Sicarius

Das Crowdfunding-Jahr 2012

Eine schicke Eurobox

Letzte Woche war es mal wieder soweit: Zwei Pakete wurden von der Post geliefert und damit waren zwei weitere Crowdfunding-Projekte für mich erfolgreich abgeschlossen. Das erste Paket enthielt das Buch SNES: A Visual Compendium. Dessen Crowdfunding-Kampagne fand 2017 statt und es ist das mittlerweile fünfte über Kickstarter finanzierte Werk des Verlags Bitmap Books.

Das zweite Paket enthielt amüsanter Weise die physische Box von Grim Dawn. Ja, obwohl das Hauptspiel schon Anfang 2016 veröffentlicht wurde, fehlten die Goodies noch. Der Kickstarter dazu fand sogar schon 2012 statt (die 11. Crowdfunding-Kampagne, die ich je unterstützt habe). Und ja, ich bin weiterhin einer dieser komischen Typen, der nur sehr wenige Spielekampagnen unterstützt, wo es nicht auch eine physische Box dazu gibt.

Erfolgsgeschichte?

Grim Dawn ist aber bei weitem nicht die einzige Kampagne von 2012, bei der ich noch auf die Erfüllung warte. Unterstützt hatte ich damals, zur Hochzeit des Crowdfunding-Booms, satte 58 Projekte (das meiste waren irgendwelche Videospiele). 12 davon konnten das anpeilte Ziel nicht erreichen, bleiben 46 theoretisch erfolgreiche Projekte. Und wie viele davon sind tatsächlich 100% abgeschlossen, sprich das Spiel ist erschienen und ich habe mittlerweile alle Goodies erhalten (unabhängig davon, wie lange es gedauert hat am Ende)? 30 Stück.

Immerhin 65% könnte man es positiv formulieren. Bei fünf weiteren Kampagnen ist zumindest das eigentliche Produkt fertig gestellt worden. Es fehlen „nur noch“ die Goodies. Die Chance, dass die noch eintreffen ist bei drei dieser fünf Projekten aber praktisch null. Bei den anderen zweien besteht zumindest noch eine realistische Chance. Belieben noch 11 Projekte. Weitere fünf davon sind immerhin in irgendeiner Form (Alpha, Beta, Early Access) für mich schon spielbar (ja, darunter auch Star Citizen) und die Kommunikation von Seiten der Entwickler ist weiterhin vorhanden. Nur eines wird wohl nie fertiggestellt: Nekro. Einer der paar Dungeon Keeper-Inspirationen mit interessanten Ideen, die anfangs auf Kickstarter aufgepoppt sind.

Böse Partner

Ein Screenshot aus Nekro

Viel fehlt bis zum Release von Nekro laut dem einzigen kommunikativen Entwickler wohl nicht mehr. Und ich kann tatsächlich bestätigen, dass es bereits sehr gut und fast vollständig spielbar ist. Als das Projekt in die Early-Access-Phase eingetreten ist (und anscheinend auch gut Geld gemacht hat), meinte der zweite Gründer von darkFroge, dass er das Geld alleine verdient hat. Gleichzeitig machte er aber keine Anstalten es dazu zu benutzen, das Spiel zu Ende zu entwickeln. Und wenn sich zwei streiten, kommt am Ende kein fertiges Projekt raus. Das Ergebnis ist ein Titel, den nur Leute spielen können, die rechtzeitig vor der Entfernung aus dem Steam-Shop ihren Key eingegeben haben. Von den physischen Goodies, die niemals das Licht der Welt erblicken werden, will ich erst gar nicht anfangen…

Und damit sind wir bei den verbliebenen sechs Projekten angekommen. Das berühmteste darunter dürfte Neal Stephensons Clang sein, das eine historisch Schwertkampfsimulation werden sollte. Am Ende kam nur ein Prototyp raus und das Thema wurde immerhin offiziell eingestellt. Drei weitere Projekte zeigen zumindest ein gewisses Level an Aktivität (ironischerweise sind alle drei Point & Click-Adventure) mit zwar teilweise größeren Abständen zwischen den Updates aber immerhin sichtbare Fortschritten (oder glaubwürdigen Ausreden). Es ist halt wie es am Anfang der ganzen Crowdfunding-Blase war: Man hat die benötigten Ressourcen völlig unterschätzt. Und vor allem ein Indie-Entwickler kann sich halt nicht so einfach woanders Geld holen. Also wird nur noch in der Freizeit weitergearbeitet.

Das vorletzte Projekt, eine Dokumentation über Dungeons & Dragons, zeigt zwar keine offizielle Aktivität mehr. Man kann aber dank des amerikanischen Justizsystems mitverfolgen was gerade ansteht (alles online einsehbar – da könnte sich unser Rechtsstaat mal eine Scheibe davon abschneiden). Hier haben sich die ursprünglichen Partner nämlich auch verkracht mit dem Ergebnis, dass einer davon eine zweite Crowdfunding-Kampagne zum exakt gleichen Thema startete (mit Erfolg). Jetzt wird darum gestritten, ob das zulässig war und ob er Inhalte von der ersten Doku in seine zweite übernommen hat und so. Der Rechtsstreit dauert seit 2014 an. Die bislang letzte Aktivität war Mitte Dezember 2017. Wird sich also noch hinziehen…

Ewige Entschuldigungen

Was für ein hässliches Cover…

Und dann wäre da zu guter Letzt noch der Autor von High Score, Rusel DeMaria, der offensichtlich nicht so ganz verstanden hat wie die Zeiten heutzutage sind. Es ist nicht so, dass er keine Erfahrung im Schreiben hätte – immerhin 60 Bücher (darunter viele Lösungsbücher) hat er vor allem in den 90igern veröffentlicht. Seine Idee war es entsprechend die 3. Edition seines Lexikons über die Geschichte von Videospielen einfach über Crowdfunding zu finanzieren und dann selbst zu veröffentlichen. Das Ergebnis ist, dass das Buch immer noch nicht wirklich von angefangen wurde.

Das Kickstarter-Geld war ziemlich schnell weg, stattdessen hat er zuerst versucht seine Recherchereisen in Blogform zu hinterlegen und Eintritt zu diesem Blog zu verlangen, anschließend gab es sehr weit auseinanderliegende Updates voller Jammerei. Von wegen, wie schwer es doch ist heutzutage an die Insider-Infos zu kommen, weil er keine Kontakte mehr hat. Dann kam eine Krankheit dazwischen bevor er anfing etwas anderes zu machen. Zuerst hat er die ersten beiden Editionen von High Score etwas aktualisiert und als eBook neu veröffentlicht. Dann hat er zwei Bücher über die Entwicklung der Xbox geschrieben. Alles mit dem Ziel Geld zu verdienen, wieder Kontakte in die Branche zu bekommen und dann endlich High Score – 3rd Edition schreiben zu können.

Ich unterstelle Hr. DeMaria absolut keine böse Absicht. Aber es ist eindeutig, dass er extrem naiv an die Sache rangegangen ist und ich habe extrem wenig Hoffnung, dass sich hier noch etwas tut. Immerhin: Wir 416 Unterstützer (ja, 2012 waren auch die kleinen noch erfolgreich) haben seine drei eBooks kostenlos als Entschädigung bekommen. Mal schauen wann ich dazu komme die 800 Seiten von Game of X zu lesen. Komme ja schon nicht zu den gedruckten Büchern. Wie soll ich da noch mein digitales Zeug schaffen? :smile: .

Zusammenfassung

Fassen wir also noch einmal zusammen: 2012 habe ich 58 Projekte unterstützt, von denen 46 erfolgreich ihr Geld gesammelt haben (und meist mehr). 30 Stück sind abgeschlossen, weitere 10 sind zumindest spielbar, bei 4 Stück ist immerhin noch Kommunikation und Fortschritt vorhanden, eins wurde offiziell eingestellt und nur bei einem ist der Status tatsächlich komplett unklar. Ganz ehrlich: Bevor ich diesen Eintrag angefangen habe, dachte ich, die Rohrkrepiererquote wäre höher. Vermutlich denke ich da mehr an 2013… :smile: .

Allerdings haben wir noch nicht die eigentlich entscheidende Zahl betrachtet: Wie viele von den 35 nutzbaren (abgeschlossen oder es fehlen nur noch ein paar Goodies) Projekten aus dem Jahre 2012 waren am Ende tatsächlich ihr Geld wert? Nun, tatsächlich die meisten würde ich sagen. Richtig bereut habe ich es ausschließlich die Ouya unterstützt zu haben. Da habe ich mich einfach vom Hype mitreißen lassen. Die Pebble wollte ich zwar am Ende auch nicht mehr haben, da habe ich aber meinen kompletten Einsatz wieder erstattet bekommen insofern hege ich hier kein böses Blut.

Weitere schlechte Beispiele

Legends of Aethereus (Herstellerbild)

Vom Ergebnis her ihr Geld nicht wert waren aus meiner Sicht außerdem der Taktik-Shooter Takedown: Red Sabre, das Journalistenbuch Up Up Down Down Left Write, das Pseudo-MMO-Rollenspiel Legends of Aethereus (auch hier sind die Entwickler vom Erdboden verschwunden – immerhin erst nach der Veröffentlichung) und tatsächlich Tropes vs. Women in Video Games.

Letzteres war weniger den Inhalten geschuldet – wenn mal ein Video kam, fand ich es gut -, sondern eher, dass Fr. Sarkeesian das Projekt aus meiner Sicht relativ schnell als lästig angesehen hat und nur noch „Dienst nach Vorschrift“ dafür machte. Sie hat stattdessen den Erfolg und die Aufmerksamkeit, die sie durch den Kickstarter bekommen hat, dafür verwendet ihre eigentliche Webseite Feminist Frequency aufzumotzen und zu pushen. Das fand ich sehr schade. Sie wollte sich am Ende sogar davor drücken die physischen Goodies rauszuschicken („sind die nicht total out heute?“). Nach etwas Protest kam immerhin ein USB-Stick (statt der versprochenen DVD) mit den Episoden in hoher Qualität… Ne, so interessant die Videos und so wichtig die dadurch angestoßene Debatte auch war – nochmal bekommt die Dame von mir kein Geld.

Epilog

Mittlerweile unterstützte ich nur noch wenige Crowdfunding-Projekte (2017 waren es 11 Stück) und wenn, dann nur noch Sachen, wo ich mir relativ sicher bin, dass etwas Gutes dabei rauskommt. Das betrifft vor allem Wiederholungstäter wie der oben erwähnte Publisher Bitmap Books. Da weiß ich nicht nur, was mich erwartet. Ich kann mir außerdem sicher sein, dass ich das Produkt mit allem Drum und Dran am Ende auch erhalte. Und ich muss sagen: Diese Strategie funktioniert bislang sehr gut.

In diesem Sinne: Bis Montag!

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Ein Kommentar

Ich habe eigentlich immer nur PC-Spiele unterstützt. Das mache ich seit geraumer Zeit nicht mehr, weil die Preise für die digitale Kopie des Spiels dann in der Regel deutlich über 20$ liegen. Das finde ich in Anbetracht der Tatsache, dass es „Wagniskapital“ ist und man weder für das Erscheinen, noch für die Qualität eine Garantie hat, völlig überzogen.

Wasteland 2 passte etwa, ebenso Giana Sisters. Der Rest wird dann halt auf einen Steam-Sale warten müssen… oder oft auch bis er schwarz wird – weil die Qualität halt am Ende nicht gestimmt hat.

Physische Goodies brauche ich nicht. Gerne ein gutes Handbuch… aber dafür warte ich dann nicht wochenlang darauf, loslegen zu können.

Podcasts o.ä. dagegen unterstütze ich bei Patreon gerne.

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