Der Zettel ist schnell ausgefüllt.

„Deutschland. Gründerland.“ sagen die einen. Die anderen jammern, dass wir kein Silicon Valley hätten und kein Hort für Start-ups wären. Fakt ist: Allein 2020 wurden 660.863 Gewerbe neu angemeldet. Klingt erstmal nach viel bis man die zweite Statistik dazu holt: Im gleichen Zeitraum wurden 541.738 Gewerbe abgemeldet. Natürlich handelt es sich in den meisten Fällen nicht um die gleichen Unternehmen. Es zeigt aber schon, dass nur ein Bruchteil tatsächlich überlebt.

Nach den Erfahrungen, die Lysanda bislang gemacht hat (ist schon ein paar Jahre dabei), wenig verwunderlich. Der erste Schritt ist in Deutschland tatsächlich mega-einfach. Gewerbeantrag ausfüllen, zur Stadt/Gemeinde tingeln, etwas Geld dalassen (in ihrem Fall 33€) und schon steht das Unternehmen. Das Problem ist der Rattenschwanz dahinter. Der Begriff „Selbstständigkeit“ bekommt da eine ganz neue Bedeutung, denn man muss sich entweder alles selbst zusammenreimen oder irgendwelche Berater für teuer Geld beauftragen – und selbst dann kann man sich nicht darauf verlassen, dass es rechtlich passt. Standardisierung? Äußerst beschränkt. Unterstützung von staatlichen Stellen? Kaum und wenn dann kostet das auch erstmal wieder Geld. Und nein, selbst die Kammern (z.B. IHK, HWK) sind für Kleinunternehmer keine wirkliche Hilfe, sondern nur ein weiterer Kostenfaktor in der Bilanz.

Ein Dschungel voller Tiger

Selbstverständlich ist die Erwartungshaltung nicht, dass mir einer eine Gelddruckmaschine hinstellt und ich gar nichts mehr tun muss (wäre ja zu einfach). Es ist aber echt frustrierend mit welchem Mist man sich herumschlägt statt sich auf das zu konzentrieren, um das es geht: Ein Produkt/Dienstleistung/etc. anbieten und verkaufen. Weil Gesetze schwurbelig verfasst sind. Weil einem das Finanzamt keine Fragen beantworten darf. Weil es im Verbraucherrecht wenig Standardisierung gibt. Warum „darf“ sich beispielsweise jeder seine AGBs komplett selbst aus den Fingern saugen? Warum gibt es da nicht von staatlicher Seite aus zumindest ein rechtssicheres Muster? Ach ja: Weil ansonsten einfach das BGB gilt und das hat so seinen ganz eigenen Charme. Verstanden… Datenschutz, Widerrufsrecht und was weiß ich noch alles: Tausende von Arbeitsplätzen existieren nur, um sich für die Unternehmen damit zu beschäftigen. Es fehlt an echten Standards und gleichzeitig ist man irgendwie niemals rechtssicher. Was der eine Anwalt so sieht, klingt für den anderen komplett anders. Und was am Ende das Gericht macht? Weiß vermutlich nicht einmal der liebe Gott und kann sich jeden Tag ändern. Andererseits: Irgendwie muss sich die Abmahnindustrie ja auch finanzieren. Vom „Verbraucherschutz“ will ich gar nicht erst anfangen (kommt weiter unten…).

Wieso verweist mich beispielsweise das Finanzamt, wenn es etwas von MIR will, bei einer Rückfrage an einen Steuerberater? Ihr habt mir doch einen Brief geschrieben und gefordert, dass ich das und das mache. Aber Fragen dazu beantworten um sicherzustellen, dass ich es richtig mache? Ne, bloß ned. „Schicken Sie es einfach ein und wir stimmen dann zu oder lehnen ab und sie können Widerspruch einreichen“. So kann man auch Bürokratie unnötig am Leben halten. Ja, dieses Telefonat hat mich echt aufgeregt. Lag vermutlich auch daran, dass der Beamte am Telefon gefühlt irgendwie so gar keinen Bock hatte sich grundsätzlich mit mir zu unterhalten. Warum ich telefoniert habe statt meine Frau? Als Ehemann hafte ich automatisch bei Lysandas Gewerbe mit also habe ich durchaus ein Interesse an ihrem Erfolg (und bin unabhängig davon natürlich grundsätzlich ein netter und unterstützender Partner :wink: ).

Ein Hort von Gesetzeslosen

Lysandas Kreativmarktstand

Je mehr man sich mit dem ganzen Kram beschäftigt, desto mehr fällt einem auf, dass es eigentlich alle falsch machen. Das fängt schon im Kleinen an. Besucht beispielsweise mal einen von diesen „Kreativ-“ oder „Hobby“märkten. Mal abgesehen von den absoluten Schleuderpreisen, die da verlangt werden und die allerhöchstens die Materialkosten decken dürften (wenn überhaupt) von der Arbeitszeit und dem administrativen Aufwand gar nicht erst zu reden. Da hat vermutlich so gut wie niemand überhaupt ein Gewerbe angemeldet. Und nein, es gibt kein „Kleingewerbe“. Alle müssen sich an die gleichen Regeln halten. Es gibt nur den steuerlichen Unterschied in Bezug auf „Kleinunternehmer“.

Und dann haufenweise Markenrechtsverletzungen – zumindest gehe ich nicht davon aus, dass die nette alte Dame eine Lizenz von Disney gekauft hat für das Tischtuch mit Mickey Mouse drauf. Und wenn doch, dann dürfte der Verlust bei einem Verkaufspreis von 5€ ziemlich gigantisch sein. Oder fehlende/falsche Produktangaben. Bei Textilien ist sogar die Reihenfolge vorgegeben wie es auf dem mitunter ungewollten Etikett zu stehen hat! Ja, ihr könnt abgemahnt werden, wenn die Schurwolle 10% nicht vor der Schafswolle 9% steht… selbst, wenn die Prozentangaben richtig sind! Das ist der absolute Wahnsinn speziell beim sogenannten „Verbraucherschutz“. Der Kunde wird für absolut unfähig gehalten (okay, manchmal ist er das auch) und man muss ihm alles zehnmal vorkauen. Ob dem Kunden das überhaupt hilft und Spaß macht? Interessiert niemanden. Stichwort Cookie-Banner-Wahnsinn.

Online wird es noch viel schlimmer mit AGBs, Widerrufsbelehrung und Einwilligungserklärungen die alle an bestimmten Punkten des Verkaufsprozesses vorliegen und gewisse Inhalte haben müssen (natürlich oft keine standardisierten Vorgaben, sondern nur schwammige Andeutungen in den Gesetzen), andernfalls kann dir jemand an den Karren fahren. Bestenfalls der Kunde, der sich dann auf das BGB berufen kann (hat sehr, sehr großzügige Fristen). Worst Case irgendein Mitbewerber, der euch wegen eines Schreibfehlers eine Abmahnung vorbeischickt und euch so in den Ruin treibt. Oder eben der Verbraucherschutz, der am liebsten möchte, dass man beim Kunden auf dem Schoß sitzt und ihm wie beim Notar alles ganz genau vorliest. Will das wirklich jemand? Ja, natürlich möchte ich als Kunde vor miesen Praktiken geschützt werden und wissen was los ist bevor ich irgendjemandem mein Geld überweise. Aber irgendwo gehört der gesunde Menschenverstand doch mal eingeschaltet, wenn ich schon mit Formularen zugeschüttet werde, nur weil ich mich für eine Dienstleistung überhaupt interessiere. Andererseits: Während ich diese Zeilen schreibe fällt mir der „Nutri-Score“ ein. Der wurde ja böse gesagt auch nur deshalb eingeführt, weil die Leute heutzutage nicht mehr in der der Lage sind die Packung rumzudrehen und die Inhaltsstoffe zu lesen und zu verstehen. Insofern hat der Verbraucherschutz wohl doch recht: Menschen sind dumm. Und nein, ich nehme mich davon selbstverständlich nicht aus – immerhin kann ich Inhaltsstoffe lesen jnd verstehen.

Die Sache mit dem Karton

Eine Ladung Versandmaterial

Jetzt habe ich mich aber glaube ich erstmal genug über den aus meiner Sicht unnötig hohen administrativen Aufwand aufgeregt. Der eigentliche Grund des heutigen Eintrags war eins von Lysandas jährlichen Ritualen: die Verpackungslizenz. Grundsätzlich eine coole Sache. Unternehmen, die Verpackungen in den Umlauf bringen tragen ihren Anteil an den Entsorgungskosten bei. Die Lizenzgebühren gehen angeblich direkt rein ins Duale System und sorgen u.a. dafür, dass Papier- und Plastiktonnen größtenteils noch „kostenlos“ sind. In Anführungszeichen, weil die Verkäufer selbstverständlich die Lizenzkosten auf die Produkte aufschlagen. Verständlich. Insofern bezahlen wie so oft wir als Kunden am Ende für die Gebühren aber ohne die dazugehörige Transparenz.

Übrigens: Nicht der Hersteller des Kartons muss die Lizenz haben. Für den ist es ja noch keine Verpackung, sondern seine Ware. Und soweit ich §3 des Verpackungsgesetz verstehe ist auch der Versand unter Unternehmen nicht lizenzpflichtig, denn dort steht „[…]die nach Gebrauch typischerweise beim privaten Endverbraucher[…]“. Oder um es Neudeutsch auszudrücken: „Business to Customer“ und nicht „Business to Business“. Wenig verwunderlich, da auch in vielen anderen Bereichen B2B etwas unkomplizierter ist. Der Verbraucherschutz ist eben nur genau das: Ein Schutz des Verbrauchers. Sonst würde es ja Unternehmens- und Verbraucherschutz heißen :smile: .

Erfreulich unkompliziert

Der Kauf einer Lizenz geht ganz einfach. Gibt in Deutschland derzeit 11 Anbieter wie z.B. Reclay, Veolia oder DSD (der grüne Punkte) dafür und alles läuft komplett online ab. Ihr gebt einfach an wie viel von welcher Art von Verpackung ihr im nächsten Jahr voraussichtlich versendet und bezahlt die Gebühr dafür. Der Anbieter ist dann dafür verantwortlich, dass sie dahin kommt wo sie hinsoll (abzüglich einer Provision versteht sich…). Anschließend erfolgt durch euch noch ein Eintrag ins bundesweite Register namens LUCID. Ja, wir sind in Deutschland noch nicht so modern, dass das automatisch mit dem Kauf der Lizenz passiert. Ein paar Anbieter bieten das allerdings als zusätzlichen Service an. Doch egal wer es macht: Jetzt seid ihr rechtssicher. Am Ende des Jahres muss dann noch im Register eine Endabrechnung vorgenommen werden. Sprich habt ihr so viel Material verschickt wie ihr erwartet habt oder nicht. Ist der Wert höher, müsst ihr logischerweise entsprechend nachzahlen.

Und ja, diese Lizenz muss wirklich jedes Unternehmen haben, die Sachen an Privatkunden verschickt. Und nein: Es ist nicht nur der Karton und sein Füllmaterial betroffen. So ist zwar eine Rechnung in einem Brief noch erlaubt aber ihr packt eine Broschüre dazu? Dann wird der Umschlag sofort lizenzpflichtig! Also unbedingt das nächste Mal dran denken, wenn man mal wieder ein bisschen Werbung mit reinstecken möchte. Ihr könnt euch ja mal einen Spaß draus machen und bei eurem Erhalt einer Werbesendung im Register nachschlagen. Das ist nämlich öffentlich einsehbar – allerdings ohne Mengenangaben. Also ihr seht nur, dass das Unternehmen eine Lizenz hat.

Der Rechner von Reclay

Ihr seid übrigens nicht vor dem Kauf einer Lizenz gefeit, wenn ihr Verpackungsmaterial wieder verwendet. Das ist so ein kleiner Widerspruch im System. Zwar gibt es die offizielle Stelle aber trotzdem kann keiner nachweisen, dass für den Karton tatsächlich bereits eine Lizenzgebühr entrichtet wurde. Wenn ihr also das alte Amazon-Paket nehmt in dem euer privater Toaster gekommen ist, um Ware an euren Kunden zu verschicken wird dafür trotzdem noch einmal eine Lizenz notwendig. Fördert nicht gerade den Recycling-Gedanken wie ich finde aber wie oben geschrieben: Am Ende des Tages bezahlen sowieso die Endkunden dafür und vermutlich ist auch dies ein Grund (=viele in der Kette bezahlen für den gleichen Karton), warum eine Lizenz vergleichsweise billig ist. Bei Reclay (ein guter Anbieter, wenn es um kleinere Mengen geht) bezahlt ihr beispielsweise 6€ Grundgebühr und dann pro kg Karton 45ct. Glas sogar nur 9ct. Da kann man schon einiges verschicken bevor es weh tut.

Zusammenfassung

Wenn ihr ein Gewerbe anmeldet müsst ihr euch also auch über das Thema Verpackungslizenz zwingend Gedanken machen – selbst, wenn ihr z.B. nur ein Coaching aufbaut und gar keine Waren/Gegenstände verkaufen wollt. Die Grenzen ab wann etwas zu einer Verpackung wird sind relativ niedrig. Wie oben geschrieben: Selbst die Broschüre bei der Rechnung macht aus dem Umschlag bereits eine Verpackung. Auch, wenn ihr ein Zertifikat per Post verschickt: Verpackungslizenz, da es als „Ware“ angesehen wird. Oder ihr verkauft im Rahmen eures Zeichenkurses ein paar Stifte und schickt sie jemandem zu -> Lizenz. Wenn hingegen ein Kursteilnehmer etwas bei euch liegen lässt und ihr es ihm zuschickt, dann ist dafür keine Lizenz notwendig.

Immerhin ist es ziemlich einfach das Thema für relativ wenig Geld rechtssicher zu machen. Bei Reclay sogar je früher desto billiger (geben Rabatte bis 25%). Ist bei vielen anderen Themen rund ums Gewerbe leider nicht so. Und keine Angst, wenn ihr es mal vergessen solltet: Nachmelden geht bis zum 15. Mai des Folgejahres. Macht ihr es allerdings nicht kann es Strafen von bis zu 200.000€ hageln.

Ihr seht: Ein zwar relativ übersichtliches und grundsätzlich sinnvolles Thema aber im Grunde genommen wesentlich komplizierter aufgesetzt als es sein müsste. Warum z.B. nicht einfach über die Müllgebühren statt diesem ganzen Bürokratiekonstrukt. Am Ende bezahlen wie geschrieben sowie wir Kunden die Zeche – aktuell sogar mehr aufgrund des ganzen zusätzlichen administrativen Aufwands in der ganzen Lizenzkette.

Sicarius

Einfach nur Windows

Windows 11 – offensichtlich

Ich hatte es indirekt ja schon angedeutet und natürlich habe ich den imaginären „Upgrade auf Windows 11“-Button sofort gedrückt. Schon am Dienstagmorgen habe ich die Installation aus Windows 10 heraus gestartet. Microsoft hatte früher als geplant die entsprechenden Dateien zur Verfügung gestellt. Ursprünglich hatte ich sogar geplant seit langem mal wieder eine komplett frische Installation vorzunehmen.

Die letzte Neuinstallation dürfte ich Ende 2013 anlässlich Windows 8.1 und dem damaligen Rechnerupgrade durchgeführt haben. Seitdem habe ich mir die zeitaufwendige Neuinstallation gespart und zumindest offensichtlich noch keine Nachteile dadurch bemerkt. Aber mit Windows 11 hab‘ ich mir gedacht, könnte ich vielleicht mal wieder eine machen. Es liegt sogar eine Samsung SSD 870 EVO mit 500 GB (SATA) extra dafür hier auf meinem Schreibtisch.

Hardwaresorgen

Okay, nein. Natürlich habe ich mir nicht nur für ein Windows-Update ein neues Speichermedium gekauft. Der Grund ist ein anderer: Meine aktuelle Systemplatte, eine Samsung SSD 840 EVO mit 250GB, schien vor kurzem anzufangen rumzuspinnen. Ich hatte plötzlich zu unnachvollziehbaren Zeiten Bluescreens und nach dem Neustart wurde sie erstmal im BIOS nicht mehr erkannt. Dabei sind die S.M.A.R.T-Werte lt. Samsung Magician alle im grünen Bereich. Entsprechend habe ich sicherheitshalber schon einmal Ersatz besorgt, falls sie tatsächlich die Grätsche machen sollte.

Tatsächlich scheint der Schuldige aber ein Windows-10-Update gewesen zu sein. Der Bluescreen kam nämlich immer dann, wenn er versuchte in den Energiesparmodus/Ruhezustand zu wechseln was lange super funktioniert hat. Seit ich den ausgeschaltet habe, gab es keinen Bluescreen mehr. Warum die SSD dann auch im BIOS nach dem Bluescreen nicht mehr angezeigt wird… das habe ich bis heute nicht verstanden. Ich werde natürlich trotzdem in nächster Zeit mal eine Neuinstallation auf der neuen SSD vornehmen, schließlich bringt sie mir nichts, wenn sie einfach nur hier herumliegt. Aber der Druck es sofort zu tun ist erstmal raus und entsprechend obsiegt gerade die Faulheit :wink: .

Die Umstellung

Der erste Versuch des Upgrades schlug schon beim im Schritt „Download“ fehl. Irgendwo bei 83% hat der Installationsassistent scheinbar die Verbindung zum Microsoft-Server verloren. Möglicherweise zu viele andere, die plötzlich ebenfalls Windows 11 installieren wollten. Hat dann noch ein paar Versuche gedauert bis die Verbindung wieder da war. Zum Glück musste er nicht wieder bei null anfangen, sondern hat dann recht zügig den Rest heruntergeladen. Anschließend die Überprüfung ob auch alle Dateien richtig auf meinem Rechner gelandet sind und schon stand der erste Reboot an.

Der Rest verlief so unspektakulär wie (dankenswerterweise) heutzutage Windows-Updates grundsätzlich ablaufen. Während ich einer Telefonkonferenz lauschte wurde Windows 11 schlicht und einfach installiert. 2-3 Reboots, ab und zu die USB-Verbindung zurückgesetzt – merke ich daran, dass mein Scanner seinen Testlauf durchführt –, einmal die Bildschirmauflösung korrigiert und schon war die Anmeldemaske mit meinem vertrauten Hintergrundbild zu sehen. Der einzige Unterschied: Standen in Windows 10 Uhrzeit und Datum noch unten links, sind sie jetzt oben in der Mitte.

Dürfte alles in allem keine 30 Minuten gedauert haben. Nach dem Anmelden rödelt er dann zwar nochmal 2-3 Minuten bis man tatsächlich wieder auf dem Desktop ist aber das kennen wir ja von jedem Halbjahresupdate. Insofern unterscheidet sich das grundsätzliche Erlebnis wirklich überhaupt nicht von dem, welches wir seit 2015 regelmäßig mitmachen. Ja, die erste Version von Windows 10 ist tatsächlich schon so alt. Unser allseits geliebtes Windows XP feiert am 25. Oktober sogar schon seinen 20. Geburtstag!

Der erste Schock

Mein Windows-10-Desktop von 2015

Als erstes fiel mir selbstverständlich die neue Taskleiste ins Auge. Aber bevor wir dazu kommen die erfreuliche Nachricht: Es hat fast alles sofort wieder funktioniert. Selbst meiner sonst so störrischen Creative Soundblaster X-Fi Titanium entfleuchten ohne weiteres Zutun Töne. Zum Glück, denn die letzte Treiber-Version ist von 2019. Hatte ich definitiv anders erwartet aber daran merkt man wohl, dass der Sprung von Windows 10 auf Windows 11 zumindest unter der Haube nicht wirklich groß ist. Das einzige Stück Hardware, das rumzickte, war mein Oki C332dn Laserdrucker. Der wurde von Windows zwar erkannt aber beim Versuch zu drucken lief er immer wieder in einen Fehler (den mir das System nicht nannte…). Das einfache Entfernen des Geräts sowie eine Installation des aktuellen Treibers von der offiziellen Homepage behob das Problem aber zügig. Ach und ein USB-Gerät mit Ausrufezeichen war im Gerät-Manager ebenfalls zu sehen. Kann aber absolut nicht ausschließen, dass das schon immer da war. Zumindest habe ich keine Ahnung was sich dahinter verbirgt (funktioniert ja alles). Wird sich vielleicht irgendwann mal zeigen…

Nun aber zurück zur Taskleiste. Nur noch rudimentär veränderbar, Symbole in der Mitte (mit Option sie wieder nach links zu packen) und alles standardmäßig gruppiert. Joa… das ist mal ne Ansage. Das viel größere Problem aber für mich: Keine Möglichkeit sie mehrzeilig zu machen und eigene Symbole hinzuzufügen. Ja, man kann nur noch mit der Funktion „Anheften“ Programme dort unten anbinden. Mehr geht nicht. Für mich theoretisch der ultimative Supergau. Wie die Veteranen unter den Lesern wissen, hatte ich nämlich die Angewohnheit alles dorthin zu packen. Startmenü? Nutze ich nicht. Desktop? So sauber wie ein frisch geputzter Babypopo. Die Taskleiste? Fast 100 Symbole in vier Kategorien und auf zwei Zeilen einsortiert. Hatte den Vorteil, dass ich immer genau gesehen habe, was ich gerade auf meinem Rechner installiert habe und es nur einen Klick entfernt lag. Das in der Windows 11-Taskleiste irgendwie nachbilden? Absolut und vollkommen unmöglich.

Ja, es gibt natürlich schon den ein oder anderen Mod, der es einem auch unter Windows 11 wieder etwas zurückzukehren zu alten Gewohnheiten. Aber sowas benutze ich nicht. Wenn Microsoft sagt, dass das die optimale Art und Weise ist wie eine Taskleiste auszusehen hat, warum sollte ich dem widersprechen :wink: . Nein, die Realität ist schlicht und einfach: 90% der Symbole habe ich sehr selten gebraucht. Was habe ich also gemacht? Alles in einen neuen Ordner auf den Desktop gepackt – den ich tatsächlich seit Dienstag kein einziges Mal offen hatte. Stattdessen mache ich es wie auf dem Arbeitsrechner: Windows-Taste, Programmname eintippen und starten. Sicherlich etwas umständlicher und garantiert gibt es auch ohne Mods effizientere Methoden aber so muss ich nicht einmal die Hand von der Tastatur nehmen und schnell tippen ist für mich eh kein Problem.

Look & Feel

Mein neuer Desktop Stand 2021

Die Taskleiste war also eine kleine Hürde, die ich aber zügig überwunden habe. Was ist mir sonst noch so aufgefallen? Nun, die Rückkehr der Widgets war für mich nur von kurzer Dauer. Sofort genauso deaktiviert wie den Chat. Das neue Startmenü interessiert mich ebenfalls weiterhin nicht die Bohne. Dafür hat jetzt alles runde Ecken und der Explorer wurde überarbeitet. Der Ribbon ist weg, stattdessen herrscht Minimalismus – auch im Rechtsklick-Menü. Reduziert auf die aus Microsofts Sicht wichtigsten Funktionen. Macht es wesentlich übersichtlicher aber natürlich gewöhnungsbedürftiger. Erst mit einem Klick auf „Weitere Optionen“ kommt das bekannte (und sich überhaupt nicht ins Design einfügende) Menü hervor. Was nicht so gut ist: Er stürzt aktuell sehr gerne nicht nur aber vor allem beim Benutzen des Rechtsklickmenüs ab. Keine Ahnung warum und ein wenig nervig.

Das Einstellungsmenü hat ebenfalls ein Facelift bekommen. Ja, die alte Systemsteuerung existiert immer noch. Soweit ich das sehe wurden nicht einmal weiteren Funktionen übertragen. Aber das überarbeitete Einstellungsmenü gefällt mir definitiv besser. Mehr Informationen auf einem Blick und die Sortierung gefühlt logischer als noch zu Windows 10-Zeiten. Auch der Microsoft Store hat eine Überarbeitung erfahren. Ob er dadurch besser geworden ist? Fragt mich nicht. Vermeide es soweit möglich ihn zu benutzen :smile: .

Die Performance

Stellt sich abschließend noch die große Frage nach der Performance. Da geht ja aktuell einiges durch die Presse speziell in Bezug auf Gaming und VBS (Virtualisierungsbasierte Sicherheit). Angeblich bis zu 28% Leistungsverlust. Gibt aber erhebliche Zweifel, ob das tatsächlich stimmt. Ich für meinen Teil dachte zuerst, dass Psychonauts 2 wesentlich schlechter laufen würde. Von stabilen 144fps auf nur noch 90-100fps. Die Realität ist aber, dass ich mir nicht sicher bin. Hab‘ den Framecounter ja nicht durchgehend beobachtet. Insofern gehe ich derzeit davon aus, dass ich auch unter Windows 10 kekne besseren Werte hatte. Außerdem ist VBS bei mir deaktiviert.

Keine Sicherheit für den Webmaster :sad:

Ich kann die Kernisolierung nicht einmal anschalten, selbst wenn ich es wollte. Grund sind inkompatible Treiber. Ja, darunter der für meine Soundkarte. Aber auch die Treiber meiner älteren Logitech-Gerätschaften (WebCam, Joystick, Lenkrad) mag er nicht (23 Dateien insgesamt). Von irgendwelchen Treiberresten alter Geräte und schon lange nicht mehr vorhandenen Geräten ganz zu schweigen. Bei letzterem zeigt sich dann doch mal der Nachteil einer fehlenden Neuinstallation. Insofern: Die Performance von Windows 11 kann ich zum aktuellen Zeitpunkt nicht beurteilen. Bei den synthetischen Benchmarks wie z.B. Cinebench R23 gibt es auf jeden Fall keinen erwähnenswerten Unterschied.

Das gilt leider ebenfalls für „HDR“. Ich hatte ja gehofft, dass mein Erlebnis mit Windows 11 besser wird. Aber ich habe immer noch das Phänomen, dass nach der Aktivierung mein Bildschirm viel zu dunkel und gleichzeitig überbelichtet wirkt trotz HDR10-Unterstützung. Allerdings kenne ich mich bei dem Thema immer noch zu wenig aus, um das Fehlerbild beurteilen zu können. Also von wegen ob es technisch gesehen richtig funktioniert oder es eine falsche Monitoreinstellung ist. Fakt ist: Derzeit lasse ich es auch unter Windows 11 ausgeschaltet. Die Nutzung der neuen SDR zu HDR-Emulation fällt damit ebenfalls erstmal unter den Tisch.

Fazit

Nach drei Seiten Text bleibt für mich also nur eine Sache festzuhalten: Windows 11 ist unspektakulär. Nach einer Woche damit habe ich noch keine wirklich einschneidenden Unterschiede zum Vorgänger 10 festgestellt, die mein Arbeiten in irgendeiner Art und Weise signifikant positiv oder negativ beeinflussen. Ja, das mit den Symbolen in der war im ersten Moment blöd und der abstürzende Explorer sowieso. Aber offensichtlich waren die Symbole in der Taskleiste sowieso nur noch aus Gewohnheit da. Im Gegenzug ist z.B. das überarbeitete Einstellungsmenü eine echt schicke Sache. Das bedeutet aber eben auch: Wer mit seinem Windows 10 zufrieden ist, der hat wie erwartet derzeit noch keinen Killer-Grund zum Upgraden. Andersherum hat es mir aber nicht geschadet. Keine großen Bugs, keine großen Probleme. Einfach nur Windows.

Sicarius

Rückkehr der Psychonauten

Psychonauts (Herstellerblid)

Psychonauts. Lang, lang ist es her. Frühjahr 2005 in den USA für PC, Xbox (ja, die erste!) und PlayStation 2, im Dezember dann dank THQ auch bei uns. Über ein halbes Jahr Verzögerung? Kann man sich heutzutage bei den mittlerweile weltweiten Parallelreleases gar nicht mehr vorstellen. Damals waren sechs Monate sogar noch schnell :smile: . Aber ja: Double Fines Erstlingswerk und Tim Schafers erster neuer Titel seit dem Kult-Adventure (= ebenfalls schlecht verkauft) Grim Fandango (1998) unter der Schirmherrschaft von LucasArts. Tim kann einem schon echt leidtun. Ein genialer Schreiberling und Designer aber obwohl alle seine Titel mittlerweile als absolute Must-Plays gelten (mit Ausnahme vielleicht von Broken Age – völlig unverdient), war abseits von Day of the Tentacle keiner davon direkt zum Release erfolgreich.

An mir liegt es nicht. Ich war bei Psychonauts von Anfang an dabei – zumindest habe ich für MobyGames die amerikanische Box eingescannt. Erinnern kann ich mich daran nicht mehr wirklich. Damals natürlich bei OkaySoft direkt am ersten Tag gekauft. Die stehen übrigens heutzutage leider nicht mehr auf der Liste meiner Lieblingsshops stehen. Aber das ist ein anderes Thema. Ich wollte damit nur sagen: Mein Geld hat zumindest der Publisher Majesco Entertainment erhalten. Double Fine hat davon wohl nichts gesehen. Und ich habe auch fleißig meinen (wenigen) Freunden vom Spiel vorgeschwärmt.

Der absolute Wahnsinn

Völlig verdient, versteht sich: Psychonauts war und ist auch heute noch ein absolut genialer Plattformer. Die innovative Geschichte, die buchstäblich schrägen Charaktere, der abgedrehte Schafer-Humor, das absolut bekloppte Leveldesign – alles erste Sahne. Ja, es hakte hier und da beim Core-Gameplay (Stichwort „Original Meat Circus“) aber die Atmosphäre war einfach dermaßen genial – so einen Titel gab‘ es vorher nicht und danach ebenfalls nicht. Vermutlich, weil es sich trotz der hohen Wertungen eben miserabel verkauft hat. Anlässlich der Veröffentlichung von Prey (das Original) hatte ich 2006 dazu folgendes geschrieben (um ein paar Rechtschreibfehler bereinigt):

Psychonauts (Herstellerbild)

Psychonauts hingegen ist im Grunde zwar ein normales Jump ’n‘ Run aber so schräg umgesetzt, dass bei den normalen Spieler Verwirrung, vielleicht sogar Angst einsetzt. Ballern – kenne ich. Ach sind jetzt Rätsel mit dabei, und eine umfangreiche Story? Okay, kenn ich auch alles. Jump ’n‘ Run – kenn ich. Schraubenzieherlevel, ein Kind als Spielfigur, völlig abgedrehte Charaktere? Neee du, dass ist mir zu viel des Guten. Dann doch lieber Super Mario Bros.

So sehe ich das immer noch. Es war zu schräg für die Masse. Und in einer Zeit, in der Spiele hauptsächlich noch im Ladenregal standen, passte das nicht so recht rein. Zumindest, wenn nicht gleichzeitig eine massive Marketingkampagne mitläuft. Die gab’s beim kleinen Publisher Majesco (u.a. BloodRayne 2 und Advent Rising) aber nicht. Und ich behaupte sogar, dass es selbst heutzutage zum Scheitern verurteilt wäre und in der Masse an gleichförmigen Indietiteln (aktuell der absolute Trend: Escape Rooms, Survival Horror und Fake-8bit-Grafik) untergehen würde.

Die Fortsetzung

Aber Psychonauts ist schon seit 2005 auf dem Markt. In der Zwischenzeit hat es dank viel Mund-zu-Mund-Propaganda zahlreiche, lautstarke Fans gefunden. 2016 konnte Double Fine dann endlich von diesem „Good Will“ profitieren und von über 24.000 Unterstützern mehr als 3,8 Millionen Dollar für ein Psychonauts 2 einsammeln. Gereicht hat das Geld zwar am Ende wie schon bei Broken Age nicht. Aber Budgets waren für Tim Schafer schon zu LucasArts-Zeiten wohl nur ein Orientierungswert :smile: . Erschienen ist es dann endlich Ende August 2021. Hat doch nochmal einige Zeit im Ofen gebraucht aber was lange währt, wird endlich gut? Nun, zumindest haben es definitiv in der ersten Woche mehr Leute gespielt als Teil 1. Schon allein, weil es im Rahmen des Xbox Game Pass zur Verfügung steht. Aber selbst auf Steam konnte es immerhin in der ersten Woche auf Platz 4 der Verkaufscharts klettern und zur Höchstzeit 7.234 gleichzeitige Spieler verzeichnen. Nicht schlecht für einen Nachfolger eines Nischen-Einzelspieler-Plattformers. Und ja: Mittlerweile habe ich als Backer auch schon knapp 14 Stunden darin versenkt (nähere mich mit großen Schritten dem Finale).

Doch bevor wir zu Psychonauts 2 kommen: Obwohl es die entsprechende Zahl im Namen trägt, ist es nicht der direkte Nachfolger. Es gab‘ tatsächlich schon eine Fortsetzung der Geschichte von Teil 1. Und zwar in Form des VR-Titels Psychonauts in the Rhombus of Ruin. Der erschien 2018 und setzt unmittelbar an Teil 1 an, denn ja: Das Spiel endete damals technisch gesehen auf einen Cliffhanger. Umso schlimmer also, dass wir so lange auf die Weitererzählung warten mussten. Und zwar wurde der Chef der Psychonaus, Truman Zannotto, entführt und die Psychonauts machten sich in ihrem Jet auf den Weg zurück zur Zentrale, um sich darum zu kümmern.

Psychonauts in the Rhombus of Ruin (Herstellerbild)

Psychonauts in the Rhombus of Ruin beginnt nun in besagtem Jet auf diesem Flug nach Hause. Um nicht unnötig viel Zeit zu verschwenden, beginnen sie direkt mit der Suche nach Truman. Unser Held, Razputin, schafft es auch ihn in einer alten Unterwasseranlage der Psychonauts zu erspüren. Leider stürzt der Jet ab und nun gilt es alle zu retten. Das dauert ca. 1 Stunde und ist mehr eine lineare Erzählung als ein wirkliches Spiel. Es gilt das ein oder andere (simple) Rätsel mit euren psychischen Kräften zu lösen. Aber die meiste Zeit teleportiert ihr euch einfach nur von Location zu Location und treibt so die Geschichte voran. Nichts weltbewegendes und die ganzen Geschehnisse werden am Anfang von Teil 2 in einem Satz zusammengefasst. Aber trotzdem eine nette Überleitung mit dem bekannten Schafer-Humor zum Start des neuen Abenteuers. Ach und nein, ich habe immer noch kein VR-Headset. Ich hab‘ mir einfach einen Playthrough auf YouTube angeschaut.

Weiter geht’s

Psychonauts 2 beginnt ebenfalls in medias res und es passt perfekt. Es verstärkt den Eindruck, dass überhaupt keine 16 Jahre vergangen sind, sondern wirklich nur wie im Spiel zwei Tage. Man fühlt sich als Veteran sofort wieder heimisch. Steuerung, Sound- und Leveldesign – alles sehr bekannt. Ja, man glaubt sogar, dass sich die Grafik seit 2005 nicht geändert hat. So gut wurde der grundsätzliche Stil beibehalten. Aber natürlich sieht Teil 2 um Welten besser aus als Teil 1. Nur die Nostalgie-Brille sorgt dafür, dass man den Vorgänger nicht als die 4:3-Undetallierte-Matsch-Texturen-Welt in Erinnerung hat.

Dennoch: Teil 2 ist eine wirklich nahtlose Fortsetzung nicht nur was die Geschichte angeht. Das Spielprinzip ist fast komplett unverändert (der Ballon löst sich beim Schweben jetzt nach ein paar Sekunden auf). Immer noch spielt ihr den jungen Raz, jetzt ein Psychonauts-Trainee, und dringt in die Gedanken anderer Leute ein, um sie von ihren Problemen zu befreien. Als Unterstützung mit im Gepäck habt ihr acht Fähigkeiten, die ihr im Laufe des Spiels durch Levelaufstiege verbessern könnt wie z.B. Telekinese mit der ihr Sachen herumtragen/schleudern könnt, den bekannten Levitationsballon mit dem ihr schneller von A nach B kommt oder Hellsehen mit dem ihr die Welt durch die Augen eines anderen sehen könnt. Außerdem ein paar Gadgets darunter den „Verstreute Gedanken“-Sucher, der zusätzliche Plattformen freischaltet oder auch eine Kamera (inkl. Filter). Die hat spielerisch keinen Nutzen aber ein Fotomodus zu haben ist ja heutzutage „in“ :smile: . Etwas nervig ist, dass ihr nur vier Fähigkeiten gleichzeitig Tasten zuweisen dürft. Was auf einem Gamepad sicherlich Sinn macht (es aber auch nicht besser macht), ist auf dem PC total doof. Es zwingt euch relativ häufig zurück ins Menü zu wechseln und eine Kraft auszutauschen, um im richtigen Moment das richtige Werkzeug zur Verfügung zu haben. Da hätte ich mir zumindest für uns PCler die Möglichkeit gewünscht alles Kräfte frei auf Tasten legen zu dürfen.

Die negativen Seiten

Psychonauts 2 (Herstellerbild)

In der realen Welt seid ihr hauptsächlich in und um das Hauptquartier der Psychonauts unterwegs. Ihr trefft auf viele alte Bekannte (inkl. eurer Familie) und erfüllt nicht einmal ein halbes Dutzend Nebenaufgaben. Wirklich viel zu tun gibt es abseits der Suche nach den Collectibles (zum Hochleveln und Achievements) also nicht. Sowieso ist der „Gameplay“-Anteil von Psychonauts 2 gefühlt eher niedrig. Ja, ihr könnt einige Umgebungen frei erkunden. Und auch in den Gehirnen selbst habt ihr längere Abschnitte in denen ihr einfach nur ein bisschen rätselt, herumhüpft und die zahlreichen Figments, Safes und Taschen sammelt. Dennoch ist es irgendwie ein sehr kleiner Kosmos in dem ihr euch bewegt und die Herausforderung sehr überschaubar sowohl was das Platforming angeht als auch die wenigen Kämpfe. Selbst Multiple-Choice-Dialoge gibt es nur sehr wenige. Stattdessen liegt der volle Fokus darauf die Geschichte über entsprechende Zwischensequenzen zu erzählen. Das ist auf der einen Seite nett, weil diese natürlich wieder das Highlight ist. Es nervt aber schon ein wenig, dass man viele Sachen nicht selbst machen darf, sondern die Kontrolle entrissen bekommt. Und in den Momenten, in denen man die Kontrolle hat, relativ wenig passiert.

Andererseits: Die Steuerung hat sich seit Teil 1 leider nicht signifikant verbessert. Es kommt immer noch sehr häufig vor, dass man daneben springt, Raz nicht das macht was man will oder seine Fähigkeiten nicht gezielt einsetzen kann. Am schlimmsten war es mit der Telekinese in der Kochshow. Hier müsst ihr Zutaten einsammeln und an verschiedene Stationen bringen. Allein schon das Greifen der richtigen Zutat ist ein Krampf. Dann aber auch noch mit der Zutat in der Hand zur jeweiligen Station zu kommen? Alter Schwede. Und zwar nicht aufgrund des Leveldesigns (der Weg ist logischerweise voller Gefahren) sondern, weil man die „Halte“-Taste nicht loslassen darf, da sonst die Zutat weggeschleudert wird? Ein Fragezeichen, weil es in manchen Situationen geht und in anderen nicht. Verstanden habe ich es nicht.

Das größte Problem von Psychonauts 2 sind jedoch die Levels an sich. Ja, Tim Schafer und seine Truppe hatten wieder ein paar coole Ideen und es ist grundsätzlich gewohnt verrückt. Besagte Kochshow beispielsweise, ein sehr psychedelischer Abschnitt auf einem Musikfestival oder eine Stadt voller Bakterien in einem Bowling-Schuh. Aber es fehlen für mich die Übermegaknaller wie in Teil 1, die einem heute noch in Erinnerung sind. Keine Levels von der Qualität der Milchmann-Verschwörung, des Waterloo-Tabletop-Spieltischs oder Lungfishopolis. Das ist sehr schade. Dazu kommt, dass so viele der neuen Charaktere nicht wirklich zur Geltung kommen. Es fühlt sich zwar nicht so an, als wären Inhalte gestrichen worden. Dennoch spielen viele Personen der ersten Hälfte des Spiels plötzlich überhaupt keine Rolle mehr. Speziell die anderen Trainees sind sehr schnell einfach verschwunden. Dabei hatte ich noch nicht einmal wirklich Zeit sie richtig kennen zu lernen.

Klingt scheiße?

Psychonauts 2 (Herstellerbild)

Fassen wir also zusammen: Ihr „spielt“ vergleichsweise wenig und wenn man mal Hand anlegen darf ist die Steuerung mitunter dürftig. Gleichzeitig sind die erneut größtenteils eher linearen Levels nicht schräg genug. Klingt jetzt nicht nach dem ultimativen Plattformer. Wenn dann sogar die Geschichte noch ihre Probleme hat… Und ja: Ich bin tatsächlich etwas enttäuscht von Psychonauts 2. Es ist definitiv kein Nachfolger, der den Vorgänger vom Thron stößt trotz modernerer Technik. Bin ich trotzdem glücklich darüber es endlich spielen zu können und zu erfahren wie die Geschichte weiter geht? Fuck Yeah! Ich meckere hier auf einem sehr hohem Niveau.

Sind mir die Level nicht abgefahren genug? Definitiv, aber sie sind immer noch genial, einfallsreich und humorvoll. Fehlt mir ein wenig mehr Drumherum? Ich hätte selbstverständlich gerne noch mehr Zeit mit der Spielwelt und ein paar der Nebencharaktere verbracht. Nervt mich hier und da die ungenaue Steuerung? Absolut. Gibt nichts Schlimmeres in einem Plattformer. Es ist aber weit davon entfernt unspielbar zu sein. Stimmt die Atmosphäre? Über jeden Zweifel erhaben: Aussehen, Sounddesign, Erzählweise – absolut erstklassig. War ich sofort wieder mitten drin und mega-gespannt wie die Geschichte ausgeht? Aber sowas von. Ist die Geschichte gut genug, um das für das lange Warten zu entschädigen? Definitiv. Kann ich den Titel also uneingeschränkt empfehlen? Äh… schwierig.

Natürlich versucht Double Fine alle abzuholen, die Teil 1 nicht kennen. Aber ich glaube durchaus, dass sehr viel verloren geht, wenn man nicht live dabei war. Zu sehr setzen die Entwickler auf die etablierten Charaktere aus dem Vorgänger (warum hat Raz einen Mann im Ohr, der auf Bacon reagiert?!) und knüpfen an entsprechende Handlungsstränge und Situationen an. Das ist für eine Fortsetzung extrem konsequent und für Fans genau das, was sie wollen. Aber auf sich alleine gestellt ist es vermutlich ein Problem. Es bleibt aus meiner Sicht abseits der skurrilen Levels nicht mehr viel vom Spiel übrig, wenn man die Geschichte wegnimmt. Insofern: Für Kenner und Fans von Psychonauts der absolute und sofortige Pflichtkauf. Für alle anderen? Trotz der veralten Grafik vielleicht doch erstmal Teil 1 nachholen.

Nächste Seite »