Sicarius

Fragen rund um die Sache mit den irrationalen Spielen

Twitch Plays Pokémon

Twitch Plays Pokémon

Vorgestern war es mal wieder soweit: Eine Bombe schlug im Internet ein und hinterließ einen riesigen Krater. Als die Staubwolke sich verzogen hatte, blieben nur unzählige geschockte Zuschauer am Rand zurück. Einige weinten, andere freuten sich, doch am Ende zogen sie auch schnell wieder weiter. Die Masse ist bekanntlich nicht sehr geduldig. Die meisten sind schnell wieder weitergezogen, um beispielsweise auf Twitch sich ihre Zeit mit Pokémon Red zu vertreiben über das das deutschsprachige Internet erst gestern so wirklich zu berichten begang. Was mal wieder deutlich zeigt, wie stark doch das Abschreiben von englischen Medien in unserem System verankert ist. Alles was nicht bei Kotaku, RockPaperShotgun oder IGN steht scheint nicht zu existieren. Aber ich schweife ab.

Mittlerweile sind die Analysten und die Experten am Werk, begutachten den Schaden, versuchen herauszufinden wie es soweit kommen konnte und versuchen zu verstehen, wo es in Zukunft hingeht. Wir reden natürlich von der Ankündigung, dass Irrational Games (unter anderem die BioShock-Reihe) nach 17 Jahren geschlossen beziehungsweise vollständig umstrukturiert und auf 15 Leute reduziert wird nachdem BioShock Infinite: Burial at Sea Part 2 erschienen ist. Die zentralen Fragen sind dabei aus meiner Sicht die Folgenden:

Warum kam dieser Schritt für durchweg alle völlig überraschend?

Darüber macht sich beispielsweise bei Gamasutra gestern Leigh Alexander extrem viele Gedanken in seinem Artikel Irrational Games, journalism, and airing dirty laundry. Die Antwort ist für sie nicht einfach. Sie hätte wohl einiges rumoren gehört und auch die Personalfluktuation während der Entwicklung von BioShock Infinite hätte einen normalerweise aufhorchen lassen müssen. Doch zum einen traute sich keine Quelle hervorzutreten und die Informationen offiziell zu bestätigen. Zum anderen scheute sich Leigh darüber zu berichten, um quasi nicht noch zusätzlich Druck von Außen aufzubauen.

Warhammer 40.000: Space Marine (Herstellerbild)

Warhammer 40.000: Space Marine (Herstellerbild)

Und hier verliert mich nicht nur die Kollegin, sie zeigt auch mal wieder auf, was das größte Problem des Spielejournalismus ist: Wir sind zu stark mit der Branche verzahnt. Einem Unternehmen wie Rooster Teeth verzeihe ich es, wenn sie meinen nichts Schlechtes sagen zu wollen, weil sie wissen wie viele Leute da ihr Herzblut reingesteckt haben. Die sind schließlich keine Journalisten, auch wenn ich mich durchaus auch selbst bei diesem Denken hin und wieder erwische. Aber von Mitarbeitern eines renommierten Magazin wie Gamasutra erwarte ich, dass sie am Ende des Tages ihr freundschaftliches Verhältnis zum PR-Manager nicht über den Pressekodex stellen. Da braucht man sich nicht zu wundern, dass es in dieser Branche praktisch keinen investigativen Journalismus gibt. Alle haben zu viel Angst den gegenüber zu verprellen. So kritisch ich auch Seiten wie RockPaperShotgun oder 4Players (keine Verlinkung) oder YouTubern wie TotalBiscuit gegenüberstehe, sie versuchen es immerhin den Status Quo bis zu einem gewissen Grad anzufechten. Teilweise zwar nur, um die eigenen Klickzahlen nach oben zu treiben, aber das ist bekanntlich ein anderes Thema. Die Geschichte zwischen THQ und mir aufgrund meines Tests zu Warhammer 40.000: Space Marine hatte ich ja damals auch schon angedeutet.

Wie gut/schlecht waren die BioShock Infinite-Verkaufszahlen tatsächlich?

Anfangs wurde BioShock Infinite mit extrem viel Lob überschüttet. Entsprechend ist die Metacritic-Wertung auch bei fantastischen 94 Punkten. Doch je länger jeder Zeit hatte über das Spiel nachzudenken, desto lauter wurden die kritischen Stimmen und auch viele Spieler stellten sehr schnell fest, dass es doch nicht unbedingt der heilige Gral geworden ist, der nach Teil 1 erwartet wurde. Das hatte aber nur zum Teil mit der Erwartungshaltung zu tun. Tatsächlich lässt sich am Spiel auch sehr viel bemängeln. Der prominenteste Kritikpunkt sind sicherlich die zahlreichen und uninspirierten Kämpfe. Aber auch an der Geschichte, speziell in der zweiten Hälfte, lassen viele kein gutes Wort aus. Entsprechend war es nur konsequent, dass der Titel überraschend oft in den Jahresend-Listen selbst prominenter Spielemagazine fehlte oder nur am Rande erwähnt wurde. Natürlich gewann er trotzdem einen Haufen Awards, aber wir hatten denke ich im Vorfeld alle wesentlich mehr erwartet.

BioShock (Herstellerbild)

BioShock (Herstellerbild)

Das schlug sich wohl auch in den Verkaufszahlen nieder. Das letzte Wort von Take-Two Interactive waren 4 Millionen verkaufte Einheiten im Juli 2013 (Release war Ende März). Das ist zwar so viel wie BioShock sich in drei Jahren verkaufte. Doch der Wert der Marke ist seitdem natürlich extrem angestiegen und die Vorschusslorbeeren waren immens. Entsprechend groß waren die Erwartungen aller Beteiligten. Stattdessen ist es seitdem äußerst ruhig geworden, um das Thema. Erst im kommenden Finanzbericht (März oder April) für das Jahr 2013 werden wir wohl mehr dazu erfahren. Klar ist aber jetzt schon: Nach den fünf Jahre Entwicklungszeit und der riesigen Marketingkampagane entsprechen die Einnahmen nicht den Vorstellungen.

Exkurs Anfang

Was mir bei dem Thema übrigens wieder in den Sinn kommt, ist die Problematik der Vorschau und von zeitkritischen Tests. Es ist zwar jetzt nicht so ein Extremfall wie Aliens: Colonial Marines wo das gezeigte Material wirklich komplett irreführend war. Aber dennoch stelle ich mir erneut die Frage, ob der Umgang mit Vorschauen und auch der Testpraxis nicht grundsätzlich überdacht werden muss. Wie kann es schließlich sein, dass ein Titel wie BioShock Infinite vorher unendlich weit in den Himmel gelobt wird, aber nach ein paar Wochen kommt vielen Journalisten doch die Erkenntnis, dass es vielleicht nicht ganz gerechtfertigt war je länger man überlegt.

Fallout: New Vegas (Herstellerbild)

Fallout: New Vegas (Herstellerbild)

In Sachen Vorschauen ist das ja kein neues Thema. Schon 2008 habe ich mich schließlich darüber ausgelassen. Geändert hat sich nichts. In Sachen Tests sehe ich es hingegen so: Beim Schreiben heißt es: Nimm am Ende mal Abstand, schlaf drüber und dann lese es noch einmal durch, um wieder einen frischen Blick auf das Ganze zu bekommen. Das sollte meiner Meinung nach bei einem Test vielleicht auch eingeführt werden. Aber das ist in der heutigen Zeit natürlich leider nicht ganz so einfach, weil bekanntlich ein Test mit jeder Minute an Relevanz verliert. Dem kann sich auch ein GamersGlobal nicht verschließen, trotz der Freiheiten die mir Jörg doch oft gegeben hat (mein Test zu Fallout: New Vegas kam beispielsweise selbst aus seiner Sicht dann doch viel viel zu spät). Dennoch halte ich es für ganz klar den falschen Ansatz. Lasst die ganzen notgeilen Blogger wie den Typ da auf der schäbigen Seite namens „Beim Christoph“ so schnell wie möglich nach Release ihre halbgaren Inhalte raushauen. „Echte“ Kritiker sollten sich jedoch die Zeit nehmen und wirklich den jeweiligen Titel genauer begutachten. Dann würde vielleicht auch Spec Ops: The Line nicht bei einer Metacritic-Wertung von armseligen 76 Punkten rumhängen.

Exkurs Ende

Wieso gründet Ken Levine nicht einfach ein neues Studio statt alle vor die Tür zu setzen?

Darauf gibt es sicherlich die unterschiedlichsten Antworten, auf die wir aber erst noch mit der Zeit kommen müssen. Die simpelste wäre die finanzielle Sicherheit. Irrational Games gehört bekanntlich vollständig zu 2K Games. Würde sich Levine selbstständig machen, müsste er wirklich wieder bei null anfangen – auch was die Marken betrifft.

Freedom Force vs. The Third Reich (Herstellerbild)

Freedom Force vs. The Third Reich (Herstellerbild)

Wobei ich nicht glaube, dass Levine an einer der wenigen Marken von Irrational Games arbeiten wird. Die Historie des Studios ist bekanntlich äußerst übersichtlich und abseits von BioShock und vielleicht noch Freedom Force vs the 3rd Reich ist unter den Titeln keiner, der tatsächlich dem Studio gehört. System Shock 2, Tribes: Vengeance, SWAT 4? Alles Auftragsarbeiten für einen anderen Publisher. Somit gehe ich davon aus, dass das was als nächstes kommt wieder etwas komplett Neues ist. Zumal er in der Vergangenheit schon oft gesagt hat, dass ihn der alte Kram nicht mehr interessiert.

Eine mögliche Antwort versteckt sich aber auch im nächsten Punkt. Dieser deutet nämlich darauf hin, dass Ken Levine im Hause Take-Two die Hosen anhat und entsprechend große Forderungen an den Publisher stellen konnte was die weitere Zukunft betrifft.

Warum lässt Take-Two Ken Levine mit so einer Aktion durchgehen?

Diese Frage hat, zumindest soweit ich es gesehen habe, bislang noch kein Journalist gestellt. Mir ist sie hingegen als allererstes in den Kopf geschossen. Natürlich ist Kostensenken immer super. Wenn auf einen Schlag mal so 100 Leute rausfliegen, dann freut sich jeder kurzsichtige Anleger natürlich. Aber aufgrund der Laune eines poppeligen Gründers ein ganzes Studio einfach so umzukrempeln ohne wirklich zu wissen, was am Ende dabei rauskommt? Da muss man entweder sehr viel Vertrauen in die Person Ken Levine haben — alle anderen ursprünglichen Mitarbeiter des Studios haben Irrational Games schon lange verlassen. Selbst an BioShock Infinite arbeitete angeblich am Ende niemand mehr aus dem original BioShock-Team. –, Irrational Games gar nicht vollständig zu Take-Two gehören oder Angst haben, dass es steil bergab geht und deshalb Levine aus der Hand fressen.

Die Variante, dass Irrational Games gar nicht komplett zu Take-Two gehört ist sicherlich die interessanteste. Halte ich aber für äußerst unwahrscheinlich, wenn ich mir die Pressemitteilung von damals so durchlese. Das klingt für mich schon ziemlich definitiv. Somit tippe ich eher darauf, dass Take-Two Angst hat eine renommierte Geldquelle zu verlieren. Das zeigt auch die Vergangenheit von Irrational Games. Wir erinnern uns beispielsweise, dass die Jungs tatsächlich mal 2K Boston hießen und dann wieder zurückbenannt wurden! Da muss schon ein starker Faktor dahinterstecken, um so etwas zu tun.

Grand Theft Auto IV (Herstellerbild)

Grand Theft Auto IV (Herstellerbild)

Aber auch wenn ich mir anschaue, wie Take-Two aufgestellt ist, lässt sich denke ich erahnen, dass der Publisher auf Irrational Games stark angewiesen ist. So besitzt der Publisher zwar einen riesigen Haufen Entwicklerstudios (17 derzeit), aber die richtig dicken Dinger haben in den letzten 10 Jahren nur Rockstar Games mit der Grand Theft Auto-Serie und eben Irrational Games mit BioShock geschafft. Selbst ein Firaxis Games (Sid Meier’s Civilization V) und Visual Ccncept (die 2K-Sportspiele) sind nur kleine Lichter im Vergleich dieser Größen. Der ein oder andere erinnert sich vielleicht noch an den Übernahmeversuch von EA im Jahre 2008, den Take-Two mit der lässigen Bemerkung abschmetterte, dass man sich nach der Veröffentlichung von Grand Theft Auto IV vielleicht noch einmal unterhalten könnte. Im Nachhinein stelle ich mir nun definitiv die Frage, was passiert wäre, wenn GTA IV sich als ein Flop herausgestellt hätte. Und vielleicht ist BioShock Infinite nun genau dieser Fall – allerdings auf so hohem Niveau, dass Take-Two die Sache nun eben versucht anderweitig noch zu retten indem sie auf Ken Levines nächsten Titel setzen.

Epilog

Doch das sind derzeit natürlich wie so oft nur Spekulationen meinerseits. Mehr werden erst die kommenden Wochen und Monate zeigen, sobald ehemalige Mitarbeiter auspacken, der Finanzbericht da ist und vor allem Ken Levine vielleicht noch ein bisschen mehr über seine Zukunftspläne plaudert. Es wird auf jeden Fall spannend bleiben für alle, die dranbleiben. Alle anderen sind hingegen schon weitergezogen :smile: .

Nächte Woche gibt es vermutlich mal wieder eine Runde Videos, wenn mir am Wochenende nichts dazwischen kommt. Es stehen an Lightning Returns: Final Fantasy XIII (wäre dann Montag) und Earth Defense Force 2025 (Donnerstag). Mal schauen.

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