Sicarius

Kickstarter – Fünf Jahre später

Die langerwartete Box

Um das ganze Thema „Crowdfunding“ ist es mittlerweile durchaus sehr ruhig geworden. Nicht etwa, weil der Trend schon wieder abgestorben ist. Nein einfach deshalb, weil er mittlerweile zur Normalität geworden ist. Entweder man macht mit oder man macht halt nicht mit. Es kräht kein Hahn mehr wirklich danach. Kein Wunder: Die Kampagne zum Double Fine Adventure namens Broken Age ist auch schon wieder fast fünf Jahre her.

Seitdem ist der Hype zwar massiv abgeflaut aber es gibt immer noch viele Projekte, die nur dank Kickstarter & Co. überhaupt auf den Markt kommen. Natürlich noch viel mehr, die dort nicht erfolgreich sind. Und freilich ebenso die Titel, die trotz Crowdfunding-Erfolg irgendwie immer noch nicht erschienen sind. Ja, auf die Box von Broken Age haben alle sehr lange warten müssen. Aber in meiner Übersicht stehen definitiv noch mehr 2012er Kampagnen, die bis heute noch nicht 100% abgeschlossen sind. Einige davon werden es wohl auch nie sein. Aber das ist nun einmal das Risiko beim Crowdfunding. Es ist am Ende des Tages eben nur eine Spende und keine Vorbestellung. Warum das so mancher immer noch nicht kapiert hat, will mir nicht in den Kopf gehen.

Der alternative Weg

Es ist für mich auf jeden Fall sehr cool mit anzusehen, dass sich einige Leute dank Crowdfunding erfolgreich ihre Nische geschaffen haben und damit Dinge produzieren, die richtig gut sind. Damit meine ich selbstverständlich nicht nur Spieleentwickler auch wenn ich es durchaus erfreulich finde, dass Leute wie Brian Fargo (inXile Entertainment – Wasteland 3), Swen Vincke (Larian Studios – Divinity: Original Sin) oder die Jungs von Obsidian (Pillars of Eternity II) und Stoic Studio (The Banner Saga) nicht nur mehr Freiheiten haben IHR Spiel mit IHRER Vision zu entwickeln (der Publisher erfüllt nur noch die Funktion, die er anfangs hatte – das Vertreiben des Titels), sondern parallel viel positive Bestätigung für ihre Arbeit erhalten, weil das Ergebnis am Ende richtig gut geworden ist.

Mal abgesehen davon, dass die Community ein größeres „Besitzgefühl“ dadurch entwickelt, weil sie mehr oder weniger aktiv mitgewerkelt haben. Wie schrieb Swen Vincke nach der Veröffentlichung von Divinity: Original Sin so schön? „We couldn’t have achieved this level of success without the help of all our Kickstarter backers“.

Neben den Spielen finde ich aber vor allem im Buch- und Musikbereich mittlerweile viel Hochwertiges, was es ohne Crowdfunding wahrscheinlich nicht gegeben hätte. Die beiden Verlage Read-Only Memory (The Bitmap Brothers: Universe) und Bitmap Books (Generation 64) sind gute Beispiele für viele interessante Projekte, die am Ende zu hochwertigen und interessanten Büchern über die Spieleindustrie werden, die den Markt (und mein Wissen) massiv bereichern. Aber auch einzelne Sachen wie das mega-interessante A History of the Great Empires of EVE Online von Andrew Groen oder die englischen Übersetzungen der ziemlich einzigartigen Hinter-den-Kulissen-von-Spielen-Büchern von Third Edition Books. Von den ganzen Webcomics, die dank Crowdfunding überhaupt erst in physikalischer Form veröffentlicht wurden ganz zu schweigen. Letzteres ist aber vermutlich wirklich nur für verrückte Sammler wie mich interessant :smile: .

Die Anklage

Ein Teil meiner Crowdfunding-Sammlung

Bei den „Wiederholungstätern“ unter den Crowdfunding-Projekten kommt freilich gerne der Vorwurf auf, warum sie denn schon wieder den Leuten das Geld aus der Tasche ziehen. Ihr vorheriges Produkt war doch so erfolgreich, da könnten sie den Nachfolger doch sicherlich mit den Gewinnen finanzieren. Ich teile diese Meinung logischerweise nicht. Zum einen kann selbst bei einem erfolgreichen Projekt am Ende nicht genug für den Nachfolger übrigbleiben, schließlich gibt es mehrere Varianten von Erfolg – der finanzielle kann durchaus trotzdem ausbleiben. Es geht aber auch nicht unbedingt nur darum das Projekt überhaupt über die Bühne zu bringen. Im Gegenteil heißt es in diversen Nachfolger-Crowdfunding-Kampagnen klipp und klar, dass ein Grundbetrag bereits vorhanden ist und das Produkt auf jeden Fall erscheinen wird mit oder ohne Erfolg der neuen Kampagne.

Mit dem zusätzlichen Geld und vor allem der zusätzlichen Aufmerksamkeit kann der Hersteller aber nun einmal noch ein Quäntchen mehr Qualität herauskitzeln bzw. wieder die Community stärker mit einbinden. Und diesen Ansatz finde ich super. Vor allem deshalb, weil ansonsten die ganzen Leute am Ende jammern würden, warum der Nachfolger nicht 100mal besser ist oder eine ähnliche Kritik. Aber auch, weil er seinen gewünschten Effekt hat. Natürlich hätte Sam Dyer (Bitmap Books) nach dem Erfolg von Commodore 64: a Visual Compendium alle weiteren Bücher aus eigener Tasche produzieren können. Sie wären jedoch nicht annähernd so umfangreich geworden wie sie es nun dank der (massiv) überfinanzierten Kickstarter-Kampagnen. Da habe ich als Käufer doch nur Vorteile: Ich weiß, dass der Anbieter schon mehrere Kampagnen erfolgreich durchgeführt und abgeliefert hat. Ich kenne die Qualität, die er bietet und ich kriege gleichzeitig mehr für den gleichen Preis. Das einzige Negative bleibt, dass ich ihm das Geld vorab geben muss. Und ja: Natürlich könnte trotz der ganzen Erfahrung das aktuelle Projekt in die Hose gehen. Dennoch unterstütze ich in so einem Fall bereitwilliger als bei einem unbeschriebenen Blatt. Das seht ihr logischerweise auch an meiner Crowdfunding-Übersicht, die mittlerweile gefühlt nur noch von Nachfolgern erweitert wird :smile: .

Fazit

Eine aktuelle Kampagne, die ich unterstütze

Was lässt sich also nach fünf Jahren Crowdfunding sagen? Nun, die Masse an Mist ist freilich nicht weniger geworden. Die Erfolgschancen stehen allerdings schlechter für sie, denn das Absterben des Hypes hat dazu beigetragen, dass die Köpfe auf beiden Seiten etwas kühler geworden sind. Plus natürlich dank der vielen Sicherheitsmaßnahmen, die aufgrund der Anfangsprobleme von den Crowdfunding-Plattformen eingeführt wurden. Dadurch ist eindeutig die Qualität angestiegen und die Wahrscheinlichkeit, dass das Finanzierte auch tatsächlich erscheint. Bei mir ist beispielsweise 2015/2016 nichts mehr dabei was nicht entweder schon da ist (vor allem bei Büchern geht es mittlerweile sehr fix) oder wo ich sagen würde, dass es niemals kommt. Und auch wenn der eine oder andere Rohrkrepierer dabei war: Insgesamt bin ich mit dem Ausstoß der letzten fünf Jahre sehr zufrieden.

Es ist natürlich weiterhin nicht jedermanns Sache und am Ende des Tages gibt es die vollständige Sicherheit nur, wenn man mit dem Kauf bis nach dem Release wartet. Aber ich finde es sehr gut, dass sich Crowdfunding als echte Alternative zum klassischen Publisher-Verhältnis im Mainstream etabliert hat und so nicht nur Innovationen gefördert werden, sondern auch einfach bessere Produkte, weil sie ohne großen Marktdruck entstehen können.

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