Spellbound Entertainment AG

 

Diskussion

Spellbound Entertainment AG wurde von JoWooD nicht nur damit beauftragt Gothic 4 Genesis zu entwickeln, sondern auch den Patch-Support für Gothic 3 weiterzuführen. Grund genug einmal genauer auf das Studio mit Sitz in Kehl am Rhein (Baden-Württemberg) zu werfen.

Gegründet wurde es 1994 von Armin Gessert. Ein Punkt, der im Zusammenhang mit Spellbound oft genannt wird, da er einer der Entwickler von The Great Giana Sisters war. Die erste Amtshandlung des Studios war es für die Attic Entertainment Software GmbH (existiert heute nicht mehr) Grafiken zu erstellen. Wie umfangreich genau diese Mitarbeit an Die Schwarze Auge - Die Nordlandtrilogie Teil III: Schatten über Riva (1996) wirklich war, ist heute nur noch den damaligen Beteiligten bekannt aber sie scheint gut genug gewesen zu sein, denn Fantasy Productions (die Lizenzinhaber von DSA) gab ihnen die Lizenz zu Perry Rhodan. Daraus entstand dann Perry Rhodan: Operation Eastside (1998), eine Art Master of Orion-Klon. Von der damaligen Fachpresse erhielt es zwar nur durchschnittliche Wertungen von weniger als 70%, dennoch verkaufte sich der Titel ganz ordentlich. Eine der Gründe für diesen Erfolg, dürfte wohl die Stärke der Marke Perry Rhodan gewesen sein.

Im selben Jahr folgte mit Airline Tycoon die erste eigene Entwicklung. Dem Typus des deutschen Entwicklers folgend, handelte es sich um eine Wirtschaftssimulation, die sich allerdings stark an Mad TV orientierte. Zwar waren auch hier die Wertungen nicht überragend und zu Beginn verkaufte es sich auch nicht sonderlich gut, dennoch entpuppte sich das ganze über die Zeit dann doch noch als unerwarteter Erfolg, dem man noch die zwei Add-ons First Class und Evolution und eine Compilation Airline Tycoon Deluxe. Sauer stieß den Fans des Spiels allerdings auf, dass Airline Tycoon Evolution zum Vollpreis verkauft wurde. Die Verantwortung dafür lag aber laut Aussagen von Armin Gessert beim Publisher. 2006 kündigte das Studio offiziell den zweiten Teil mit dem Untertitel Zwischen Himmel und Erde an. Da dafür aber leider kein Publisher gefunden werden konnte, liegt der Titel momentan auf Eis.

Mit gut gefülltem Geldbeutel und nach dem Überraschungserfolg den Pyro Studios mit Commandos: Behond Enemy Lines (1998) gelandet hatte, machte sich das Studio daran, wie viele andere, dass Spielprinzip in ein neues Setting zu kopieren und vom Erfolg zu profitieren. Während also Pyro Studios an mehreren Add-ons und Commandos 2: Men of Courage bastelte, erdachte sich Spellbound John Cooper und seine Gang. Im Frühjahr 2001 erschien ihre Wild West-Geschichte unter dem Titel Desperados - Wanted Dead or Alive - geschickterweise einige Monate vor Commandos 2: Men of Coursage. Ob dies damals von Infogrames (heute ATARI) Absicht war oder reiner Zufall, lässt sich leider heutzutage nicht mehr stichhaltig nachvollziehen aber in jedem Falle war es der richtige Zug, da so die Fans, die noch sehnsüchtig auf den Nachfolger von Commandos warteten, der Titel ins Auge sprang. Desperados kassierte zwar nicht die astronomischen Höchstwertungen, speziell von der ausländischen Presse, wie sie später Commandos 2 erhalten würde aber in den Augen der Taktikfans ist es auch heute noch klar das bessere Spiel und für viele das echte Commandos 2, da dies wesentlich actionlastiger ausgefallen war als es die Fans mochten. Beide Punkte zusammen spiegelten sich auch in den Verkaufscharts wieder. Dort stand Desperados nach der Veröffentlichung mehrere Wochen in den Top10 und ließ bei Publisher und Entwickler die Kassen klingeln. Spellbound hatte verdient den Jackpot geknackt - es sollte bis heute das einzige Mal bleiben. Das geplante Add-on zu Desperados wurde zwar fertig gestellt aber aufgrund von Problemen mit Infogrames nie veröffentlicht. Genaue Details sind nicht bekannt, da alles mehr hinter den Kulissen ablief.

Nach dem Erfolg von Desperados wurde der französische Publisher Wanadoo Edition (heute MC2) auf Spellbound aufmerksam. Aus diesem Deal heraus entstand Robin Hood: Die Legende von Sherwood - ein Desperados-Klon im Sherwood-Forest. Kein wirklich schlechtes Spiel, das eine bessere Grafik und einen leicht verfeinerten Spielablauf bot. Die Wertungen waren bei Erscheinen Ende 2002 auch meist in den hohen 80iger aber obwohl zusätzlich wie Desperados einige Awards absahnte, konnte es den Erfolg von Desperados nicht kopieren. Es war zwar kein finanzieller Flop aber die Erwartungen an das Spiel waren bei allen Beteiligten sicher höher als die Summe, die am Ende dastand.

Voller Tatendrang machte sich Spellbound dank seiner "Extreme Programming"-Technik, die schon bei Robin Hood zum Einsatz kam, an die nächsten Titel und veröffentlichte 2003 Chicago 1930 und Rauchende Colts. Während letzteres bereits voll auf das Low Budget-Segment ausgerichtet war und für 12,99€ verkauft wurde, sollte Chicago 1930 an die Erfolge von Desperados und Robin Hood anknüpfen. Die Qualität von Rauchende Colts war, wie erwartet, äußert schlecht und der Titel gehört in die Kategorie von Spielen, die man lieber gleich wieder vergisst. Chicago 1930 war hingegen völlig überraschend eine totale Enttäuschung in allen Belangen und wurde mit entsprechend niedrigen Wertungen abgestraft. Obwohl es für diesen Absturz keine offiziellen Begründungen gibt, lässt sich aufgrund der vorliegenden Fakten einer der Hauptgründe in der sehr kurzen Entwicklungszeit finden. Extreme Programming hatte sich also nicht wirklich bewährt. Die Folge davon war fatal, da Spellbound beide Titel selbstständig veröffentlicht hatte, blieb das Studio vollständig auf dem Debakel sitzen und musste aus diesem Grund massiv Leute entlassen. Nur ein Bruchteil der Leute, die an Desperados mitgearbeitet hatte, blieb eingestellt. Ein Großteil der Entlassenen gingen über die Straße nach Straßburg und gründeten die Firma Creative Patterns.

Aber Spellbound hatte aus der Sache gelernt und konzentrierte sich nun wieder auf einen einzigen Titel und nahm wieder mit ATARI Kontakt auf. Das Ergebnis ist seit 2006 als Desperados 2: Cooper’s Revenge im Handel und ist die erste 3D-Produktion des Studios. Zwar schaffte es auch der Nachfolger nicht an den Erfolg des ersten Teils anzuknüpfen, bekam aber durchaus ordentliche Wertungen und wurde von den Fans erfreut aufgenommen. Aber Spellbound hatte wieder kein Glück. Wie bei Teil 1, war das Add-on mit dem Namen Desperados 2: Conspiracies bereits fertig als sich ATARI plötzlich wieder aus dem Deal herauszog. Schlimmer noch, ATARI nahm die Rechte am Namen gleich mit. So stand Spellbound mit einem Add-on zu einem Spiel da, zu dem sie keine Namensrechte mehr besitzen. Spellbound hatte aber Glück im Unglück und fand mit der dtp entertainment AG doch noch einen Partner und so wurde es vor wenigen Monaten unter dem Namen Helldorado als eigenständiges Spiel veröffentlicht.

Vermutlich kurz danach trat JoWooD an Spellbound heran und die Vertragsverhandlungen zu Gothic 4 Genesis begannen.

Für sich betrachtet ist Spellbound also ein ordentlicher Entwickler mit viel Erfahrung im Taktikgenre und ein wenig in Sachen Wirschaftssimulationen, der trotz des massiven Einbruchs 2003, sich zusammengerafft und erfolgreich überlebt hat. Die Frage ist aber bei diesem Hintergrund immer noch, ob ein Projekt wie Gothic - also ein Rollenspiel - nicht vielleicht doch zu groß für eine Firma ist, die noch nicht einmal ansatzweise mit solch einer Art Spiel zu tun hatte. Die vollmundige Ankündigung, dass Jochen Hamma bei Spellbound wäre, der damals Mitbegründer der Attic Entertainment Software GmbH war und somit auch an Das Schwarze Auge - Die Nordland-Trilogie mitgearbeitet hat (er war Produzent), halte ich weder für wirklich aussagekräftig noch allzu beruhigend. Ich bin zwar zuversichtlich, dass die Jungs in der Lage sind, genügend Entwicklungszeit vorausgesetzt, ein ordentliches Spiel abzuliefern aber fügt man den Faktor JoWooD und die parallele Entwicklung für eine oder sogar mehrere Konsolen hinzu, bin ich weiterhin äußerst skeptisch. Dank der Vorlage Gothic 3 könnte ein Debakel mit Namen Gothic 4 durchaus zu einem, für Spellbound existenzbedrohendes, Problem werden. Aber man soll ja nicht den Teufel allzu deutlich an die Wand malen. Schauen wir also einfach erwartungsvoll in die Zukunft und hoffen das Beste.

(Veröffentlicht am 05.09.2007)