Es ist schon ein wenig amüsant. Wenn Kinder sonst in Filmen und Serien auftreten, dann finde ich das sehr häufig extrem nervtötend und versaut mir das Erlebnis. Aber bei nuTrek ist es explizit die Kinderanimationsserie gewesen, die mich am meisten von allem gereizt hat. Ja, es war vielleicht sogar der einzige Inhalt, der mich überhaupt interessiert hat. Kein Star Trek: Discovery oder Star Trek: Strange New Worlds und auch kein Star Trek: Lower Decks.
Vor letzterem grauts mir sogar ein wenig. Ich hab‘ in meinem Leben gefühlt genug fragwürdige/unlustige amerikanische Zeichentrickserien im Stile von Family Guy gesehen. Hoffentlich wird meine Erwartungshaltung dahingehend nicht bestätigt…
Und ja, selbst auf Star Trek: Picard herrscht bei mir irgendwie keine Vorfreude. Dabei war die Ausstrahlung der Fanservice-… äh 3. Staffel ja überhaupt erst der Grund, warum der Star-Trek-Marathon in der Casa Lysanda ins Leben gerufen wurde. Ich weiß, ich bin komisch und sollte meine Trekkie-Lizenz zurückgeben
.
Pflichtprogramm!
Stattdessen war es also Star Trek: Prodigy, was ich unbedingt sehen wollte und wir entsprechend vorgezogen haben. Das “Warum” kann ich euch nicht einmal so richtig erklären. Vermutlich war es eine Kombination aus “mehr Janeway”, “(technisch gesehen) Teil der regulären Zeitlinie” und dem Eindruck, dass es hier etwas klassischer/normaler zugeht als in den neuen Live-Action-Sachen.
Und um das Fazit vorzugreifen: Es war die absolut richtige Entscheidung sie vorzuziehen. Es ist eine durchweg gelungene und unterhaltsame Star-Trek-Serie – nicht nur für Heranwachsende (sie ist ab 12 Jahren freigegeben), sondern für alle Star-Trek-Interessierten. Ja, in Staffel 2 geht es dann doch wieder um Zeitreisen, das Universum retten und sie trieft nur so vor Fanservice. Aber bis dahin hatte ich die neue Crew schon liebgewonnen und wollte einfach nur mehr von ihren Abenteuern sehen. Ich schließe mich entsprechend Kate Mulgrew an und finde es ebenfalls so dermaßen schade, dass es wohl nie eine 3. Staffel geben wird.
Worum geht’s?
Die Geschichte beginnt im Delta Quadranten im Jahr 2383 – fünf Jahre nach der Rückkehr der USS Voyager zur Erde und fünf Jahre vor der Zerstörung von Romulus durch eine Supernova (=Beginn der Kelvin-Zeitlinie). Wir befinden uns auf Tars Lamora, einer Gefängniskolonie auf einem Minenasteroiden. Unter dem wachsamen Auge des Diviners und seines (ultra-bösen) Roboter-Lakaien Drednok schürfen die Insassen nach Chimerium. Und als Zulieferer für Arbeiter dienen die Kazon, die nicht nur “normale” Gefangene vorbeibringen, sondern auch Waisen einsacken und dort abladen. Darunter fünf unserer sieben Hauptcharaktere:
- Murf – Ein überraschend intelligenter und äußerst sympathischer Schleimwurm, den der Universalübersetzer nicht versteht. Sein Charakter basiert auf einer beiläufigen Beleidigung, die ein gewisser Rondon Wesley Crusher in der TNG-Folge Prüfungen an den Kopf wirft.
- Rok-Tahk – Sieht optisch aus wie ein Felsen, hat aber einen sehr weichen Kern. Kommt im Gegensatz zu den anderen am Anfang noch am meisten als Kind rüber. Aber sie wächst einem ziemlich schnell ans Herz und entpuppt sich als sehr neugierig und intelligent.
- Zero – Ein Meduser, der einen speziellen Anzug tragen muss und vom Diviner als Folterinstrument missbraucht wurde. Wie der Rassenname schon andeutet, wird man nämlich verrückt, wenn man seine wahre Gestalt ungefiltert anschaut. Er kann außerdem Gedanken lesen. Nimmt ein wenig die Rolle eines Data ein. Als Wesen ohne Körper beneidet er andere darum fühlen zu können und sowas in der Art. Ist außerdem der Älteste von allen in der Truppe.
- Jankom Pog – Ein Tellarit. Ihr wisst schon: Die Schweinsgesichter aus Star Trek: Enterprise, die am Ende eins der vier Gründungsmitglieder der Föderation waren. Nicht ganz der hellste im Kopf aber ein vorzüglicher Ingenieur. Und überraschenderweise gibt es nur sehr wenige Momente mit Witzen auf seine Kosten. Das zeigt echt, wie sehr es die Schreiber drauf hatten.
- Dal R‘El – Was er ist, ist ein relevanter Teil der Geschichte. Deswegen verrate ich es nicht. Vom Charakter her ist er auf jeden Fall der ungestüme Haudrauf, der meint alles besser zu wissen, aber am Ende am meisten von den anderen zu lernen hat. Er ist neben Gwyndala der zentrale Charakter der Serie.
Die anderen zwei
Anfangs unfreiwillig Teil der Crew wird hingegen Gwyndala, die Tochter des Diviners. Sie ist wie ihr Vater eine Vau N’Akat und träumt davon eines Tages ihren Heimatplaneten Solum zu sehen. Dal und die anderen kidnappen sie quasi, als sie die USS Protostar finden und von Tars Lamora flüchten. Aber sie wechselt recht schnell die Seiten als sie erfährt, was eigentlich los ist.
Die Protostar ist das hochmoderne Föderationsschiff, das der Diviner so verzweifelt sucht. Seine Besonderheit steckt im Namen: Es hat einen Protostar-Antrieb. Dabei handelt es um einen kleinen Stern im Maschinenraum, dessen Energie angezapft wird. Damit kann das Schiff viertausend Lichtjahre in ein paar Minuten hinter sich bringen. Ja, erst der Sporenantrieb bei Star Trek: Discovery, jetzt sowas. Irgendwie hatten die Autoren keinen Bock auf lange Reisen und wollten lieber schnell zur Action
. Wenig verwunderlich, dass die Protostar entsprechend ein wenig im Universum rumspringt (u.a. in den Gamma-Quadranten).
Aber wie ist die Protostar überhaupt im Delta-Quadranten gelandet? Nun, diese Frage ist Teil der Geschichte, denn selbst das Notfallhologramm an Bord weiß es nicht mehr. Und nein, es handelt sich nicht um den Doktor. Stattdessen ist es eine virtuelle Captain Janeway, die unserer jungen Crew mit Rat und Tat zur Seite steht und ihnen die Ideale der Sternenflotte und Föderation näherbringt. Das macht sie so gut, dass sich die Jungs, Mädels und undefinierten Lebensformen zum Ziel setzen in den Alpha-Quadranten zu gelangen. Die echte Janeway, bekanntlich zum Admiral befördert, spielt aber später ebenfalls eine Rolle.
Die 2. Staffel
Und das ist im Prinzip die 1. Staffel: Eine Gruppe von größtenteils Jugendlichen finden sich auf einem hochtechnisierten Raumschiff mit einem weisen Hologramm wieder. Sie müssen lernen sich einander zu vertrauen, als Crew zusammen zu wachsen und sich den Herausforderungen zu stellen, die sie so erwarten. Und ja, selbstverständlich gibt es so einige Überraschungen. Am Ende müssen sie sogar die ganze Sternenflotte retten.
Es ist dabei kein wirklicher Spoiler: Sie schaffen es. Als Belohnung werden sie auf der Erde willkommen geheißen und in die Sternenflottenakademie aufgenommen. Alle bis auf eine: Gwyndala macht sich auf den Weg zu ihrem Heimatplaneten, um den Erstkontakt herzustellen. Gleichzeitig ist eine Frage immer noch ungelöst: Was ist mit der Protostar passiert? Wieso ist sie auf Tars Lamora gelandet. Und wo ist ihr eigentlicher Captain? Fragen über Fragen, aus der sich in der 2. Staffel eine wilde Zeitreise ergibt mit zeitfressenden Aliens, dem Wiedersehen mit alten Bekannten (Chakotay, der Doktor, Beverly und Wesley Crusher, usw.) und ganz viele Möglichkeiten für unsere junge Crew sich zu beweisen und weiter als (Nicht-)Humanoid zu wachsen. Ach und natürlich muss dieses Mal das gesamte Universum gerettet werden. Eine Eskalation ist halt immer irgendwie notwendig…
Super Unterhaltung!
Beide Staffeln haben jeweils 20 Episoden á 24 Minuten und diese vergehen wie im Fluge. Echten Leerlauf gibt es quasi gar nicht. Selbst hinter Folgen, die auf den ersten Blick wie “der Planet der Woche” wirken, steckt fast immer mehr und die dortigen Abenteuer zahlen auf den eigentlichen Handlungsstrang ein. So lernt man stattdessen relativ zügig die Crew kennen und lieben. Also außer Del. Ich verstehe seine Rolle, aber er kommt noch am ehesten an mein verhasstes “nerviges Kind”-Klischee ran. Jeder bekommt seinen Moment im Rampenlicht, gleichzeitig sieht man aber auch einfach alle gemeinsam zusammenarbeiten und echte Freundschaften entstehen.
In der 2. Staffel wird die Erzählung zwar mitunter ziemlich absurd (auch oder gerade wegen der Rückkehr von Wesley). Und wie in den “normalen” Star-Trek-Serien wird gerne mal vergessen, dass wir hier von einer Welt reden, in der man Beamen kann, mächtige Computer hat und so. Aber gestört hat es mich zu keiner Zeit. Stattdessen habe ich einfach nur den wilden Ritt genossen – der zwar abgeschlossen wird, aber einen weiteren Cliffhanger konnten sich die Autoren dann doch nicht verkneifen. Habe ich schon erwähnt, dass das Fehlen einer 3. Staffel doof ist? Die Serie wurde noch während der Post-Produktion von Staffel 2 gecancelt und an Netflix verkauft. Fans hatten zwar die Hoffnung, dass die eine 3. Staffel machen. Netflix ließ die Lizenz aber einfach verfallen. Fand ich jetzt nicht ganz unerwartet, da Netflix nicht gerade dafür bekannt ist mehr als zwei Staffeln von Serien zu produzieren. Aber hoffen kann man ja immer.
Entwicklung
Schaut man sich allerdings die Köpfe hinter dieser CG-Animationsserie an, verwundert die Qualität nicht mehr ganz so stark. Als ich das erste Mal das Intro von Star Trek: Prodigy gesehen habe, habe ich mich zwar über die lange Liste der ausführenden Produzenten gewundert. Normalerweise kein gutes Zeichen, wenn so viele Leute da erwähnt werden müssen. Aber größtenteils verantwortlich für die Serie waren die Hageman-Brüder (Kevin und Dan) und das sind im (Kinder-)Animationsbereich absolute Profis. Ninjago: Meister des Spinjitz, Guillermo del Toros Trolljäger: Geschichten aus Arcadia, The LEGO Movie, The LEGO Ninjago Movie – sie hatten schon vor Star Trek: Prodigy ihre (Autoren- und Produzenten)Finger in so einigen erfolgreichen Serien und Filmen dieser Machart. Insofern hat Alex Kurtzman, der aktuelle Kopf von Star Trek, eine richtig gute Wahl getroffen.
Ich kann zum Abschluss also nur nochmal wiederholen: Die Serie ist eine absolute Empfehlung für jedes Alter (ab 12 Jahren). Überraschend gelungene Charaktere, die eine mitreißende Geschichten erleben und ein guter Mix aus Fanservice und Zugänglichkeit, angesiedelt im richtigen Universum und zur richtigen Sternzeit
– für mich definitiv hinter Star Trek: Deep Space Nine und Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert die drittbeste Star-Trek-Serie, die ich bislang gesehen habe. Und ja, das ist mein voller Ernst. Hätte ich auch nicht gedacht, dass ich das hier und heute schreiben würde. Aber es stimmt einfach.




Kleines Update von mir:
nachdem ich Discovery ja hinter mich gebracht habe, bin ich nun bis zum Ende der zweiten Staffel SNW gekommen. Und ich bin leider schon wieder enttäuscht.. nicht ansatzweise so sehr wie bei DSC. Aber nachdem ich gefühlt überall gelesen habe, dass SNW wieder zu den Wurzeln zurückkehrt und “endlich wieder Star Trek ist”, war meine Erwartungshaltung doch eine andere. Zumal man ja auf DER Enterprise unterwegs ist und die Zeit unmittelbar vor Kirk erlebt.
Aber die Serie ist im Wortsinn seltsam. Das “strange” im Namen bezieht sich meinem Eindruck nach weniger auf die “new worlds” sondern vielmehr auf die Serie als solche. Diese ist nämlich viel zu oft einfach nur “albern”. Und ich sage bewusst nicht “lustig”, sondern “albern”. Ja, Star Trek hat schon immer “kreative” Folgen gehabt. Vielleicht in TOS sogar mehr als in TNG – ich kenne TOS ja nicht. Aber von den leider nur 10 Folgen pro Staffel sind gefühlt die hälfte einfach nur albern. Die letzte Folge, die ich gesehen habe, war eine z.B. Musical-Folge… andere Beispiele will ich nicht spoilern. Was man von DSC übernommen hat, ist auch der viel größere Fokus auf die Charaktere und deren (Liebes-)Geschichten.
Hätte eine Staffel wie früher ca. 25 Folgen, würde das nicht so ins Gewicht fallen. Aber so hat man den Eindruck, dass man es nicht mehr mit einer seriösen SF-Serie zu tun hat, wo das Entdecken neuer Welten und vielleicht politische Probleme in denselbigen im Vordergrund stehen. Sondern mit einer Mischung aus Komödie und Liebesfilm.
Zumal erschwerend hinzukommt, dass die Crew zwar tatsächlich sympathisch ist, allerdings halten die von der Einhaltung von Dienstgraden und dem Respekt von Höherrangigen mal so gar nichts. Das ist alles geradezu antiautoritär. Also auch auf der Ebene wird nicht der Eindruck erweckt, dass man tatsächlich auf dem Flaggschiff der Föderation unterwegs ist.
Ich kann ad hoc überhaupt nicht einmal sagen, was die übergeordnete Geschichte ist, so sehr wird das vernachlässigt. Die Gorn tauchen ganz am Rande mal auf. Aber wirklich vorangetrieben wird da nichts.
Also ich weiß nicht: besser als DSC auf alle Fälle. Und isoliert betrachtet auch unterhaltsam. Aber mit Star Trek, zumindest mit meiner Vorstellung von Star Trek, hat auch SNW für mich nur eher am Rande etwas zu tun.
Da würde mich tatsächlich mal deine Meinung interessieren, Sic! Vor allem, da du ja TOS geschaut hast. Womöglich ist SNW ja wirklich viel näher an Star Trek – am originalen Star Trek jedenfalls – dran, als ich denke.
Der Konsens im Star-Trek-Reddit ist durchaus, dass nur Staffel 1 von SNW was taugt. Der Rest ist – wie du schon festgestellt hast – scheinbar ziemlich fragwürdig. Und ja, das Hauptproblem ist wohl (neben Spocks schwachsinnigem Sex-Drive) dabei der geringe Umfang, wodurch die schlechten Folgen stärker negativ auffallen. Es wurde auch schon ein Muppet-Folge für die nächste Staffel angekündigt. Scheinen die Macher echt total mega stolz drauf zu sein…
Bei DSC sind wir jetzt in der Mitte von Staffel 5 – da kommt meine Meinung also auch demnächst
.
In Bezug auf TOS: Ich empfand TOS nicht grundsätzlich als albern. Es gibt 2-3 wirklich buchstäblich bescheurte und auch entsprechend humorisitisch gespielte Folgen wie z.B. Implosion in der Spirale (siehe Gedankengift bei TNG, die das Konzept wiederholt). Aber es sind echt Ausnahmen. Ansonsten gibt es eher rückblickend unfreiwillig komisch wirkende Momente wie z.B. wenn weibliche Charaktere eingeführt werden (schnulzige Musik, Totale auf die Augen, Männer die sofort ihr Gehirn in die Hose verschieben). Da merkt man halt dann doch, dass es ein Produkt der 60iger ist. An sich nimmt sich die Serie aber definitiv ernst.