Sicarius

Spielemagazine – Eine Veränderung

Cover der EDGE Ausgabe #271

Cover der EDGE Ausgabe #271

Es gibt Dinge im Leben, die sind definitiv etwas komisch. Vor gut 1 1/2 Jahren habe ich euch beispielsweise ausführlich davon erzählt, welche Spielemagazine ich noch lese. Von den sechs genannten Heften blieben am Ende nur noch zwei übrig (EDGE und Retro Gamer UK), alle anderen habe ich mittlerweile nicht mehr im Abo. So weit so gut. Was daran jetzt komisch ist?

Nun: Seit ich alleine wohne (und keine Tageszeitung mehr zur Verfügung habe), lese ich irgendwie die Magazine wesentlich gründlicher als früher beziehungsweise bräuchte eigentlich wieder mehr Lesestoff. Warum? Weil ich jeden Tag einen Artikel beim Essen lese. Wenn wir das Hochrechnen, kommen wir dabei im Schnitt in einem normalen Arbeitsmonat auf circa 34 Mahlzeiten (Wochenende auch mal Mittag und Abend). Passenderweise kommen die Retro Gamer und die EDGE circa zwei Wochen versetzt. Ich kann also erst die eine lesen, dann die andere. Ich brauche aber eben entsprechend viele Artikel im Monat (Tests überspringe ich in beiden Heften grundsätzlich) zum Konsum und ich musste leider jetzt schon öfters feststellen, dass mir das Material ausgeht bevor Neues da ist. Also beide Hefte zusammen überraschend oft weniger als 30 Reports/Features/etc. haben beziehungsweise Artikel, die lang genug sind um mich über die gesamte Futterdauer zu beschäftigen. Dann muss ich immer das doofe und kostenlose Wochenblatt durchblättern aber das reicht mir nur für eine Mahlzeit (ist ja 99% Werbung). Im Anschluss bleiben nur noch die Tests und die will ich ja wie gesagt eigentlich gar nicht lesen. Was für ein Mist. Definitiv ein absolutes Armutszeugnis der Spielepresse wie ich finde! Ein drittes Abo schließe ich aktuell aber trotzdem nicht ab. Wär‘ ja noch schöner, ihr doofen Verlage! :smile:

Doch jetzt erst einmal genug von meinen komischen Ritualen, die ich so pflege und den Erste-Welt-Problemen, die daraus entstehen. Das nächste Mal erzähle ich euch vielleicht, was ich so vor dem zu-Bett-gehen mache. Wobei…wenn ich es mir recht überlege vielleicht doch nicht. Also nicht, dass da jetzt irgendwie was Verwerfliches passieren oder so. Aber ich mache ja nicht umsonst die Vorhänge dabei zu…ähm…moment…wo waren wir? Ach genau: Bei einem GANZ anderen Thema!

Magazine im Wandel

Cover der GameStar 09/2014

Cover der GameStar 09/2014

Wie bin ich also auf das Thema Spielemagazine jetzt plötzlich wieder gekommen? Nun zum einen hat die GameStar mal wieder einen Relaunch hinter sich. Ein neuer Chefredakteur hat die Hütte betreten, hinterlässt nun seine Fußstapfen und angeblich ist es tatsächlich ganz gut was er da macht. Weg von den Tests, die sowieso nur auf eine Webseite verlinken und stattdessen ein stärkerer Fokus auf längere Reports, Features und Kommentare. Klingt definitiv interessant. Aber nicht so interessant, dass ich in den nächsten Laden renne und mir die neuste Ausgabe kaufen würde. Die GameStar müsste noch wesentlich mehr tun, um mich wieder anzulocken als einen Artikel von Christian Schmidt zu veröffentlichen, der irgendwie gefühlt nichts anderes mehr macht als nur über die deutsche Medienlandschaft zu schimpfen und mit Gunnar Lott in Kindheitserinnerungen zu schwelgen.

Zum anderen habe ich die finale Ausgabe der Making Games erhalten (kommt nur alle zwei Monate) und mit der macht Heiko Klinge was, da musste ich sofort an unseren lieben Azzkickr denken, dem garantiert gleich der Blutdruck etwas höher steigen wird. Die Überschrift des Editorials sagt im Prinzip schon alles: „Die Zukunft spricht Englisch“. Und das, obwohl das Magazin bei der Entstehung anno 2005 tatsächlich die Artikel der englischsprachigen Entwickler auf Deutsch übersetzt hat (was Klinge mittlerweile als „schon damals ziemlichen Quatsch“ bezeichnet). Das hatte sich in der Zwischenzeit aber sowieso bereits geändert. Immer mehr Texte wurden seit 2012 auf Englisch veröffentlicht und mit der aktuellen Making Games ist nun erstmals sogar die Titelstory komplett in der fremden Sprache verfasst. 2013 kam sogar eine separate Tablet-Ausgabe auf Englisch dazu und auf deren Facebook-Seite (die ich noch nie besucht habe) wird angeblich auch nicht mehr auf Deutsch geplappert. Das Branchenverzeichnis „Key Players“ ist ebenso schon länger nicht mehr auf Deutsch verfasst. Übrigens der einzige, jährliche Bestandteil des Hefts, den ich tatsächlich vermissen werde. In diesem Büchlein stehen sehr viele Entwickler und Publisher drin, die in Deutschland aktiv sind mit ausführlicher Beschreibung und inklusive Ansprechpartnern. Sehr informativ und vor allem natürlich praktisch.

Gleichzeitig wurde die ehemals deutsche Webseite des Magazins mittlerweile eingestampft und in makinggames.biz, also eine direkte Konkurrenz zu Gamasutra und der englischen GamesIndustry (die deutsche, betrieben von Computec Media, kann man in der Pfeife rauchen), umgewandelt. Von daher versteckt sich hinter der Überschrift definitiv nicht nur leeres Gerede, sondern IDG will die Making Games ganz klar noch internationaler machen.

Epilog

Cover der Making Games 05/2014

Cover der Making Games 05/2014

Selbstverständlich bekräftigt Heiko am Ende des Editorials, dass natürlich trotzdem noch „jede Menge deutsche Artikel“ im Heft zu finden sind. Und tatsächlich ist zumindest in dieser Ausgabe die Mehrheit auf Deutsch verfasst worden. Aber ich denke es ist nur noch eine Frage der Zeit bevor die Making Games die englische Ausgabe nicht nur mehr Tablet-exklusiv vertreibt, sondern sie zur Hauptattraktion ernennet (Kiosk-Verkäufe gibt es bei dem Magazin ja sowieso nicht so wirklich) – was ich persönlich für den richtigen Weg halte. Die Hauptsprache in der Spieleindustrie und auch innerhalb vieler deutscher Entwicklerteams ist nun einmal Englisch. Das lässt sich einfach nicht mehr leugnen und da hat ein rein deutsches Branchenmagazin sicherlich nicht mehr viele Wachstumsmöglichkeiten (lt. IDG hat die Making Games derzeit eine Auflage von 10.000; bei der IVW ist es leider nicht gemeldet). Im Gegenteil ist sogar die Gefahr zu groß, dass es stattdessen schrumpft. Mit dem Umstieg auf Englisch steht einem hingegen plötzlich die ganze Welt offen.

Andererseits muss ich ganz klar sagen, dass es mir nun egal ist wie sich das Magazin entwickelt. Mein Abo ist ausgelaufen und damit auch das letzte deutschsprachige Magazin aus meinem Haushalt verschwunden. Einen Grund es mir wieder zu holen habe ich derzeit definitiv nicht. Es ist zwar schön von so vielen deutschen Entwicklern zu hören aber am Ende des Tages überwiegte die fehlende Konsistenz in Sachen Artikelqualität mittlerweile die paar positiven Seiten einfach zu sehr. Ich brauche kein Heft, wo ich bei der Hälfte der Texte in der Mitte aufhöre weil sie schlecht geschrieben und/oder völlig uninteressant sind.

Und in diesem Sinne (schlechte und uninteressante Texte) verabschiede ich mich bis Montag. Dann erwartet euch an dieser Stelle eine Folge Christoph stellt vor mit dem Zombie Survival RPG Dead State als Thema.

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4 Kommentare

Also bei Christian Schmidt müsstest du treffenderweise eher auf den „Young in the 80s“-Podcast verweisen. Auch wenn das Thema Rückblick mehr und mehr ausgereizt ist, finde ich die Arbeit von Gunnar und Christian sehr unterhaltsam. Über neues reden, das kann ja im Grunde jeder ;-)

Was hälst du eigentlich von der WASD? Ich finde das Magazin eigentlich recht gut, auch wenn die Artikel natürlich stark schwanken und ich viele Ausgaben aus Zeitmangel gar nicht erst kaufe.

Den neuen Weg der GS, so wie du ihn beschreibst, fände ich goldrichtig. Dennoch muss ich sagen, dass ich wohl alleine schon wegen des Covers wenig angetan bin.

Was hälst du denn von einem Computerspiel-fremden Magazin, um die Mittagspausen zu überbrücken? Den Spiegel finde ich nach wie vor lesenswert – auch wenn ich ihn eher selten kaufe.

Achtung: Radikale Ansichten voraus!

Mir geht grundsätzlich dieser „Veteranen“-Kult mittlerweile ein wenig auf den Geist. Ich verstehe, dass man das Gefühl hat sie zu kennen und sich entsprechend leichter tut ihre Empfehlungen einzuordnen. Das ist ja auch praktisch. Wir reden aber auch von einer extrem übersichtlichen Gruppe von Leuten, die zum einen immer wieder die gleichen zwei Anekdoten erzählen und zum anderen finde ich von manchen die Texte oft mitunter sogar schlechter beziehungsweise genauer gesagt liebloser als so manches was vom jungen Blut verfasst wird weil sie wesentlich stärker auf den Kosten/Nutzen-Faktor versteift sind („ich krieg für den Text nur 2 Euro [übertreibung], also streng ich mich auch nicht mehr an“), sprich es für sie einfach Arbeit ist und nichts anderes. Natürlich völlig verständliche und legitime Einstellung, sie passt aber halt so überhaupt nicht zum „Elite-Texte-Schreiber“-Status, den sie von den Lesern verliehen bekommen nur weil sie schon vor 20-30 Jahren im Geschäft waren. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass sich viele Redakteure dann auch nicht trauen wie bei anderen Autoren an die Texte ranzugehen und sie auf Vordermann zu bringen.

Zur WASD: Die Printausgabe kenne ich nicht. Aber was ich online bislang so gelesen und an Videos geschaut habe, gefällt mir einfach nicht und ist teilweise sogar extrem stümperhaft und schlecht. Sag ich ganz ehrlich. Ich habe im anderen Artikel damals zur elektrospieler geschrieben: „nichts anderes als eine Hochglanzbroschüre mit Texten, die sich irgendwo zwischen Test- und bemüht pseudo-philosophischen Erlebnisbericht einordnen“. Für mich ist die WASD genau das Gleiche nur mit weniger Bildern (wobei wohl auch einige Autoren der elektrospieler bei WASD mitmachen). Ich habe das Gefühl, dass diese Art von Magazin beziehungsweise auch viele der dazugehörigen Elite-Blogger es dem klassischen Feulliton nachmachen wollen und das ist meiner Meinung nach der völlig falsche Weg. Mit dem geht es ja bekanntlich auch bergab, weil die dortigen Journalisten so hartnäckig gegen die Realität ankämpfen.

Die EDGE zeigt eindrucksvoll, dass es durchaus möglich ist tiefgründige Artikel zu verfassen, die sich auch mit Symbolik, kulturer Einordnung und dergleichen von Spielen beschäftigen ohne gleich draus die nächste Ego-Reportage ausgeschmückt mit ein paar hochtrabenden Worten aus dem aktuellen „Wort-des-Tages“-Kalender zu machen. Dort arbeiten offensichtlich noch Journalisten, die tatsächlich das schreiberische Können/Ausbildung und die Ahnung von der Materie haben und nicht nur als einzige Qualifikation ein 1er Abitur und/oder ein Deutschstudium vorzuweisen haben.

Ich sage selbstverständlich nicht, dass ich es besser kann. Mein Geschreibsel ist definitiv höchstens in der Mittelklasse anzusiedeln, wenn überhaupt. Ich behaupte aber im Gegensatz zu diesen Schreiberlingen auch nicht das Gegenteil und plustere mich nicht in jedem Gespräch als der Heilsbringer der deutschen Spielepresse auf. Eben genau wie die klassischen Feuilleton-Journalisten es für ihre Bereiche auch tun.

Zum Lese-Thema: Mit Videospiel-fremden Magazinen kann ich extrem wenig anfangen. Die Ratio zwischen „interessiert mich“ und „interessiert mich nicht“ (den ganzen Kulturteil des Spiegels zum Beispiel) ist da viel zu oft zu weit auf der falschen Seite. Ich blättere mal im Wartezimmer drin aber sowas wie einen Spiegel abonnieren würde ich eher nicht. Am meisten Chancen hätten noch Spezialmagazine aus anderen Bereichen also eine GEO oder irgendein Filmmagazin. Keine Ahnung. Vielleicht doch wieder die iX holen. Da hab‘ ich zwar nur die Hälfte verstanden aber immerhin war es spannend :smile: .

In vielen Punkten hast du sicher Recht. Klar laufen die „Veteranen“ Gefahr, sich zu ernst zu nehmen. Bei manchem „Veteranen“-Artikel auf GG beispielsweise sehe ich keinen Unterschied zu den jüngerer Autoren. Manchmal – wie du auch beschrieben hast – verhält es sich auch so, dass solche Artikel „0815“ und lustlos rüberkommen.

Das sich bei den normalen Artikeln jenseits der Tests in vielen Magazinen eine Schwemmme von „Ego-Artikeln“ eingestellt hat liegt wohl an der Natur der Sache. Es gibt aber auch lesenswerte Artikel und sicher kann auch ein Artikel in diesem Stil gut sein.

Das was Christian Schmidt da damals geschrieben hat, finde ich übrigens gut. Letztlich verschiebt sich bei dem normalen Erwachsenen ja irgendwann aus Zeitgründen der Focus vom „immer aktuelles haben müssen“ hin zu anderen Prioritäten. Testberichte braucht man bei seiner Domäne dann auch nicht immer sofort.

Intelligente Artikel und interessante Reportagen fabriziert man zu so einem engen Themenfeld vermutlich auch nicht monatlich auf hohem Niveau. Es mag sein, dass eine Edge in die Richtung geht, aber das klar auf Kosten der Plattformspezifität. Ich brauche keine Artikel zu Spieleplattformen, die ich nicht habe und auch nie gespielt habe. Darum interessiert mich die Zeitschrift auch eher nicht.

Insgesamt denke ich, dass an Computerspielen an sich einfach nicht genug Substanz ist, um konstant hochwertige Inhalte abseits von Tests zu machen, die zudem bezahlbar und für eine breite Masse interessant sind. Das ist ja ähnlich wie bei Kinozeitschriften. Nur, dass es da noch Schauspieler gibt, die man verwerten kann. Programmierer oder Designer eignen sich dafür eher selten. Aus meiner Sicht ist also die Erwartungshaltung an sich schon das Problem. Es ist zwar nicht so, dass man aus Stroh Gold machen müsste, um sie zu erfüllen, aber das Spielethema ist auch kein ungeschliffener Rohdiamant, den nur noch keiner richtig verwerten konnte.

Das ist zumindest meine Meinung :wink:

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