Sicarius

Ein Anime zum Mitfühlen

Es ist noch eher selten, dass ich derjenige bin, der Animes oder gar Mangas aussucht. Die Gefahr etwas zu kaufen, das meiner geliebten Lysanda nicht gefällt, ist trotz zehn Jahren Ehe immer noch ziemlich hoch. Aber manchmal lasse ich mich dann doch dazu hinreißen ohne Rücksprache mit ihr etwas mehr bei Anime Planet in den Warenkorb zu packen, als geplant.

Achtung, nutzloses Wissen voraus: Anime Planet ist quasi der Fabrikverkauf von KSM Anime, einem Label von PLAION PICTURES. Das wiederum ist, genauso wie Deep Silver, ein Tochterunternehmen von PLAION. Und wer jetzt denkt: “Deep Silver? Gehörten die nicht zu Koch Media?!” – Bingo! Die haben sich 2022 umbenannt. War scheinbar nach 28 Jahren nicht mehr “in”. Und um den Videospiele-Kreis endgültig zu schließen: Koch Media wurde schon 2018 von THQ Nordic gekauft – heutzutage bekannt als Embracer Group. Die Welt ist klein, ich weiß. Aber immerhin taugt die Anime-Abteilung was.

Doch zurück zu meinem Warenkorb bei Anime Planet: Die heruntergesetzten Komplettboxen von Der Graf von Monte Christo – Gankutsuô* und NANA* fanden beim letzten Einkauf ihren Platz darin. Sie klangen interessant und die Bewertungen auf den einschlägigen Portalen (aniSearch) sind sehr gut. Aber waren sie das auch? Nun, darum sind wir heute hier :wink: :

(Cover)

NANA* (2006-2007; 47 Episoden, DV) – Fangen wir gleich mit der Schattenseite der Serie an: Sie ist unvollständig. Zwar haben die Macher versucht in der letzten Folge zumindest ein bisschen Abschluss reinzubringen. Aber wie leider bei vielen Anime, hört auch diese Geschichte trotzdem einfach mittendrin auf und lässt den Zuschauer unbefriedigt zurück.

In diesem Fall muss ich das Produktionsunternehmen Madhouse allerdings ausnahmsweise ein wenig in Schutz nehmen: Der Manga ist mit seinen 21 Sammelbänden ebenfalls nicht abgeschlossen. Und im Gegensatz zum Anime, gibt es dort einen verdammt großen Cliffhanger, der seit 2009 nicht aufgelöst wurde. Die Mangaka Ai Yazawa erkrankte damals und ist seitdem wohl nicht mehr wirklich in der Lage zu zeichnen. Zwar beteuert sie hin und wieder, dass sie den Manga irgendwann abschließen möchte. Aber es scheint ihr leider nicht möglich zu sein und jemand anderes ihre Gedanken auf die Seiten bringen lassen, ist ebenfalls nicht drin. Das ist extrem schade.

Eine schicksalshafte Begegnung

NANA ist ein Slice-of-Life-Anime/-Manga. Die Hauptfiguren sind Nana “Hachi” Komatsu und Nana Osaki. Ja, sie haben zufällig den gleichen Vornamen. Es ist ebenfalls nur purer Zufall, dass sie sich im Zug nach Tokyo treffen. Beide wollen dort ein neues Leben anfangen. Hachi will nach einem Jahr Fernbeziehung endlich wieder bei ihrem Freund Shoji sein. Nana hingegen… nun, sie ist Sängerin bei der Band Blast. Ihr ehemaliger Freund und Bandkollege Ren wurde von der viel erfolgreicheren Truppe namens Trapnest abgeworben, von der Hachi ein Fan ist. Dazu musste er nach Tokyo ziehen und sie entschied in ihrem Provinznest zurückzubleiben. Reist sie also jetzt nach Tokyo, um ihm nun doch zu folgen, weil sie ihn weiterhin liebt? Oder macht sie sich auf den Weg in der Hoffnung endlich selbst groß rauszukommen und sich so an ihm zu rächen? Spoiler: Ein bisschen was von beidem.

NANA (Madhouse-Promobild)

Auf jeden Fall treffen sich die beiden grundverschiedenen Nanas erstmals in besagtem Zug. Das naive Provinzmädel Hachi, welches gefühlt überall nur das Positive sieht und an die große Liebe glaubt, aber gleichzeitig einer Affäre mit einem älteren Mann nachtrauert und sowieso immer irgendwelche Probleme mit ihrem Liebesleben hat. Nana, die nach außen beinharte Punkrockerin, die im Inneren aber ziemlich einsam und verloren ist. Und natürlich kommt es, wie es kommen muss – sonst gäbe es die Geschichte ja nicht: Obwohl sie sich am Bahnsteig in Tokyo erstmal verlieren, bringt sie das Schicksal zügig dazu gemeinsam eine WG zu gründen.

Fortan lernen sich beide besser kennen, haben Anteil an ihrem jeweiligen Leben und spannen so ein Band zwischen sich, das weit über eine simple Freundschaft hinaus geht. Wir sehen wie Nanas Band Blast sich wiederfindet, wie ihre Beziehung mit Ren weitergeht und erleben zumindest den Anfang der “Battle of the Bands”. Hachi hingegen lässt ihr Elternhaus hinter sich, wird erwachsener, selbstständiger und muss so einige Höhen und Tiefen in der Liebe durchleben – inkl. einer Sache, die ihren weiteren Pfad von jetzt auf gleich komplett verändert.

Nah an der Tränendrüse

Trotz der ein oder anderen witzigen Situation, schwebt über der ganzen Erzählung immer eine leicht… melancholische Stimmung würde ich es nennen. Das liegt zum einen daran, dass wir hier zwei Frauen und ihre Freunde ein Stück weit begleiten, die nicht perfekt, sondern einfach nur normal sind. Wir bekommen die glücklichen Momente zu sehen, die Erfolgsgeschichten und das alltägliche Leben. Wir werden aber auch Zeuge von totalen Abstürzen. Der Blick hinter die Maske quasi, die wir alle tagtäglich aufsetzen.

Die Serie erzeugt zum anderen dadurch ein besonderes Gefühl, wie die Geschichte erzählt wird. Damit meine ich speziell die emotionalen Monologe von Nana und Hachi aus dem Off, vor allem aber nicht nur zu Beginn einer Folge. Diese klingen wie Briefe an die jeweils andere Nana, die zu einem Zeitpunkt geschrieben werden, wo man sich schon seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Es sind Texte voller Rechtfertigungen, Entschuldigungen, Reue und Selbstgeißelung über verpasste Chancen und Erinnerungen an schöne Momente und gemeinsame Erfahrungen, die sie verändert haben und die sie immer noch im Herzen tragen. Sie geben ein wenig Kontext und liefern einen Blick ins Innere der beiden. Sie werfen aber auch viele Fragen auf und machen so neugierig darauf, wie es weitergeht. Umso schlimmer ist es, dass die Serie einfach aufhört und genau dieser Aspekt niemals aufgeklärt wird.

NANA (Madhouse-Promobild)

Beim Christoph meint: NANA bekommt von mir die vollen 5 von 5 Sics und konkurriert mit Death Parade um den Titel für den besten Anime, den ich bislang gesehen habe. Die Begründung dafür ist das erwähnte Gefühl, das er beim Anschauen erzeugt hat. Die Geschichte der beiden Nanas und vor allem die Art und Weise, wie sie erzählt wird, hat mich überraschend stark berührt.

Mit einer Prise Witz und Charme lässt er mich glaubwürdig am Leben zweier völlig unterschiedlicher Frauen teilhaben, die trotz oder gerade wegen ihrer Unterschiede eine besondere Beziehung zueinander aufbauen. Ihr Schicksal interessiert mich und nimmt mich mit. Dass der Punkrock-Soundtrack grundsätzlich meinen Geschmack trifft, trotz des unverständlichen Faibles von Japanern, englische Begriffe in ihre Songtexte einzubauen, ist da nur das Tüpfelchen auf dem “i”. Zum Reinhören findet ihr hier das reale Musikvideo des (ersten) Titelsongs.

Epilog

So viel zum NANA-Anime. Es ist echt unendlich schade, dass ich jetzt nicht einmal zum Manga greifen kann, um zu erfahren wie es weitergeht. Von Der Graf von Monte Christo – Gankutsuô berichte ich euch heute allerdings nicht mehr. Dazu dann in einem kommenden Eintrag mehr. Nur so viel vorab: Ja, er basiert grundsätzlich auf dem gleichnamigen Abenteuerroman aus dem 19. Jahrhundert, verlagert die Geschichte aber in eine Art umgedrehte Steampunk-Zukunft. Sprich auf der einen Seite nutzt man ultramoderne Raumschiffe aber kommuniziert trotzdem mit handgeschriebenen Briefen. Passend zu diesem Widerspruch hat er einen äußerst ungewöhnlichen visuellen Stil.

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