Hinweis: Zwar durften in der Ausstellung Fotos angefertigt werden, die Verwendung über private, nicht kommerzielle Zwecke hinaus (darunter fällt auch eine redaktionelle Berichterstattung) ist allerdings nur nach Genehmigung möglich. Und selbst die Nutzung offizieller Bilder ist nur unter strengen Auflagen (inkl. Vertragsstrafen) erlaubt. Da mir das ehrlich gesagt zu viel Aufwand/zu heikel ist, verschönern mal wieder unsere Katzen den Text.
[Hier wollte ich eigentlich ein Foto von einem Schwein mit Engelsflügeln einfügen, das an Seilen von der Decke hängt.]
Ich glaub’ mein Schwein pfeift… äh fliegt. Und trotzdem ist die Welt (noch) nicht untergangen! Scheint also doch keine direkte Korrelation zu geben. Oder künstlich fliegende Schweine zählen nicht. Kann auch sein. Gesehen haben wir es auf jeden Fall bei den Körperwelten im alten Hallenbad (auch im Jugendstil – wie in Darmstadt) in Heidelberg. Unter dem Titel “Anatomie des Glücks” sind dort seit 2017 hauptsächlich menschliche Präparate ausgestellt.
Obwohl es die Körperwelten schon seit 1997 in Deutschland gibt (gestartet in Mannheim) und ich es schon immer interessant fand mir das mal anzuschauen, hat es irgendwie erst jetzt geklappt. Aber besser spät als nie, wie man so schön sagt. Als wir also vor kurzem mal näher an Heidelberg dran waren, haben wir uns endlich mal die Zeit dafür genommen. Haben rund vier Stunden gebraucht, um uns alles anzuschauen und die dazugehörige, ca. zweistündige Audiotour anzuhören.
Denkt denn keiner an die Kinder?!
Mittlerweile ist der ganze Trubel um die Ausstellung ja auch ziemlich verflogen. Kann mich noch gut an die ganze Aufregung – heute würde man Shitstorm sagen – damals erinnern, als Gunther von Hagens und sein Team damit anfingen. Wobei diese ganze Diskussion rund um die Ethik Leichen auszustellen, angebliche Verletzung der Totenruhe und Kram wohl tatsächlich fast ausschließlich in Deutschland stattfand.
Ja, von Hagens nutzte diese Aufregung auch für seine Zwecke und provozierte mitunter bewusst zusätzlich. Ist schließlich eine gute und billige Werbemaßnahme. Die älteren unter uns erinnern sich beispielsweise vielleicht noch an seine öffentliche Obduktion anno 2002. Uiui, war das ein absolutes Unding. Oder als er 2005 mit Tierpräparten anfing (zwei Zoo-Elefanten). Aber die Heftigkeit dieser Aufregung gab es wohl nur in Deutschland und weniger in anderen Ländern. Für mich auch ein Stück weit logisch. Wir haben gefühlt eh so einen Fetisch mit der Totenruhe. Ich sag nur “Friedhofs- und Bestattungsgesetz”, wonach selbst die Urne mit der Asche zwingend auf vorgeschriebenem Grund und Boden unter die Erde muss. Doch das ist ein anderes Thema. Kommen wir stattdessen zurück zu von Hagens:
Entstehungsgeschichte
An der Uniklinik Heidelberg fing er ab 1977 an sich mit der Imprägnierung anatomischer Präparate zu beschäftigen und erfand das Plastinieren. Okay, theoretisch wurde eine ähnliche Methode wohl schon in der Histologie – also Gewerbeforschung – verwendet. Aber er hat es für größere und vollständigere Präparate umgesetzt. Bei diesem Verfahren wird grob gesagt alles Wasser aus den Zellen durch irgendwelche Kunststoffe ersetzt. Das Ergebnis ist nicht nur eine fast unendlich lange Haltbarkeit, sondern auch eine fast vollständige Erhaltung der natürlichen Gegebenheiten wie Oberflächen und Strukturen. Das macht die Sache so cool und interessant. Man sieht wirklich, wie der Mensch tatsächlich innendrin aussieht. Es ist nicht bloß irgendeine Zeichnung oder ein Computermodell.
Ursprünglich waren die Präparate nur für den internen Gebrauch gedacht. Ihr wisst schon: Schulung, Forschung und sowas. An ein öffentliches Ausstellen dachte keiner. Die Idee kam stattdessen vom japanischen Anatomie-Professor Takeshi Yoro. Erstmals öffentlich zu sehen waren ausgewählte Präparate entsprechend 1995 in Tokio. Und da die Ausstellung so gut ankam, wurden die Körperwelten ins Leben gerufen. Mittlerweile gibt es dazu sowohl einige Dauer- (Berlin, Heidelberg und Guben – dort findet mittlerweile die Plastination statt) als auch Wanderausstellungen. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Das Interesse ist also trotz aller Kritik offensichtlich sehr groß.
Geführte Führung
In Heidelberg angekommen, haben wir unsere Onlinetickets vorgezeigt. Die hatten wir dank eines Coupons für nur 14,50€ pro Stück über Reservix gekauft. Anschließend habe ich mir den Audioguide auf meinem Handy aufgerufen. Das ist einfach nur eine Webseite, die ihr über einen QR-Code erreicht. Kostenloses WLAN steht dafür zur Verfügung. Kopfhörer haben wir keine gesehen, aber da nicht ganz so viel los war, ging es auch bei niedriger Lautstärke ganz gut ohne anderen auf den Keks zu gehen. Inhaltlich war die Audiotour okay, aber nicht so informativ, wie wir gehofft hatten. Gefühlt waren die Texte größtenteils nicht speziell auf die gezeigten Exponate zugeschnitten, sondern allgemeinerer Natur.
Die Ausstellung in Heidelberg ist als Rundgang angelegt und in mehrere Themenbereiche aufgeteilt. Es geht vom Nervensystem über die Bewegungsmuskeln und die inneren Organe bis hin zur Fortpflanzung. Das Beste zum Schluss, könnte man jetzt sagen
. Tatsächlich fand ich den Part am Langweiligsten, weil es gar nicht so viele Stücke dazu zu sehen gab. Den meisten Raum nahm hier eine schwangere Frau inkl. Fötus ein sowie eine lange Vitrine gefüllt mit Reiskörnern. Sie soll symbolisieren wie unwahrscheinlich es war, dass gerade wir als eins von Millionen von Spermien zu einem Menschen wurden.
So viele Leichen!
In jedem Themenbereich der Ausstellung gibt es ein paar größere, quasi komplette Präparate und zusätzlich viele kleinere Stücke. Direkt zu Beginn ist beispielsweise das vollständige Nervensystem in einer Vitrine aufgestellt. Also wirklich nur das Nervensystem selbst. Die einzelnen Fasern mit Gehirn und Rückgrat als Bindeglieder und sonst nichts. Hat was von Horrorfilm, ist aber nicht nur extrem interessant anzusehen, sondern wir haben es auch sofort mit unserem eigenen Körper verglichen. Können wir quasi diese Nerven bei uns finden, die wir da vor uns sehen? Ein Vorgang, den wir in der Ausstellung häufiger gemacht haben. Dieser ungewöhnliche Einblick in den menschlichen Körper lädt förmlich dazu ein die Sachen an sich selbst nachzuvollziehen und sich so selbst ein bisschen besser kennen zu lernen.
Der erste komplett plastinierte Mensch kommt gleich nach dem Nervensystem. Er wird “Hautmann” genannt, steht einfach nur da und betrachtet seine abgezogene Haut in der Hand. Ihr wisst schon: Unser größtes Sinnesorgan. Was bei allen Exponaten dieser Art auffällt: In einigen Bereichen wurde die schneeweise, tote Haut immer drangelassen. Augenbrauen, Nasenspitze, Lippen, Nippel, Bauchnabel, Ohren sind mehr oder weniger vollständig bedeckt. Vermutlich eine rein stilistische Entscheidung und keine Notwendigkeit in Bezug auf den Plastinieren-Prozess. Im Ergebnis wirkt es aber ehrlich gesagt etwas komisch bzw. befremdlich. Und was im Obergeschoss auch auffiel: Es gab nur Männer (und das Schwein) zu sehen. Wunderte mich schon, ob es überhaupt keine Frauenkörper geben würde. Aber die kamen dann im Erdgeschoss.
Die kleinen Details
So imposant die bestimmt ein Dutzend Ganzkörperplastinate in verschiedenen Posen und “Zerteilungsstadien” allerdings auch sind: Die kleinen, spezialisierten Stücke waren schon fast spannender. Beispielsweise die Blutbahnen im Gehirn oder im Unterarm mal visuell zu sehen. Oder gesunde und kranke Herzen im Vergleich. Beim vergrößerten Herz habe ich mich gefragt, wie sowas überhaupt noch in den Brustkorb passt. Lysanda fand es unter anderem sehr interessant mal das Innere einer Lunge zu sehen. Sie hat schließlich einen Asthmatiker als Ehemann
. Insofern wird einem auf den zwei Stockwerken durchaus einiges an informativer Abwechslung geboten.
Allerdings: Das Thema “Anatomie des Glücks” haben wir bei der ganzen Sache nur hier und da wiedergefunden. So richtig einen gesamtheitlichen, roten Faden konnten wir nicht wirklich entdecken. Mag aber vielleicht an uns liegen und war nicht weiter schlimm. Die Exponate an sich sind schließlich die Stars. Insofern: Klare Empfehlung von uns für die Körperwelten, wenn ihr mal in der Nähe von einer Ausstellung seid. Und da die Ausstellungen alle unterschiedlich sind, überlegen wir nun, ob wir uns auch noch eine andere in Zukunft anschauen werden.









