Sicarius

Bergbau im Gebiss

38.783,37€. Das ist der Betrag, der unter der Kostenzusammenstellung meines Zahnarztes steht. Wieviel davon meine gesetzliche Krankenkasse übernimmt? 3.981,62€ – 10% also. Bleibt eine Selbstzahlerlücke von 34.801,75€. Wird wohl Zeit für eine Spendenaktion auf GoFundMe

Bei den Zahlen war ich etwas geschockt…

Was’n los?

Okay, machen wir erstmal einen Schritt zurück. Eins meiner gesundheitlichen Probleme heißt Craniomandibulare Dysfunktion. Das wurde 2017 diagnostiziert. Dafür bin ich extra nach Frankfurt am Main zur Zahnarztpraxis eines Professors getingelt und habe gut Geld dagelassen (knapp 4.800€ Eigenanteil in drei Jahren). Anfangs ging es da auch gut vorwärts. Mein Gebiss wurde auf Vordermann gebracht und ich bekam auf Basis eines 3D-Scans eine 24-Stunden-Schiene. Daraus entstand dann ein guter Status Quo. Die Probleme wie Schulter-/Nackenschmerzen sind zwar nicht völlig aus der Welt – auch, weil ich eine faule Sau bin und meine Übungen nicht mache -, aber mir geht es definitiv seitdem besser als vorher ohne Schiene.

Aber der Herr Professor ließ sich relativ zügig nicht mehr in meinen Terminen blicken und die Praxis wurde irgendwann an ein Konsortium verkauft. Damit ging es bergab. Ein unhöflicher Zahnarzt, Termine wo gar kein Zahnarzt da war und sogar ein Termin, wo NIEMAND da war, ohne mir vorher Bescheid zu sagen. Dabei brauchte ich letztes Jahr mal wieder eine neue Schiene und hatte anschließend immer mehr Probleme im Bereich meines unteren Zahnimplantats. Also traf ich die leichte Entscheidung, dass ich ab sofort nicht mehr nach Frankfurt zu dieser unprofessionellen Bude fahre.

Eine Runde Raubbau

Ich war dann mit meinen ganzen akuten Problemen (=Zahnschmerzen beim Essen) bei meiner regulären Zahnärztin. Doch die war ebenfalls ein wenig ratlos. Mein Gebiss ist halt leider durch die vielen Jahre Pflegelosigkeit ziemlich marode. Zähne putzen? Das machen doch nur Babys! Lysanda hat mir anschließend ein paar auf CMD-spezialisierte Praxen in der Umgebung rausgesucht. Und bei einer davon bin ich nun in Behandlung gegangen.

Zuerst mit dem stark entzündenden Zahnfleisch und einer Zahnlücke, in der ständig mein Essen hängen blieb und ich es nicht mehr herausbekam. Anschließend sprach ich das Thema CMD an und war begeistert von der Reaktion. Gut, bei der Aussicht mehrere zehntausend Euro an einem Patienten zu verdienen, wäre ich das vermutlich auch :wink: .

Scherz beiseite: Ich fand und finde gut, dass er mir einen neuen und vor allem potenziell dauerhaften Ansatz auf den Tisch gelegt hat. Fakt ist nämlich, dass mein Gebiss und mein Kiefer durch jahrelanges Knirschen ziemlich hinüber sind. Die Spitzen auf meinen Eckzähnen fehlen schon lange und die rechten Backenzähne habe ich über die Jahre so stark abgearbeitet, dass ich mich demnächst durch den Zahnschmelz gewetzt haben werde. Das wird dann so richtig schmerzhaft.

Die Lösung

Die neue Schiene ist sogar farbig.

Meine alte Schiene half zwar ein Stück weit den weiteren Raubbau an meinen Zähnen zu verhindern und diesen absoluten Tiefpunkt etwas weiter in die Zukunft zu verlagern. Aber obwohl ich sie technisch gesehen 24 Stunden am Tag trage, zog ich sie immer beim Essen aus. Dafür war sie einfach nicht ausgelegt. Und damit, erklärte mir mein neuer Zahnarzt, habe ich im Prinzip die Arbeit des restlichen Tages sofort wieder zerstört.

Der Witz meiner Schiene ist nämlich, dass sie meinen Kiefer in die richtige Position bringen soll. Ohne die Schiene passen die Zahnreihen nicht zusammen und der Körper versucht es ständig zu korrigieren. Das ist ein Grund für das Knirschen (Stress ein anderer), aber auch für die vielen Verspannungen. Wenn ich die Schiene allerdings beim Essen ausziehe – wo ja die meiste Kieferaktivität ist –, kann da nichts Nachhaltiges passieren. Klingt logisch, hat mir aber vorher noch nie jemand erzählt.
Eine Möglichkeit wäre also gewesen eine Schiene herzustellen, die ich tatsächlich den ganzen Tag tragen kann. Allerdings hatte der Zahnarzt noch einen nachhaltigeren Vorschlag, auf den ich mich freudig gestürzt habe. Ja, ich kannte zu diesem Zeitpunkt die Kosten noch nicht. Und zwar will er mein Gebiss wiederaufbauen. Also meine Zähne so gestalten, dass sie zueinander passen und damit den Zweck erfüllen, den gerade die Schiene versucht zu erfüllen.

Die Hauptarbeit werden dabei sogenannte „Veneers“ erledigen. Das sind dünne Keramikschienen, die man auf die Zähne setzt. Man kann sie ein wenig mit Fingernägelverlängerungen vergleichen. Da sie als kosmetische Leistung angesehen werden – man kann sich damit z.B. weißere Zähne machen lassen -, bezahlt sie die gesetzliche Krankenkasse nicht. Und da ich davon 25 Stück brauche, sind wir schon allein damit bei 13.000€ Arbeitseinsatz. Da wundert es nicht, dass auf der Kostenzusammenstellung unterm Strich fast 40.000€ rausfallen. Heftig, aber wenn es mir nachhaltig hilft? Frei nach einer gewissen Kreditkartenwerbung: Unbezahlbar!

Der aktuelle Status

Ich habe selbstverständlich eine Zahnzusatzversicherung. Ganz blöd bin ich dann doch nicht. Allerdings übernimmt mein aktueller Tarif nur 75% der Kosten – wären also immer noch über 8.000€ Eigenanteil. Und zum anderen muss die Versicherung die Rechnung auch bezahlen wollen.

Die echte 24-Stunden-Schiene habe ich mir nämlich direkt anfertigen lassen. Zum einen, damit es nicht noch schlechter wird. Zum anderen aber auch als Simulation, ob die Lösung mit dem Gebissaufbau wirklich helfen würde. Die Antwort nach jetzt einigen Monaten Tragezeit: Ja, das könnte tatsächlich funktionieren. Aber schon hier stellt sich gerade die Versicherung quer, Geld an mich zu überweisen. Die Schiene hat mich nämlich rund 1.400€ gekostet. Die Begründung? Das hast du nur der Schönheit wegen gemacht und es hat keinen medizinischen Zweck!

Zugegeben: Sie hatten für diese Entscheidung nur die Rechnung. Ich hoffe entsprechend, dass die zusätzlichen Unterlagen vom Zahnarzt sie noch vom Gegenteil überzeugen werden. Anschließend schlage ich dann mit der Kostenzusammenstellung für die restliche Behandlung bei ihnen auf. Drückt mir die Daumen, dass am Ende eine positive Rückmeldung kommt. Ihr könnt alternativ aber auch schonmal den Geldbeutel bereithalten :wink: .

Der Klappmodus

Nach den guten Erfahrungen mit dem Laufband von Toputure*, haben wir nicht lange überlegt und uns auch den klappbaren Heimtrainer* geholt, den sie gerade frisch auf den Markt gebracht haben. Okay, das Laufband ist mittlerweile nicht mehr im Haus. Es hatte ein paar Monate später den Geist aufgegeben. Aber der Support war super und wir haben eine volle Rückerstattung bekommen. Insofern sind wir Toputure nicht feindlich gesinnt :wink: . Anschließend haben wir es durch eins von unserem “Stammunternehmen” Fitshop (der neue Name von Sport Tiedje) ersetzt. Nach einer Analyse zusammen mit meinem Schwiegervater stellte sich übrigens heraus, dass der Motor warum auch immer einen an der Klatsche hatte – entsprechend nichts, was wir ohne hohe Kosten selbst reparieren konnten.

Das Gerät

Zurück zum Heimtrainer: Das “Klappbar” war dabei ein wichtiges Entscheidungskriterium. Wir nutzen ihn nämlich wie das Laufband vor allem beim Fernsehen. Da ist es ganz praktisch, dass sich das Fahrrad zusammenklappen lässt und dann nur noch eine Grundfläche von ca. 55x55cm einnimmt. So lässt es sich gut neben einem Regal bis zum nächsten Gebrauch lagern. Die in der vorderen Querstange integrierten Räder erleichtern zudem den Transport. Apropos Fernsehen: Hier erwartete uns die nächste Überraschung, denn das Gerät ist im Betrieb echt flüsterleise. Ich dachte zuerst Sicarius wäre faul und würde nicht in die Pedale treten, weil ich gar nichts hinter mir gehört habe. Zudem kann man es gut hinter der Couch positionieren, da es so hoch ist, dass man locker bei der Benutzung selbst über eine hohe Lehne drüber schauen kann. Mittelfristig wollen wir allerdings tatsächlich unser “riesige Couch”-Konzept überdenken. Eben genau, um solche geänderten Lebensbedingungen wie mehr Fitnessgeräte im Wohnzimmer unterzubringen. Wir werden beizeiten berichten :smile: .

Das Fahrrad kommt gut verpackt in einem großen Karton und muss noch zusammengebaut werden. Das ging grundsätzlich gut von der Hand, hat aber am Ende doch knapp eine Stunde gebraucht. Auch, weil die Anleitung an der ein oder anderen Stelle etwas deutlicher sein könnte bzw. auf den Bildern nicht alles so gut zu erkennen ist. Beispielsweise welche Querstange jetzt eigentlich für vorne (die mit den Aufklebern und Rädern) und welche für hinten ist. Auch der fehlende Hinweis, dass die Rückenlehne vor dem Anbau an den Sattelträger aufgeklappt werden musste, führte zu doppelter Arbeit. Aber: Es ist alles an Werkzeug dabei, was man für den Aufbau braucht und die Schrauben sind größtenteils bereits an Ort und Stelle. Also kein lästiges Zusammensuchen, sondern abschrauben und später wieder mit dem jeweiligen Bauteil befestigen. Fertig.

Der Hometrainer hat drei Winkeleinstellungen um mittels eines Dreh-/Ziehknopfs zwischen aufrechtem/Wettkampf- und Liegemodus sowie Verstauen zu wechseln. Der relativ große Sattel kann hingegen nach dem Entfernen einer Schraube in sieben Höhenstufen eingestellt werden. Für mich (1,54m) konnte ich zügig eine bequeme Stellung finden. Sicarius (1,86m) jedoch hat den Eindruck, dass er selbst in der weitesten und höchsten Position seine Beine nicht ganz so weit beim Treten ausstrecken kann, wie er es von einem normalen Fahrrad gewohnt ist. Das hält ihn aber nicht vom Trainieren ab und kann auch einfach daran liegen, dass es ein Hometrainer ist. Laut Anleitung sollen die Beine auch nicht ganz durchgestreckt werden, sondern leicht angewinkelt sein.

Der kleine am Lenkrad befestigte Computer bietet die wichtigsten Anzeigen wie Geschwindigkeit, Entfernung und Puls. Leider sind keine Batterien im Lieferumfang enthalten. Also unbedingt zwei AAA zur Hand haben! Die Verbindung mit der FitShow-App über Bluetooth klappte ebenfalls ohne Probleme. Ein Handyhalter ist praktischerweise integriert, er ist aber nur für Handys ohne dicke Hülle geeignet. Außerdem gibt es Bänder für Arm- und Beintraining, die haben wir aber ehrlich gesagt bislang nur mal getestet.

Alles in allem für den Preis von 300 € ein super Gerät, das wir definitiv empfehlen können. Hat während so einigen Folgen Star Trek (sind bei Lower Decks angekommen) bereits Sicarius in Bewegung gehalten während ich auf dem Laufband… laufe.

Öffentliche Bücherboxen sind schon was echt Praktisches. Ja, die Leute stellen mitunter auch viel Mist rein. Reiseführer oder Gesetzestexte von vor 20 Jahren, Fachbücher zu Windows ME und sowas. Aber grundsätzlich sind sie mittlerweile eine angenehme Institution, in der man einfach mal zwanglos stöbern kann und dabei das ein oder andere Buch findet, was man vielleicht sonst nicht entdeckt/gelesen hätte. Kostet schließlich nichts es einfach mitzunehmen und wenn es nicht gut genug für einen dauerhaften Platz im Regal ist, geht es halt wieder zurück. Entsprechend haben wir bereits so einiges mitgenommen – aber zugebenermaßen noch nicht jedes davon gelesen. In der Casa Lysanda befinden sich definitiv zu viele Unterhaltungsmedien verschiedenster Art :smile: .

Doch ein Buch haben sowohl Lysanda (sogar 2mal!) und ich mittlerweile gelesen. Eingepackt habe ich es nur aufgrund des Titels:

Das Buch inkl. Bonus-Balu

Muss ich mich aufgeben, um von Dir geliebt zu werden?* (Jordan & Margaret Paul: Do I have to give up me to be loved by you?; 2000) – Das englische Original ist sogar schon 1983 erschienen, doch dieses psychologische Fachbuch hat tatsächlich kein bisschen an Aktualität verloren. Das Autorenpaar war damals in der Sexualtherapie tätig und stellte fest, dass die Beziehungen ihrer Klienten nach der vermeintlich erfolgreichen Therapie zügig wieder schlechter wurden. Es war quasi wie bei einer Diät. Man versuchte zwanghaft eine Veränderung zu erzwingen. Das klappt mitunter auch einige Zeit. Aber früher oder später fallen die meisten wieder ins alte Verhaltensmuster zurück. Oder wie sie es im Buch ausdrücken:

“Die Veränderungen beeinflussten die Qualität der Beziehung kaum. Die emotionale Distanz zwischen den Partnern blieb bestehen. (Paul & Paul, 2000, S. 10)

Entsprechend versuchten die beiden herauszufinden, woran das lag. Schon allein, weil auch ihre eigene Beziehung darunter litt. Warum funktionierte der klassische Gedanke nicht, dass man einfach nur genug Willenskraft braucht, um etwas zu verändern? Und als sie die Antwort darauf hatten, entwickelten sie daraus die “Intention Therapy” oder auf Deutsch “Absichtstherapie”.

Ich muss mich schützen!

Der Grundgedanke ist, dass die meisten Probleme dadurch entstehen, dass wir versuchen uns zu schützen. Also aufgrund unserer Schutzmechanismen. Ein einfaches Beispiel: Ich habe Angst davor, dass mein Partner mich verlässt. Meine inneren Schutzmechanismen versuchen deshalb ihm meine Unzulänglichkeiten nicht zu zeigen. Dabei ist es egal ob diese real sind oder ich mir diese nur einbilde. Durch dieses Verhalten schaffe ich jedoch eine Lücke/Distanz zwischen mir und meinem Partner. Er soll mich ja nicht so sehen, wie ich wirklich bin. Das allerdings führt erst recht dazu, dass er sich einsam, ausgeschlossen oder nicht gesehen fühlt. Und dann verlässt er mich deswegen. Was will er schließlich in einer Beziehung, wo es keine Nähe gibt?

Außer der Bereitschaft zu lernen dient jedes andere Verhalten in einem Konflikt dem eigenen Schutz. (Paul & Paul, 2000, S. 24)

Und dieses Verhalten zeigt sich in drei Formen: Da gibt es die Anpassung also, dass ich versuche den Konflikt schlicht zu vermeiden. Da bin ich zugegebenermaßen sehr geübt drin. Und am einfachsten vermeide ich den Konflikt, indem ich meinem Gegenüber einfach zustimme. Der typische Mitläufer quasi. Das Gegenteil ist der Versuch die Kontrolle zu gewinnen. Der andere MUSS umgestimmt werden. Es gibt keine Alternative. Und als drittes die Gleichgültigkeit. Der Konflikt wird also schlicht ignoriert.

Erkenntnis gewinnen

Die bekannteste/lauteste Form eines Konflikts ist sicherlich der Streit. Ein klassischer Machtkampf, um die Kontrolle zu gewinnen. Denn wenn ich die Kontrolle habe, bin ich geschützt. Aber gelernt habe ich dadurch nichts. Nehmen wir die Situation, dass euer Partner den Müll rausbringen soll. Er wollte es machen, hat es aber bis jetzt nicht getan. Nun geht ihr hin und sagt ihm, dass der Müll noch nicht rausgebracht worden ist. Der Vermeider würde jetzt einfach den Müll rausbringen. Der Gleichgültige würde euch vielleicht einfach nur ignorieren. Und bei einem Machtkampf würdet ihr euch jetzt streiten darüber, warum nicht du, sondern er den Müll rausbringen muss.

Optimal wäre es, wenn ihr in dieser Situation anfangen würdet zu erforschen, was das eigentliche Problem ist – also die dahinter liegende Absicht zu finden. Vielleicht mag der Partner es gar nicht den Müll rauszubringen. Möglicherweise wegen eines Vorfalls in seiner Kindheit. Oder er ist heute so fertig mit der Welt, dass er keine Kraft mehr dazu hat. Es geht quasi darum euer Gegenüber besser kennen zu lernen und gleichzeitig auch sich selbst. An einem Konflikt sind schließlich in der Regel beide beteiligt. Die eigenen Schutzmechanismen lösen nämlich gleichzeitig die des anderen aus. Warum ist es mir beispielsweise wichtig, dass er den Müll rausbringt? Ich könnte es ja einfach selber machen. Vielleicht, weil ich Angst habe im Dunkeln rauszugehen?

Fast alle Barrieren entstehen durch die Art und Weise, wie Menschen mit Konflikten umgehen. (Paul & Paul, 2000, S. 20)

Zwischen Einsicht und Umsetzung

Unsere Schutzmechanismen (Symbolbild)

Aber was mache ich jetzt mit dem, was ich beim Erforschen gefunden habe? Häufig hilft es ja schon, wenn man erkannt hat, warum etwas ist wie es ist. Warum ich in einer gewissen Situation so reagiere und immer wieder in alte Muster zurückfalle. Ich kann also mit dieser Information erstmal arbeiten und schauen, ob sich dadurch etwas verändern lässt. Ich könnte mich im Alltag selber beobachten und nach und nach versuchen die entsprechende Situation zu verändern und anders zu reagieren als bisher. Quasi mein System Mensch umzuerziehen, aus dem erzwungenen Verhalten herauszugehen und neue Möglichkeiten zu erschließen. Weil das Verhalten, das hier zu Tage kommt, habe ich mir ja nicht ausgesucht, sondern wird von meinen Schutzmechanismen erzeugt.

Beim Erforschen müssen übrigens nicht beide Partner mitmachen. Ihr könnt genauso nur euren eigenen Anteil erforschen. Da euch euer Partner aber (hoffentlich) am besten kennt, ist es nicht ideal es allein zu tun. Außerdem ist es meist schwierig einen ehrlichen Blick auf sich selbst zu werfen. Auch hier sind mitunter Schutzmechanismen am Werk, die das verhindern. Und im Worst Case sind dahinter NOCH mehr Barrieren. Denkt an eine Matrjoschka. Im Buch erzählen die Autoren beispielsweise von einem Mann, der am Ende zwölf Gründe fand, warum er nicht mit seiner Familie Ski fahren wollte.

Unsere Gesellschaft macht es uns ebenfalls nicht leicht, indem sie immer nur auf das Ergebnis schaut und nicht auf den Prozess. Wie der Müll schlussendlich rausgekommen ist, ist egal. Hauptsache er ist draußen. Wie sich die Beteiligten dabei fühlten oder welche Konflikte dabei auftraten, ist uninteressant. Die Beziehung wächst dabei aber nicht, weil die Konflikte erhalten bleiben. Damit diese zu einer lt. den Autoren “mitwachsenden Beziehung” werden kann, müsste man aber die Schutzmechanismen erforschen und zu bearbeiten. Das ist häufig wichtiger als das Problem selbst anzugehen. Denn wenn die Barriere weg ist, gibt es möglicherweise gar keins mehr.

Neugier, offen fürs Lernen ist die natürliche Absicht. […] Schutzmechanismen hingegen sind Strategien, die wir entwickelt haben, um Situation zu bewältigen, die uns Angst machen. (Paul & Paul, 2000, S. 22)

Für was bin ich der Chef?

Ein Kind möchte von Geburt an lernen. Es ist frei etwas auszuprobieren, unabhängig von Erfolg oder Versagen. Als Erwachsene verstecken wir uns hingegen hinter unseren Schutzmechanismen – egal ob bewusst oder unbewusst. Bei der Absichtstherapie geht es darum Freiheit zurückzugewinnen. Und darum sollten sich die Partner gegenseitig ermutigen zu erforschen, um sich und den anderen besser kennen zu lernen.

Aber was ist, wenn meinem Partner nicht gefällt, was er jetzt kennen lernt? Damit sind wir wieder am Anfang: Die Angst vor Zurückweisung. Das ist für viele die größte Angst – nicht nur in einer partnerschaftlichen Beziehung, sondern in jeder. Um jedoch einander näher zu kommen, muss ich meine Schutzmechanismen/Sicherheit aufgeben. Nur so wird – wie es die Autoren nennen – liebende Nähe möglich. Ich übernehme in dem Sinne die Verantwortung für meine Wünsche. Ich gebe sie dabei nicht auf, sondern erforsche warum sie nicht erfüllt werden. Denn wer frei tun kann, was er möchte, ist nicht verantwortungslos. Er übernimmt stattdessen die Verantwortung für seine Gefühle. Wie wir auf jemanden reagieren, ist nämlich immer unser eigenes Problem. Dafür kann der andere nichts. Umgekehrt sind wir aber auch nicht für sein Glück oder Unglück verantwortlich.

Wenn wir einmal glauben für die Gefühle des anderen verantwortlich zu sein, leben wir in einem Gefängnis aus Vorwürfen und Schuld, ohne zu sehen, dass Freiheit, geboren aus der Verantwortung für unsere Entscheidungen für uns möglich ist. (Paul & Paul, 2000, S. 219)

Epilog

Liebende Nähe (Symbolbild)

Wie ihr seht, hat Lysanda und mich das Buch sehr beschäftigt. Für Lysanda waren die Grundprinzipien zwar nichts Neues, aber es haben sich für sie Zusammenhänge nochmal besser erklärt. Und sie darin bestätigt, was sie denkt. Ich hatte es hingegen eingepackt, weil ich mich im Titel wiedergefunden habe. Ich bin definitiv einer, der sich zum vermeintlichen Wohle der Partnerschaft lieber aufgibt. Entsprechend hat mir Muss ich mich aufgeben, um von Dir geliebt zu werden?* zwar nicht unbedingt aus der Seele gesprochen, wie es immer heißt. Aber es hat definitiv einen Nerv getroffen und mir neue Denkanstöße gegeben. Im Grunde ist es mir nämlich auch klar, dass es absolut nicht gut für mich (und meine privaten wie beruflichen Beziehungen) ist, wenn ich mich immer nur zurücknehme. Mein Spielebacklog wird dadurch schließlich auch nicht kleiner :wink: .

An dieser Stelle also eine klare Leseempfehlung für das Werk, wenn ihr es noch irgendwo finden könnt. Obwohl es eigentlich ein Fachbuch ist, ist es tatsächlich relativ einfach zu lesen. Vermutlich deshalb, weil immer wieder das ganze Anhand von Anekdoten erzählt wird und weniger wissenschaftliche Zusammenhänge oder sowas. Und jetzt entlasse ich euch noch mit diesem Gedanken der Autoren:

Alle größeren Systeme – politischer, religiöser, erzieherischer oder familiärer Art – arbeiten mit Angst und Schuld, um Herrschaft, Kontrolle oder Lernen zu erzwingen. (Paul & Paul, 2000, S. 255)

Das Gewichtsdiagramm unserer Katzen

Sollte es mich eigentlich deprimieren, dass Balu besser im Abnehmen ist als ich? Jahrelange war der Kerl mit Abstand der schwerste im Bunde und jetzt? Liegt er gleichauf mit den anderen Jungs (Pichu und Jules). Oder um es in Zahlen auszudrücken: In den ersten fünf Jahren bei uns hat er sich von anfangs 6,2kg (2016) bis auf 8,3kg (2021) hochgefuttert. Zum Wiegen benutzen wir übrigens ganz einfach eine digitale Babywaage*, das ist wesentlich genauer als die Katzen mit auf die Menschenwaage zu nehmen. In den letzten zwei Jahren hat er hingegen stetig abgenommen und ist aktuell bei 5,7kg (lt. Tierarzt-Waage sogar 5,4kg). Und diese Kilos hat er ganz allein verloren! Wir haben keine Diät mit ihm gemacht. Es gab keine Futterumstellung. Wir haben nichts geändert. Er hat nur im Juli 2023 bis auf seine kleinen Frontzähnchen das komplette Gebiss geräumt bekommen. Das hat seine Begeisterung für Futter jedoch nicht beeinflusst.

“Viel Gewicht verloren” könnte freilich auch ein Warnzeichen für irgendwas sein. Und mit mittlerweile über 13 Jahren auf dem Buckel ist er zudem nicht mehr der Jüngste. Entsprechend waren wir letzte Woche mal beim Tierarzt mit ihm für einen kleinen Checkup inkl. großem Blutbild. Das Ergebnis war – wenn man davon absieht, dass er aus Angst sein Geschäft im Katzentragekorb verrichtete – erfreulich: Obwohl er manchmal so tut, als wäre er so alt wie Methusalem, ist Balu körperlich absolut topfit. Alle seine Werte sind voll im grünen Bereich, sein Fell wurde sogar gelobt und sein Herz war zwar aufgeregt, klang aber ebenfalls einwandfrei. Die Kosten… nun mit fast 300€ war die Sache nicht ganz billig. Aber so ist das halt mit Tieren. Man muss sie sich durchaus leisten können.

Okay, “topfit” ist technisch gesehen gelogen. Eine chronische Krankheit hat er sich mittlerweile doch eingefangen.

Die alte Leute-Krankheit

Bemerkt haben wir erstmalig, dass Balu was hat, als er mal wieder Jules auf der Terrasse nachgejagt ist. Er ist dabei Jules hinterher den Grill hoch- und – logischerweise – danach wieder runtergesprungen. Anschließend hat er gehumpelt. Das gefiel uns gar nicht, weshalb wir ihn eingesackt und zum Tierarzt gebracht haben. Aufgrund seines Alters brachte Lysanda relativ zügig das Thema Arthrose ins Spiel. Entsprechend haben wir ihn röntgen gelassen. Selbst erkenne ich es auf dem Röntgenbild nicht, aber die Diagnose war für den Tierarzt eindeutig.

Balus Röntgenbild

Als Akutmaßnahme bekam er erstmal eine Spritze Melosolute. Das ist anscheinend ein Schmerzmittel, das man normalerweise nach einer Weichteiloperation zur Schmerzminderung verabreicht. Für Zuhause gab es hingegen das übliche: Metacam. Damit ging es ihm logischerweise erstmal besser. Das Problem an sich war nicht behoben. Bei Arthrose ist es bei den Tieren jedoch scheinbar wie mit den Menschen: Viel kann man nicht tun außer die Beschwerden lindern. Sprich: das Immunsystem stärken, die Entzündung lindern und den Knochenaufbau unterstützen.

Übrigens: Obwohl Arthrose gerne mit älteren Generationen in Verbindung gebracht wird, kann die Krankheit prinzipiell in jedem Alter auftauchen. Es steigt nur die Wahrscheinlichkeit je älter man wird, da es sich im Grundsatz um eine Abnutzungserscheinung der Gelenke handelt. Diese Tierarztpraxis aus der Schweiz behauptet, dass 90% der Katzen über 12 Jahre arthrotische Veränderungen im Röntgenbild zeigen. Das heißt nicht, dass sie unbedingt schon Schmerzen und so haben. Aber man kann zumindest die Anfänge sehen.

Die tierärztliche Behandlung

Der Arthrose ist man also hilflos ausgeliefert. Es geht nur noch darum das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten. Die “einfachste” Variante in dieser Hinsicht ist es wohl monatlich zum Tierarzt zu gehen und der Katze Solensia zu spritzen.

Das ist ein Schmerzmittel explizit für den Einsatz bei Osteoarthritis. Es blockiert die Bildung des Proteins Nervenwachstumsfaktor, was bei der Schmerzweiterleitung beteiligt ist. Sprich man hat zwar technisch gesehen Schmerzen, spürt sie aber einfach nicht. Zwei Ampullen kosten rund 115€ – je nach Gewicht muss man entweder eine (bis 7kg) oder beide spritzen. Also nicht ganz billig die Sache. Und die Nebenwirkungen können wohl ebenfalls nicht ohne sein, wenn man sich so die Erfahrungsberichte anderer Katzenbesitzer u.a. bei Facebook durchliest. In den klinischen Studien wurden hingegen nur Hautreaktionen wie Juckreiz oder Haarausfall festgestellt. Außerdem gibt es einige Situationen, in denen das Medikament absolut nicht gegeben werden sollte. Beispielsweise bei schwangeren, nierenerkrankten oder gegen den Wirkstoff Frunevetmab allergischen Tieren. Während der Tierarzt Solensia also als erstes Mittel der Wahl sah, rät die Facebook-Gruppe dazu erst alle anderen Möglichkeiten auszuschöpfen.

Es gibt aber durchaus Katzen, die Solensia gut vertragen. Aber, wenn ihr Solensia nutzt und irgendwelche Nebenwirkungen feststellt, könnt (und solltet) ihr diese an die Firma Zoetis melden. Die ist zuständig für das Medikament und kann dann ggf. weitere Forschung betreiben.

Was wir tun

Wenn das keine zufriedene Katze ist, dann weiß ich auch nicht.

Wir haben uns vorerst gegen Solensia entschieden. Stattdessen hat Lysanda das gemacht, was sie immer macht: Recherchiert. Das Ergebnis ist, dass Balu jetzt morgens Methylsulfonylmethan (MSM), Kollagen und Palmitoylethanolamid (PEA) bekommt. MSM und Kollagen haben wir auch in unserem täglichen Nahrungsergänzungsmittel-Cocktail.

  • MSM wird auch als organischer Schwefel bezeichnet. Schwefel wird für zahlreiche Prozesse in unserem und dem tierischen Körper benötigt. Er ist ein natürliches Antioxidans, wird zur Insulinproduktion benötigt, stärkt das Immunsystem und ist essentiell für die Entgiftung. Im Fall von Arthrose ist jedoch seine Funktion als “Gelenk-Futter” am relevantesten. Er hilft beim Aufbau von neuem Knorpelgewebe, wird zur Bildung von Kollagen und Glucosamin benötigt und wirkt Entzündungshemmend.
  • Kollagene sind hingegen eine Gruppe von Proteinen. Sie machen wohl rund 25% der Gesamteiweißmenge in unserem Körper aus. Kein Wunder: Sie sind überall vorhanden. Haut, Knochen, Sehnen, Knorpel, Blutgefäße, Zähne. Keine Stelle, wo es kein Kollagen zu finden gibt. Entsprechend wichtig ist es, dass wir welches haben bzw. herstellen können. MSM hilft wie erwähnt bei dieser Produktion. Aber da es so eine wichtige Rolle im Körper spielt, ist eine externe Zufuhr nicht verkehrt. In Bezug auf die Gelenke hilft es bei der Mobilität und gegen die Schmerzen.
  • PEA wird grundsätzlich ebenfalls vom Körper selbst produziert. Es wirkt entzündungshemmend und schmerzlindernd und wird u.a. im Endocannabinoid-System gebraucht. Ja, das hat tatsächlich mit Cannabis zu tun. Genauer gesagt ist es der Teil unseres Nervensystems, der auf THC reagiert. Körperlicher und emotionaler Stress fördern wohl die Produktion dieses Lipids. Die separate Beigabe macht man wohl vor allem dann, wenn das Tier nicht aus diesem Stresszustand rauskommt. Also eigentlich sind alle Stressoren weg, aber Nerven- und Immunsystem reagieren aufgrund einer erhöhten Reizempfindlichkeit immer noch. Hier soll PEA dann bei der Regulierung helfen.

Oder zusammengefasst: Sachen, die Entzündungen hemmen und Schmerzen reduzieren, körperlichen Stress abbauen und speziell im Knochengerüst wirken.

Das Ergebnis

Das morgendliche Ritual

Mittlerweile geben wir Balu die Mixtur schon ein paar Monate (die Diagnose war im Februar) und es geht ihm gut. Die Arthrose ist logischerweise nicht weg und hier und da sieht man, dass er Schwierigkeiten hat. Da trippelt er so ein bisschen rum, bevor er auf die Fensterbank springt. Aber Beeinträchtigungen oder gar Schmerzen können wir nicht feststellen. Im Gegenteil geht es ihm scheinbar mittlerweile manchmal sogar zu gut. Beispielsweise ist er vor kurzem mal unseren Kratzbaum nach ganz oben geklettert. Wie oft er das in den bald zehn Jahren bei uns schon gemacht hat, kann man an einer Hand abzählen. Balu ist schon immer eher eine Bodenkatze. Vermutlich hätte für ihn auch ein einfacher Zaun gereicht, um zu verhindern, dass er das Grundstück verlässt.

Wer jetzt meckert, dass wir ohne Sinn und Verstand einfach NEMs auf unsere Katze schmeißen würden: Ich hatte den Cocktail nach 2-3 Wochen mal weggelassen. So von wegen “ihm geht’s jetzt ja besser, also braucht er das doch bestimmt nicht mehr”. Das Ergebnis war, dass er am nächsten Tag nur noch im Schneckentempo herumlief, nichts mehr fraß und sich unter unseren Rosmarin legte. Und wenn der Balu sich unter den Rosmarin legt, dann geht es ihm echt beschissen. Noch so eine Erkenntnis aus dem letzten Jahrzehnt. Also wieder ab zum Tierarzt (wegen dem nicht fressen), erneut eine Metacam-Therapie, und anschließend die NEMs wieder ins Futter gemischt. Insofern mag das vielleicht nur ein klinisch unbewiesener anekdotischer Einzelfall sein. Aber solange es unserem großen Tiger gut geht, ist mir das doch völlig egal! *hmpf*

Den Cocktail bekommt er immer morgens. Da unter anderem Jules seine Blutdrucktablette braucht, haben wir schon lange ein Ritual mit unseren fünf etabliert. Es gibt quasi einen Aperitif bevor ich die All-you-can-Eat-Platte hinstelle. Und diese Vorspeise enthält dann ggf. halt den Zusatz, den die jeweilige Katze haben soll. Je nach Tagesform benötigt es zugebenermaßen auch mal Unterstützung durch z.B. eine Prise Bierhefe, bevor sie an ihrem Schälchen andocken und futtern. Funktioniert grundsätzlich ganz gut und wird zukünftig neue Katzen im Haus sicherlich erstmal verwirren. Das Vorgehen macht freilich Arbeit bei uns mit dem täglichen Schälchen richten. Aber falls doch mal jemand von den anderen Katzen was an Medikamenten bräuchte, kennen sie das Vorgehen bereits und sind vermutlich nicht von Haus aus skeptisch.

Vor fast sechs Jahren haben Lysanda und ich euch ein wenig über Kalium erzählt. Zur Erinnerung: Angefangen hatte sie mit Kalium wegen ihres Restless Legs Syndroms (RLS) und einer dazugehörigen indischen Studie aus dem Jahr 2016. Und ja, die freudige Nachricht ist: Lysanda ist auch nach acht Jahren immer noch symptomfrei. Alles nur dank ihres täglichen Kaliumkonsums (ihr Eisen hat sie aber ebenfalls weiter im Blick). Und wenn man sich die Kommentare unter dem Beitrag anschaut, ist sie damit nicht allein.

Insgesamt betrachtet, ist aber RLS immer noch eine relativ unbekannte Krankheit. Dabei gehen Schätzungen davon aus, dass darunter 5-10% der Deutschen leiden – im Alter steigt die Zahl wohl sogar bis auf 20%. Damit ist sie angeblich die am meisten verbreitete, neurologische Krankheit. Weltweit sieht es nicht viel anders aus – also bis auf den asiatischen Raum. Es gibt z.B. Studien für Japan (0,96%), China (1,4%) und Singapur (0,1%). Aber ich glaub’ wir sind schon zu tief in der Materie drin. Lasst uns mal einen Schritt zurück gehen:

Was ist eigentlich RLS?

Wikifeet, here we come!

Die Willis-Ekbom-Krankheit (ICD-10: G25.8 bzw. ICD-11: 7A80), wie RLS auch heißt, ist eine neurologische Störung. Woher dieses Symptom der unruhigen Beine kommt, da hat die Wissenschaft offensichtlich immer noch keine wirkliche Antwort. Ein Anhaltspunkt scheint aber eine gestörte Dopaminverarbeitung im Gehirn zu sein. Die Basis für diese Aussage ist wohl jedoch nur ein Medikamententest. Also man geht davon aus, weil es besser wird, wenn man RLSlern den Wirkstoff L-Dopa (Levodopa) verabreicht. Am bekanntesten dürften hier Restex und Pramipexol. Letzteres ist eigentlich ein Parkinson-Medikament. Man hat aber festgestellt, dass es genauso bei RLS hilft. Es gibt allerdings wohl das Problem, dass man von diesem Wirkstoff immer mehr braucht und stark abhängig werden kann. Zudem ist es nicht so, dass man damit vollkommen Beschwerdefrei wird.

Hier und da wird zwischen zwei Arten von RLS unterschieden: Primäres und Sekundäres. Beim Primären ist die Hauptkrankheit RLS z.B. wegen Dopaminmangel. Es wird auch gerne als das vererbte bezeichnet. Beim Sekundären geht man davon aus, dass RLS nur ein Symptom irgendeines Stoffwechselproblem ist. Beispielsweise eine Nierenfunktionsstörung oder ein Eisenmangel. Kalium wird in diesen Listen allerdings bislang nicht als mögliche Ursache geführt. Diese Zweiteilung von RLS ist unter den Experten jedoch umstritten.

Allgemein anerkannt ist hingegen die Einstufung der Stärke der Symptome. Die Skala geht von leicht über mittel- und schwer- bis sehr schwergradiges RLS. Die Basis dafür ist der Fragebogen der International Restless Legs Study Group. Dieser wurde 2003 veröffentlicht und enthält 10 Fragen. Je näher an den 40 Punkten ihr seid, desto schlimmer ist euer RLS auf der Skala. Lysanda hat spaßeshalber mal den Test gemacht auf Basis ihrer Erinnerung an damals und kam bei 28 raus – also schwerem RLS.

Wie fühlt es sich an?

Betroffene beschreiben RLS als ein Inneres kribbeln, ziehen, zucken und allgemeines Unruhegefühl bis hin zu richtigen Schmerzen in den Extremitäten. Also der Name sagt zwar “Beine”, aber tatsächlich kann es auch in den Armen auftreten – und in ganz seltenen Fällen sogar im Rumpf und Gesicht. Die Variante in den Beinen ist jedoch klar prävalent. Und Auftreten tun die Probleme vor allem am Abend bzw. in Ruhephasen. Die einzige richtige Abhilfe ist dann Bewegung. Also herumlaufen, dehnen und sowas. Das ist allerdings ziemlich blöd, wenn man eigentlich gerade im Bett liegt und schlafen möchte. Auf TikTok & Co. werden noch irgendwelche komischen “Hausmittel” empfohlen wie z.B. sich die Füße mit Socken faktisch abbinden oder ein Stück Butter unters Bettlaken legen (HÄ?!). Bezweifle aber, dass irgendwas davon tatsächlich hilft. Und selbst wenn, ist es nur eine kurzfristige Symptombehebung und nichts Langfristiges.

Von medizinischer Seite wird vornehmlich auf die Schlafhygiene und die Ernährung (“ausgewogene Ernährung ohne Alkohol, Kaffee und Schokolade”) geachtet, um die Symptome zu lindern. Dazu moderate körperliche Aktivität, Massagen und Bäder oder schlicht Ablenkung. Wenn ihr schließlich grad n00bs im neusten Call of Duty dominiert, denkt ihr nicht mehr dran, dass unter eurem Schreibtisch die Post abgeht :smile: .

Diagnostiziert wird RLS hingegen mittels Ausschlussverfahren. Ihr geht mit euren Symptomen also zum Neurologen – nachdem ihr die Überweisung beim Hausarzt geholt habt -, der dann zum einen eure Nervenbahnen durchcheckt und zum anderen ein paar Bluttests macht (z.B. Schilddrüse). Kommt das alles als in Ordnung zurück, wird der L-Dopa-Test gemacht d.h. ihr dürft ein Medikament nehmen und schauen, ob die Symptome damit verschwinden. Ist das der Fall, gibt es das Label “RLS”. Und je nachdem wie schlecht es euch geht, nehmt ihr das Medikament fortan dauerhaft. Mittlerweile greift man auch mal zu Cannabis und im absoluten Worst Case dürft ihr mit Morphium Bekanntschaft schließen. Hab‘ ich schon erwähnt, dass man überraschend wenig über diese Krankheit weiß?

Lysandas Geschichte

Für Lysanda war RLS nichts Unbekanntes. Ihre Mutter hat es schon seit Lysanda Denken kann und nimmt Restex. Und auch im Rest der Familie gibt es Fälle, die ihr bekannt sind, wie z.B. ihr Großvater mütterlicherseits. Ein Familienmitglied hätte sogar dann die Morphium-Therapie bekommen, weil es so schlimm wurde. Die Wahrscheinlichkeit, dass Lysanda mal RLS bekommen würde, war entsprechend sehr hoch. Und tatsächlich traten Mitte 2016 die ersten Symptome bei ihr auf, die rasch schlimmer wurden. Sie erinnert sich beispielsweise noch an ein Sinfoniekonzert im Staatstheater Darmstadt, wo sie sich echt schwer tat die rund zwei Stunden irgendwie im Stuhl rumzubringen. Und ja, sie bekam die Symptome im gleichen Jahr wie die Kalium-Studie veröffentlicht wurde :smile: .

Das Auftreten des RLS war dann faktisch der Beginn unserer Nahrungsergänzungsmittelreise. Zwar hätte ihre Mutter ihr sofort etwas von ihrem Restex abgegeben. Aber Lysanda wollte erst einmal anderweitig schauen. Als erstes versuchte sie es mit Vitamin D3. Ja, das hatte sie nicht nur wegen meinen Depressionen rausgesucht. Das änderte aber nichts an ihrem RLS. Auch Magnesium, was ebenfalls gerne empfohlen wird, brachte keine Besserung. Stattdessen war der erste Lichtblick das Eisen. Kein Wunder: Ihr Ferritinwert war damals ziemlich im Keller. Noch nicht im “ich brauch sofort eine Infusion”-Bereich aber eben grenzwertig. Doch Eisen brachte eben nur das: Eine Besserung. Deshalb suchte sie weiter und stieß in den Tiefen des Internets auf

Die Kalium-Studie

Auszug aus der Kaliumstudie

Wissenschaftler in Bangladesch haben zufällig entdeckt, dass die Einnahme von Kaliumcitrat Auswirkungen auf RLS hat. Deswegen haben sich drei davon hingesetzt und 2015 eine Studie dazu durchgeführt, deren Ergebnis dann 2016 veröffentlicht wurde. Es war zwar nur eine kleine Studie – 68 Probanden, keine Doppelblindtests oder Vergleichsgruppen -, aber das Ergebnis war trotzdem beeindruckend: Nach 45 Tagen waren alle Teilnehmer Symptomfrei. Hatten also nach eigenen Angaben kein RLS mehr. Faktisch war die Hälfte bereits nach 15 Tagen durch mit dem Versuch. Und das alles nur, weil sie 390mg Kalium (in Form von 1.080mg Kaliumcitrat) am Tag bekamen.

Leider fehlen weitere Details zu den Probanden. Also wie z.B. die sonstige Ernährung vorher aussah. Wäre zumindest interessant zu wissen wie viel Kalium sie sonst so zu sich genommen haben. Und die Einstufung der Probanden fand nicht auf Basis des IRLSSG-Fragebogen statt, sondern wurde von den Teilnehmern frei Hand auf einer Skala von 1-100 getroffen. Die Aussagekraft der Studie ist also wissenschaftlich betrachtet begrenzt und man müsste mehr Forschung betreiben. Aber trotzdem: Das Resultat war beeindruckend genug für Lysanda, um es mal selbst auszuprobieren. Kalium ist nämlich nicht einmal ansatzweise so gefährlich, wie manche behaupten. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt schließlich 4g pro Tag. Da sind die 390mg nur ein Zehntel von. Also auch, wenn Kaliumcitrat in der Giftspritze für Hinrichtungen drin ist: Bei der Aufnahme über die Nahrung muss man sich bei der Menge normalerweise keine Gedanken machen, wenn man nicht gerade Nierenprobleme hat. Ansonsten hilft es auch einfach mal ein Ernährungstagebuch zu führen und zu recherchieren wieviel Kalium man so üblicherweise zu sich nimmt. Kommt man überhaupt annähernd an die 4g rann?

Und wie ich in der Einleitung schrieb: Es hat durch und durch geholfen. Lysanda ist seitdem fertig mit dem Thema – also zumindest solange sie Kalium einnimmt. Doch nicht nur Lysanda, sondern wie die Kommentare zeigen, haben auch andere es für sich entdeckt und damit positive Ergebnisse erzielt. Es ist also definitiv eine Sache bei RLS, wo man als Laie denken würde, dass die Wissenschaft hinterher wäre sich damit zu beschäftigen.

Die professionelle Reaktion

Eine Autorität in Deutschland für das Thema RLS ist (nach eigenen Aussagen) die Deutsche Restless Legs Vereinigung | RLS e.V.. Lysanda hatte sie deshalb schon 2018 mal wegen der Kalium-Studie angeschrieben. Darauf kam jedoch keine Reaktion. Vor kurzem haben wir es dann erneut versucht – es könnte ja sein, dass im Hintergrund fleißig gewerkelt wurde. Tatsächlich haben sie darauf geantwortet und freundlicherweise ihre Sicht auf die Studie erläutert. Aus rechtlichen Gründen (man darf selbst als Presse nicht einfach so aus privaten E-Mails zitieren) kann ich euch zwar nicht den genauen Wortlaut wiedergeben, da ich mir keine Freigabe eingeholt haben, aber hier eine Zusammenfassung der Inhalte mit meinen eigenen Worten:

  • Da in der Studie nur beobachtet wurde und es keine Placebo-Kontrollgruppe oder ähnliches gab, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass allein schon die Erwartungshaltung der Probanden das Ergebnis beeinflusst hat.
  • Die Teilnehmerzahl war zu klein und lokal begrenzt. Entsprechend lässt sich das Ergebnis nicht einfach so auf andere Menschen(gruppen) umlegen.
  • RLS wurde bei den Probanden nur klinisch festgestellt. Also ohne Zusatzdiagnostik. Und auch mögliche andere Ursachen für die Symptome wurden nur rudimentär ausgeschlossen.
  • Es wurde nicht überprüft wie lange die Symptomfreiheit angehalten hat und ob es langfristig irgendwelche Nebenwirkungen gab.
  • Es gab nur eine Testgruppe. Es wurde parallel kein Test auf Basis der aktuellen RLS-Leitlinien gemacht. Entsprechend ist nicht bekannt welchen Unterschied Kalium tatsächlich macht.
  • Die Probanden haben nur subjektiv ihre RLS-Symptomstärke bewertet.
  • Fazit: Die Studie ist wenig fundiert und hat damit praktisch keine Bedeutung.

Tjoa…

Es gibt verschiedene Kaliumverbindungen

Ihr seht also: Aus Sicht der Vereinigung ist die Studie nicht zu gebrauchen. Sie ist scheinbar sogar so schlecht, dass man es nicht einmal für nötig hält Ressourcen in eine wissenschaftlich einwandfrei durchgeführte Studie zu investieren. Äußerst schade für die Betroffenen. Selbst die positiven Erfahrungen einzelner ändert daran nichts. Die gelten im akademischen Umfeld sowieso nur als Hörensagen. Warum man sie nicht zumindest als Indizien verwendet, um eben etwas Professionelles aufzusetzen? Wir wissen es nicht. Und es ist ja nicht so, dass es nur die Kommentare hier Beim Christoph gibt.

Ich hatte ja erwähnt, dass in asiatischen Ländern RLS überraschend selten vorkommt. Warum schaut sich das keiner genauer an? Unsere laienhafte und völlig unwissenschaftliche Vermutung ist auf jeden Fall, dass an der Kalium-reichen Ernährung dort liegt. Genauer gesagt den ganzen Sojaprodukten. In 100g getrockneten Sojabohnen sind nämlich satte 1.800mg Kalium enthalten. Auf das Thema Lebensmittel werde ich aber noch in einem der kommenden Einträge genauer eingehen.

Bis dahin immer dran denken: Weder Lysanda noch ich sind Ärzte. Insofern: Wir präsentieren hier nur frei im Internet verfügbare Informationen sowie unsere eigenen Erfahrungen. Was ihr damit anfangt, ist eure Sache und liegt selbstverständlich in eurer eigenen Verantwortung. Wenn ihr RLS habt, sprecht auch gerne mal mit eurem Hausarzt oder Neurologen über die Studie. Zumindest kann es nicht schaden sie bekannter zu machen. Vielleicht findet sich ja dann mal jemand, der einen wissenschaftlich genaueren Blick drauf wirft.

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