Sicarius

Ein Buch über einen musikalischen Meister

*pust* Ganz schön viel Staub auf dieser Kategorie. Ja, Lesen steht irgendwie bei mir nicht sonderlich weit oben auf der Tagesordnung. Kriege es auch nicht in den Alltag integriert. Lysanda beispielsweise hat sich angewöhnt auf der Vibrationsplatte einfach mal zehn Minuten zu lesen nach dem Sport. Ich hingegen? Selbst die Werke auf dem Nachttisch bleiben oft monatelang unberührt, bevor ich mal wieder eine Seite umblättere. Gleichzeitig wird der Platz in den Regalen immer kleiner… Aber hey: Man soll ja die positiven Dinge im Leben sehen. Zum Beispiel, dass ich es tatsächlich endlich mal wieder geschafft habe einen toten Baum fertig zu konsumieren! Und da ich gefühlt mittlerweile mehr Fachbücher über die Videospieleindustrie habe, als “normale” Belletristik, war es dieses Werk:

(Cover)

Master of Magic – The Official Rob Hubbard Softography (Chris Abbott, Dr. Rob Hubbard & Prof. Kenny McAlpine; 2024) – Ja, es ist eine “Softography”, keine Biographie im klassischen Sinne. D.h. der Fokus des Buchs liegt voll und ganz auf den Werken von Rob Hubbard und eher im beiläufig auf die Person selbst. Und dieser ist eine der bekanntesten Komponisten für den Commodore 64 und einer der damaligen Pioniere im Bereich der SID-Programmierung.

SID steht für “Sound Interface Device” und macht genau das, was auf der Packung steht: Töne produzieren. Und neben Soundeffekten lässt sich damit logischerweise auch Musik machen. Das war damals noch nicht selbstverständlich, und dem C64 halbwegs anständige Sachen zu entlocken war definitiv eine Kunst für sich. Nicht nur wegen der begrenzten, wenn auch für damalige Verhältnisse fortschrittlichen Möglichkeiten des Soundchips. Einen Soundeffekt und gleichzeitig Musik abspielen? Anfangs ein Ding der Unmöglichkeit. Und wegen der harten Speicherbegrenzung musste man als Entwickler äußerst kreativ sein und sich gut überlegen, ob ein Level mehr nicht doch wichtiger ist als ein paar zusätzliche Töne aus den blechernen Boxen. Und trotz dieser Limitationen haben die Virtuosen dieser Zeit – und davon war Rob Hubbard einer – dem Brotkasten mehr als nur ein paar langweilige Piepstöne entlockt.

Von Vorteil war, dass der Brite schon immer musikalisch war. Bevor er den C64 für sich entdeckte, arbeitete er als Studiomusiker. Ende 1983 kaufte er sich ein Gerät und brachte sich damit BASIC bei, um Musiklernsoftware zu programmieren. Da ihm BASIC allerdings zu langsam war, wechselte er relativ zügig zu Assembly – also Maschinensprache. Seine Lernsoftware wollte jedoch keiner haben. Deshalb bastelte er sich einen professionellen C64-Musikplayer, sprich einen eigenen Soundtreiber, und machte sich ab April 1984 auf die Suche nach Aufträgen für Programmierung und/oder Komposition. Da es damals noch nicht so mit dem Internet war, hat er dazu klassisch Softwareentwickler per Post angeschrieben – und tatsächlich gleich zwei Jobs bekommen.

Die Anfänge

Der Artikel zu Shockway Rider

Zum einen sollte er die Musik für den C64-Port von Up, Up and Away beisteuern – der dann aber erst 1985 auf den Markt kam. Und zum anderen beauftragte Ubik Software ihn damit ein Spiel basierend auf einer TV-Show für Kinder namens “Razzmatazz” zu programmieren. Da Ubik Software pleite ging, wurde am Ende jedoch nichts daraus. Insofern hatte Rob 1984 dann doch nicht so viel Erfolg mit seinem neuen Projekt. Ein Flyer und eine Demokassette im Januar 1985 brachten den Ball jedoch so richtig ins Rollen. Für über 75 Videospiele (nicht nur, aber hauptsächlich für den C64) hat Hubbard anschließend zwischen 1985 und 1989 neue Musik geschrieben, bestehende Kompositionen auf den C64 konvertiert und häufig auch die Soundeffekte beigesteuert. Mit zu seinen bekanntesten Werken auf der Brotmaschine zählen wohl Monty on the Run (1985), Thing on a Spring (1985), W.A.R. (1986), International Karate (1986) und Wiz (1987). Achtung: Akute Pieps-Gefahr beim Klicken der Links! Aber das sollte eigentlich klar sein?! Wobei das genau die Werke von Rob und seinen ebenbürtigen Kollegen ausmacht: Es sind größtenteils auch heute noch hörenswerte Musikstücke. Dynamisch, melodisch, abwechslungsreich – eben trotz der Hardwarelimitationen normale Musik und nicht nur zwei Piepstöne aus dem PC-Speaker.

Und obwohl es durchaus einige Angebote gab in dieser Zeit bei einem Entwickler direkt anzuheuern, blieb er vergleichsweise lange unabhängig. Er lehnte sogar Aufträge ab, weil er in dem Sinne zugeschüttet wurde mit Arbeit. Doch Anfang 1988 bekam er dann doch eine Chance, die er nicht ablehnen konnte: EA war so begeistert von seiner Arbeit an Skate or Die, dass sie ihn anheuern wollten. Nach seinen Erfahrungen auf dem Campus in Redwood City fiel ihm die Entscheidung wohl nicht sonderlich schwer. Nicht nur lernte er die kalifornische Sonne zu schätzen, auch die Möglichkeit neue Technologien wie den Roland MT-32 in die Finger zu bekommen, reizten ihn ungemein. Gerade wegen seines hohen Outputs war er 1987 nach eigenen Aussagen kreativ nämlich relativ ausgebrannt und suchte Wege seine Passion wieder aufleben zu lassen.

Zur Ruhe kommen

Sein Output wurde unter EA weniger, da er mehr im Hintergrund arbeitete und die Grundlagen für seine Kollegen legte. Aber nachdem er sich die Jahre zuvor so verausgabt hatte, war es verständlich. Neben einigen der ersten EA-Sporttiteln, hat er in der Zeit beispielsweise auch die Titelmusik für Peter Molyneuxs Populous komponiert sowie den Soundtrack und die Soundeffekte für Road Rash produziert. Sein größter Coup war aber wohl sein Reverse Engineering des SEGA Mega Drive, das es EA erlaubte einen besseren Lizenzdeal mit SEGA auszuhandeln. 1997 wechselte er dann ins Management, weil EA immer häufiger auf lizenzierte Musik setzte. Er war für Strategie, Musiklizenzierung und das Management der vielen Audio-Produzenten zuständig, an die EA die Aufgaben outsourcte.

2002, im Alter von 47 Jahren, hatte er dann genug von EA und zog zurück nach England. Ihm war es zu “unternehmerisch” geworden. Seitdem macht er in dem Sinne nur noch, worauf er wirklich Lust hat. Beispielsweise seine Musik für Orchester umschreiben (8-Bit Smyphony), für den ein oder anderen Indie-Film (Väter der Pixel-Monster – Englands Computerspiel-Pioniere) komponieren, und ja, auch neue Musik produzieren (Rob Returns) sowie Remixe nicht nur seiner alten Werke (Hubbard ‘80*).

Ja, auch für Madden hat Rob Hubbard Musik gemacht

2016 hat er außerdem die Ehrendoktorwürde (“Doctor of Music”) von der University of Abertay erhalten.

Das Buch

So viel zur Person “Rob Hubbard”. Kommen wir nun zum Buch: Auf den 354 Seiten werden alle Werke – und damit meine ich wirklich alle – behandelt, an denen er bis zum Druck des Buchs beteiligt war. Oder in Zahlen ausgedrückt: Über 100 Spiele in chronologischer Reihenfolge. Und da keiner von euch verlangen kann alle diese Musikstücke auswendig zu kennen, gibt es passend dazu online eine äußerst umfangreiche Mediengalerie. Zu fast allen Titeln könnt ihr euch nicht nur Robs Musik anhören, sondern auch den dazugehörigen SID-Treiber und je nachdem weiteres Hintergrundmaterial dort herunterladen. Theoretisch könnte ich hier den Link posten, aber da könnte jemand was dagegen haben. Deswegen lasse ich es lieber.

Die Mediengalerie ist immens wichtig beim Lesen des Buches. Musik lässt sich schließlich nur bedingt gut beschreiben. Entsprechend versucht der Autor es gar nicht erst. Textpassagen wie z.B.

The echoed solo halfway through the tune is actually a piss-take of the sax solo in the Hall and Oates hit “Maneater”.
(Chris Abbott, 2024 S. 55)

lassen sich vom Leser somit nur einordnen, indem ihr das Lied vor oder während des Lesens des Textes anhört. Leider ist der Aufbau der Mediengalerie dafür speziell auf dem Smartphone nur bedingt geeignet. Ständig bin ich am Rumnavigieren und Suchen des richtigen Videos im Unterordner (die SIDs selbst spielt es ja nicht ab). Das unterbricht massiv den Lesefluss und hat mich leider relativ schnell davon abgehalten es überhaupt zu versuchen. Am Ende habe ich es nur noch bei den Titeln gemacht, wo es wirklich zum Textverständnis notwendig war.

Der Inhalt

Den Schreibstil von Master of Magic würde ich als “flapsig” bezeichnen. Es wird schnell klar, dass der Autor absoluter Hubbard-Fan ist und (scherzhaft) jeden verurteilt, der anderer Meinung ist. Sehr häufig sind beispielsweise Seitenhiebe auf damalige Spieletester, die schlechte Noten gegeben haben. Das kann man machen, muss der Leser aber mögen. Und meine Erwartungshaltung an so ein Werk ist definitiv eher eine fakten-basierte Schreibe als sowas. Insofern hat mich das durchaus gestört. Der Standardaufbau jedes Spieleberichts ist hingegen eine Vierteilung:

  • Im ersten Abschnitt geht es um die zeitliche Einordnung, das Spiel bzw. seine Entwicklungsgeschichte soweit sie relevant ist, welche Vorgaben Rob hatte, wie die Musik entstanden ist und eventuelle Besonderheiten. Rob kommt hier auch und wieder selbst zu Wort. Für ein Werk, das sich rühmt in Zusammenarbeit mit ihm entstanden zu sein, allerdings doch gefühlt zu wenig. Liegt aber vielleicht daran, dass er sich häufig gar nicht mehr daran erinnert. Also nicht nur an das explizite Musikstück. Teilweise weiß er gar nicht mehr, dass er überhaupt für dieses Spiel was gemacht hat.
    Kann ich ihm nicht verdenken. Er wurde zur Legende gemacht, obwohl er aus seiner Sicht eigentlich nur Auftragsarbeiten erledigte. Schade ist es trotzdem, weil genau diese Informationen aus erster Hand ein großes Kaufargument für das Buch ist. Aber auch sonst kommt mir dieser Teil des Textes häufig viel zu kurz vor. Stattdessen wird den anderen, weniger interessanten Abschnitten mehr Raum gegeben.
  • Im 2. Abschnitt geht es um eventuelle Ports und andere Versionen des Spiels. Vor allem natürlich in Hinsicht darauf, ob Rob dafür ebenfalls die Musik gemacht hat oder zumindest seine Version die Basis war – teils inklusive einer erneut sehr flapsig formulierten Beurteilung des Ergebnisses.
  • Der dritte Abschnitt enthält hingegen O-Töne aus damaligen Spielemagazinen, die explizit die Musik und die Soundeffekte erwähnt haben. Dieser Part ist sehr England-lastig (da stammt nun einmal Buch und Autor her), z.B. die deutsche Happy Computer wird allerdings ebenfalls hier und da zitiert.
  • Ein Zahlensalat

    Und im letzten Abschnitt wird es dann extrem technisch. Und zwar geht es explizit um die Veränderungen im Soundtreiber für das jeweilige Spiel. Also welche Version des Treibers kommt zum Einsatz und welche Anpassungen hat Rob vorgenommen, um dem C64 die richtigen Töne zu entlocken. Problematisch bei diesem Absatz ist, dass ihr zum einen ein gewisses Verständnis für Soundtechniken benötigt. Beispielsweise was ein “Wobble” ist oder ein “Glide” ist. Und zum anderen müsst ihr quasi den Treiber kennen. Sonst könnt ihr mit Aussagen wie “ORA #40 in the pulse-width routine.” wenig anfangen. Es gibt zwar im Anhang eine kleine Einführung in den Treiber, aber ganz ehrlich: Selbst nach dem Konsum dieses sehr auf Programmierer zugeschnittenen Abschnitts habe ich die meiste Zeit nur Bahnhof verstanden. Und das ist schlecht, da das “Driver Update” häufig einen signifikanten Teil zu einem Spiel einnimmt.

Jedes Spiel bekommt mindestens zwei Seiten spendiert. Bei den “wichtigeren” bzw. einflussreicheren Titeln wie beispielsweise das namensgebende Master of Magic, sind es durchaus mal mehr. Hier darf dann auch mal der dritte Autor, Professor Kenny McAlpine, zu Wort kommen und seine Sicht der Dinge teilen. Er hat maßgeblich bei den Recherchen für das Buch unterstützt und ist selbst ein vielfach ausgezeichneter Komponist und Musiker.

Optisch verschönert werden die Artikel hingegen vornehmlich durch Fotos der Spielepackungen und dem ein oder anderen Screenshot. Insgesamt halbwegs abwechslungsreich gestaltet und gut zu lesen.

Beim Christoph meint: Von mir bekommt Master of Magic – The Official Rob Hubbard Softography nur 2 von 5 Sics. Die Mediengalerie ist eine coole Sache, aber das Buch selbst hat meine Erwartungen nicht wirklich erfüllt. In Bezug auf den Treiber ist es mir zu detailliert ohne die Basis dafür zu legen. Und in allen anderen Punkten ist es meist zu oberflächlich als, dass ich daraus wirklich einen Mehrwert gezogen hätte. Es funktioniert maximal als Nachschlagewerk, um zu prüfen ob Rob Hubbard an Titel XY beteiligt war und in welcher Form. Wirklich viel über ihn und seine Arbeit habe ich durch den Konsum jedoch nicht gelernt. Vielleicht ist es für Hardcorefans geeignet, die sowieso schon das meiste wissen und sich darüber freuen es mal gesammelt in gedruckter Form zu haben. Aber als einer, der bislang nur vereinzelt ein paar Werke von Rob Hubbard gehört hat? Nicht empfehlenswert.

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