Ich bin definitiv eher der loyale Typ. Im Gegensatz zu manch anderen, die gefühlt ihre Identität wie Unterhosen wechseln, trage ich zum Beispiel meinen Nicknamen schon seit 2004 – technisch gesehen sogar noch länger. “Sicarius” (lat. “Attentäter”) ist jetzt nicht so weit von “The Killer” entfernt. Meinen Avatar, ein Purple Heart, habe ich seit 2005 in Benutzung. Damals ist Battlefield 2 erschienen und hatte erstmals Medaillen mit im Paket. Das Bild ist in der Zwischenzeit nur etwas moderner in der Gestaltung geworden und verstößt hoffentlich nicht mehr gegen das Copyright von EA
. Meine private E-Mail-Adresse hat sogar damals noch unser Don Quichotte angelegt, als wir 1996 ISDN im Elternhaus bekommen haben.
Und auf den Internetbrowser Maxthon bin ich schon gewechselt da hieß er noch MyIE2 und basierte auf Trident (Internet Explorer). Die Namensänderung war 2004 (!). Selbst als 2016 der Skandal rund um den Versand von sensiblen Daten nach China – da kommt der Browser her – durch die Medien ging, habe ich dem Produkt nicht den Rücken gekehrt. So bescheu… äh loyal bin ich!
Zu myIE2 hat es mich hingezogen, weil es schon damals viele Features bot, die wir mittlerweile als selbstverständlich ansehen: Tabs, Mausgesten, Drag & Drop, Skins und nachdem Firefox auf den Markt kam, konnte man sogar auf Knopfdruck den Core wechseln (also zwischen Trident und Gecko). Zur Einordnung: Die erste stabile Version von Mozilla Firefox kam erst Ende 2004 auf den Markt! Google Chrome sogar erst 2008. Insofern war MyIE2 aus meiner Sicht nicht nur seiner Zeit weit voraus – ich hatte bislang nie einen Grund zu wechseln.
Schluss, aus!
Doch auch ich habe meine Limits. Und bei Maxthon war dieses vor einigen Monaten erreicht. Zum einen setzen die Entwickler mittlerweile massiv auf KI. Beispielsweise wurde der englische Community Manager im Forum durch einen Bot ersetzt. Wie gut das Forum jetzt noch funktioniert, könnt ihr euch denken. Außerdem pushen sie schon seit vielen Versionen nicht nur bei der Installation ein entsprechendes Produkt – auch in der Anwendung selbst zieht der Kram zusammen mit Krypto immer mehr ein.
Zum anderen basiert Maxthon schon seit 2020 nur noch auf Chromium. Das ist an sich kein Problem und hatte seine Vorteile. Aber die Updatezyklen sind mittlerweile, ums auf Deutsch auszudrücken, unter aller Sau. Die aktuelle Version von Maxthon, 7.5.2.5801, nutzt Chromium 140. Das aktuelle Release ist 152 (!) und 153 steht frisch in den Startöchern. Schon der Wechsel auf Chromium 140 Anfang des Jahres hat mehr als ein Quartal gedauert. Eine richtige Begründung, warum die Entwickler sich mit der Aktualisierung so schwer tun, gab es dazu imForum auch nie.
In der Praxis bedeutet das nicht nur, dass Maxthon auf einem massiv veralteten Chromium-Unterbau sitzt und damit auch bei Sicherheitsupdates hinterherhinkt. Auch viele Seiten stellen bei mir mittlerweile ihre Funktion ganz oder teilweise deswegen ein. Sprich ich musste über die letzten Monate sowieso schon auf Mozilla Firefox oder Microsoft Edge ausweichen, um die eine oder andere Sache zu erledigen. Beispielsweise Lysandas Videos auf ihren TikTok-Kanal hochladen. Da mir das massiv gegen den Strich ging, habe ich nun nach fast 25 Jahren die Konsequenzen gezogen und Maxthon sowohl von meinem Rechner als auch meinem iPhone verbannt.
Gruß aus Norwegen
Jetzt ist es mit Browsern ja wie mit Linux-Distributionen: Es gibt so viele wie Sand am Meer und wenn man 10 Leute fragt, bekommt man 100 Antworten. Es dürfte entsprechend wenig verwundern, dass ich das gemacht habe, was heutzutage viele machen: Ich habe mit Google Gemini einen Chatbot befragt. Am Ende der Diskussion bin ich dann bei Vivaldi gelandet.
Ich hatte vorher noch nie von diesem Browser gehört. Dabei ist er auch schon elf Jahre alt und stammt von Jon Stephenson von Tetzchner. Das ist einer der Mitbegründer der norwegischen Firma Opera Software. Also eigentlich kein Unbekannter. Der war damals aber unglücklich damit, wohin sich der Opera-Browser entwickelte. Vor allem mit dem verringerten Funktionsumfang war er äußerst unzufrieden. Entsprechend hat er sich gesagt: “Mach‘ ich halt was Eigenes!”.
Und ums direkt zu sagen: Hat er gut gemacht, der Mann! Ich bin nach der ersten Eingewöhnungsphase wirklich zufrieden mit dem Browser.
Die Software
Bei der Suche nach meinem Ersatzdesktopbrowser hatte ich fünf Anforderungen, an denen nicht zu rütteln war:
- Mausgesten
- Parallele Tab-Anzeige
- Zügige Core-Aktualisierungen
- Unterstützung von Chrome-Erweiterungen
- Eine Version für Handys mit Desktopmodus
Und ja, alle diese Anforderungen erfüllt Vivaldi und bietet sogar noch viel mehr. Aber um es gleich vorweg zu nehmen: Nein, er ist nicht perfekt. Die Vorteile übertreffen aber ganz klar die kleinen Unstimmigkeiten, die ich bislang bemerkt habe. In Bezug auf die Mausgesten beispielsweise ist es für mich durchaus eine Umgewöhnung, diese nicht zu sehen. Maxthon hat, ähnlich wie im Videospiel Arx Fatalis, nämlich eure Geste beim Zeichnen angezeigt. Das macht Vivaldi nicht. Wenn ich im Eifer des Gefechts also irgendwo einen falschen Haken mache, dann sehe ich das nicht frühzeitig. Und beim Rausholen von Tabs in eine neue Instanz ist das System irgendwie hilfreicher, als es wirklich nützlich ist. Schon das ein oder andere Mal deswegen aus versehen eine Webseite in ein Word-Dokument eingefügt. Das ist mit Maxthon nie passiert. Auf dem iPhone hingegen habe ich bislang noch keine Einstellung gefunden, um alle Webseiten in den dunklen Modus zu zwingen, selbst wenn sie offiziell keinen haben.
Auf der Habenseite stehen dafür Sachen wie
- Zwei Tabs nicht nur nebeneinander anzeigen, sondern auch untereinander
- Mehr als zwei Tabs gleichzeitig anzeigen lassen
- Blitzschnelle Core-Updates
- Eigenes, unabhängiges Erweiterungsökosystem, aber mit voller Chrome-Kompatibilität
- Umfangreiche Konfigurationsmöglichkeiten (Maxthon war hier stark beschränkt)
- Kommt aus Norwegen und nicht aus China oder den USA
- Keine integrierte Werbung, keine “optionalen” Programme bei der Installation, kein KI-Krempel – einfach nur ein kostenloser Browser.
Oder um es nochmal deutlich auszudrücken: Ich habe bislang den Wechsel weder am Desktop noch auf dem Smartphone bereut. Mal schauen, wie es in 25 Jahren aussieht
.















