Sicarius

Kulturschock

Wie der Name schon sagt, gibt es im Staatstheater Darmstadt natürlich nicht nur Konzerte, sondern eben auch Theater. Vorletztes Wochenende haben wir es auch endlich geschafft mal eine solche Vorführung zu besuchen. Und zwar waren wir bei der Uraufführung von Die beste aller möglichen Welten vom Münchner Theaterkollektiv ROTHEATHER.

Déjà-vu

Der Ewige Krieg (Cover)

Der Ewige Krieg (Cover)

Als wir die Tickets für dieses Kammerspiel gekauft haben, wussten wir nicht einmal ansatzweise was uns erwartet. Während der Vorstellung kamen mir dann aber doch so einige Sachen bekannt vor. Begriffe (Kollapsare), Orte und Personen (Marygay, Taurier) hatte ich schon einmal irgendwo gelesen. Mir fiel nur der Name nicht ein. Eine Google-Suche offenbarte mir aber dann doch ziemlich schnell, dass es sich die Künstler hinter Die beste aller möglichen Welten mehr als nur großzügig beim Science-Fiction-Klassiker Der Ewige Krieg von Joe Haldeman bedient haben.

Zur Erinnerung: Der Soldat William Mandella wird in einen Krieg gegen die Taurier geschickt. Da dieser irgendwo am Rande des Universums ausgetragen wird, werden Kollapsare genutzt, um dahin zu gelangen. Nachteil dieser Phänomene: Was einem nur als Tage/Wochen vorkommt sind in der Realität Jahre/Jahrzehnte. Entsprechend steht er bei jeder Rückkehr zur Erde vor einer komplett veränderten Menschheitssituation.

Ein…komisches Erlebnis

Zwar wurden in den rund 60 Minuten nur die wichtigsten Stationen aus dem Buch erzählt und diese mit eigenen Kreationen verquickt. Aber in der Essenz lauscht ihr quasi einer Vorlesung. Visuell wird tatsächlich nur äußerst wenig geboten und das was gezeigt wird, ist eher von surrealer Natur. Da wird beispielsweise Samuel Koch als Mandella aus seinem Rollstuhl in eine Art Zentrifuge geschnallt und listet anschließend allerlei Kriege der Menschheitsgeschichte und ihren Ausgang („Jahr 57 vor Christus – Rom besiegt Gallien; Britannien besiegt Rom; etc.“) auf während er sich in alle Richtungen dreht. Auf dem Bildschirm werden gleichzeitig Drohnenflüge durch Häuserruinen gezeigt. Oder Jana Zöll als Marygay erzählt von den Geschehnissen an der Front während sie alte Briefmarken unter einen Tageslichtprojektor hält. Am Ende bleibt man in einem Status von „erschreckter Verwirrung“ zurück (das Kammerspiel hat anders als das Buch kein wirkliches Happy End) und weiß nicht so recht, ob man das Gesehene nun gut oder schlecht finden soll.

Ach und ja: Bei Samuel Koch handelt es sich um „den“ Samuel Koch. Ihr wisst schon: Der ehemalige Sportler, der 2010 bei einer Wette bei Wetten, dass…? schwer verunglückt war und seitdem querschnittsgelähmt ist. Er hat sich wohl zum Schauspieler umgeschult. Habe ich aber auch erst später erfahren als ich ein Interview mit ihm gelesen habe und mir bei den Fotos dachte „Hey, den Typen hast du doch am Wochenende gesehen?“. Ist am Ende des Tages auch nicht weiter wichtig. Es ist nur insofern interessant, da seine Mitstreiterin Jana Zöll ebenso im Rollstuhl sitzt.

Beim Christoph meint: Es war okay und definitiv (für mich) mal was anderes. Aber noch einmal sehen muss ich das Stück nicht und auch so recht weiterempfehlen kann ich es nicht. Dafür fehlt mir irgendwo der tiefere Sinn und vor allem der Grund für dieses Kammerspiel, da wie gesagt das meiste einfach nur erzählt wird und visuell nur extrem wenig Mehrwert geboten wird. Mein Rat ist deshalb tatsächlich lieber Der Ewige Krieg zu lesen. Es ist nicht umsonst ein Klassiker und mit 336 Seiten auch ein eher übersichtlicher Titel.

Musikwechsel

Die Ruhe vor dem Sturm/Konzert

Die Ruhe vor dem Sturm/Konzert

Anders sah es aus beim 6. Sinfoniekonzert vom Staatsorchester Darmstadt. Das war aus meiner Sicht das bislang beste Konzert, das ich in Darmstadt besucht habe und zwar aus zwei Gründen: Zum einen war es etwas modernen als sonst und zum anderen war das moderne Zeug nicht unterirdischer Scheißdreck (um es mal deutsch auszudrücken), sondern tatsächlich wohlklingend.

Zur Erläuterung: Zwar mag ich auch meinen Bach und meinen Mozart, bin aber definitiv genauso offen für Neues. Das Problem ist nur meistens, dass dieses „Neue“ aus irgendeinem Grund gefühlt immer so disharmonisch und Sinnfrei daherkommt. Ich erinnere mich beispielsweise an ein Konzert, glaube in Nürnberg war das noch, mit einer Uraufführung eines Klavierstücks. Das klang als würde eine Katze über die Tasten laufen. Total bescheuert. Und so sind irgendwie sehr viele Stücke aus den letzten 100 Jahren. Man könnte fast meinen die altehrwürdigen Komponisten hätte schon alles auf Papier gebracht, was sich mit harmonischen Klängen machen lässt. Nene.

Nettes Hörerlebnis

Dieses Mal gab es zum Einstieg hingegen das Stück Musique du Table von Thierry de May und ja, der Name „Tischmusik“ ist wortwörtlich zu sehen. Da sitzen drei Schlagzeuger auf der Bühne, vor sich jeweils ein Holzbrett und machen gut 10 Minuten nichts anderes als mit den Händen darauf (erfreulich harmonische) Geräusche zu erzeugen. Sah nicht nur interessant aus, klang auch so. Klar: Eine CD damit würde ich mir jetzt auch nicht wirklich kaufen (zumal genau da das visuelle fehlt). Aber es war um Längen besser als dieses bescheuerte Stück Poème Symphonique For 100 Metronomes von György Liget, in dem einfach 100 Metronome solange Krach machen bis sie keine Kraft mehr haben.

Der erste Hauptteil des Konzerts war dann die Carmen-Suite von Rodion Schtschedrin. Die Oper Carmen von Georges Bizet dürfte ja den meisten ein Begriff sein, auch wenn sie vermutlich die wenigsten gesehen haben (ich inklusive). Beim Konzert klang es auf jeden Fall stark nach (sehr guter), italienischer Filmmusik. Man könnte schon fast in Richtung Western denken. Auf jeden Fall viel Dramatik, viele (zumindest mir) relativ bekannte Motive und eine Geschichte, die nur über die Musik erzählt wird. Das hat mir richtig gut gefallen – und war doch noch nicht der Höhepunkt des Konzerts.

Der kam nach der Pause in Form der Carmina Burana – Cantiones profanae von Carl Orff. Da wurde dann alles rausgeholt was Darmstadt zu bieten hat. Der volle Chor (inkl. Kinderchor), das volle Orchester und gleich drei Solosänger. Als das erste Stück, O Fortuna! (habt ihr garantiert schon einmal gehört), durch den Saal krachte, habe ich massive Gänsehaut bekommen. So dermaßen genial mit dem riesigen Chor und dem riesigen Orchester. Und auch der Rest der 23 Stücke konnte locker mithalten. Nur die Solosänger…die wirkten etwas teilnahmslos, interagierten nicht wirklich miteinander (dabei geht es doch wie üblich um Frauen, Liebe und dergleichen) und zumindest der Bariton hatte keine wirklich kräftige Stimme. Trotzdem: Einfach ein genialer zweiter Konzertteil und damit wirklich zweieinhalb geniale Stunden Unterhaltung. Hoffen wir mal, dass das Saison-Finale (das 8. Sinfonieorchester) im Juli da mithalten kann. Meine Erwartungen sind jetzt durchaus hoch.

Beim Christoph meint: Besucht Sinfoniekonzerte in eurer Umgebung! Es lohnt sich und die Wahrscheinlichkeit, dass es euch gefallen wird, ist durchaus hoch. Also zumindest, wenn ihr klassischer Musik nicht grundsätzlich abgeneigt seid. Die Preise sind auch im Vergleich zu einem Metallica-Konzert erträglich.

Bis Montag!

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