Schafe – Unterschätzte Helden

Diskussion

Ich habe mich ja schon öfters darüber beschwert, dass es in Gothic III kein einziges Schaf gibt aber jeder wunderte sich eigentlich mehr darüber als mir zuzustimmen. Nur sehr wenige verstehen es. Leider auch nicht die Designer, denn es gibt viel zu wenig Spiele in denen Schafe vorkommen. Noch viel weniger Spiele die Schafe als Hauptfiguren haben. Warum?

Es gibt Kühe, Hasen. Hühner und alles Mögliche aber ein knuddeliges Schaf einzubauen scheinen die wenigsten hinzubekommen. Gothic II war eigentlich das erste Spiel, in dem einem Schaf eine tragende Rolle zugute kam und auch ein äußerst liebenswerter Charakter war (nicht nur dank des Fells). Und dann noch der Name: Liesl. Wer wird bei solch einem Namen nicht weich? Leider viel zu viel. Azzkickr ist ja nur ein Beispiel von vielen, das zeigt das Schafe wohl doch nicht bei jedem die innersten Beschützerinstinkte weckt. Und ich bin kein Schaffetischist!

Liegt es vielleicht einfach daran? Sind dort draußen zu viele Schafignorierer, als das es sich für Entwickler lohnen würde welche einzubauen, geschweige denn ein Spiel mit ihnen als Hauptfigur zu machen? Aus dem Stehgreif (es ist ja noch sehr früh am Morgen und ich bin hab’ keinen Zugang zum Netz), fällt mir jetzt nur Championsheep Rally ein, das voll auf das Zugmittel „Schaf“ setzt und meiner Meinung auch damit erfolgreich ist. Klar, dass Spiel ist weder sonderlich anspruchsvoll noch wirklich lang (und die Werbung ist absolut bekloppt…) aber allein die schrägen Charaktere – Schafe eben – laden zum Kauf ein. Aber um zu verstehen warum Schafe unterschätzte Helden sind, muss ich nochmals auf Liesl zurückkommen.

Was ist gerade an diesem Schaf so besonders, dass sich sogar ganze Fanclubs gebildet haben? Zum einen wäre da natürlich grundsätzlich die gesamte Ausstrahlung eines Schafs, die sich auf einige Grundbegriffe herunter brechen lässt: Knuddelig, Genügsam, Lässig, Määh – kurz: Cool.

Piranha Bytes hat es in Gothic II erstmalig geschafft, diese Eigenschaften auch visuell überzeugend rüberzubringen. Während in anderen Spielen, wenn vorhanden, Schafe nur eine Statistenrolle spielen und einfach in der Gegend herumstehen ohne wirklich ein Teil der Welt zu sein, sind die Schafe in Gothic II integral. Sie tragen nicht unwesentlich zur Glaubwürdigkeit der gesamten Spielwelt bei. Auch zeigen sie dem Spieler die andere Seite der Welt. Eine Welt der Ruhe und des Friedens. Schon die Platzierung von Liesl I. direkt vor Xardas Turm zeigt dies sehr deutlich. Vor wenigen Augenblicken hat Xardas noch das Ende der Welt heraufbeschworen und schon begegnet man Liesl I., wie sie seelenruhig am Wegesrand steht und ihrem Tagewerk (Fressen und gut aussehen) nachgeht, obwohl keine 10 Meter weiter ein fieser Goblin lauert. Sie strahlt eine Ruhe aus, die den Spieler sofort alles vergessen lässt und ihn erst einmal dazu zwingt, sich umzuschauen und die Welt in sich aufzusaugen. Er kümmert sich nicht erst um den feigen Goblin (auch bekannt als sicherer Tod für jeden Neueinsteiger) sondern bewundert lieber die Anmut mit der Liesl auf dem Weg herumtrabt. Er genießt.

Wenn der Spieler dann beim nächsten Bauernhof erfährt, dass die arme Liesl I. gekidnappt wurde, freut es ihn umso mehr die Banditen in der Höhle einen Kopf kürzer zu machen (falls er es nicht schon getan hat). Das Piranha hier allerdings dem Spieler nicht die Möglichkeit gibt, Liesl I. zu ihrer Herde zurückzubringen, ist äußerst schade. Aber dennoch zeigt sich deutlich der Beschützerinstinkt, der durch Schafe (bzw. generell durch knuddlige Charaktere) ausgelöst wird. Dieser verstärkt sich, wenn man später bei Onar’s Hof zuerst die dortigen Schafe vor grausamen Wölfen schützen muss und zu guter letzt die Möglichkeit bekommt für 100 Gold sich eines mitzunehmen. Natürlich ist dies eigentlich nur für eine Quest relevant aber missbraucht man Liesl II. wirklich nur für diese, eher erniedrigende Tätigkeit oder steckt noch mehr dahinter? In anderen Spielen bekommt man alle Arten von Haustieren als Begleiter nachgeworfen aber im Prinzip sind sie doch alle austauschbar (Ausnahmen wie der Collector’s Edition Panda in World of WarCraft, bestätigen die Regel). Liesl II. hingegen hat Charakter. Man kann sie ansprechen und entlockt ihr so ein zutrauliches Määhää. Dies zeigt dem Spieler nicht nur ihre außerordentliche Intelligenz (die teils höher ist als bei so manchem Ork) sondern macht sie auch zu einem besseren Partner als es z.B. Diego je sein könnte. Sie lässt sich nicht einfach alles sagen und macht nur mit was ihr gefällt. Der beste Vergleich wäre wahrscheinlich eine Katze. Diese zieht auch einfach ihr Ding durch, weiß es aber immer zu schätzen wenn es jemanden gibt, der sie respektiert.

Warum also nicht ein Spiel machen in dem ein oder mehrere Schafe die Helden sind? Wollen wir wirklich auf ewig emanzipierten Mannsfrauen auf den Hintern schauen oder mit Testosterontriefenden Männer die Welt retten? Schafe eignen sich doch viel besser als Identifikationsfigur, auch für Erwachsene. Oder sind sie gerade deshalb so ungeeignet, weil sie eher die „sensible“ Seite ansprechen? Das wäre schade, planen die Schafe doch insgeheim die Weltherrschaft an sich zu reißen. Warum sonst sollten sie in Gothic III nicht mehr da sein? Ein anderer Spieler hat völlig Recht damit, wenn er behauptet die Schafe hätten sich aus dem Land zurückgezogen um sich neu zu formieren. Warum sonst war bislang noch keiner im „unbekannten Land“? Innos, Adanos und Beliar sind Schafe – deshalb! Sie nutzen sowohl die Menschen als auch die Orks für ihre eigenen Zwecke. Sie missbrauchen sie für ihr eigenes Vergnügen um das Land bereit zu machen für eine Herrschaft des Knuddelns.

Auch in World of WarCraft ist die Macht der Schafe deutlich sichtbar, wenngleich etwas weniger Charakterstark. Von einer Sekunde auf die andere wird alles böse erstickt und durch etwas ersetzt das keinen Schaden anrichtet und gut aussieht. Hätte die Verwandlung in ein Schwein dieselbe Wirkung auf den Spieler obwohl der Effekt gleich bleibt? Ich bezweifle es. Wer schon das Intro von WoW The Burning Crusade gesehen hat, sieht auch, dass selbst Blizzard die Macht des Schafs endlich richtig erkannt hat und ihm völlig zu Recht eine eigene Szene widmet. Schon bei der sehr schlechten, abgefilmten Version waren die Reaktionen eindeutig in den Foren und alle waren sich einig, dass das Schaf cool war. Wenn das nicht beweist, wie unterschätzt Schafe werden, dann weiß ich auch nicht mehr weiter. Also ihr Entwickler da draußen: Hört nicht auf den Blog Antigames und baut Dinosaurier ein, sondern hört auf Bagdadsoftware und nutzt mehr Schafe! Oder für den ultimativen Blockbuster -> Beides![CH]

(Veröffentlicht am 16.12.2006)