Anfang Januar hatte ich euch von Simulacron-3 erzählt und in einem Nebensatz erwähnt, dass es noch eine zweite Verfilmung des Romans gibt. Passenderweise hatte medimops vor kurzem mal wieder eine Rabattaktion und besagter Film landete im Warenkorb. Am Wochenende war es dann soweit und wir haben uns das Machwerk “angetan”:

(Cover)

The 13th Floor* (1999, DV) – Auf dem Cover steht riesengroß “Roland Emmerich” drauf. Er ist zwar jetzt nicht für die allerbesten Filme bekannt aber ein paar Hits hat er in seinem Leben durchaus hinbekommen und zumindest für seichte Unterhaltung reicht es meistens. Blöd nur, dass es irreführende Werbung ist. Er war nur einer der Produzenten des Films. Im Regiestuhl saß stattdessen Josef Rusnak, der auch das Drehbuch geschrieben hat. Sein Name ist weder auf der Vorder- noch auf der Rückseite der DVD-Hülle zu finden… Schlechte Vorzeichen. Aber gut, worum geht es?

Achtung: Ich nehme keine Rücksicht auf Spoiler. Ist sowieso eher unwahrscheinlich, dass ihr euch das Machwerk irgendwann mal anschauen werdet.

Wir schreiben das Jahr 1999. Die Hauptcharaktere sind Hannon Fuller und Douglas Hall, die einen Simulator gebaut haben. Darin ist eine virtuelle Welt voll mit Identitätseinheiten. Soweit, so stimmig zur Vorlage. Statt die reale Welt zu simulieren, um Marktforschung zu betreiben, hat Fuller jedoch eine Stadt aus dem Jahre 1937 nachgebaut. Warum? Weil vermutlich der Drehbuchautor das Setting spannend fand oder so. Relevant für die eigentliche Geschichte ist es überhaupt nicht. Die Erklärung im Film ist jedoch, dass es Fullers Geburtsjahr wäre. Okay, von mir aus. Fuller – so stellt sich relativ schnell heraus – besucht diese Welt häufig. Hauptsächlich, um sich mit jungen Mädels zu vergnügen. Dazu schlüpft er in die Haut eines gewissen Grierson, der ihm zum Verwechseln ähnlichsieht (und verheiratet ist…).

So Mysteriös!

Der Film beginnt ganz mysteriös damit, dass Fuller einen Brief an Hall schreibt von wegen “ich hab‘ ein Geheimnis entdeckt und man wird mich dafür umbringen”. Er befindet sich gerade in der Simulation und übergibt den Brief anschließend an den Barkeeper im Hotel. Ein total vertrauenswürdiger Kerl, der sich selbstverständlich sofort daran macht ihn zu öffnen und zu lesen. Währenddessen kehrt Fuller in seine Welt zurück, geht in eine Bar (in der er scheinbar vorher noch nie war…) und spricht Hall auf den Anrufbeantworter von wegen “ich hab‘ dir im Computer eine Nachricht überlassen”. Während des Telefonats taucht plötzlich jemand auf und ermordet Fuller. Die Perspektive wechselt nun zu Douglas Hall. Dieser findet blutige Klamotten im Mülleimer seines Badezimmers, kann sich aber an nichts erinnern.

Ein knallharter 08/15-Detektiv befragt Hall (und verdächtigt ihn selbstverständlich insgeheim) als sie in Fullers Apartment plötzlich auf Jane Fuller treffen. Hall kennt Jane nicht, ist aber sofort von dieser Schönheit mächtig angetan und will sie im Prinzip ohne Umwege ins Bett zerren *augenroll*. Es kommt heraus, dass Fuller sein Testament vor zwei Tagen geändert und die Firma an Hall übertragen hat (=klares Motiv. Fall gelöst!). Es folgt ein kleiner Abstecher in dem es um einen Barkepper geht, der den Mord an Fuller gesehen hat – es war Hall (wie überraschend…). Der Detektiv offenbart außerdem, dass Fuller Hall angerufen hat und der geht endlich seinen Anrufbeantworter richtig abhören. Danach entscheidet er sich selbst in die Simulation einzusteigen.

Eine Aktion, die er scheinbar noch nie selbst gemacht hat und total gefährlich und so ist. Er streitet sich sogar mit Programmierer Jason Whitney intensiv darüber ob er ihn jetzt für 90 oder 120 Minuten reinlässt. Und auch dem Zuschauer versucht der Regisseur absolut klar zu machen wie wichtig dieses Zeitlimit ist. Bloß nicht vergessen! Warum es Fuller offensichtlich schon mehrfach ohne Probleme (und vermutlich längere Zeit) gemacht hat? Stellt doch nicht solche Fragen…

Schwer zu ertragen

The 13th Floor (Columbia Pictures Promobild)

Nach einer billigen 80iger Jahre Lasershow schlüpft Hall also in die Rolle von John Ferguson, den Fuller scheinbar nach Halls Ebenbild erschaffen hat und ist total “geflasht” von dem was er erlebt. “Woah, das fühlt sich so real an” etc. Eine total bekloppte Sequenz aber irgendwie muss man ja die Laufzeit in die Länge ziehen. Naja, er landet irgendwie beim Barkeeper, der ihn aber anlügt. Dann spielt das System kurz vor Ablauf der 120 Minuten verrückt und Hall landet wieder in der “realen” Welt. Es folgt so viel unzusammenhängender Schwachsinn, dass ich gar keine Lust habe ihn hier detailliert wieder zu geben. Deswegen nur die wichtigsten Highlights:

  • Hall versucht die Charaktere in der simulierten Welt dazu zu bringen sich an das zu erinnern, was sie während ihrer Kontrolle durch Fuller getan haben und der Barkeeper wird als Briefempfänger identifiziert.
  • Der Barkeeper ist in der Zwischenzeit an die Grenze der virtuellen Welt gefahren, kann mit dieser Erkenntnis nicht umgehen und versucht Hall nun zu töten.
  • Hall entkommt dank Whitney gerade so aus der Simulation. Er hatte nämlich vergessen den Timer zu stellen. Etwas, worauf der Zuschauer ebenfalls sehr häufig und sehr genau hingewiesen wurde während Hall in die Simulation eingestiegen ist. Alter Schwede, für wie dumm kann man sein Publikum eigentlich halten?
  • Der Detektiv stellt fest, dass Jane nicht existiert und Hall findet an einer Supermarktkasse eine Natasha Molinaro, die sich nicht an ihn erinnern kann. Ein paar Minuten später sieht man den Transfer von Jane in Natashas Körper. Wenn der Zuschauer nicht total bekloppt ist, weiß er spätestens jetzt, dass Halls Welt nicht real ist.
  • Hall fährt ebenfalls an das Ende der Welt und findet eine total hippe Rasterdarstellung wieder. Habe ich schon erwähnt, dass ihm gleichen Jahr The Matrix in die Kinos kam?!
  • Anschließend treffen sich Hall und Jane in seinem Apartment, sie enthüllt ihm die ganze Wahrheit und es folgt eine Runde (implizierter) Sex… *noch mehr augenroll*
  • Derweil geht der Programmierer auch mal in die Simulation (warum?!), schlüpft in die Rolle des Barkeepers (der nach ihm empfunden ist) und wird vom Bus überfahren. Whitney ist tot, stattdessen wacht der Barkeeper in der realen Welt auf und ist erstmal mit einer Automatiktür überfordert… Der Simulator macht quasi einen Austausch der Gehirne, deswegen dieses Ergebnis. Ebenfalls ein wichtiger Punkt, der dem Zuschauer mehrfach eingehämmert werden muss!
  • Hall wird erneut von seinem User übernommen (der die ganzen Morde begangen hat) und will auch Jane töten. Jane ist aber pfiffig und stattdessen wird Hall vom Detektiv erschossen.
  • Hall wacht im Jahr 2024 auf, ist wieder total geflasht von dem was er dort sieht (ein paar undeutliche Hochhäuer im Wasser). Lernt kurz den echten Fuller kennen und wenn sie nicht gestorben sind, rummeln Jane und Hall noch heute im Strandhaus…

Beim Christoph meint: 1 von 5 Sics. Ich hab‘ nach den ersten 45 Minuten Lysanda gefragt ob ich den Film nur schlecht finde, weil ich die Vorlage kenne oder ob er wirklich scheiße ist. Sie antwortete “Letzteres”. Aber bevor wir nochmal zum Negativen kommen: Es gibt tatsächlich eine positive Seite von The 13th Floor (da steht übrigens besagter Computer – hat sonst keinerlei Bedeutung). Und zwar fand ich es super, dass der Film versucht hat die Folgen für die Identitätseinheiten näher zu beleuchten. Also was passiert eigentlich, wenn sich jemand in die Simulation einklinkt und einen Körper übernimmt. Was hat das für Auswirkungen auf das Leben dieser Einheit? Fuller beispielsweise hurt fleißig rum, wohingegen sein Charakter Grierson seit 35 Jahren seiner Frau treu ist. Da er aber morgens immer häufiger nach Parfüm riecht, denkt sie natürlich er würde fremd gehen (was technisch gesehen ja stimmt). Das ist eine Seite der Medaille, die mich noch weiter interessiert hätte. Stattdessen zwingt Hall Grierson nur dazu sich irgendwie an die fehlende Zeit zu erinnern und damit war das gesamte Thema sofort wieder erledigt. Schade.

Was bleibt ist ein Machwerk, das mit dem Original nur Stichpunkte gemeinsam hat und selbst als eigenständiger Film aus meiner Sicht nicht funktioniert. Der Film hat zwar ein hohes Tempo (die zwei Stunden waren zügig rum) aber das ergibt sich nicht aus der packenden Geschichte, sondern alleine dadurch, dass Sachen einfach übersprungen werden. Vor allem in der ersten Hälfte passiert zu oft einfach irgendwas aus dem Nichts (z.B. die völlig aufgesetzte Liebesgeschichte mit Jane), wird etwas als gegeben angesehen oder ein Charakter hat plötzlich Informationen, die er gar nicht haben könnt. Hall zweifelt übertrieben gesagt schon innerhalb der ersten fünf Minuten daran was real ist und was nicht – dabei hat er noch überhaupt keine Gründe bekommen daran zu zweifeln?! Da bleibe ich als Zuschauer entweder ahnungslos zurück, weil ich die Vorlage nicht kenne oder – wie in meinem Fall – rege mich nur darüber auf wie unlogisch und bescheuert die Umsetzung ist. Finger weg. Welt am Draht* ist definitiv die um Längen bessere Fassung.

Hattet ihr auch schon einmal das Gefühl, dass die Welt um euch herum nicht echt ist? Dass ihr nur Teil eines Spiels oder anderer Art von virtueller Umgebung seid? Teil der Matrix, wie es vor allem in Verschwörungskreisen so schön heißt – zumindest seit 1999 der gleichnamige Film die Welt eroberte? Euer Tun und Denken von einer fremden Macht gesteuert wird (wahlweise Gott oder Bill Gates)? Ja? Dann seid ihr damit definitiv nicht allein.

Schon seit der Antike gibt es Theorien zum sogenannten Makrokosmos. Fast alle Religionen fußen auf dem Gedanken, dass es “da oben” ein oder mehrere Wesen gibt, die unser Leben beeinflussen. Und entsprechend ist das Thema auch in der Unterhaltungsbranche schon immer präsent. In der Gutenberg-Datenbank findet ihr beispielsweise Stanley G. Weinbaums Pygmalions Brille von 1935. Die Kurzgeschichte ist eine der ersten, die sich mit dem Thema “Virtuelle Realität” beschäftigte.

Heute möchte ich euch dahingehend ein Werk von Daniel Francis Galouyes vorstellen. Obwohl die Wachowskis es übrigens nie explizit als Inspiration für ihren Mehrteiler genannt haben, gibt es doch verdächtig viele Parallelen. Damit meine ich nicht das offensichtliche (eine Welt in einer Welt und die dort lebenden Personen wissen von Nichts), sondern vor allem Kleinigkeiten wie z.B. Telefone in der virtuellen Realität, die für den Übergang einer Person aus der realen Welt dienen.

(Cover)

Simulacron-3/Welt am Draht* (1964, 233 Seiten) – In einer nicht näher datierten Zukunft wird die Welt gefühlt hauptsächlich von Marktforschern bevölkert. Sie können euch zu jeder Tages- und Nachtzeit und zu jedem Thema befragen und ihr seid gesetzlich gezwungen mitzumachen. Verweigert ihr die Teilnahme an der Umfrage, gibt es eine Geldstrafe. Keine schöne Vorstellung aber es scheint notwendig, damit die Welt funktioniert oder so und alle haben sich damit abgefunden. Okay, nein natürlich nicht. Bei der TEAG (“Test AG”) haben sie unter der Leitung des Forschers Hannon Fuller einen Simulator gebaut – der namensgebende Simulacron-3. In ihm wurde eine virtuelle Stadt erschaffen, bevölkert von mehreren tausend Charakteren, die der echten Welt zum verwechseln ähnlich sieht. Muss sie ja, schließlich möchte man Daten sammeln, um darauf basierend Entscheidungen in der Realität zu treffen. Eine Ablösung für die Marktforscher quasi, die das nicht so dufte finden. Entsprechend setzen sie alles daran die offizielle Inbetriebnahme zu stoppen.

Die Wissenschaftler können die Geschehnisse in der Welt dabei nicht nur an ihren Bildschirm und über Auswertungen verfolgen, sondern auch selbst darin eintauchen. Dies kann auf verschiedene Arten passieren. Die einfachste ist als Zuschauer in einen Körper zu schlüpfen (=man sieht aus den Augen der Person). Die nächste Stufe ist eine empathische Verbindung aufzunehmen (=ihr spürt Gedanken, Gefühle, etc.). Und die radikalste Variante ist es vollständig als Charakter in die Welt einzutauchen (=die Telefonsituation).

Während Fuller ganz der Forscher ist und den Simulator zur Besserung der Menschheit verwenden möchte, hat der Chef der TEAG eher wirtschaftliche Interessen und möchte das Gerät zum Geldscheffeln und Machtausbau ausbeuten. Entsprechend haben sich die beiden in den Haaren bis eines Tages Fuller plötzlich durch einen Unfall stirbt. Die Geschichte beginnt auf der Party anlässlich der Ernennung seines Nachfolgers, Douglas Hall. Dieser trauert um seinen Kollegen und amüsiert sich eher wenig bis plötzlich der Sicherheitschef von TEAG, Morton Lynch, reinstürmt und unbedingt mit ihm reden möchte. Er faselt etwas davon, dass Fuller ermordet wurde, weil er hinter ein großes Geheimnis gekommen ist. Bevor Lynch jedoch Douglas genaueres erzählen kann, verschwindet dieser einfach – und niemand außer Douglas kann sich plötzlich mehr an ihn erinnern. Es ist der Beginn von Halls Reise hinter den Spiegel. Immer mehr Dinge fallen ihm auf, die irgendwie nicht zusammenpassen. Er fängt an die Realität in Frage zu stellen und zu vermuten, dass er selbst Teil eines Simulators ist. Und – es ist nicht wirklich ein Spoiler – natürlich hat er recht. Außerdem bekommt er plötzlich häufiger Kopfschmerzen und Schwindelanfälle. Was sich dahinter verbirgt verrate ich aber nicht :smile: .

Beim Christoph meint: Von mir gibt es 3 von 5 Sics. Ich wollte ursprünglich vier Sics geben aber im letzten Drittel fällt die Qualität massiv ab. Gefühlt wollte der Autor unbedingt die Sache noch dramatischer werden lassen. Im Ergebnis leidet die Erzählung hingegen am plötzlichen Anstieg von abstrusen Szenarien statt einfach zügig zum Ende zu kommen. Unabhängig davon lässt sich die erste Hälfte des Buches unter dem Begriff “Was ist real?” zusammenfassen, während die zweite unter der Überschrift “Was macht das Wissen nicht real zu sein mit einem?” steht.

Als Leser erlebt man Halls stetigen Abstieg in die absolute Paranoia, die darauffolgende verzweifelte Erkenntnis , dass er Recht hatte und abschließend die Hoffnungslosigkeit, dass das Leben offensichtlich keinen Sinn hat. Bis zu besagtem letztem Drittel eine spannende Erzählung. Und zwar auch dann, wenn man den Twist bereits kennt. Das Interessantere ist zu erfahren wie er es herausfindet und damit umgeht. Und in der heutigen Zeit, in der selbst normale Leute mit Begriffen wie “Sheeple” und “Aufwachen” um sich werfen, ist der Roman vermutlich aktueller denn je – nur vermutlich aus den falschem Gründen.

Der Fernsehfilm

Simulacron-3 wurde seit seiner Veröffentlichung bereits zweimal verfilmt. Von Josef Rusnak kam 1999 (ein paar Monate nach The Matrix – schlechtes Timing) The Thirteenth Floor* in die Kinos. Er soll wohl nicht wirklich gut sein und zudem stark von der Vorlage abweichen. Habe ihn aber noch nicht selbst gesehen. Dafür aber die deutsche Verfilmung:

(Cover)

Welt am Draht* (1973, zweiteiliger Fernsehfilm, DV) – Das Multitalent Rainer Werner Fassbinder (Regisseur, Schauspieler, Drehbuchautor, Komponist, etc.) steckt hinter diesem Machwerk und es hat lange gedauert, bevor es wieder zugänglich wurde. Erst 2010 gab es eine Restaurierung und eine damit einhergehende Veröffentlichung auf DVD und Blu-ray. Davor kam er nur sehr, sehr selten mal im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Grundsätzlich ist die Geschichte sehr nah an der Vorlage und folgt dieser weite Strecken sogar dialog-genau. Zwar wurden die Namen eingedeutscht – so heißt Douglas Hall z.B. im Film Fred Stiller und Hannon Fuller ist jetzt Henry Vollmer. Aber Leser finden sich sofort zu recht. Je weiter die Geschichte fortschreitet, desto größer werden allerdings die Abweichungen. Die ganze Sache mit den Meinungsforschern kommt zum Beispiel nur am Rande vor, entsprechend fehlen einige Nebenschauplätze aus dem Buch. Außerdem ist die Welt “normaler”. SciFi-Elemente wie Laserwaffen oder fliegende Auto gibt es nicht – dafür aber ein Tastentelefon, welches erst drei Jahre später auf den deutschen Markt kam. Die größte Änderung dürfte aber der Weg zum Finale sein, den wie oben erwähnt der Autor (aus meiner Sicht) unnötig in die Länge gezogen hat. Fassbinder hingegen hat den ganzen Kram einfach rausgelassen. Und das tut dem Film definitiv sehr gut, denn die Geschichte ist nicht sonderlich action-geladen und für heutige Aufmerksamkeitsspannen eher langatmig erzählt. Sich auf das Wesentliche zu konzentrieren war entsprechend die richtige Entscheidung.

Beim Christoph meint: Von mir gibt es 4 von 5 Sics. Ich habe tatsächlich zuerst den Zweiteiler gesehen und mir dann aus Interesse das Buch geholt. Nachdem ich nun beides erfahren habe, kann ich festhalten: Ich finde Fassbinders Interpretation besser als das Original. Zwar leidet der ein oder andere Erzählstrang darunter, dass die Detailtiefe fehlt (Stichwort Meinungsforscher und das dazugehörige Finale vor dem Sitz der Firma). Aber unterm Strich profitiert die Geschichte sehr davon, dass das ganze “Fett” weggeschnitten wurde (vor allem das erwähnte letzte Drittel des Buches) und stattdessen ganz und gar Halls bzw. Stillers Reise im Mittelpunkt steht.

Ich finde auch genial, wie Fassbinder und sein Team den Film in Szene gesetzt haben. Trotzdem, dass die offensichtlichen SciFi-Elemente der Vorlage fehlen, wirkt das Werk von Anfang an befremdlich und komisch. Passt logischerweise perfekt zum Thema und lässt auch den Zuschauer sich fragen ob das jetzt real ist oder nicht. Das liegt jedoch weniger am Setdesign, welches zwar hier und da etwas abgefahren ist aber insgesamt doch größtenteils zu den 60iger/70iger Jahre passt. Stattdessen ist es eher die schauspielerische Leistung (im positiven Sinn), die teils befremdlich wirkt sowie die Kameraeinstellungen. Lysanda und ich hatten sogar zuerst die Vermutung, dass Stiller in einer Welt voller Roboter lebt, so unwirklich und apathisch kommt die Beförderungsfeier daher. Sehr coole Sache und definitiv ein Film, den ich Cyberpunk-Fans ans Herz legen kann. Erwartet nur wie gesagt keine beeindruckende Kung-Fu-Schlacht. Es ist ein Charakterfilm, kein Actionstreifen.

KONSUMIERT! Die Inflation ist hoch. Die Preise dementsprechend auch. Dem Euro geht es schlecht. Die Gehälter steigen nicht. Und warum? Na, weil ihr nicht KONSUMIERT! Wir brauchen MEHR WACHSTUM. MEHR GELD in den Kassen der Unternehmen und Finanzämter. MEHR ARBEITSZEIT für weniger Bezahlung. Also kramt endlich euer Sparbuch raus und tut etwas für euer Land: KONSUMIERT VIEL UND OHNE VERSTAND! Bitte? Was ihr konsumieren sollt? Mir doch egal. Vermutlich habt ihr schon genug im (anlogen wie digitalen) Regal stehen. Nehmt also einfach irgendwas davon. Ich hingegen hab‘ mich mit den folgenden Unterhaltungsmedien beschäftigt:

(Cover)

Das Vermächtnis der Spione* (A Legacy of Spies; 2017; 316 Seiten) – Ursprünglich sollte es der letzte Roman aus der Feder von John le Carré werden. Aber der Brexit und seine Angst davor, hatte ihn dann doch noch dazu getrieben mit Federball* 2019 einen weiteren Spionageroman zu veröffentlichen, bevor er Ende 2020 gestorben ist. Mit George Smiley hat der jedoch nichts zu tun. Das Vermächtnis der Spione ist stattdessen der neunte und letzte Band der George Smiley-Reihe. Wirklich zu Wort kommt er allerdings nur auf den letzten paar Seiten. Im Vordergrund steht stattdessen sein langjähriger Begleiter Peter Guillam.

2017 wird der britische Geheimdienst von Christoph Leamas, Karen Gold und Gustav Quinz verklagt. Wem die Namen irgendwie bekannt vorkommen hat Der Spion, der aus der Kälte kam* gelesen. Das Werk von 1963 dreht sich ganz um den britischen Spion Alex Leamas (und ein Buch, das ich extrem gut fand). Der Vorwurf der Kinder, vertreten durch eine NGO: Ohne Rücksicht auf Verluste hätte der Circus ihre Eltern in ihren Dienst gezwungen und im Rahmen der Operation Windfall sinnlos geopfert. Die namentlich Angeklagten? George Smiley und Peter Guillam.

Da Smiley warum auch immer nicht greifbar ist, schnappt sich der Circus Peter und zieht ihm die Daumenschrauben an. Erst wird er verhört und als er schließlich ein Versteck mit altem Beweismaterial verrät, gezwungen die Akten zu wälzen und daraus zu berichten. Immer in der Hoffnung etwas zu finden, was den Circus (und natürlich nur die Firma) aus dem Schneider hilft. Eingebettet in diese Rahmenhandlung erzählt entsprechend entweder Peter was damals vorgeblich geschah (und dem Leser, was ggf. wirklich passierte) oder es werden die damaligen Einsatzberichte und Korrespondenzen 1:1 abgedruckt. Dazwischen gibt es immer mal wieder eine Pause in der Gegenwart in denen Peter rastlos durch London und die Umgebung streift, auf der Suche nach seinen ganz eigenen Antworten.

Es ist also sowohl die Vorgeschichte zu Der Spion, der aus der Kälte kam als auch eine Auseinandersetzung mit den Konsequenzen der Handlungen, die damals im Namen des Königreichs durchgeführt wurden. Und ja: Es empfiehlt sich dringend zumindest den dritten Band vorher gelesen zu haben. Eigentlich sogar im Minimum Band 3, Band 5 (Dame, König, As, Spion*) und Band 7 (Agent in eigener Sache*). Zum einen werden die Ereignisse aus Band 3 nur rudimentär wiederholt, zum anderen fehlt einem einiges an Bindung zu den Hauptpersonen sowohl aus Band 3 als auch Peter und George selbst. Auf sich alleine gestellt funktioniert Das Vermächtnis der Spione aus meiner Sicht überhaupt nicht.

Beim Christoph meint: 4 von 5 Sics. Nachdem ich mich durch Der heimliche Gefährte* ziemlich durchquälen musste, hatte ich bei Das Vermächtnis der Spione wieder mehr Spaß. Das lag weniger an der belanglosen Rahmenhandlung (deswegen keine fünf Sics), sondern mehr am Kern des Buchs: Spionagemissionen gegen die Sowjetunion in den 60igern. John le Carré quasi zurück in seinem Element und dann auch noch als sinnvolle Ergänzung zu einem seiner besten Bücher.

Obwohl ich den grundsätzlichen Ausgang der finalen Mission bereits kannte, trotzdem ein extrem spannendes Leseerlebnis mit einigen überraschenden Wendungen. Und natürlich ist es schön einen letzten, kleinen Einblick ins Leben der noch übrig gebliebenen Protagonisten der Karla-Jahre zu bekommen. Das Ende ist nicht so befriedigend wie ich es mir erhofft hätte (der Prozess ist plötzlich kein Thema mehr). Aber es ist ein würdiger und passender Abschied für zwei Personen, deren Leben ich über so viele Bücher hinweg begleitet habe. Für George Smiley-Fans eine Pflichtlektüre.

 

Spielen statt Lesen

Und wenn wir schon beim Stichwort „Alter Kram neu aufgewärmt” sind: 2007 hatte ich einen kleinen Test zur allerersten Version des Klomanagers (1995, Atari ST) veröffentlicht. Verdammt lange her. Das Remake dazu kam dann anno 2000 auf dem Markt (letztes Update 2006), zu dem ich aber tatsächlich nie was hier auf Beim Christoph geschrieben habe. Stattdessen hatte ich mich nur einer Handvoll von Fans angeschlossen, die auf Der Klomanager 2 gewartet haben. Dahingehend war ich sogar einige Zeit im offiziellen Forum (es existiert noch – inkl. den uralten Beiträgen) aktiv. Ja, die waren damals noch total hip.

Der zweite Teil des Klomanagers ist in der ursprünglich geplanten Version offensichtlich nie erschienen. Auch die deutsche Entwickler-Firma, Anvil-Soft, existiert nur noch auf dem Papier. Die Wege von Matthias Hofmann und Roland Wendt scheinen sich schon vor längerer Zeit getrennt zu haben. Roland hat stattdessen mit PHOBETOR ein neues (quasi Ein-Mann)Studio gegründet – und die Rechte am Klomanager mitgenommen. Nach zwei rundenbasierten Strategiespielen hat er sich anschließend tatsächlich wieder dem Klomanager gewidmet, wie ich vor kurzem überraschend festgestellt habe. Und da das Werk zu dem Zeitpunkt nur 0,99€ kostete (aktuell wieder 4,99€), habe ich natürlich sofort zugeschlagen und mich seit langem mal wieder in die Scheiße gestürzt.

(Cover)

Klomanager – Hochgewürgt (2021; PC, Mac) – Der Titel ist passender als es vermutlich beabsichtigt war, denn das Erste was einem auffällt ist die extrem schlechte Optik. Zugegeben: Die 2006er Version war jetzt auch nicht das hübscheste auf dem Markt, aber doch irgendwie zeitloser als diese hässlichen Mobiltelefon-Menüs und Gesichter, die scheinbar selbst zu tief ins Klo geschaut haben. Aber gut: Inhalt vor Schönheit. Also, worum geht’s? Nun für Veteranen nichts Neues: Bis zu vier Spieler (oder KI) bekämpfen sich rundenbasiert auf einer Handvoll unterschiedlicher Karten im Klogeschäft. Das Spielziel kann zu Beginn ausgewählt werden und enthält 08/15-Sachen wie „habe nach x Zügen das meiste Geld” oder „Erreiche im Forschungsbereich x die höchste Stufe”. Mit eurem mickrigen Startgehalt kauft ihr euch dann eure erste Parzelle, die je nach Lage ein paar Besonderheiten aufweist. Im Nobelviertel gibt es beispielsweise für verdreckte Toiletten besonders hohe Mali aber dafür sind sie für top-ausgestattete eher bereit mehr zu bezahlen. Im hippen Künstlerviertel finden sie hingegen Graffiti richtig geil und malen euch sogar die Wand kunstvoll an, wenn ihr es nicht wegmacht (=spart Reinigungskosten).

Jede Parzelle besteht aus bis zu sechs Ställen, die ihr abhängig von eurem Geldbeutel nach und nach freischaltet und dann entsprechend mit Toiletten ausstattet. Diese bestehen aus vier Bausteinen: Die Schüssel, der Sitz, die Spülung und das Klopapier. Fangt ihr mit einer billigen Keramikschüssel und einem unbequemen Plastiksitz an, könnt ihr im Laufe des Spiels durch Geldeinsatz bessere Bauteile erforschen bis ihr am Ende einen königlichen Diamantthron mit Ledersitz (inkl. Bierhalter) und Mink-Toilettenpapier dort stehen habt. Anschließend noch den Preis festlegen für jeden Stall und schon heißt es auf die Kundschaft warten, denn nur so kommt Geld in die Kassen. Problem: Kundschaft macht die Toiletten dreckig. Also heißt es zu Beginn der nächsten Runde erst einmal sauber machen – was ebenfalls Geld kostet.

Klomanager – Hochgewürgt (Herstellerbild)

Doch die Konkurrenz schläft logischerweise nicht und will ebenfalls ein Stück vom Scheißhaufen abhaben. Dabei geht es nicht immer gesittet zu. Zwar kann sie genauso wie ihr fleißig verschiedene Arten von Werbung schalten (ihr habt sogar eine Webseite!) und so die Leute anlocken. Aber manchmal reicht das nicht aus. Da ist es dann doch mal an der Zeit die Kollegen vom Gesundheitsamt zu bestechen, um einen unangekündigten Besuch zu veranlassen oder gleich Sabotageakte durchführen, die bestenfalls nur Dreck verursachen, schlimmstenfalls die Ausstattung zerstören (=muss neu gekauft werden). Das wird im späteren Spielverlauf ein ganz schönes Geldgrab. Nicht nur, weil die Bauteile und die Amtsstrafen teurer werden. Auch die KI scheint sich gefühlt komplett gegen euch zu verbünden, sobald ihr aus ihrer Sicht zu viel Erfolg habt. Dazu noch die Einflüsse der Jahreszeiten (gefrorene Toiletten im Winter, Überschwemmungen im Sommer)… ja, man kann sagen: Selbst auf dem einfachsten Schwierigkeitsgrad ist der Titel gegen die KI sauschwer und ich habe in meinen bisher zwei Stunden Spielzeit noch kein Match erfolgreich beenden können.

Und ja, das war’s: Parzellen säubern, forschen, Toiletten ersetzen/verbessern, werben, sich mit dem Gesundheitsamt gut stellen (zu viele Strafen führen zur Schließung der Parzelle) und Sabotageakte durchführen. Man hat schnell alles gesehen, wiederholt dann ständig nur noch die gleichen Schritte und hofft einfach darauf, dass das Geld für die nächste Forschung oder den nächsten Stall/Parzellenkauf reicht. Mehr ist es nicht – und dabei hat man nicht einmal was Schönes zum Anschauen, weil das Spiel schlicht und einfach potthässlich ist.

Beim Christoph meint: Es ist hart aber von mir gibt es für Klomanager – Hochgewürgt nur 1 von 5 Sics. Als ich diesen Absatz angefangen habe, waren es noch zwei Sics aber bei genauerer Überlegung wäre das nicht verdient. Ja, es ist im Kern immer noch der Klomanager mit nur wenigen (aber meist sinnvollen) Neuerungen und für ein paar Runden (vor allem mit menschlichen Spielern) macht es durchaus wieder Laune (hab‘ mir sogar alle Achievements geholt). Aber damals wie heute ist es nichts was langfristig Spaß bringt. Es geht über einen netten Gag nicht wirklich hinaus und hat mit einer richtigen Wirtschaftssimulation nur wenig zu tun.

Im Klomanager Deluxe könnt ihr sogar die Tür zumachen!

Leider hält die neue Version noch weniger bei der Stange. Weil sowohl die 3D-Objekte als auch die Menüs echt scheiße aussehen und sie zudem noch so einige Bugs hat, die teilweise sogar das Weiterspielen verhindern. Außerdem der Schwierigkeitsgrad gegen die KI, der gefühlt abartig hoch ist. In meinem letzten Spiel hatte ich mit meiner Parzelle zwar viel Erfolg (und fast alles erforscht), aber dann begann die KI mir jede Runde haufenweise Saboteure zu schicken und das Gesundheitsamt zu rufen. Die Folgen waren immens hohe Instandhaltungskosten, die ich schlicht nicht mehr reinholen konnte und mich in den Ruin trieben. Spätestens dann geht der letzte Rest von Spielspaß den Abfluss hinunter.

Da es auch nicht so aussieht als würden Roland und seine Kollegen noch weiter an dem Produkt arbeiten, kann ich vom Kauf also nur abraten. Selbst, wenn Klomanager – Hochgewürgt mal wieder auf 0,99€ runtergesetzt wird, solltet ihr stattdessen zum ebenfalls auf Steam verfügbaren Klomanager Deluxe (die 2006er Fassung) greifen. Inhaltlich erwartet euch das fast identische Spiel aber dafür ein schlicht und einfach runderes Spielerlebnis. Und euer Geld landet ebenfalls bei Roland – nur wahrscheinlich etwas weniger, weil sie für diese Fassung damals einen Deal mit einem externen Publisher gemacht hatten.

Vor mehr als drei Jahren hatte ich euch an dieser Stelle das Buch 500 Years Later: An Oral History of Final Fantasy VII* vorgestellt. Zur Erinnerung: Ich fand das Buch inhaltlich top aber die Aufmachung ließ zu wünschen übrig. Speziell die vielen Abschnitte, in denen der Text in übergroßer Schrift gedruckt wurde, gingen mir auf den Zeiger.

Mittlerweile ist das neuste Werk des britischen Verlags Read-Only Memory namens Like a Hurricane: An Unofficial Oral History of Street Fighter II* an die Kickstarter-Backer verschickt worden und ich kann nur sagen: Was soll der Mist?!

Das komplette Buch nutzt eine riesige Schriftgröße und die Texte des Autors selbst sind sogar NOCH einmal größer abgedruckt! Was für eine absolute Ressourcenverschwendung (480 Seiten; Hardcover; 195x255mm). Ich verstehe ja, dass sich das Werk vor allem an Retro-Fans richtet und die sind bekanntlich nicht mehr die Jüngsten. Aber trotzdem ist es der völlige Overkill und erschwert aus meiner Sicht sogar das Lesen. Nicht nur, weil die einzelnen Sätze entsprechend über mehrere Zeilen verteilt sind sondern auch, weil es dadurch ein dicker und schwerer Brecher (1,6kg) geworden ist. Hier mal zwei Beispiele aus dem Buch (links aus dem Mittelteil und rechts aus dem Vorwort):

Immer diese gelangweilten Designer, die sich unbedingt austoben müssen. Der Inhalt ist doch bei einem Fachbuch (“Coffe Table Book” sind aber auch eine blöde Erfindung) das Wichtigste und der hätte höchstwahrscheinlich bei normaler Schriftart auch auf 300 Seiten gepasst…

Vor mehr als fünf Jahren hatte ich euch an dieser Stelle fünf Bands vorgestellt. Diese Bands hatten alle gemein, dass ich sie erst durch Lysanda kennen gelernt habe und eine Frau als Lead Singer hatten. Vor ein paar Tagen bin ich nun mal wieder meinen mp3-Ordner durchgegangen. Das mache ich ab und zu, um zu schauen ob es mal wieder ein neues Album von den Jungs und Mädels gibt. Bekomme das meist anders nicht mit. Dabei ist mir eingefallen, dass ich schon lange vor der Zeit vor Lysanda einige Bands mit weiblichen Stimmen entdeckt und für gut befunden hatte. Also habe ich mir gedacht: Tu‘ doch mal wieder etwas für die Bildung deiner Leser und stelle ihnen fünf davon vor.

(Cover)

Alanis Morissette (seit 1986 aktiv)

Genre: Alternativer Rock (meistens)
(ausgewählte) Studioalben: Jagged Little Pill* (1995), Flavors of Entaglement* (2008), Havoc and Bright Lights* (2012)

Okay, die Kanadierin ist bereits 36 Jahre im Geschäft und definitiv keine Unbekannte. Insofern dürften die meisten unter euch schon von ihr gehört haben. Nicht nur ihr Megahit Ironic vom Erfolgsalbum Jagged Little Pill ist selbst heute noch regelmäßig im Radio zu hören – ihre Alben schaffen es auch immer noch bis fast ganz oben in den Charts.

Völlig verdient wie ich finde. Bei jeder neuen Veröffentlichung weiß man nicht so recht, was einen musikalisch erwartet (Alternative Rock, Post-Grunge, Elektronik, Indie Pop – gibt so einiges, was sie schon ausprobiert hat). Ihr neustes Werk, the storm before the calm*, ist sogar einfach nur ein Meditationsalbum. Worauf man sich aber verlassen kann ist, dass man Lieder zu hören bekommt, die von Herzen kommen. Ehrlich, unverblümt und mit einer emotional starken Stimme, nimmt sie mich jedes Mal mit auf eine sehr besondere musikalische Reise an deren Ende ich mich fühle, als hätte ich wieder ein bisschen mehr über mich selbst erfahren. Klingt total abgehoben aber ich wüsste nicht, wie ich es sonst beschreiben könnte. Definitiv eine besondere Sängerin/Songwriterin.

Persönliches Lieblingslied Such Pretty Forks In The Road – Track 01 – Smiling [04:17] (Anhören)

Keine Frage: Fast jedes Lied von Jagged Little Pill haut selbst heute noch rein. Kein Wunder also, dass diese noch so oft im Radio gespielt werden. Aber mir geht ihre mittlerweile erfahrenere und auch irgendwie rauere Stimme mit den dazugehörigen eher melancholischen Texten und der zurückhaltenden Begleitmusik viel mehr unter die Haut. Und Smiling ist für mich das beste Beispiel dafür. Langsam, nachdenklich und wehklagend besingt sie hier ihre innere Resignation, die sie nach außen niemals zeigen kann. Ein Gemütszustand mit dem sicherlich so einige unter uns mitfühlen können (leider).

 

(Cover)

Cœur de Pirate (seit 2007 aktiv)

Genre: Indie-Pop
(ausgewählte) Studioalben: Cœur de Pirate (2008), Blonde (2011), En cas de tempête, ce jardin sera fermé (2018)

Child of Light hat mich bekannt gemacht mit dieser – ebenfalls kanadischen – Künstlerin. Ihre Stimme ist auf dem Soundtrack nur im finalen Track (Off To Sleep) zu hören. Aber in ihren Bann gezogen hatte sie mich bereits bei den ersten (Klavier-)Tönen des Titelsongs Pilgrims On A Long Journey. Einer dieser Tracks, die mich immer wieder fast zum Heulen bringen.

Doch es geht an dieser Stelle nicht um den Gewinner von drei Bagdadsoftware NOCAs (2014), sondern um das Piratenherz (=Übersetzung ihres Namens) selbst. Ein Multitalent (Pianistin, Sängerin, Songwriterin) mit einer herzerweichenden süßen Stimme. Sie singt aus Überzeugung hauptsächlich auf Französisch und das liegt ihr auch definitiv am besten. Die englischen Lieder auf ihrem Album Roses* gefallen mir nicht einmal ansatzweise so gut.

Indie-Pop/Folk-Pop ist ihre Musikrichtung und ein Klavier, auf dem sie selbst in die Tasten greift, muss immer irgendwie dabei sein. Ihre Texte sind sehr lyrisch, teilweise schon poetisch und passen perfekt zu diesem (vermeintlich) zarten Stimmchen. Sie lullt einen beim Zuhören quasi mit ihrem Singsang ein. Ihr Repertoire besteht zwar bei weitem nicht nur aus langsamem “Geklimpere” (Adieu ist z.B. durchaus fetzig) aber ich muss ehrlich zugeben, dass mir genau diese Lieder am besten gefallen. Ihre Stimme unterstützt von einem Klavier und ich bin im siebten Himmel.

Persönliches Lieblingslied Blonde – Track 08 – Place De La République [04:11] (Anhören)

Eins dieser besagten “hauptsächlich ihre Stimme mit einem Klavier“-Lieder. Das Klagelied einer unglücklich Verliebten. Die Erinnerung an einen unvergesslichen Abend in Paris (auf dem Platz der Republik), die Bitterkeit der Trennung am nächsten Morgen und der schmerzliche Gedanke nach dem Überqueren der Seine (der Fluss mitten durch Paris), dass der andere sich sowieso nicht an sie erinnern wird. Langsam, eindringlich und doch irgendwie hoffnungsvoll gesungen. Ein sehr schöner Song.

 

(Cover)

Heather Nova (seit 1990 aktiv)

Genre: Alternativer Rock
(ausgewählte) Studioalben: South* (2001), Redbird* (2005), 300 Days at Sea* (2011)

Nein, nicht noch eine Kanadierin. Sie kommt stattdessen aus Bermuda. Passend dazu kann ich absolut nicht mehr daran erinnern wo ich die Dame ursprünglich entdeckt habe. Und wer diesen Witz jetzt nicht verstanden hat, dem kann ich nicht weiterhelfen. Ich weiß nur, dass das Zünglein an der Waage weg von “ganz nett zum ab und zu mal reinhören“ hin zu “läuft tagelang hoch und runter“ für mich erst ihr sechstes Album Redbird (2005) war. Es vereint die Stärken all ihrer vorherigen Alben und ist von vorne bis hinten ein vorzüglicher und abwechslungsreicher Hörgenuss.

“Abwechslungsreich“ ist aber auch sonst bei ihr ein gutes Stichwort. Ist das eine Album klassisch rockig, singt sie auf einem anderen nur alleine mit ihrer Akustikgitarre. Und selbst in den Liedern erwarten den Zuhörer viele Überraschungen. Während andere eher auf Gleichförmigkeit setzen, ist für sie die Musik genauso wie ihr Gesang flexibel, formbar und der Erzählung klar untergeordnet. Häufige Tempi- und Tonhöhenwechsel, klassische Instrumente vermischt mit E-Gitarren, Bass und Schlagzeug sowie den Mut eben wie erwähnt auch einfach mal nur mit der Akustikgitarre da zu sitzen. Jedes Mittel ist recht, um jedes Lied zu einer emotionalen Geschichte mit einem Spannungsbogen aus Traurigkeit und Hoffnung zu formen. Und ja: Ihre Stimme macht das alles problemlos mit. Ob hoch oder tief, melancholisch oder freudig, eindringlich oder zurückhaltend – sie ist die perfekte Erzählerin. In einem Rollenspiel wäre sie vermutlich der Barde in der Taverne.

Persönliches Lieblingslied: Redbird – Track 01 – Welcome [4:18] (Anhören)

Der Name des Lieds passt wie die Faust auf das Auge. Was für ein fulminanter Einstieg in ein Album. Es ist als würde Nova uns, den Zuhörer, freudig strahlend zu sich einladen. Ihr Angebot: 51 Minuten lang in ihre Welt abzutauchen, ein Gefühl von Freiheit zu erleben und etwas von ihr zu lernen. Und wer kann diesem Angebot bei diesem fetzigen Rhythmus und dem eindringlichen aber liebevollen Gesang widerstehen? Ich zumindest nicht. Wenn ich „Heather Nova“ in meine Winamp-Suche (ja, ich benutze es immer noch) eingebe, lande ich quasi immer zuerst bei diesem Track. So eingängig und genial.

 

(Cover)

K’s Choice (seit 1994 mit Pause aktiv)

Genre: Alternativer Rock / Post-Grunge
(ausgewählte) Studioalben: Paradise in Me* (1996), Almost Happy* (2000), Love = Music* (2018)

Gleich vorweg: Bei der Recherche für diesen Eintrag habe ich gelernt, dass Sänger Sam Bettens 2019 sein Coming-out hatte. Die Band hat also keine Frontfrau. Aber gute Musik ist gute Musik egal wer am Mikrofon steht, insofern passt das schon.

Mit diesem Punkt aus dem Weg: Eine dieser Bands mit denen ich dank Don Quichotte in meiner Kindheit/Jugend Bekanntschaft geschlossen habe. Und wie es sich für viele der Bands gehört, die DQ früher gehört hat (zumindest aus meiner Sicht), sind auch die Belgier klanglich ein wenig „komisch“ (Post-Grunge halt – verzerrte Gitarren und sowas) und ich habe sie erst später wirklich zu schätzen gelernt. Vermutlich ist es Sams leichte „Raucher“-Stimme, die mich am Ende überzeugt hat gepaart mit den eher nachdenklicheren und oftmals sehr melancholischen Texten – die aber auf häufig eine sehr gegensätzliche Art und Weise erzählt werden. Da kriegt man als Zuhörer mitunter ein ganz schönes Schleudertrauma. Etwas gewöhnungsbedürftig aber sobald man sich darauf eingelassen hat eine wirklich geniale Band mit einem überraschend breiten musikalischen Repertoire.

Persönliches Lieblingslied Paradise in Me – Track 13 – Old Woman [01:55] (Anhören)

Was für ein Kontrast. Ein schneller und fröhlicher Sound von dem man sich sofort mitreißen lässt. Und dann stellt man im dritten Vers fest, dass es um den Suizid-Versuch einer alten Frau geht, die wieder mit ihrem Mann vereint werden möchte. Viel zu kurz kurz aber ein starker Text mit einem nachdenklich stimmenden Ende und ein richtig gutes Hörerlebnis.

 

(Cover)

The Naked and Famous (seit 2007 aktiv)

Genre: Elektropop
(ausgewählte) Studioalben: Passive Me, Aggressive You* (2010), Simple Forms* (2016), Recover* (2020)

Ich bin zwar schon ein alter Sack aber ihre Hymne an die Jugendliebe Young Blood hat mich sofort mitgerissen als ich sie in SSX (2012) erstmals gehört habe. Mir gefiel der Song so gut (und er passt so perfekt zum Spielgefühl), dass ich die Rennen immer solange neu gestartet habe bis er abgespielt wurde. Also blieb mir nichts anderes übrig als mir die Band mal genauer anzuschauen. Und was soll ich sagen? Ich habe eine sehr interessantes Hörerlebnis entdeckt, das Frontfrau Alisa Xayalith (mit häufiger Unterstützung von Thom Powers) und ihre Band bieten.

“Sphärisch”, “Verträumt”, “in die Leere hinausrufen” – das wären ein paar Wörter mit denen ich die Werke von The Naked and Famous umschreiben würde (wobei die Tracks auf dem neusten Album, Recover, überraschend “normal” sind). Der eingängige Gesang ist häufig so gemixt, dass er wie aus der Ferne kommend klingt und zusammen mit den (teils sehr hart) verzerrten (Elektronik-)Klänge eine fast schon außerweltliche Erfahrung erzeugt. Auch inhaltlich weichen die Lieder eher von der Norm ab und brauchen mitunter etwas mehr Gehirnschmalz, um den Sinn dahinter zu verstehen. Das tut dem Hörgenuss freilich keinen Abbruch. Stattdessen habe ich relativ schnell das Bedürfnis mich irgendwie zum Rhythmus bewegen zu müssen.

Persönliches Lieblingslied Passive Me, Aggressive You – Track 02 – Punching In A Dream [03:58] (Anhören)

Ein sehr rockiger und poppiger Sound, der trotz seiner starken elektronischen Verzerrung eher Fröhlichkeit und Aufschwung vermittelt. Dabei singt Alisa (mit Unterstützung von Thom) keine freudige Ballade über das Leben, sondern von den vielen Widerständen gegen die man scheinbar nicht ankommt (=wie Boxen in einem Traum). Ein cooler Gegensatz der extrem gut klingt und meinen Körper sofort in Bewegung bringt.

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