Sicarius

Ein Epilierer und seine Geschichte

Links alt, rechts neu – ein riesiger Unterschied…

Lysanda ist aktuell ein wenig wütend. Nicht auf mich – zum Glück -, sondern auf unsere verschwenderische Gesellschaft im Allgemeinen und Hersteller von Elektronikware im Speziellen. Warum? Wegen ihrem Epilierer. Für die Besucher unter uns, die so ein Gerät nicht nutzen: Ein Epilierer ist ein modernes Folterwerkzeug, meist bestehende aus einem Motor und einem Aufsatz, vor allem zur Anwendung an den Beinen. Es wird besonders durch aber nicht nur von Frauen genutzt, um ihre Schmerztoleranzgrenze zu trainieren – und vielleicht auch, weil sie glatte Haut haben wollen. Ein Epilierer reißt nämlich buchstäblich die Haare heraus im Gegensatz zum Rasierer, der ja nur an der Oberfläche abschneidet. Letzteres tut wesentlich weniger weh (je nach Rasierapparat), hält dafür aber nicht sonderlich lange vor.

Das Problem

Der Epilierer von Lysanda hat nun vor kurzem den Geist aufgegeben. Er hat schon länger etwas komische Geräusche gemacht, am Ende haben sich bei Widerstand dann die Walzen nicht mehr bewegt. Während andere vermutlich sofort die Schritte „Tonne“ und „Neukaufen“ durchgeführt hätten, haben wir uns erstmal den Epilierer-Kopf vorgenommen und ihn auseinander gebaut. Das ging auch erstaunlich gut und ziemlich vollständig. Der Zusammenbau ebenfalls. Nur die auf Spannung stehenden Klammern waren etwas fummelig. Aber egal: Also auseinander gebaut und das Problem relativ zügig identifiziert. Im Inneren befinden sich Plastikzahnräder und die halten leider nicht ewig. Das Hauptrad war stark abgenutzt und hat entsprechend nicht mehr richtig in die anderen Zahnräder gegriffen. Kein Wunder, dass er nicht mehr funktioniert hat.

Ein Zahnrad also. Sollte ja kein Problem sein so ein 1ct-Produkt irgendwo zu bekommen, wenn nicht sogar vom Hersteller selbst (in diesem Falle Panasonic). Pustekuchen: Nicht einmal in Modellbaushops gab es überhaupt nur ähnliche Räder. Und Panasonic selbst verkauft nur den ganzen Kopf als Ersatzteil. Preis dafür? 55€ (10€ mehr (!) als das gesamte Gerät vor 7 Jahren mal gekostet hat); Neupreis des aktuellen Modells inkl. wesentlich mehr Zubehör? 85€… Es dürfte klar sein, wofür sich Lysanda entschieden hat.

ARGH!

Jetzt hatten wir natürlich ein kleines bisschen die Hoffnung, dass wir nicht alles in den Müll werfen müssten. Die Funktionsweise des Kopfes ist unverändert und das Thema „Einheitliche Ladekabel“ ist ebenfalls bereits viel diskutiert worden auf EU-Ebene. Aber nein, obwohl der neue Kopf im Inneren unter Garantie genauso funktioniert wie der alte, passt er nicht auf den alten Motor. Und das Ladekabel des Vorgängermodells passt ebenfalls nicht beim Nachfolger. Wisst ihr auch warum? Weil sie an der Öffnung für den Stecker ein Plastikteil anders geformt haben. Sonst nichts. Von den technischen Werten her ist das Netzteil völlig identisch!

Wir halten also fest: Wegen eines blöden Plastikzahnrads (warum nicht etwas aus rostfreiem Edelstahl?!) müssen wir ein gesamtes Gerät in den Elektroschrott entsorgen, das ansonsten noch einwandfrei funktioniert. Bitte? Wir hätten ja den Ersatzkopf kaufen können und dann nur den alten Kopf entsorgen müssen? Ja, hätten wir tun und damit diese Firmenpolitik in Bezug auf völlig überteuerte Ersatzteile auch noch unterstützen können. Und morgen geht dann der Motor kaputt und wir haben ein altes Gerät für den doppelten Preis ersetzt… Klingt nicht gerade wirtschaftlich sinnvoll.

Alt? Weg!

Der Drehtellerersatzmotor. Preis? 20€

Der Epilierer ist logischerweise nur ein Beispiel von vielen für das eWaste-Problem (Elektronikschrott). Ein weiteres ist die hier im Haus verbaute Siemens-Mikrowelle. Sie hat sich technisch gesehen noch vor dem Einzug verabschiedet und dabei sogar die Sicherung rausgehauen, als wir unser Essen gewärmt haben (zum Glück erst danach). Die Aussage an der Siemens-Hotline? Reparatur lohnt sich nicht. Viel zu alt, weg damit. Äh, okay, das Ding hatte damals maximal 10 Jahre auf dem Buckel? Also erstmal eine alte Bosch hingestellt, die seit mindestens 30 Jahren ihren Dienst in meiner Familie tut (und im lokalen Tierheim jetzt immer noch ihre Runden dreht). Die Siemens habe ich dann meinem Vater übergeben, der zwei Sachen festgestellt hat:

a) Es ist nur der Drehtellermotor kaputt.
b) Siemens hat sogar vorgesehen, dass man den einfach und schnell austauschen kann.

Also bei irgendeinem Drittanbieter für Ersatzteilen genau diesen Motor bestellt und vier Jahre später ist sie immer noch einwandfrei im Betrieb. Und ja: Siemens hat selbstverständlich nichts an uns verdient deswegen. Selbst schuld. Sie hätten mir ja zumindest eine Reparatur aufschwatzen können statt gleich zu sagen „Weg damit!“.

Nur die Fachwerkstatt!

Leider gibt es immer mehr Bereiche, in denen DIY nicht mehr geht. Nicht unbedingt, weil die Bauteile so viel komplizierter geworden sind. Eher, weil die Hersteller die Ersatzteile und Details nicht zugänglich machen oder es einem selbst bei einfachen Dingen möglichst schwer machen. Stichwort Glühbirnenwechsel beim Auto. Das kann theoretisch jedes Kind. Aber viele moderne Karren sind so gebaut, dass man gefühlt erst den halben Motor auseinandernehmen muss, nur um an die scheiß Lampe zu kommen. Völliger Schwachsinn, nur damit man in die (Fach-)Werkstatt muss. Und wenn wir schon beim Stichwort Werkstatt sind: Meine Begeisterung der regelmäßigen Wartungen hält sich ebenfalls in Grenzen. Mein Peugeot war scheckheft-gepflegt durch eine zertifizierte Werkstatt, wie man so schön sagt, weil ich eben möglichst lange mit ihm fahren wollte. Der einzige, der am Ende davon profitiert hat war die Werkstatt. Das Auto hat dadurch – oder vielleicht sogar deswegen? – keinen Tag länger gehalten.

In den USA tobt hingegen gerade der Kampf um das sogenannte „Right to Repair“-Gesetz. Es geht darum Hersteller zu zwingen unabhängigen Reparaturshops wieder Schnittzeichnungen und Ersatzteile zur Verfügung zu stellen. Speziell Apple ist da ja mittlerweile extrem stringent. Wenn man sich bei den Anhörungen die Argumente der Lobbyisten anhört, die da was dagegen haben, stehen einem die Haare zu Berge. Von angeblichen Copyright-Verletzungen bis hin zu „der Käufer sprengt sich selbst in die Luft“ ist alles dabei, was völliger Schwachsinn ist. Wer darüber mehr wissen möchte, dem kann ich den Kanal von Louis Rossmann ans Herz legen. Der hat in New York einen Apple-Reparaturshop und tingelt durchs Land zu den einzelnen Anhörungen, um für das Gesetz zu werben.

Fehlende Nachhaltigkeit

Ein Fall für den Restmüll?

Lysandas Wut ist entsprechend verständlich, selbst ohne zusätzlich noch das Thema „Grundsätzliche Haltbarkeit“ in den Ring zu werfen. Ihr wisst schon: Gewährleistung läuft ab, schon ist die Elektronik hinüber (überall ist heutzutage Elektronik drin – sogar in den Schuhen!). Die Recyclingquote bei Elektroschrott lag übrigens zuletzt bei 43%. Aber statt dieses Riesenthema mal richtig anzugehen, indem man Branchenstandards und auch in der EU eine Art „Right to Repair“ einführt, werden lieber Einwegtüten und Strohhalme verbannt.

Ja, die produzieren auch Müll aber auf meiner Prioritätenliste wären die definitiv weit unten gewesen. Und bevor mir jemand vorwirft Äpfel (eWaste) mit Birnen (Plastikmüll) zu vergleichen: Die Recyclingquote von Plastikmüll lag 2017 bei 46%, bis 2022 sollen es 63% werden. Ja, sicherlich besser als in China oder so. Aber zwei der vielen Gründe, warum nicht mehr recycelt werden kann ist die Unart vieler Hersteller zwei Plastikarten in ihrem Produkt zu vermischen oder designen es so, dass es von der Maschine nicht korrekt sortiert werden kann. Ein gern genommenes Beispiel sind Shampooflaschen. Die Flasche selbst ist eine Art Plastik, der Aufkleber eine andere = ab in die Verbrennung. Technisch gesehen müssten wir als Verbrauchen quasi den Aufkleber wegmachen. Aber wir – und da zähle ich uns explizit dazu – schaffen es ja nicht einmal grundsätzlich die Plastiktonne korrekt zu bestücken. Müssen z.B. Joghurt-Becher jetzt ausgespült werden vorher, oder nicht?! Und was ist mit Paketklebeband, an dem vielleicht sogar noch etwas Papier dranklebt? Bei all den Regeln würde man erwarten, dass es einfach ist. Aber irgendwie…doch nicht.

Epilog

Aber gut: Leider alles nichts Neues, was ich euch hier erzähle. Lysanda wollte es einfach nur mal in die Welt hinausschreien :smile: . Es wird sich auch sicherlich so schnell nichts ändern. Schon gar nicht in einer Welt, die sich eher wieder weg von der Globalisierung bewegt und in der große Unternehmen so viel Macht und Einfluss haben. Nein, völlige staatliche Kontrolle will ich selbstverständlich auch nicht, aber bei vielen Dingen sind wir als Gesellschaft einfach nicht weitsichtig genug und müssen von unabhängigen Experten aufgeklärt werden – inklusive Umsetzungsvarianten. Warum macht es z.B. Sinn unsere Shampooflaschen zu 100% zu recyceln (und wie kommen wir dahin)? Denn, wenn das die Masse von den Herstellern will, werden sie spätestens dann ihre Produkte anpassen. Der Geldbeutel hat schließlich immer Recht.

3 Kommentare

Übrigens: „Schäden werden gelöscht“ mit den „Schaden-Detektoren“ – lol, wie geil ist das denn? Science-Fiction-Edition?

Theoretisch wäre 3D sicherlich möglich. Aber da bräuchte man natürlich jemanden der einem das nachmachen kann und einen 3D Drucker hat. Ob das dann wirklich billiger ist als 50€? :smile:

Die Schaden-Detektoren sind übrigens kleine Wesen, die Nachts leuchten und ich muss dann bei Lysanda mit ner Runde Knauff Rotband die Stellen flicken.

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