The Witcher

 

Review

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Version 1.2

 

Geralt von Riva ist ein Witcher. Eine Art Mutant, der von den Frauen verehrt, von Monstern gefürchtet und von den Menschen verachtet, aber dennoch gebraucht wird.  Seine Geschichte stammt aus der Feder des berühmten polnischen Fantasyautors Andrezej Sapkowski und bildet gleichzeitig auch den Rahmen des Rollenspiels des bislang unbekannten polnischen Entwicklerstudios CD Projekt RED.

Amnesie

Schon das Intro, das sich vor Blizzards Werken keines Falls verstecken muss, macht Lust auf mehr. Allerdings liegt zu Beginn der Zusammenhang zwischen Intro und Spiel im Dunkeln. Aber auch Geralt weiß nicht mehr so recht was eigentlich los ist, denn er leidet unter Amnesie. Eine gute Ausrede für die Entwickler, um einerseits den Witcher all seiner Kräfte zu berauben und andererseits auch Spielern, die die Romanvorlage nicht kennen, behutsam in die komplexe Welt hineinzuführen. Kenner der Vorlage werden aber dennoch nicht enttäuscht, denn das Spiel setzt sehr nahe am Ende des letzten Romanes (Pani jeziora – Lady of the Lake) an.

Wer aber nun ein schwarzweißes Fantasyreich erwartet, in dem die Menschen, Elfen und Zwerge fröhlich durch die Wälder tanzen, wird schnell eine böse Überraschung erleben. Es wird dem Spieler sofort klar gemacht, dass es ihn in eine raue und vor allem fremdenfeindliche Umgebung verschlagen hat. Spätestens sobald man im zweiten Akt in die Hauptstadt des Reiches gelangt, wird klar, dass hier noch tiefste, mittelalterliche Verhältnisse herrschen. Das Armen- und Ausländerviertel wird dominiert von Prostituierten, Schlägern und Drogenabhängigen – ein krasser Kontrast zum Handelsviertel, in das man dann im dritten Akt gelangt mit seinen reichen Einwohnern.

Ursache und Wirkung

Aber das Spiel lebt nicht nur von dieser erwachseneren Welt, in der die Bewohner glaubwürdig ihrem Tagewerk nachgehen und Geralt nicht davor zurückschreckt vor einem Kind Sex zu haben. Viel wichtiger ist das Zusammenspiel zwischen dem Witcher und den unterschiedlichen und individuellen Gestalten (besonders den Frauen). Wie in jedem Rollenspiel geben diese dem Witcher Aufgaben und unterhalten sich mit ihm in voll vertonten Multiple-Choicegesprächen. Die Aufgaben sind dabei nicht nur abwechslungsreich gestaltet, sondern auch in den meisten Fällen mit interessanten Geschichten und Charakteren verknüpft. Geralts Handlungen beeinflussen dabei nicht nur die direkt betroffene Umgebung, sondern können auch langwierige Auswirkungen haben.

Oft trifft der Spieler so unbewusst Entscheidungen, die im ersten Moment gut erscheinen und das aktuelle Ziel erfüllen aber später dann dazu führen, dass unter Umständen eine ganze Reihe von Quests nicht zur Verfügung stehen, oder andere Quests sich nicht zufriedenstellend abschließen lassen. Es muss also jedes Wort und jede Tat genauestens überlegt werden. Die „richtige“ Entscheidung gibt es nicht. Welches der Enden man zu Gesicht bekommt, entscheidet sich nicht erst kurz vor Ende des Spiels, sondern während des gesamten Spielverlaufs.

Uffs Maul! 

Natürlich beschränkt sich Geralt nicht auf seine von Natur aus hohe Redegewandheit, sondern greift als geübter Monsterschlächter auch sehr oft auf rohe Gewalt zurück. Während die Schlägereien in den Kneipen, wie die Pokermatches, nur ein kleines Minispiel sind, drohen nachts sogar innerhalb der Stadtmauern Gefahren in Form von Banditen und Monstern. Um diese zu besiegen stehen Geralt ein Stahl- (für Humanoide) und ein Silberschwert (für Monster) zur Verfügung. Auch einige Zauber, wie der altbekannte Feuerball, erlernt der Witcher im Laufe des Spiels aber diese dienen mehr dazu den Schwertkampf zu unterstützen als ihn zu ersetzen. Auch die Alchemie, deren Bedeutung je nach Schwierigkeitsgrad zu oder abnimmt, dient einzig allein dazu Geralt im Nahkampf zu stärken.

Dieser gestaltet sich anders als die Klickorgien von Diablo oder das Button-Geklicke aus Neverwinter Nights und läuft vollständig in Echtzeit ab. Vielmehr muss im richtigen Moment ein weiteres Mal auf den Gegner geklickt werden um so eine Combo aufzubauen. Auch ist es wichtig, den richtigen der drei Kampfstile zu wählen. Für jedes Schwert stehen ein schneller, ein langsamer und ein Gruppenstil zur Verfügung. Es ist dabei nicht nur wichtig, den richtigen Stil für den richtigen Gegner zu wählen, sondern in jeden einzelnen Stil können auch Talentpunkt investiert werden. Diese erhöhen zum Beispiel die Anzahl der Schläge in einer Combo oder bringen Zusatzeffekte.

Der Talentbaum ist sowieso schon sehr umfangreich und erfordert genaues nachdenken, bevor man in ihn seine wertvollen Punkte investiert. Zusätzlich gibt es pro Aufstieg aber auch noch Attributspunkte, die in Dinge wie Stärke oder Ausdauer investiert werden wollen.

Alt!

Aber so gut sich The Witcher auch in den Kategorien Atmosphäre, Umfang und Abwechslung schlägt – wie in der Welt von Geralt, gibt es auch beim Spiel eine dunkle Seite. Am offensichtlichsten wird diese dank der verwendeten Grafikengine sichtbar. Die Aurora-Engine aus Neverwinter Nights hat nun schon einige Jahre auf dem Buckel. Zwar haben sich die Entwickler bemüht die Welt mit vielen Details auszustatten und die Animationen realistisch zu gestalten, aber dennoch wird an jeder Ecke das Alter der Engine sichtbar. Ein weiterer Nebeneffekt der Aurora-Engine ist der Zwang zu vielen Ladezeiten. Da bei jedem Betreten eines Hauses geladen wird, summiert sich die sowieso schon etwas lange Wartezeit noch einmal beträchtlich auf. Und trotz der veralteten Technik, verlangt der Witcher so einiges und zwingt in hohen Auflösungen teilweise selbst einen aktuellen PC in die Knie. Ein weiteres Manko ist, dass auf den Straßen sehr viele Doppelgänger unterwegs sind, was die Atmosphäre und Glaubwürdigkeit der Welt etwas drückt. Dafür sind der Sound und besonders der Soundtrack sehr gelungen. Auch die Vertonung ist, zumindest in der englischen Version, vorbildlich.

Der Patch auf Version 1.2 schafft etwas Abhilfe bei den Ladezeiten aber speziell im zweiten Akt, in welchem man einige Stunden nur in der Hauptstadt verbringt, ist dies doch nervig. Dafür ist das Spiel dank des Patches ziemlich bugfrei. Zwar gibt es immer noch KI-Aussetzer und kleinere Bugs aber von einem unspielbaren Desaster wie Gothic 3 ist The Witcher erfreulicherweise jetzt schon sehr weit entfernt.

Fazit
The Witcher ist für mich das Gothic 3, auf das ich gewartet habe. Die Welt ist glaubwürdig und weit vom tolkinischen Standardschmarrn entfernt. Das eigene Handeln hat echte Auswirkungen und die Charaktere sind eben nicht einfach nur eindimensionale Pixelhaufen, sondern haben eine echte Persönlichkeit. Wer auch nur etwas Interesse an Rollenspielen hat, muss sich diesen Titel einfach zulegen.[CH]

5/5 Punkte

(Veröffentlicht am 25.02.2008)