Die etwas anderen Probleme

 

Diskussion

 

"Windows is loading files..." steht in weißen Lettern auf dem ansonsten tiefschwarzen TFT-Display. Davor sitzt in einem schwarzen Ledersessel Christoph Hofmann, dem bereits eine leichte Nervosität anzusehen ist. Ein weiteres Mal greift er zu seinem mobilen Computer, der ihm schon seit Stunden nicht von der Seite weicht. Ein einsamer Hocker mitten im Zimmer ist einer der Zeugen der Aktivitäten, die hier schon länger stattfinden.

Das Silber glänzende Gehäuse lag vorher geöffnet auf dem Bett, während der Laptop auf einem Karton voller Spielhüllen stand und Christoph auf dem Hocker in voller Konzentration saß. Um ihn herum waren die vielen, neuen Hardwareteile verstreut, die nun langsam aber sicher im Inneren verschwanden. Einem, durch langjährige Erfahrung verinnerlichten Ablauf folgend, wurde jeder Handgriff sorgfältig ausgeführt und jedes Objekt so vorsichtig behandelt wie ein neugeborenes Kind. Bei der kleinsten Unsicherheit wurde jede Entscheidung genauestens überdacht. Unterbrochen wurde diese Tätigkeit nur ab und zu durch das Eintippen eines kurzen Erfahrungsberichts in den Laptop.

Jetzt ruht dieser Laptop auf dem Sessel neben ihm. Dort ist sogenanntes „Nachrichtenprogramm“ geöffnet und damit ein direkter Draht zu einem gewissen "Azzkickr" vorhanden. "Im Prinzip weiß ich, dass er mir nicht helfen kann.", sagt er, während eine weitere Nachricht an die ominöse Person im digitalen Reich verschwindet, und ergänzt: "Eine Ferndiagnose ist selten erfolgreich. Aber es beruhigt die Nerven es nieder zu schreiben und hilft wieder klar zu denken!". Angestrengt überlegt er, den Blick in die Ferne gerichtet. Dann wird der Laptop beiseite gestellt und die rechte Seite des Computergehäuses geöffnet, um bei fast allen Festplatten die Strom- und Datenversorgung zu kappen. Danach drückt er, ohne lange zu zögern, ein weiteres Mal auf den Anschalteknopf oben am Gehäuse.

Als er dies zum allerersten Mal machte, war ihm dabei noch die Anspannung ins Gesicht geschrieben. Kurz nachdem das letzte Kabel seinen Weg in die passende Anschlussbuchse an der Rückseite des Gehäuses gefunden hatte, ließ er sich schwer in seinen Lederstuhl fallen und blickte lange auf den schwarz glänzenden Knopf. "Das ist der entscheidende Moment. Wenn ich jetzt diesen Knopf drücke, dann geht entweder die Welt unter oder alles funktioniert.", sagte er sich, ohne den Knopf aus den Augen zu verlieren. Dann fuhr seine Hand nach vorne. Der Zeigefinger näherte sich  der Taste, zögerte einen Moment und schoss dann hinab. Im gleichen Moment begann das Herz des Rechners zu schlagen, die Geräusche der drehenden Lüfter erfüllten das Zimmer, und Christoph strahlte erleichtert. Der Zusammenbau war erfolgreich verlaufen.

Nun ist ein weiteres Mal kurz das laute Aufdrehen des Grafikkartenlüfters zu hören, bevor das Zimmer wieder in Stille versinkt. Vom Rechner selbst dringt nur ein leichtes Brummen, dass aber vom Geräusch der externen Festplatte übertönt wird. Kurze Zeit später kehrt mit dem Power-On-Self-Test das Bild auf den Monitor zurück.

Aufmerksam beobachtet Christoph wieder den Bildschirm. Seine Augen begutachten und analysieren genau jede Ausgabezeile während das System hochfährt, bis ein weiteres Mal "Windows is loading files…" zusammen mit wohlbekannten grauen Ladebalken erscheint. Aber wiederum passiert nichts, und der Computer wird ein weiteres Mal in den Schlaf geschickt. Die Festplatten werden wieder angeschlossen, der Rechner wieder gestartet, und keine Sekunde später durchdringt ein "Verflucht!" die Stille. Eine der alten Festplatten wird nicht mehr erkannt. Ein Hauch von Frustration macht sich in Christophs Gesicht breit, während er die neue Erkenntnis seinem digitalen Freund mitteilt. "Es kann nur der Adapter sein…", murmelt er dabei mehr zu sich selbst als zu seiner Umgebung. Als ein weiteres Mal von ICQ das Abschicken einer Nachricht mit einem sonderbaren Ton aus dem Laptoplautsprecher bestätigt, widmet er sich auch schon dem kleinen, durchsichtigen Kasten hinten an einer der Festplatten.

„In solchen Situationen wünsche ich mir manchmal, einfach einen Komplettrechner bei einem Discounter zu kaufen“, sinniert er vor sich hin. Es ist ihm allerdings anzusehen, dass er das nicht wirklich so meint. Das Gefühl, am Ende des Tages etwas vollbracht zu haben, würde ihm dann doch wohl stark fehlen.

Nach einigem Herumprobie­ren, startet er den Rechner neu. Und als Christoph schon an der Geschwindigkeit des POST-Vorgangs merkt, dass die Festplatte wieder erkannt wird, hellt sich seine Miene sichtlich auf. Zielstrebig öffnet er das BIOS und setzt einige Übertaktungseinstellungen zurück, und nach einem erneuten Neustart beginnt auch endlich das Setup von Windows Vista. "Also war doch das Strapping schuld. Da werde ich wohl bis zur nächsten finalen BIOS-Version nicht Übertakten können. Schade", murmelt er. Als wäre die letzte halbe Stunde nicht mehr als ein kleines Ärgernis gewesen. Gleichzeitig läuft die Installation des Betriebssystems an.

„Diese abrupten Gefühlswechsel und die damit verbundenen Adrenalinschübe gibt es einfach beim Kauf eines langweiligen Komplettrechners nicht!“, meint Christoph zum Abschluss, während der nächste große Abschnitt der ganzen Aktion beginnt: Die Installation und Einrichtung der Software - also eine ganz andere Geschichte.[CH]

(Verwendet als Lösung zur fünften Einsendeaufgabe und veröffentlicht am 07.04.2008)