Spiel liegt und Angst machen wird, könnt ihr aber schnell und einfach selbst testen, indem ihr euch Slender: The Eight Pages kostenlos herunterladet. Das solltet ihr auf jeden Fall mal machen, wenn ihr es noch nicht getan habt. Und wenn euch das gefällt, dann werdet ihr auch mit Slender: The Arrival nichts verkehrt machen. Die beiden Videos von Achievement Hunter zum Original kann ich auch nur vorbehaltlos empfehlen.

Jetzt entschuldigt mich aber. Ich muss mich in eine Ecke verkriechen und eine Runde leise vor mich hinweinen bevor ich das Spiel hoffentlich endlich erstmals beende.

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