Sicarius

Ein Brief aus der Vergangenheit

Es trug sich einst zu, dass mein Vater den Zugang zum Keller in unserem Elternhaus erneuerte. Dafür musste er die alte Außentreppe durch eine neue ersetzen. Also begann er mit dem Abtragen der alten Treppe. Dabei stieß er auf ein intaktes Einmachglas, das in die Treppe eingelassen war. Darin enthalten: Ein kurzer Brief aus dem Jahr 1934 und diese Reichsbanknote über 1000 Mark.

Die 1000 Mark-Note aus dem Jahr 1910

Vom Brief habe ich damals scheinbar kein Foto gemacht. Keine Ahnung, ob er und die Banknote mittlerweile noch existieren oder bei irgendeiner Renovierung doch mal im Müll gelandet sind. Sentimentale Werte sind nicht so ein großes Thema in unserer Familie.

Der Brief selbst war handschriftlich verfasst. Autorin war eine meiner Tanten väterlicherseits, zum Verfassungszeitpunkt noch ein Kind. Inhaltlich ist er weder sonderlich lang, noch tiefgründig. Aber es ist trotzdem ein nettes Zeitzeugnis, wenn auch ein etwas schwer Lesbares. Nicht nur, weil die Jahre ihm zugesetzt hatten (bspw. war ein Riss in der Mitte). Sondern auch, weil er in Sütterlinschrift verfasst war.

Glücklicherweise lebte die Autorin zum Zeitpunkt des Fundes noch. Wirklich daran erinnern den Brief geschrieben zu haben konnte sie sich zwar nicht mehr, aber ihre Handschrift entziffern ging noch. Entsprechend konnten wir ihn fast vollständig transkribieren. Und genau über dieses Transkript bin ich gerade mal wieder auf unserem NAS gestolpert. Da dachte ich mir: Warum sollte es da einfach nur versauern? Vielleicht findet ihn noch jemand interessant. Deswegen findet ihr ihn im Anschluss unkommentiert zum Lesen.

Die Formatierung ist möglichst nah am Original und es wurde nichts korrigiert. Kursive Texte, die in Klammern stehen, deuten auf Stellen hin, die wir nicht mehr entschlüsseln konnten.

Der Brief

Gunzenbach, den 31. Mai 1934
an Fronleichnam

Ich will es versuchen die jetzige Zeit der Nachwelt zu überliefern. Damit sie später sehen wie es im dritten Reich ausgesehen hat. Um das zu können will ich am Anfang beginnen. Am 1. August 1914 trat der große Weltkrieg ein an dem auch der Erblasser dieses Hauses teilnahm und somit die Schrecken des Krieges erlebte aber Gott sei Dank wieder Heil nach Hause gekommen ist. Im Herbst 1918 wurde endlich ein Ende mit dem blutigen Krieg gemacht. Nach dem Ende des Krieges setzte die Revolution ein bei der die Monarchie gestürzt wurde und das Reich eine Räterepublik. Die Zeit ihrer Regierung dauerte bis zum Jahre 1933. Hierauf begann das dritte Reich zu existieren und Adolf Hitler wurde unter Reichspräsident v. Hindenburg Reichskanzler. Nach der gegenwärtigen politischen Lage wird es über kurz oder lang zum Kriege kommen. Die Getreidepreise 1 Ztr. Weizen 10M, ein Ztr. Roggen 8M, Hafer und Gerste 7,50 M – 8 M, Raps 15 M, ein Ztr. Kartoffeln 2 M, Butter 1,20 M, Eier 7-8 Pf., Milch 14 Pf., 1l Bier 32 Pf., 1l Apfelwein 20 Pf., (unleserlich), Schlachtvieh pro Ztr. Lebendgewicht 20-35 Pf., Holz (unleserliche Artangabe?) pro Steer 5-30 Mark, (vermutlich Schnitt?)holz pro m 5-10 M.

Das Haus wurde erbaut im Jhr. 1934 von Eduard Hofmann Schmiedemeister und Landwirt und Thekla Hofmann geborene Hartmann, Rappach. Kinder sind vorhanden

1. Engelbert Hofmann 2. Anna Hofmann 3. Franz Hofmann
4. Maria Hofmann verheiratet jetzt zu Rothengrund mit Alfons Wissel
5. Elisabeth Hofmann und 6. Agnes Hofmann gestorben im Jhr. 1923. Und dann noch eine ledige Tante namens Maria Hofmann.
Gott segne dieses Haus und sämtliche Nachkommen die (vorhanden sind?)

den 31. Mai 1934.
Geschrieben von Elisabeth Hofmann
im Auftrag ihres Vaters
Eigenhändig unterschrieben und wahr was hier geschrieben ist.
Eduard Hofmann

 

Landwirt und Schmiedemeister
Beim bayr. Kgl. Inft. Rgmt. 2 Jahre gedient
Vom Kriegsbeginn 8. Landwehr Inf. R. von Anfang bis Ende.

Anmerkung: Der rechte Flügel wurde schon im Jahre 1923 errichtet. In einer Zeit wo durch die Folgen des Krieges und durch die immer entwerteten Mark Inflationsjahr. Für den beigelegten Billionenschein erhielt man in der Inflation nicht einen Ziegel.
Wer das Haus wieder baut, kann das Geld dazu benutzen! Das alte Haus das dann auf Distanz (unleserlich) Platz (unleserlich) und (unleserlich – vermutlich Dimensionsangaben zum Grundstück/Haus) gebaut.

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