Sicarius

Tex Murphy is back!

Star Wars: Rebel Assault (MobyGames)

Star Wars: Rebel Assault (MobyGames)

Ich bin in der Hochzeit der Full-Motion-Video-Adventures, schlicht FMVs oder etwas sperriger interaktive Filme genannt, aufgewachsen. Damals, Anfang der 90iger, als sich unter anderem dank Titeln wie Star Wars: Rebel Assault (erfolgreicher FMV-Rail-Shooter von 1993), Wing Commander III: Heart of the Tiger (Chris Roberts erfolgreiches, FMV-unterstütztes Weltraumspiel von 1994) oder The 7th Guest (Mystery-FMV von 1993) plötzlich die CD-ROM-Laufwerke verkauften wie geschnitten Brot und dank des damit (für damalige Verhältnisse) immens großen Speicherplatzangebots diese Genre endlich seinen Weg massenhaft aus den Arcades (wo es schon seit 1983 erfolgreich war – Dragon’s Lair gilt als der Pionier) in die eigenen vier Wände bahnte. Ja, die Filmsequenzen waren meist nur in Briefmarkengröße (320×240, später dann auch mal 640×480) und damit oft das Interface größer als der eigentliche Film (um Platz zu sparen).

Aber in einer Zeit als man die Pixel noch mit der Hand zählen konnte, war dies völlig ausreichend. Damals träumte die Spielebranche schließlich noch davon der Filmindustrie Paroli bieten zu können (heutzutage macht Rockstar mit einem GTA V mehr Umsatz als der größte Blockbuster – bei teilweise geringeren Produktionskosten!). Es war selbstverständlich extrem viel Schund darunter was am Ende sicherlich auch viel zum Untergang beitrug. Aber speziell im Adventure-Genre stellten die FMVs bis Ende der 90iger neben Lucasarts‘ SCUMM-Meisterwerken und Sierras SCI-Konkurrenz, die dritte Säule im Kampf um die Aufmerksamkeit der Käufer. Doch mit dem Aufkommen der PlayStation-Generation, sprich 3D-Grafik, und dem allgemeinen Abflauen des Adventure-Genres verschwanden die FMVs ab 1999 von der Bildfläche. Und zwar richtig. Tutto completto. Selbst die viel gelobte Indie-Szene ließ, anders als bei den traditionellen Adventures, die Finger davon.

Der Abstieg

The X-Files Game (MobyGames)

The X-Files Game (MobyGames)

1998 war das letzte große Jahr der echten FMVs mit Titeln wie The X-Files Game (wer wollte nicht an der Seite von Mulder und Scully einen Fall lösen?), Die Versuchung: Tender Loving Care (ihr wisst schon, das berüchtigte Psycho-Spiel mit der nackten Haut) und einem gewissen Tex Murphy: Overseer auf das wir gleich noch zurückkommen werden. Zuerst möchte ich noch zum eigentlichen Punkt dieser überlangen Einleitung kommen: An mir gingen die FMVs komplett vorbei. Ja, ich habe natürlich am Rande von diesen Spielen erfahren. Man sprach auf dem Schulhof natürlich auch über ein Phantasmagoria: A Puzzle of Flesh (1996, berüchtigt für seine Gewaltdarstellung und entsprechend indiziert) oder eben Die Versuchung.

Aber selbst gespielt habe ich diese Art von Adventures damals nie im Gegensatz zu einem gewissen Azzkickr, der bis heute ein gewisses Urban Runner in den Himmel lobt (komischerweise hat er mir seine Version des Spiels damals zusammen mit einem Rechner verkauft :smile: ). Mein erstes echtes FMV, das ich tatsächlich längere Zeit gespielt habe (allerdings noch nicht durch) war anno 2010 Darkstar: The Interactive Movie (SciFi mit der Mystery Science Theater 3000-Crew). Am Wochenende kam nun das zweite dazu: Tesla Effect: A Tex Murphy Adventure – erfolgreich über Kickstarter finanziert und unser heutiges Thema (auch wenn die 1. Seite schon wieder voll ist).

Ein Kickstarter-FMV

Tesla Effect: A Tex Murphy Adventure ist technisch gesehen der sechste Teil der Serie aber nicht die direkte Fortsetzung zu Tex Murphy: Overseer. Letzteres war mehr ein Remake des ersten Teils, Mean Streets, von 1989 erzählt in einer Art Flashback. Stattdessen setzt Tesla Effect an das Ende von The Pandora Directive (1996) an, das mit einem extrem fiesen Spoiler endete. Und zwar wurden sowohl Tex Murphy als auch seine Freundin Chelsee in der finalen Videosequenz (vermeintlich) erschossen. Wenn das kein fieser Cliffhanger ist, dann weiß ich auch nicht. Somit mussten Fans der Serie jetzt 18 Jahre (!) auf die Auflösung warten. Im Spiel sind für Privatdetektiv hingegen nur sieben Jahre vergangen, an die er sich jedoch nicht mehr erinnern.

Tesla Effect: A Tex Murphy Adventure (Herstellerbild)

Tesla Effect: A Tex Murphy Adventure (Herstellerbild)

Ja, Gedächtnisverlust ist ein gerne genutztes Mittel in Spielen, ich weiß. Aber hier ist es definitiv ein notwendiges Mittel, um dafür zu sorgen, dass ihr nicht zwingend zumindest The Pandora Directive gespielt haben müsst (ich habe es beispielsweise nicht), um Tesla Effect folgen zu können. Stattdessen erläutern die Dialoge speziell natürlich am Anfang des Spiels noch einmal die Ereignisse und stellen altbekannte Charaktere und ihre Beziehung zu Tex vor, damit dann, wenn es richtig los geht, alle auf dem selben Nenner sind. Zusätzlich hat Big Finish Games einen (sehr kleinen) Teil der FMVs des Vorgängers geschickt in Tesla Effect eingebunden, nicht nur um Fanservice zu betreiben, sondern eben auch explizit Rückbezüge zu ermöglichen. Manche dieser Flashbacks werden durch Gegenstände in der Umgebung getriggert, andere erfolgen vor dem Kennenlernen eines neuen Charakters automatisch. Beispielsweise wenn ihr eine neue Location betreten wollt. Dann führt Tex, wie so oft im Spiel, einen zusammenfassenden internen Monolog, der dann den Flashback triggert. Da habt ihr dann auch gleich den direkten Vergleich wie weit die Technik seit 1998 gekommen ist. Das sah vielleicht schlimm aus :smile: . Auf jeden Fall macht ihr euch im neusten Teil nun auf einerseits zu ergründen was in den letzten sieben Jahren passiert ist und löst andererseits dabei einen neuen Fall.

Technische Schwächen

Meinen Satz „wie weit die Technik seit 1998 gekommen ist“ muss ich jedoch gleich wieder einschränken. Während die Filmaufnahmen an sich super gemacht sind die meiste Zeit (hier und da ist doch ein Grünstich sichtbar) und dieses Mal in mindestens 2k-Widescreen daherkommen, lässt das eigentliche Spiel durchaus einiges zu wünschen übrig. Man kann definitiv sehen, dass von den 600.000 US-Dollar das meiste in die (natürlich wesentlich wichtigeren) Filmaufnahmen geflossen sind und für die Darstellung der einzelnen Umgebungen nur noch ein geringes Budget übrig blieb. In der Ego-Perspektive bewegt ihr euch durch ein völlig steriles (Charaktere erscheinen nur in den FMV-Sequenzen und nur wenige Objekte bewegen sich) und extrem detailarmes San Francisco des Jahres 2050. Die Hintergründe in den FMVs sind auch nicht viel besser. Aber da die Kamera sehr stark auf die Charaktere fokussiert ist, fällt es euch nach einiger Zeit nicht mehr wirklich auf. Die unfreiwillige Komik von damals aufgrund der Diskrepanz zwischen Schauspieler vor leerem Greenscreen und nachträglich digital eingefügter Umgebung ist aber definitiv immer noch.

Tesla Effect: A Tex Murphy Adventure (Herstellerbild)

Tesla Effect: A Tex Murphy Adventure (Herstellerbild)

Wobei sich das Spiel, wie wohl auch die Vorgänger, sowieso nicht ganz so bierernst nimmt. Tex als kompetenten Privatdetektiv zu bezeichnen ist als würdet ihr ein Mittagsessen bei McDonalds als gesund ansehen. Er ist mehr der typische Slapstick-Charakter, der unfreiwillig in die jeweiligen Situationen hineinstolpert, dabei einen mehr oder weniger flotten Spruch auf den Lippen hat und am Ende mit mehr Glück als Verstand aus der Sache wieder rauskommt. Aber genau das ist es, was Tex so liebenswert macht. Zumal er sich durchaus seiner Schwächen bewusst ist und auch gerne Mal einen Scherz auf eigene Kosten macht. Und speziell die altbekannten anderen Figuren sind nicht weniger schlagfertig als Tex.

Das klingt jetzt alles ein wenig nach einem billigen Kasperle-Theater. Aber die Entwickler schaffen trotz des Humors eine spannende und mitreißende Geschichte innerhalb der rund 8-12 Spielzeit zu erzählen eben weil die Charaktere – allen voran Tex – so interessant umgesetzt sind und man der nächsten FMV jedes Mal entgegenfiebert. Das einzige was mich etwas störte war, dass gegen Ende die Geschichte so extrem an Fahrt aufnahm, dass plötzlich die Hauptlocation im Spiel (Chandler Avenue, Tex‘s Heimat seit Teil 1) mitsamt ihren Charakteren (immerhin acht Stück) keinerlei Rolle mehr spielt. Was natürlich speziell für Veteranen sehr schade ist. Dafür ist der Wiederspielwert sehr hoch. Nicht nur gibt es fünf unterschiedliche Enden, die ihr erreichen könnt. Auch der Weg dorthin ist gut verschachtelt was die FMVs betrifft. Die Umgebungen und die Rätsel sind zwar immer gleich. Aber je nachdem wie ihr euch in den Dialogen entscheidet, läuft nicht nur die direkt darauffolgende Videosequenz anders ab, sondern auch viele weitern. So gibt es tatsächlich ganze Szenen, die ihr niemals zu Gesicht bekommt bei nur einem Durchlauf.

Das Spiel

Aber nun wirklich genug von dem ganzen Drumherum. So wichtig, integral und motivierend auch die Dialoge und damit die FMVs sind, es gibt natürlich auch noch ein Spiel außerhalb. Und das besteht hauptsächlich daraus die Umgebungen nach Interaktionspunkten, welche zu weiteren Dialogoptionen führen sowie Gegenständen abzusuchen, die miteinander kombiniert werden und/oder dann an der richtigen Stelle einzusetzen sind. Hier und da gibt es auch mal eine richtige Denksportaufgabe wie beispielsweise eine Runde Senet (ein ägyptisches Brettspiel), die ihr aber zumindest auf dem „Casual“-Schwierigkeitsgrad überspringen könnt. Dieser bietet auch eine zusätzliche Funktion für die Taschenlampe. Im Schein der selbigen seht ihr dann alle für die Geschichte relevanten Gegenstände im Raum. Ich habe jedoch auf „Gamer“ gespielt wo es solche Hilfen nicht gibt und bin trotzdem sehr gut durchgekommen und habe das höchste PI-Rating erhalten. Zwar habe ich tatsächlich 2-3 einen Walkthrough gebraucht, aber nur einmal um die Lösung des Rätsels zu finden (bzw. ich wusste was zu tun ist, aber mir war es zu doof da noch länger drauf rum zu klicken). Die restlichen Male vermisste ich irgendwo einen Gegenstand, den ich einfach nicht finden konnte. Also kurz ins Video geschaut wo er ist und dann ohne weiter.

Tesla Effect: A Tex Murphy Adventure (Herstellerbild)

Tesla Effect: A Tex Murphy Adventure (Herstellerbild)

Ja: Wie es sich für ein klassisches Adventure gehört, sammelt ihr für jede erfolgreiche Aktion im Hintergrund unsichtbar Punkte und werdet nach den Credits dann abschließend bewertet. Sterbt ihr (passiert öfters als man glauben mag), dann verliert ihr Punkte und vereinzelt (es hätte mehr geben sollen) gibt es sogar Stellen, in denen ihr durch eine Dialogwahl ein Minus erhaltet. Wenn ihr im Casual-Modus auf das Hilfesystem zurückgreift kostet euch das zusätzlich Punkte genauso wie das Überspringen von Rätseln. Auf „Gamer“ habt ihr diese Auswahl erst gar nicht zur Verfügung, wie erwähnt.

Die Steuerung geht bei alledem sehr gut von der Hand. Wenn ihr wollt, könnt ihr das komplette Spiel mit Maus und WASD bedienen. Wer es schneller will, der nutzt haufenweise Shortcuts, um mit der Umgebung zu interagieren beziehungsweise das Inventar zu öffnen oder die Taschenlampe einzuschalten. Auch innerhalb der Umgebungen kommt ihr dank einer (fast) jederzeit zur Verfügung stehenden Schnellreisefunktion fix voran. Teilweise fand ich es sogar etwas übertrieben wie viele Teleportpunkte es gibt. Von einem Ende der Chandler Avenue braucht ihr vielleicht 1-2 Minuten, wenn überhaupt und trotzdem gibt es für FAST jede Location dort eine Sprungfunktion.

Fazit

Von mir erhält Tesla Effect: A Tex Murphy Adventure 4 von 5 Sics. Der eine Sic bleibt ihm hauptsächlich aufgrund der technischen Qualität verwehrt. Abseits davon habe ich hingegen nicht viel zu bemängeln. Im Gegenteil hat mir dieser Ausflug in die Welt der FMVs wesentlich mehr Spaß gemacht als Darkstar: The Interactive Movie. Sieht man ja auch daran, dass ich es eben so schnell durchgespielt habe. Die Geschichte und die Noir-Atmosphäre sind hier einfach wesentlich besser gelungen (auch wegen der zusätzlichen Prise Humor) als das C-Movie-SciFi-Abenteuer und bietet mit Tex den wesentlich interessanteren und sympathischeren Spielercharakter als Captain John O’Neil.

Natürlich gilt damals wie heute die Einschränkung, dass man ein gewisses Faible für dieses B-Movie-Flair haben muss. Ansonsten fallen die Schwächen bei der Technik und dem Rätseldesign (=eher auf der seichten Seite) sicherlich schwerer ins Gewicht. Aber für 19,99 Euro erwartet euch hier definitiv ein unterhaltsames und unterm Strich gelungenes Adventure, das nicht nur für Veteranen interessant ist. Sprich von mir gibt es eine klare Kaufempfehlung. Zwar glaube ich trotzdem nicht, dass uns jetzt eine Renaissance der FMVs erwartet (schon allein weil auch heutzutage noch ein gewisses Können erforderlich ist was die Videoaufnahmen betrifft). Aber ich glaube fest, dass dies auf jeden Fall nicht Tex Murphys letztes Abenteuer war.

Solltet ihr nun immer noch unentschlossen sein, ob euch das Spiel liegt: Es gibt auch eine Demo. Ich halte die zwar für nicht besonders gut was die Auswahl der Umgebungen und Rätsel betrifft. Aber zumindest in Sachen FMV erhaltet ihr definitiv einen guten Eindruck von dem, was euch so erwartet.

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