Bethesda Launcher (Herstellerbild – hab’ ihn schon deinstalliert)

Gerade so hat Bethesda noch seinen selbst gesetzten Termin “April 2022” geschafft: Seit Mittwoch ist die Migration vom hauseigenen Bethesda Launcher rüber zu Steam möglich. Am 11. Mai wird dann der Stecker gezogen und die “Erfolgsgeschichte” zu Grabe getragen. Ja, Bethesda stand irgendwie nie so wirklich hinter ihrem eigenen Produkt insofern ist es nur konsequent, dass das Elend endlich ein Ende findet. Es ist entsprechend schon eher überraschend, dass sich der Launcher so lange gehalten hat.

Ein wenig Historie

An den Start ging Bethesdas Versuch es EA und Ubisoft nachzumachen tatsächlich schon anno 2016. Der erste exklusive Titel für die Plattform war der PC-Port von Fallout Shelter, gefolgt von Quake Champions (2017) und Fallout 76* (2018). Allerdings hielt diese Exklusivität in keinem der Fälle lange an und auch alle darauffolgenden Titel waren dann wieder ab Tag 1 auf Steam verfügbar. Wie gesagt: Bethesda war hier alles andere als wirklich konsequent. Blöd für das Produkt aber gut für alle anderen. Insofern haben vermutlich die meisten von euch das Ding nie auf ihrem Rechner installiert.

Ich hatte zum Schluss keine 12 Titel auf der Plattform und selbst davon waren nur fünf Stück (Fallout 76*, DOOM Eternal* inkl. DOOM 64, Wolfenstein: Youngblood* und RAGE 2*) tatsächlich gekauft. Lag schlicht daran, dass in der Retailbox nur ein Bethesda-Code enthalten war. Damit ist aber auch schon länger Schluss gewesen (DEATHLOOP* z.B. hatte schon wieder einen Steam-Key). Der Rest: Von Bethesda zu diversen Anlässen verschenkte Titel. Auf meinem Rechner ist er allerdings tatsächlich schon damals zum Start der Closed Beta von Quake Champions gelandet. Ihr wisst doch, dass ich Quake einfach nicht widerstehen kann :smile: . Immerhin: Bis auf Fallout 76 habe ich alle diese Titel im Bethesda Launcher sogar durchgespielt (plus Quake). Dürfte nach dem Battle.Net-Launcher (da besitze ich nur World of WarCraft*, Diablo III* und StarCraft II*) entsprechend prozentual gesehen die höchste Quote sein was das Verhältnis zwischen Spiele im Bestand zu Durchgespielt in allen meinen Launchern sein :smile: .

Vermissen werde ich Bethesdas Produkt jedoch nicht. Er war schlicht nicht zu gebrauchen. Vergleichsweise niedrige Downloadgeschwindigkeiten, häufige Serverauslastungen und faktisch führten alle Buttons nur auf die Bethesda-Webseite. Es war also abseits des “Starte Spiel”-Schaltfläche nichts integriert. Ja, auch Kaufen konnte man die Titel nur außerhalb des Launchers. Völliger Blödsinn. Dass es nicht in allen Titeln Achievements gab und diese nur im jeweiligen Spiel sichtbar waren, ist da schon fast nebensächlich (war aber ebenfalls nervig).

Die Migration

Meine Migration war erfolgreich.

Jetzt also der Abschied vom Bethesda Launcher und die dazugehörige Migration rüber zu Steam. Übrigens eine interessante Entscheidung, schließlich gehört Bethesda seit etwas mehr als einem Jahr zu Microsoft. Es wäre also durchaus naheliegend gewesen nicht zu Steam, sondern in den Microsoft Store zu wechseln. Dieses Unheil ist uns aber zum Glück erspart geblieben. Vermutlich deshalb, weil fast alle Titel schon auf Steam zur Verfügung standen. Insofern war es am Ende hauptsächlich eine Account-Migration und es mussten nicht erst noch die Spiele zu Windows Apps umprogrammiert werden.

Ich habe die Übersiedlung direkt am Mittwoch zügig und ohne Probleme durchgeführt. Dauerte keine 10 Minuten bis in meiner Steam-Bibliothek zehn neue Einträge auftauchten. Das Übertragen meiner DOOM Eternal– und RAGE 2-Spielstände war ebenfalls kein Hexenwerk. Etwas Verwirrung kam allerdings auf, weil ich sowohl von RAGE 2 als auch Wolfenstein: Youngblood jeweils die Deluxe Edition besitze und in Steam sah es so aus, als hätte ich nach der Migration nur die Standard-Version bekommen während bei DOOM Eternal wie gewohnt die DLCs in der Übersicht sichtbar waren. Das Problem löste sich jedoch relativ schnell in Luft auf und es stellte sich heraus, dass alles korrekt ist und im Spiel selbst alle Inhalte zur Verfügung stehen. Der Bethesda-Support bestätigte dies dann auch zügig. Warum sie es nicht direkt in ihr FAQ gepackt haben, verstehe ich allerdings nicht. War doch klar, dass da Tickets entstehen werden. Mittlerweile haben sie es immerhin ergänzt.

Bestehende Probleme

Bleiben noch zwei Themen übrig: Als erstes der Spielstand für Wolfenstein: Youngblood. Es ist in diesem Fall warum auch immer nicht möglich den Spielstand von Bethesda zu Steam zu übertragen. Das ist insofern komisch, da abseits des Ordnernamens erst einmal alles identisch aussieht. Aber nein, selbst das überschreiben eines neuen Steam-Speicherstands mit dem von Bethesda führt leider nicht zu einem Erfolg. Stattdessen spuckt das Spiel dann nur “Profile Error” aus. Ich hoffe, da kommt irgendwann nochmal eine Lösung. In Bethesda setze ich da zwar wenig Hoffnung, der Titel war bekanntlich ein Flop (ich fand es okay). Aber vielleicht schafft es ein Modder aus der Community den entscheidenden Trick zu finden. Es ist schließlich schon bei einem Einzelspielertitel ärgerlich seinen Spielstand zu verlieren, in den man Dutzende von Stunden gesteckt hat. Aber in diesem Fall mit seinem Charakter wieder bei “0” beginnen zu müssen? Absoluter Mist und für mich gerade wegen dem Online-Zwang unverständlich.

Das andere Thema ist nicht ganz so tragisch für die meisten, denn es geht um die Achievements. Diese werden überhaupt nicht mit übertragen – selbst bei Titeln wie DOOM Eternal, die euch eure Meilensteine sogar im Spiel anzeigen und entsprechend ganz genau wissen, was ihr erreicht habt und was nicht. Jetzt könnte man natürlich sagen: Pech gehabt. Dann halt nochmal von vorne und neu erreichen. Aber genau das geht wegen besagten internen Trackern mitunter gar nicht. Selbst wenn ihr einen neuen Spielstand anlegt, werden bestimmte Erfolge nicht erneut vom Spiel getriggert. Aus Sicht des Spiels habt ihr sie ja schonmal erreicht. Das Steam-Achievement bleibt entsprechend ausgeschaltet. Total doof. Aber ist dann halt so. Kann ich halt nicht mehr beweisen, dass ich Quake komplett auf Nightmare durchgespielt habe. Achievements sind eh für n00bs und Leute ohne Leben!!!1111

Das besagte Programm, das selbstverständlich niemand benutzt.

Bitte? Mein Steam-Profil behauptet etwas anderes? Das zeigt haufenweise Erfolge in Bethesda-Titeln? Ähh… ja, ich hab‘ euch natürlich angelogen. Statt die Migration durchzuführen habe ich mir die Spiele einfach auf Steam nochmal gekauft und ganz schnell erneut durchgespielt. Deswegen habe ich wieder (fast) alle Achievements, die ich auch im Bethesda Launcher erreicht hatte. Ich habe definitiv nicht gegen das Steam Subscriber Agreement verstoßen und ein Drittprogramm namens Steam Achievement Manager benutzt, um sie wiederherzustellen. Auf so eine Idee würde ich doch niemals kommen. Also bitte. Keine solche Unterstellungen hier. Ich bin schließlich ein grundehrlicher Mensch. Und ihr solltet das ebenfalls auf keinen Fall tun. Schließlich kann euch dafür der Entwickler des Spiels bannen oder schlimmstenfalls Valve den Steam-Account sperren. Und angesichts der Größe unser aller Steam-Bibliotheken (mittlerweile 3.771 Spiele bei mir) wollen wir das garantiert nicht. Aber ihr hattet ja eh nie den Bethesda Launcher installiert, insofern betrifft es euch ja sowieso nicht :smile: .

PS: Die Existenz des Steam Achievement Managers erklärt für mich endlich, warum so manches unmögliche/kaputte Achievement trotzdem von so einigen Leute “erreicht” wurde.

Die drei Neuen im Haushalt

Ich hab’ mal wieder ein paar PC-Spiele in physikalischer Form gekauft. Genauer gesagt NieR Replicant ver.1.22474487139…* (japanische Titel sind echt völlig bekloppt manchmal), DEATHLOOP* (ja, Prey – Mooncrash ist wohl besser) und Fallout 76* (weil es mittlerweile verramscht wird). Ist zwar immer noch eine Priorität für mich, wenn möglich die Retail-Box zu kaufen, aber sehr häufig tue ich es trotzdem nicht mehr. Hab’ schließlich noch mehr als genug zu spielen (und kriege dank meines Bundle-Wahns ständig Neues dazu), da brauche ich nicht zwingend noch weitere Blockbuster im Regal verstauben lassen. Dann lieber gar nicht (also weder physikalisch noch digital).

Andererseits ist der Retailmarkt für PC sowieso so gut wie ausgestorben. Ja, der Wechsel hin zum reinen Downloadmarkt war schon lange absehbar. Aber als ich anno 2012 darüber schrieb, hatte ich eher den gesamten Markt im Blick. Die Realität scheint jedoch, dass es bislang nur den PC volle Kanne getroffen hat. Für die Konsolen gibt es hingegen auch zehn Jahre später noch ein reiches Angebot an Packungen in den Regalen. Eine erste Vermutung von mir ist, dass dort noch weit mehr die “Gelegenheitskäufer” zu finden sind. Die, die halbwegs spontan im Laden zugreifen.

Das Gegenargument

In der damals erwähnten Nischenecke sieht das Bild für PC-Fans aber ebenfalls sehr düster aus. Die Sammeleditionen für Liebhaber und sowas. Selbst da: PC-Spiele? Kennsch ned, magsch ned, weg damit! Egal ob Limited Run Games, Strictly Limited Games oder wie sie alle heißen: Vom NES bis zur PS5 haufenweise Angebote aber PC-Titel? Nur in absolut extremen Einzelfällen, in denen es gefühlt zähneknirschend nicht anders geht (wie z.B. die Monkey Island 30th Anniversary Anthology). Gibt es auf dem PC keine Sammler? Alles nur Retro-DOS-Fuzzies? Kaufen PCler vielleicht sogar gar keine Spiele mehr? Gibt es überhaupt noch PC-Spieler? Bin ich etwa der einzige Überlebende?! Vermutlich nicht. 44% der initial in Europa verkauften Kopien von Elden Ring* waren schließlich die PC-Version (trotz deren schlechteren Performance).

Meine geheiligten und vollgestopften Spieleregale

Ich verstehe es also wirklich nicht, warum der PC-Retailmarkt so dermaßen ausgestorben ist. Da mittlerweile eh alles online aktiviert werden muss, kann auch das Argument “PCler sind alles Raubkopierer” nicht gegen eine Retailpackung sprechen. Es kann wohl doch nur die Erfahrung der Hersteller sein, dass PC-Spieler nicht spontan im Laden kaufen, ihren Kram nur noch über Steam holen und keinen Wert auf irgendetwas im Regal legen. Finde ich ein wenig verwunderlich – speziell wegen der heutigen Retrokultur und dem gefühlt dazugehörigen Wunsch möglichst viele sinnlosen Knickknacks zu haben – und sehr schade.

Andererseits: Spart mir natürlich Geld. Wo es nichts gibt, werde ich nicht in die Versuchung geführt etwas zu kaufen und warte bis der Blockbuster irgendwann mal in irgendeinem Sale oder Bundle enthalten ist. Wie meinte Rondrer vor kurzem zu mir? “Achja, du bist ja jetzt auch auf der dunklen Seite.” Wo er Recht hat, hat er Recht. Andererseits hat unser Azzkickr schon vor 12 Jahren gesagt KAUFT KEINE SPIELE MEHR! und getreu seinem Motto holt er sich heutzutage hauptsächlich dank günstigen GamePass-Abo-Verlängerungen seinen Fix. Insofern *schulterzuck* :tongue: .

Gähnende Leere

Einen Grund kann ich mir allerdings doch vorstellen, warum PCler nicht mehr zu einer Packung greifen: Viel drin ist in den Standard-DVD-Boxen mittlerweile nicht mehr. Hüllen mit mehreren DVDs (PC-Spiele haben nie den Sprung auf Blu-ray gemacht), die zumindest eine komplette Version des Spiels enthalten, gibt es faktisch gar keine mehr. Eine Ausnahme ist der “Casual”/Budget-Bereich. Aber das liegt daran, dass diese Titel oft sogar noch ohne Onlineaktivierung auskommen. Entsprechend müssen sie ein Medium enthalten. Überall sonst werdet ihr hingegen immer gezwungen einen Teil, wenn nicht sogar das ganze Spiel herunterzuladen. DEATHLOOP enthält sogar nur eine CD (ja, eine CD!) mit dem Steam-Installationsprogramm drauf. Keine Ahnung, was sich derjenige dabei gedacht hat. Die Kosten hätte man sich dann ebenfalls sparen können, wenn ich nicht einmal einen Teil des Spiele-Downloads einsparen kann. Die Argumentation ist einfach und verständlich: Wenn ich den Titel eh online aktivieren und mir vor dem Genuss zig Patches runterladen muss, dann brauche ich mir nicht mehr die Mühe machen ein Medium zu pressen. Dass es immer noch viele gibt, die mit langsamem Internet unterwegs sind: Details.

Entsprechend wenig verwunderlich ist es, dass viele Publisher mittlerweile komplett darauf verzichten selbst eine DVD (oder einen USB-Stick, wäre schließlich auch okay) beizulegen. In den meisten Fällen ist tatsächlich heutzutage in der Box nur noch ein mehr oder weniger kreativer Zettel mit dem Code für den jeweiligen Launcher enthalten. Ein Medium mit Daten? Fehlanzeige. Außer man heißt Square Enix und will den ultimativen Schutz. Dann packt man zwar einen Zettel mit einem Code in die Packung, der kann aber in keinem Launcher und auf keiner Webseite aktiviert werden. Stattdessen liegt immer noch eine DVD dabei, die ihr einschieben müsst. Dann startet ein Aktivierungsprogramm, das sich mit dem Internet verbindet. Erst dort gebt ihr den Code ein und bekommt zur “Belohnung” einen Steam-Key zurück. Werden in Japan aus so vielen DVD-Boxen die Keys geklaut, dass man sich so extrem absichern muss? Anders kann ich mir diesen Hochsicherheitskram nicht erklären.

Nicht mehr viel drin…

Und auf der linken Seite der DVD-Hülle? Werbezettelchen, selten mal eine Übersicht über die Tastenbelegung und maximal noch die Installationsanleitung/Supporthinweise, wenn sie nicht schon auf die Rückseite des Covers gedruckt wurde. Das war’s. Handbücher sind faktisch vollständig von der Bildfläche verschwunden (auch beim digitalen Kauf). Realistisch betrachtet bin ich also tatsächlich völlig bekloppt, dass ich überhaupt noch Geld für eine “physikalische Kopie” ausgebe. Am Ende steht außer einer leeren Hülle eh nichts im Regal. Aber, dass ich bekloppt bin, hatten wir damals ebenfalls schon erörtert. Für alle anderen gilt entsprechend: Kauft digital oder, wenn es eine Packung sein soll, eine Spezial-Edition, wenn anständiger Krimskram drin ist. Die normale Retailbox hingegen? Bei PC-Spielen einfach im Regal stehen lassen. Bei Konsolen sieht es in Bezug auf die Beilagen zwar ebenfalls mau aus. Aber da ist wenigstens noch ein Medium mit einer (in den meisten Fällen…) lauffähigen Kopie des Spiels enthalten. Gleichzeitig wäre es im Sinne des Umweltschutzes natürlich besser, wenn man einfach konsequent sein würde und die Packung komplett bleiben lässt statt einer leeren Hülle zu produzieren. Aber vermutlich haben die wenigen verbliebenen Retailer wie GameStop (ja, die gibt es noch…) derzeit noch ausreichend zahlungskräftige Argumente dagegen.

Der Stein des Anstoßes

Stellt sich zum Abschluss vielleicht noch die Frage, wie ich überhaupt plötzlich auf das Thema gekommen bin. Schuld daran ist tatsächlich American McGee’s Alice. Dazu habe ich vor kurzem mal wieder auf YouTube ein Videoessay geschaut. Bis heute eines meiner absoluten Lieblingsspiele (müsste die Liste trotzdem mal aktualisieren) und eine fantastische Interpretation/Fortsetzung des Originals. Hoffentlich schafft es McGee bald mal EA davon zu überzeugen Alice: Asylum zu finanzieren (oder ihm die Rechte zu verkaufen).

Besagte DVD-Hülle mit Handbuch

Anno 2000 kam in Deutschland das Spiel in einer DVD-Box in den Handel (eines der ersten in diesem Format). Die enthielt zwei CDs und ein Handbuch. Und genau dieses Handbuch ist für mich etwas Besonderes. Neben dem Standardkram (Installationsanleitung, Tastenbelegung, Beschreibung des Interface, etc.), enthält es nämlich einen Krankenbericht. Quasi die Akte über Alice ab dem Zeitpunkt, in der sie in die Psychiatrie eingeliefert wurde bis zum Ende des Spiels. Der Bericht ist sehr gelungen und gibt einen Eindruck davon, wie die Geschehnisse im Spiel sich in der Außenwelt bemerkbar machen. Der Text stammt zwar aus der Feder von Greg Roensch und ich weiß nicht, inwieweit er tatsächlich von American McGee als Kanon angesehen wird. Aber ich finde ihn echt super und eine gelungene Ergänzung. Leider bin ich noch auf kein einziges Analyse-Video gestoßen, welches diese Geschichte auch nur am Rande erwähnt. Und das finde ich schade. Möglicherweise wissen die Autoren gar nicht, dass sie existiert. Legal erhältlich ist American McGee’s Alice schließlich derzeit nicht und möglicherweise ist das Handbuch nicht einmal in der jeweiligen Fassung dabei. Mal ganz abgesehen davon, dass wir es heutzutage eh nicht mehr gewohnt sind nach einem Handbuch zu suchen/da reinzuschauen.

Das ist nicht unbedingt negativ gemeint. Alles was relevant ist, sollte Teil des Spiels sein. Ein gutes Tutorial, eine Hilfesektion zum Nachschlagen für später, eine Übersicht über die Tastenbelegungen und all das – dafür braucht weder ein echter noch ein digitaler Baum sterben. Und selbst Zusatzmaterial könnte und sollte man direkt zugänglich unterbringen. Beispielsweise als kleines Goodie nach Abschluss des Spiels im Hauptmenü. In Bezug auf American McGee’s Alice existiert der Krankenbericht aber ausschließlich, weil es ein Handbuch gibt und es gefüllt werden wollte. Es ist also schon ein wenig traurig, dass Handbücher abseits von Hardcore-Simulationen vollkommen ausgestorben sind und uns deshalb solche Nebensächlichkeiten größtenteils komplett verloren gehen.

Stattdessen geht speziell im Indiebereich der Trend heutzutage noch weiter ins extrem. Man erklärt im Spiel gar nichts mehr und verlässt sich stattdessen darauf, dass die Community ein Wiki anlegt und pflegt. Ich persönlich finde das eine absolute Sauerei. Nicht nur wegen der Ausbeutung der Freiwilligen. Auch, weil es gefühlt dazu führt, dass sich die Entwickler dann überhaupt keine Mühe mehr machen Tutorials und Hilfen einzubauen. “Man kann ja das halbfertige Wiki lesen, wenn man Spaß haben will”… *kopfschüttel*  Der frühe Erfolg von Minecraft war echt keine gute Sache in vielerlei Hinsicht.

Jules will auch nichts von meinen Hämorrhoiden wissen…

Vor sechs Jahren hatte ich euch – ob ihr es wissen wolltet oder nicht – darüber informiert, dass ich eine typische Männerkrankheit habe: ein Hämorrhoidenleiden. Hämorrhoiden oder Hämorriden, wie man sie umgangssprachlich nennt, hat jeder von uns. Es sind Gefäßpolster am Ausgang des Enddarms. Ihre Funktion ist simpel aber wichtig, sie sorgen nämlich zusammen mit den Schließmuskeln dafür, dass der Darmzugang dicht verschlossen wird und das Öffnen und Schließen des Darms nicht unkontrolliert passiert. Eine eher unschöne Sache, wenn das nicht mehr klappt.

Bei manchen Menschen kann es jedoch passieren, dass diese Schwellkörper sich zwar mit Blut vollsaugen, es aber anschließend nicht mehr abfließen kann. Die Gründe sind vielfältig. Schwaches Bindegewebe zum Beispiel oder zu langes Sitzen auf der Toilette bzw. das “gewaltsame” Drücken. Die Folge ist relativ logisch: Je mehr sie sich mit Blut vollsaugen, welches nicht mehr abfließt, desto schwerer werden sie und entsprechend tiefer hängen sie dank der Schwerkraft herunter und schaffen es nicht mehr zurück in die Ausgangsstellung. Im schlimmsten Fall – ein Hämorrhoidenleiden des 4. Grades – hängen sie sogar dauerhaft aus dem After. Keine appetitliche Vorstellung und in dem Zustand hilft auch nur noch eine Operation. Meine waren zum Glück irgendwo im Status 2 oder 3. Also schon etwas schlimmer inkl. hier und da Blut im Stuhl bzw. einem häufigen Gefühl aufs Klo zu müssen obwohl ich schon leer war, aber noch ohne die Notwendigkeit eines operativen Eingriffs zum Beheben.

Gummi im Hintern

Konkret hat mein Proktologe an drei verschiedenen Terminen, jeweils rund 6-8 Wochen auseinander, eine Gummibandligatur durchgeführt. Der Name deutet schon an was hier passiert: Die Hämorrhoiden werden mit einem Gummiring abgeschnürt. Fühlte sich beim ersten Mal extrem unangenehm an. Nicht schmerzhaft, aber als würde jemand einem… nun ja, irgendwas in den Hintern schieben halt. Dauerte 2-3 Stunden bis es wieder im erträglichen Rahmen war. Beim zweiten Mal war es dann schon nicht mehr ganz so schlimm.

Der Gummiring führt dazu, dass das Gewerbe abstirbt. Klingt schlimmer als es tatsächlich ist. Nachdem Verschwinden des anfänglichen Druckgefühls habe ich nichts mehr mitbekommen. Es fällt dann bei einem der nächsten Stuhlgänge einfach mit ins Klo und alles ist wieder gut – angeblich in den meisten Fällen wohl sogar dauerhaft im Gegensatz zur “Verödungstherapie” bei der die Hämorrhoiden mittels eines Wirkstoffs geschrumpft werden.

Das Wundermittel

Flohsamenschalen (gemahlen und ganz)

Wie so oft im Bereich der Gesundheit, hilft es aber auch bei den Hämorrhoiden nicht einfach nur einen Eingriff zu machen und schon hat man für den Rest seines Lebens Ruhe. Behält man seine alten Gewohnheiten bei, erhöht sich selbst bei der Gummibandligatur die Gefahr, dass wieder ein Hämorrhoidenleiden auftritt. Entsprechend habe ich mir mittlerweile angewöhnt nicht mehr so ewig lange Sitzungen auf dem Klo zu veranstalten. Dabei hilft, dass meine Ausscheidungen mittlerweile in einem wesentlich besseren Zustand sind als früher. Das liegt zum einen an meiner geänderten und wesentlich gesünderen Ernährungsweise. Zum anderen an einem kleinen Wundermittelchen, welches mir der Proktologe noch vor der ersten Gummibandligatur zur Verbesserung der Konsistenz meines Kots empfohlen hatte: Flohsamenschalen*.

Wie so oft ist der Name Programm: Es handelt sich dabei um die Hülsen der Samen des Flohkrauts, ein Wegerichgewächs. Den Namen hat die Pflanze, weil die Samen eine ähnliche Form und Farbe wie Flöhe haben (elliptisch, rotbraun). Angebaut wird sie heutzutage wohl hauptsächlich in Indien und Pakistan. Echte Unterschiede zwischen den beiden Varianten sind mir aber nicht bekannt. Wichtiger ist der Reinheitsgrad und ob es sich um ein Bioprodukt handelt. Verfügbar sind sie ganzjährig entweder ganz oder in gemahlener Form und preislich bewegen wir uns bei wirklich guten Produkten bei rund 15€ pro 500g. In der Casa Lysanda bevorzugen wir übrigens die ganze Variante. Mahlen können wir sie zum einen im Bedarfsfall selbst, zum anderen verklumpen gemahlene Flohsamenschalen beim Einrühren in Flüssigkeit schneller als Ganze. Das macht die Verarbeitung etwas herausfordernder. Aber “Verklumpen” ist das richtige Stichwort, denn dahinter verbirgt sich ihre besondere Eigenschaft. Sie sind nämlich ein pflanzliches Quellmittel.

Kotstabilisator

Flohsamenschalen enthalten Fiosine-Schleimpolysaccharide. Das sind Ballaststoffe, die in der Lage sind mehr als das 50-fache an Wasser aufzusaugen. Das bringt so einige Vorteile mit sich. Die wichtigste ist natürlich die im Bezug auf euren Darm. Dadurch, dass die Flohsamenschalen so viel Flüssigkeit aufsaugen und so groß werden, regen sie zuerst die Muskelaktivität im Darm an und anschließend sorgen sie dafür, dass der Entleerungsreflex ausgelöst wird. Bei Durchfall bedeutet das, dass die Flohsamenschalen die Flüssigkeit im Darm aufsaugen und euer Stuhl wieder fest wird. Bei Verstopfung hingegen spielen sie den Stuhlaufweicher und sorgen gleichzeitig durch die zusätzliche Muskelaktivität dafür, dass es wieder vorwärts geht. Zusammengefasst sorgen sie quasi in jeder Konstellation dafür, dass euer Ausschuss eine normalere und bessere Konsistenz hat. Und, wenn es besser flutscht, dann freuen sich darüber auch die Hämorrhoiden. Sie werden dann weniger belastet und die Gefahr eines Leidens wird gesenkt.

Ein Symbolbild

Aber Achtung: Zu viel des Guten ist wie so oft ebenfalls schlecht. Nimmt man zu viele Flohsamenschalen zu sich und/oder zu wenig Wasser dazu, dann können sie Flohsamenschalen selbst zu Verstopfung führen. Also nicht gleich übertreiben. Meist wird empfohlen 10-15g mit ausreichend Flüssigkeit oder zusammen mit einer Mahlzeit zu sich zu nehmen. Aber Achtung: Flohsamenschalen lösen meist nicht das ursprüngliche Problem. Sie helfen nur die Symptome zu beheben. Warum ihr z.B. Durchfall oder Verstopfung habt, müsst ihr trotzdem noch in Erfahrung bringen.

Weitere positive Eigenschaften

Flohsamenschalen können also viel Flüssigkeit binden und sich so größer machen – da kommen einem noch weitere Anwendungsfälle in den Sinn, oder nicht? Beispielsweise als Unterstützer beim Abnehmen. Ein Glas Wasser mit Flohsamenschalen ca. 30 Minuten vor dem Essen und schon ist im Magen nicht mehr ganz so viel Platz. Entsprechend können sie tatsächlich dabei helfen weniger zu sich zu nehmen. Gleichzeitig eignet sich ihre Eigenschaft als Quellmittel hervorragend zum Einsatz in der Low-Carb-Küche. Dort wird ja gerne auf Mehl verzichtet. Hier helfen dann Flohsamenschalen, um trotzdem die notwendige Konsistenz zu erreichen. Wir verwenden sie beispielsweise erfolgreich für Nudeln, im Joghurt oder Pfannkuchen. Je nach dem kann es wichtig sein dabei folgendes zu beachten: Nach dem Hinzugeben der Flohsamenschalen nicht zu lange mit der Weiterverarbeitung warten, sonst wird die Sache sehr schnell sehr dick.

100g Flohsamenschalen enthalten übrigens:

  • 222kcal
  • 2,3g Eiweiß
  • 12g Kohlenhydrate (davon 0,5g Zucker)
  • 0,7g Fett
  • 79g Ballaststoffe

Noch nicht durch ausreichend Forschung bestätigt ist hingegen, dass Flohsamenschalen zusätzlich noch das Wachstum von darmfreundlicheren Bakterien zu fördern scheinen. Weniger indem sie als Nahrung für diese dienen. Stattdessen würden sie dabei helfen Entzündungen im Magen-Darm-Trakt einzudämmen. Außerdem gibt es die Theorie, dass beim Umbau der Ballaststoffe durch die Dickdarmbakterien hilfreiche Fettsäuren entstehen. Diese sollen dafür sorgen, dass in der Leber die Cholesterin-Synthese verlangsamt wird. Das wiederrum hilft den Cholesterinspiegel im Blut zu senken. Beides aber wie gesagt derzeit hauptsächlich Theorie und noch nicht wissenschaftlich fundiert nachgewiesen.
Bereits bewiesen ist allerdings: Flohsamenschalen sollten nicht trocken gegessen werden (wegen der Verstopfungsgefahr) und auch nicht zu viel die offene Packung durchschütteln. Bei empfindlichen Gemütern kann der Staub nämlich zu allergischen Reaktionen führen.

Epilog

Flohsamenschalen gehören in der Casa Lysanda mittlerweile zur Standardausstattung. Sowohl zum Kochen als auch eben vor allem zur Regulation meines Ausschusses. Stellt sich zum Abschluss noch die Frage, wie es meinen Hämorrhoiden geht. Die Antwort: Denen geht es gut. Ich war 2020 nochmal zur Sicherheit zur Kontrolle beim Proktologen und wurde schon fast zusammengestaucht, was mir eigentlich einfiele vorbei zu kommen. Es sei doch schließlich alles in Ordnung. Scheinbar darf man dort erst hin, wenn man längere Zeit Blut im Stuhl hat. Wieder was gelernt… aber immerhin kam ich mit der Erkenntnis aus dem Termin, dass mein Hinterteil soweit okay ist. Ziel erreicht quasi :smile: .

Zum Abschluss noch zwei in unserem Haushalt mehrfach mit Erfolg erprobte LowCarb-Rezepte:

Pfannkuchen Nudeln
1 Ei oder 2 Eiweiß 2 Eier
2 EL Flohsamenschalen 50g Frischkäse
2 EL Haferkleie 1 EL Flohsamenschalen
Brise Salz 1 EL Haferkleie
1 Kaffeetasse voll Wasser Messerspitze Xanthan oder Guarkernmehl
ggf. noch nach eigenem Geschmack Füllung wie Speck oder Käse dazu Brise Salz
Gut umrühren und dann schnell in die heiße Pfanne (ausreichend Öl rein!) packen. Anschließend bis zum gewünschten Bräunegrad beidseitig braten. Gut umrühren und dann auf einem Backblech gleichmäßig verteilen.
10 Minuten bei 60°C in den Backofen (bis die Ränder anfangen braun zu werden).
Mit einem Pizzaschneider in Streifen schneiden und genießen.
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