Einsamkeit

Diskussion

In Gedanken versunken sitzt eine Gestalt auf dem Bett, während durch das geöffnete Fenster der allgegenwärtige Wind die Geräusche der Umgebung mit sich ins Zimmer trägt. Umgeben von Menschen und doch völlig einsam, ist die einzige Gesellschaft des armen Menschen nur sein Innerstes, in das er sich mittlerweile völlig zurückgezogen hat. Vollkommen unfähig auch noch nur ein einziges, freundliches Wort an seine Mitmenschen zu richten, denkt er über seine momentane Situation nach und versucht sich über seine Gefühle klar zu werden. Seine Umwelt lässt es schon lange nicht mehr zu, dass er seine Emotionen offen zeigt und es gibt auch niemanden, der sich für ihn ernsthaft interessiert.

Mit dem Wind dringen auch hörbar aber undeutlich die Gespräche vom Hof der Wohnsiedlung herauf in das kleine Zimmer im 6. Stock. Aus dem Sumpf der Sprachfetzen kann man Gelächter hören, aber der junge Mann auf dem Bett nimmt dies alles nicht mehr wahr und selbst wenn er es bewusst wahrnehmen würde, wäre es ihm wohl egal.

Obwohl die Sonne hoch am Himmel steht und keine einzige Wolke die wohlig warmen Strahlen daran hindern in die Wohnung einzudringen, ist er umgeben von einem undurchdringlichen Schatten. Eine tiefschwarze Wolke, die er und auch seine Umwelt in jahrelanger Sorgfalt erschaffen haben. Jahre, die durch Intoleranz und Ignoranz gegenüber dem Individuum geprägt waren und ihn so zu dem machten, was nun alleine auf dem Bett kauert.

Rock 'n Roll, Fernsehen, "Killerspiele" sind der Untergang für alle, prophezeit eine Gesellschaft, in der eine Erlösung vom Elend, welches Leben genannt wird, nur durch etwas möglich ist, dass uns tagtäglich umgibt: der Tod. Leistungsdruck, Normen und Mitmenschen die lieber der BILD und RTL folgen, als sich dem einzigen Hilfsmittel zuzuwenden, dass sie eigentlich noch Mensch sein lässt. Eine Gesellschaft, die aus der Vergangenheit nur gelernt hat, dass mann Politiker nicht trauen darf, aber dennoch bereitwillig danach lechzt sich treu doof von den Massenmedien manipulieren zu lassen, um ja nicht selbst denken zu müssen.

"Global" ist das Stichwort. Der Einzelne ist schon lange nicht mehr den Fliegendreck auf der Windschutzscheibe wert. Wer dennoch gegen den Strom schwimmt wird gnadenlos überrollt. Nur die Wenigsten überleben diese Tortur, versinken aber trotzdem meist in der Vergessenheit. Viele geben frühzeitig auf und versuchen sich zumindest einen Teil der eigenen Individualität zu bewahren während sie mit der Masse treiben. Der größte Prozentsatz wird aber von der Flut verschlungen und steht nur noch vor der Wahl ein Leben in Sinnlosigkeit zu führen oder den ultimativen Ausweg zu nehmen.

Die Person auf dem Bett steht nun vor dieser Wahl.

Jahrelang hat er gegen die Mächte angekämpft nur um festzustellen, dass die Kräfte, die dort draußen wirken, viel zu stark für ihn alleine sind. Er versuchte tolerant zu sein und sich zu integrieren, aber sein Versuch scheiterte kläglich, denn die Masse lässt keine Außenseiter zu. Es gibt keine Entfernung zur Mitte. Der Pulk akzeptiert nur ein völliges Aufgehen im medien- und wirtschaftskontrollierten Kollektiv. So haben sie ihn noch mehr fertig gemacht. Noch weiter ins Abseits getrieben. Sein Wunsch ein Teil der Masse zu werden und doch noch ein Individuum zu sein wurde belächelt und mit Füßen getreten.

Widerworte kamen ihm schon lange keine mehr über die Lippen. Es brachte sowieso nichts. Still nahm er alles hin, was ihm das Leben entgegenwarf und versuchte das Beste daraus zu machen, irgendwann ist jedoch ein Punkt erreicht, an dem es einfach nicht mehr so weiter gehen kann. Er hatte noch nie die Kraft sich zu wehren. Was soll er nun also tun? Es gibt keinen Weg zurück mehr und die Zukunft ist alles andere als rosig. Die Welt dreht sich immer schneller weiter und bald sind nicht mehr viele übrig, die sich bei diesem Tempo noch festhalten können. Am Ende stehen die Mächtigen und regieren über ein Volk von Verarmten deren letzter Rest an Hoffnung durch einen Atomkrieg zerschlagen wird. Von der Erde wird nur noch ein dampfendes Loch im fahlen Schein der langsam erlöschenden Sonne übrig bleiben und die Evolution wird ihre Lektion gelernt haben – oder war das Ganze vielleicht sogar von Anfang an der Plan?

Was für einen Sinn macht es dann noch hier zu verweilen? Hielt nicht schon immer der Glaube an ein Leben nach dem Tod die Menschen aufrecht? Eine Aussicht auf eine Welt im Jenseits, die besser ist, als diese hier? Was hält uns dann überhaupt hier? Wäre der kollektive Selbstmord nicht das ultimative Mittel um alle Probleme zu lösen?

Die Angst vor dem Tod und die Ungewissheit, was danach kommt sind im Auge der Masse immer noch größer, als die kollektive Sinnlosigkeit die sich Leben nennt. Aber auch hier sollte das Individuum entscheiden und genau das tut der Mann auf dem Bett. Sein Leben war bislang nur unterer Durchschnitt. Weder privat noch geschäftlich hat er irgendwelche Erfolge vorzuweisen. Auf den Diagrammen seines Arbeitsgebers taucht er nur noch unter dem Begriff „Bewohner“ auf und im sozialen Leben wird er nur noch mit dem Titel „Loser“ bedacht. Nun ist die Zeit für eine radikale Entscheidung gekommen. Die Zeit einen Schlussstrich unter das Vergangene zu ziehen und einen Neuanfang zu wagen.

Das Individuum ballt die Fäuste und erhebt sich langsam vom Bett. Sein Blick schweift zum Fenster an der gegenüberliegenden Seite des Raumes. Mit vorsichtigen aber entschlossenen Schritten nähert er sich ihm. Unten im Hof sieht er ein geselliges Treiben. Viele junge Leute stehen dort, unterhalten und sonnen sich. Sie genießen den Tag in vollen Zügen und suchen den kurzen Moment des Glücks in einer perfekten Illusion einer chaotischen Welt. Im Glauben die Kontrolle über die eigene Existenz zu haben, geben sie sich ihr hin. Die Matrix lässt grüßen – nur ohne Maschinenwesen, die als Bösewichte dienen, sondern eine reale Umgebung, die alleine vom Homo Sapiens zu dem gemacht wurde, was sie ist.

Er hebt ein Bein und stellt es auf den Fenstersims. Als würde er es jeden Tag machen, hält er sich mit beiden Armen am Fensterrahmen fest und zieht sich hoch. Er ist nun nur noch einen Schritt von der Ewigkeit entfernt. Sein Gehirn arbeitet auf Hochtouren und seine Gedanken kreisen weiterhin um die Frage, was er nun tun soll. Hinter ihm liegt sein langweiliges, durchschnittliches Leben und vor ihm das große Fragezeichen. Er ist sich sicher, dass ihn niemand vermissen würde. In seinen Augen ist seine Existenz völlig unnötig. Wäre er nie geboren worden, hätte dies die Welt nicht beeinflusst, sagt er sich und steigert sich immer weiter in eine Spirale des Selbstmitleids hinein, aus der er nie wiederkehren wird.

Er geht einen Schritt zurück und steht mit einem Bein wieder auf dem Boden. Ihm kommt eine Idee. Er könnte doch noch einen bleibenden Eindruck auf der Welt hinterlassen. Warum nicht den Medien recht geben und ihnen einen Amoklauf der Superlative schenken? An Waffen und Munition heranzukommen ist kein Problem und schuldig ist sowieso jeder da draußen und wenn es nur dafür ist, dass diese Person nichts tut und nur in den Wassern des Kollektivs in Richtung der Unendlichkeit schwimmt. Ja, dies wäre ein wahrlich besserer Abgang. Er sieht die Schlagzeilen schon vor sich. Die Bilder der Verwundeten und Toten. Die Zitate der Politiker. Und bei diesem Gedanken nimmt er den zweiten Fuß wieder auf das Fensterbrett. Er würde mit dieser Tat nur die Kontrolle weiter in die Hände der Medien treiben und dies war das letzte, was er wollte.

Bereit den letzten Schritt zu tun steht er im Fenster. Die Sonne brennt ihm heiß ins Gesicht. Ein wahrlich schöner Tag. Der Spruch "Heute ist ein guter Tag zum Sterben" rauscht ihm durch den Kopf, als er das rechte Bein in die Leere ausstreckt und sein Gewicht verlagert. Er schließt die Augen und spürt, wie er völlig lautlos dem Boden entgegen rast. Wie der sichere Tod immer näher kommt. Schreie dringen von unten an seine Ohren, aber er nimmt sie nicht mehr wahr. Er ist völlig aufgelöst und erwartet das Ende. Er hat mit dieser Welt
abgeschlossen.

Sein Körper schlägt auf dem harten Asphalt auf. Aber er scheint nicht tot zu sein. Überall hat er fürchterliche Schmerzen. Teile seines Körpers kann er nicht mehr spüren, aber er hat den Sturz überlebt. Bei dieser Erkenntnis rinnen ihm Tränen über sein entstelltes Gesicht. Er hatte ein weiteres Mal versagt. Mit geschlossenen Augen hört er, wie ihn Menschen umzingeln und aufgeregt durcheinander reden. Die Sirene des Krankenwagens kommt immer näher, aber wahrnehmen tut er dies alles nicht mehr.

"Du hast versagt!" - Vor seinem geistigen Auge sieht er nur noch diesen Satz. Die Gesellschaft hat ihn endgültig besiegt. Selbst den Übergang in das Jenseits verwehrte sie ihm. Es ist vorbei. Die letzte Möglichkeit zu entfliehen und die letzte Hoffnung auf etwas Besseres sind oben im Fensterrahmen seines Zimmers hängen geblieben. Jetzt kann er nur noch aufgeben. Es ist endgültig vorbei.

Der letzte Rest seiner Individualität schwindet und als er in den Krankenwagen geladen wird, ist er bereits eins geworden mit der Masse – wie viele Millionen Andere vor ihm.

Währenddessen steht auf der anderen Seite der Wohnsiedlung ein Fenster im 4. Stock offen. Dort im Zimmer sitzt eine Frau in Gedanken versunken auf ihrem
Bett...[CH]