Sicarius

Zwei zum Lesen

Meridian 59 (Herstellerbild)

Ich hab‘ grad mal im Archiv gestöbert aber es ist wie ich vermutet hatte: Ich habe tatsächlich noch nie irgendetwas über meine Erfahrungen mit Ultima Online geschrieben. Nur über meine „Abenteuer“ in Meridian 59 gab es mal einen längeren Bericht. Das gibt es übrigens immer noch. Seit 2011 unter der Schirmherrschaft eines neuen Entwicklers und mit dem Untertitel ResurgencE. Außerdem mittlerweile kostenlos und 2012 wurde sogar der Source Code veröffentlicht, was die Update-Frequenz etwas erhöht hat. Es bleibt trotzdem ein leeres und technisch wie spielerisch total veraltetes Spiel bei dem sich irgendwie bei mir kein Spielspaß breit machen will.

Die Konkurrenz

Aber ich wollte heute nicht über Meridian 59 reden. Relevant ist stattdessen, dass ich damals (der Artikel ist von 2008) dann auch mal in Ultima Online reingeschaut hatte. Doch sehr weit gekommen bin ich nicht. Zum einen war die Community wesentlich weniger hilfreich als bei der Konkurrenz (=gar nicht) – vermutlich, weil sie zahlenmäßig selbst heute noch größer ist. Zum anderen bin ich irgendwie eher bereit in alte Einzelspielertitel etwas Energie zu stecken als in ein MMORPG bei dem selbst mit dem „modernen“ 3D-Client die Bedienung unter aller Sau ist. Das war dann vermutlich auch der Grund, warum ich am Ende doch nichts darüber getippt habe. Bin damals mit meinem Nekromanten über die Startregion definitiv nicht hinausgekommen.

Gleichzeitig ist Ultima Online ähnlich wie EVE Online so ein Titel, dessen Geschichten mich durchaus interessieren und echt spannend sein können. Entsprechend dankbar bin ich darüber, dass es mittlerweile Autoren gibt die dazu ganze Bücher verfassen. Leider meistens nur auf Englisch. Der deutsche Markt besteht aus meiner Perspektive irgendwie nur aus irgendwelchem Retro-Kram von ehemaligen Spiele-Journalisten, die vor der Veröffentlichung dringend einen Lektor gebraucht hätten. Aber ich bin schon wieder gehässig. Sie haben ihre Fans und jeder soll lesen, was er gut findet. Und ich finde eben eher Bücher toll wie zum Beispiel Empires of EVE (kommt demnächst der 2. Band) oder eben:

(Cover)

Braving Britannia (Wes Locher, ca. 20€, 372 Seiten, Englisch) – Der Autor hat 35 Personen interviewt, die speziell im ersten Jahrzehnt von Ultima Online eine mehr oder weniger große Rolle gespielt haben. Darunter ein paar der Entwickler, freiwillige „Mitarbeiter“ (z.B. Noob-Begleiter oder Fanseitenbetreiber), Anführer von einflussreichen Gilden wie den Shadowclan Orcs und natürlich auch alltägliche Spieler wie z.B. den notorischen PVPler Evil M, die durch ihre kleinen und großen Taten ihren Namen in den Analen des Spiels hinterlassen haben.

Statt jedoch einfach nur diese 35 Interviews abzudrucken, erwartet euch ein Fließtext gespickt mit Zitaten. Beginnend mit den eigenen Erfahrungen des Autors mit dem Spiel erfahrt ihr so nicht nur wie die einzelnen Personen Ultima Online erlebt haben, sondern auch wie ihr Handeln das Drumherum beeinflusst hat und über die Entwicklung des Spiels über die Jahre. Das hatte den offensichtlichen Vorteil für Wes Locher, dass er tatsächlich so etwas wie einen roten Faden durch das Buch ziehen konnte. Jedes Unterkapitel, jedes Hauptkapitel baut mehr oder weniger offensichtlich aufeinander auf. Daraus entsteht für den Leser nach und nach ein recht deutliches Bild zumindest von einem Teil der damaligen Community und von der Faszination, die Ultima Online auf diese Leute ausübte. Gleichzeitig fühlt sich das Buch dadurch angenehm rund an. Ja, es gibt sicherlich noch tausende weitere Geschichten, die es sich lohnt zu erzählen. Aber für sich gesehen hat das Werk einen logischen Anfang und ein sinnvolles Ende.

Ultima Online (Herstellerbild)

Beim Christoph meint: Bücher wie Braving Britannia sind vermutlich nur für drei Personengruppen geeignet: Diejenigen, die selbst dabei waren und in Nostalgie schwelgen wollen; Forscher/Historiker, die sie als Quelle nutzen, um mehr über das Thema durch Augenzeugen zu erfahren; Und eben Leute, die nicht live dabei waren aber trotzdem interessant finden, was da so passiert ist. Wenn ihr euch zu einer der drei Kategorien im Allgemeinen zählt und Ultima Online im Speziellen spannend findet, dann ist das Werk von Wes Locher eine klare Empfehlung.

Ich fand es super spannend ein bisschen mehr hinter die Kulissen dieses MMORPG-Klassikers zu blicken und das eben nicht aus der üblichen „Entwickler-Post-Mortem“-Sicht, sondern auf einer wesentlich persönlicheren Ebene. Man kann definitiv herauslesen, dass für diese Personen Ultima Online und die dazugehörige Community etwas ganz Besonderes waren. Und sich dadurch, dass sie sich im und außerhalb des Spiels daran beteiligt haben, mitunter ihr Leben komplett verändert hat. Und wenn das keine coole Sache ist, dann weiß ich auch nicht…

Noch ein Spielebuch

Wesentlich analytischer gehen hingegen die Autoren des nächsten Buches mit ihrem Thema um. Es ist eines der ersten Werke, die der französische Verlag Third Editions dank Kickstarter ins Englische übersetzen konnte. Und – so viel sei schon gesagt – es ist um Längen besser als The Heart of Dead Cells: A Visual Making of, von dem ich extrem enttäuscht war.

(Cover)

BioShock – From Rapture to Columbia (Nicolas Courcier, Mehdi El Kanafi & Raphaël Lucas, ca. 30€, 192 Seiten, Englisch) – Die Analyse-Bücher von Third Editions haben immer eine ähnliche Grundstruktur in der das jeweilige Unterhaltungsmedium (sie schreiben nicht nur über Spiele) behandelt werden: „Entstehung“, „Universum“ und „Entschlüsselung“. Im Abschnitt „Entstehung“ geht es – wie der Name schon sagt – um die Entwicklung. Dazu gehört z.B. auch von welchen anderen Medien sich die Designer haben inspirieren lassen und was gut/schlecht gelaufen ist. Der Abschnitt „Universum“ beschäftigt sich hingegen voll und ganz mit der Geschichte, den Charakteren und der Spielwelt. Allerdings geht es hier mehr um die Vorstellung und eine gewisse Einordnung. Die tatsächliche Analysis der Themen, die Wirkung der selbigen und die Auswirkungen der Titel auf die Kultur sind dann im Abschnitt „Entschlüsselung“ zu finden. Third Editions möchte quasi die Antwort auf die Fragen liefern, warum und wann das Werk entstanden ist, was aus ihm geworden ist und warum es für die Popkultur so wichtig ist.

Ab nach Rapture

Und wie der Name schon sagt, beschäftigt sich dieses Buch mit der BioShock-Trilogie inkl. allen DLCs (gesplittet in Teil 1 & 2 als Einheit und dann BioShock Infinite). Der, aus meiner Sicht eher verstörende, Soundtrack hat sogar ein eigenes Kapitel spendiert bekommen. Anders als bei besagtem The Heart of Dead Cells: A Visual Making of erfährt der Leser trotz nur 192 Seiten allerhand über die jeweiligen Titel. Es ist gefühlt ein Ungleichgewicht zu Gunsten BioShock Infinite vorhanden (deswegen sind vermutlich Teil 1 und 2 in einen Abschnitt gepackt worden). Und auch grundsätzlich könnten wie immer noch wesentlich mehr Informationen enthalten sein. Aber unterm Strich hatte ich doch das Gefühl einen guten Rundumüberblick über die drei Spiele zu erhalten.

Beim Lesen eher negativ aufgefallen ist mir, dass die Autoren scheinbar etwas mit ihrem Pop-Kultur-Wissen angeben wollten. Teilweise rattern sie definitiv zu viele Vergleiche zu anderen Werken herunter, obwohl einer bereits gereicht hätte. Außerdem ist wie immer bei solchen Werden natürlich ohne Bestätigung durch Ken Levine oder einen anderen Verantwortlichen das ein oder andere speziell im Analyse-Kapitel reine Spekulation auf Seiten der Autoren. Es regt dennoch zum Nachdenken an. Nicht nur darüber was die Entwickler mit BioShock sagen wollten, sondern auch über die Art und Weise wie sie es im Spiel versucht haben rüber zu bringen. Jetzt nach dem Lesen des Buchs ist quasi für mich der perfekte Zeitpunkt mal die Remastered-Fassungen zu spielen. Plus BioShock Infinite, das ich bis heute nicht durch habe wegen meinen damaligen Performanceproblemen.

BioShock Remastered (Herstellerbild)

Am meisten vermisst habe ich hingegen tatsächlich ein paar Bilder. Ja, die Analyse-Bücher von Third Editions bestehen vollständig nur aus Text. Als Begründung geben sie an, dass sie sich nicht mit dem Copyright-Thema herumschlagen wollen. Gleichzeitig macht es natürlich selbst bei einem Schwarz-Weiß-Druck die Produktion billiger. Für den Leser ist es allerdings dadurch hier und da mitunter schwer das Beschriebene nachzuvollziehen. Vor allem, wenn man den Titel schon länger nicht mehr gespielt und entsprechend nicht mehr direkt vor Augen hat.

Beim Christoph meint: Vieles was in BioShock – From Rapture to Columbia steht hat man sicherlich schon woanders im Internet gesehen/gelesen – ggf. sogar ausführlicher. Damit meine ich, dass die Autoren das Rad aus meiner Sicht nicht neu erfinden. Wie auch. Speziell die BioShock-Serie wurde bereits zu Tode analysiert und auch die Entwickler haben in diversen Post-Mortems, Interviews und GDC-Talks bereits ausführlich über ihr Werk referiert. Insofern bleibt der Mehrwert des Buchs für alle, die sich schon so tief mit der Serie beschäftigt haben eher überschaubar.

Trotzdem bin ich Fan davon mir sowas auch zusammengefasst in den Schrank stellen zu können. Anders als bei The Heart of Dead Cells: A Visual Making of vermitteln die Autoren den Eindruck, dass sie wissen wovon sie reden und es ist trotz dem ein oder anderen übertriebenen Vergleich angenehm zu lesen und gespickt mit vielen interessanten Informationen. Meine Hauptkritikpunkte sind wie oben erwähnt vor allem die fehlenden Bilder und, dass die ersten beiden BioShock-Teile gefühlt etwas zu kurz kommen. Aber wer mehr über die Serie und ihre Motive erfahren will und noch nicht alles darüber verschlungen hat, den erwartet ein unterm Strich gut gemachtes und lesenswertes Buch.

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