Der Coup

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Kapitel I –  Das Vermächtnis

Der Nebel hing tief in dieser Nacht. Selbst in den Gassen um die mächtige Kathedrale hing eine Feuchtigkeit, die einem bis in die Knochen zog. Niemand war auf den Straßen unterwegs und nur kleine Schatten huschten durch das Licht der Laternen. Weit entfernt konnte man schwach die Stimme des Nachtwächters hören als er den Beginn der dritten Stunde verkündigte.

Die hohen Türme der Kirche verschwanden im Nichts und nur ein schwacher Kerzenschein drang durch die verzierten Fenster an der Front nach draußen. Aufmerksam lauschende Nachteulen konnten den leisen, einlullenden Gesang aus dem Inneren vernehmen. Die Unterhaltungen der Wachen an der riesigen Doppeltür des heiligen Gemäuers waren verstummt. Und eine unangenehme Stille umgab die Stadt als eine Gestalt in das Licht der Laterne vor der Kathedrale trat. Umgeben von einem Mantel der bis zum Boden reichte und einer Kapuze, die nicht einmal erahnen ließ was sich darunter versteckte, wand sich ihr Blick zum großen runden Glasfenster an der Stirnseite hoch oben an der Spitze des Turmes über der großen Eingangstür. Dahinter war es tief schwarz. Dennoch schien sich ihr Blick auf etwas zu fokussieren. Als wüsste sie, was sie dort oben erwartete. Sie wusste, was nur wenige wussten. Hinter diesem Fenster lagen die Gemächer des Bischofs.

Als die Gestalt den Blick nach oben richtete, rutschte ihre Kapuze ein wenig nach hinten und eine mit hässlichen Narben übersäte Stirn kam über den tief liegenden Augen zum Vorschein. Es war ein Mann, der schon viel erlebt hatte. Und doch war das, was er heute Nacht vorhatte, die Krönung seines Tuns. Dies war der Moment auf den er gewartet hatte. Der Moment auf den er sich seit Jahren vorbereitet hatte. Heute Nacht war es soweit. Er würde es wagen. Er musste es wagen. Es würde nie wieder eine Nacht wie diese geben. Er blickte auf den Boden unter seinen Füßen und formte seine Hände zu Fäusten: "Heute Nacht wird es Gerechtigkeit geben!" hätte er beinahe aufgeschrien. Es dauerte einen Moment bis die Flut der Emotionen verklungen war. Als er seine Fassung zurück erlangte, verschwand er so schnell aus dem Lichtschein, wie er darin aufgetaucht war und begann sein finsteres Werk.

Hinaus ins Dunkel der Nacht verschwand die Gestalt, zurück in den Schutz der Schatten, die sie von Geburt an kannte und von jungen Jahren an lieben gelernt hatte. Aus der anfänglichen Angst war ein eiserner Wille geworden, der ihn gnadenlos antrieb. So wie jetzt, wo er zielstrebig auf die eine Stelle in der Jahrhunderten alten Mauer zulief. Wie eine Festung umgab sie die Kathedrale und bildete einen furchteinflößenden Wall, der zu dieser Stunde selbst den Wachen eine Gänsehaut bescherte.

Jahrelang hatte er das Grundstück beobachtet und studiert. Er konnte blind den Weg zu dem kleinen Riss in der Mauer gehen. Dieser zog sich wie eine Schlange von oben nach unten durch das Gemäuer. Eine Delle in der Perfektion dieses Jahrtausende alten Meisterwerks. Niemand hatte ihm jedoch Beachtung geschenkt, niemand hatte je versucht die Stelle zu reparieren. Vermutlich wusste sogar niemand, dass sie existierte. Somit gab es auch niemanden der erkannte, was dieser unscheinbare Riss für das vermeintlich undurchdringliche Menschenwerk bedeutete. Nur ihm war seine Geschichte bekannt. Nur er hatte es geschafft hinter das Geheimnis dieses schmucklosen Risses zu kommen.

Umgeben von völliger Dunkelheit legte er die Hand auf die unscheinbare Spalte und murmelte die Worte, die seit Urzeiten keiner mehr gehört geschweige denn gesprochen hatte: „Extra ecclesiam nulla salus“ – kaum war ihm die letzte Silbe über die Lippen gekommen, durchdrang ein gleißender Lichtstrahl den Riss und ließ die Umgebung für den Bruchteil einer Sekunde taghell erscheinen. Bevor die Wachen am Tor auch nur blinzeln konnten, war es wieder Dunkel. Niemand hatte etwas bemerkt.  Alles sah so aus wie vorher. Auch die Mauer hatte sich nicht verändert. Nur er wusste, dass dies nicht so war und schritt einfach durch sie hindurch. Er bemerkte keinerlei Widerstand als er ins Gemäuer trat, vom Mörtel verschluckt wurde und nach zwei Schritten auf der anderen Seite der Mauer wieder heraustrat. Er entließ die angehaltene Luft aus seinem Körper - er war sich selbst nicht sicher gewesen, dass es klappen würde. Zu alt waren seine Quellen, so vage ihre Aussagen. Aber er hatte es versuchen müssen und nun, da er das Hindernis überwunden hatte, gab es kein Zurück mehr. Er fühlte, wie die Mauer hinter ihm wieder zu festem Stein erstarrte und begann sich umzuschauen.

Kapitel II –  Das Grauen

Wie auf den uralten Karten vermerkt, befand er sich im kleinen Wald hinter der Kathedrale. Es war völlig still. Unnatürlich still. Doch er war nicht allein, das wusste er. Er schaute ein letztes Mal über die Schulter und schritt anschließend einem flackernden Lichtschein in der Ferne entgegen. Langsam und auf leisen Sohlen ging er voran. Wächter der Nacht patrouillierten angeblich dieses Gebiet, auch wenn sich nie eine Menschseele hierher verirren würde. Die alten Schriften sprachen von fürchterlichen Kreaturen, die bereits beim bloßen Anschauen das eigene Herz stocken ließen. Und auch die heimische Tierwelt war ihm an diesem Ort nicht besonders wohlgesinnt. Nicht nur, dass sie ihn mit ihren Geräuschen verraten konnten. Der Wald hatte auch eine gewisse Ausstrahlung. Eine Aura, die nichts Gutes versprach und alles veränderte, was sie durchdrang. Auch er spürte, dass es ihm trotz der sommerlichen Temperaturen unangenehm kalt wurde. Doch er würde sich davon nicht abhalten lassen. In dieser Nacht würde er sein Ziel erreichen oder schamvoll sterben. Eine Alternative gab es nicht als er weiter in Richtung des Lichtscheins lief.

Es vergingen mehrere Minuten in denen er von Baum zu Baum schlich. Schlagartig erstarrte er. Täuschte er sich, oder hörte er dort Stimmen in der Ferne? Nein, es konnte keine Halluzination sein. Sie schienen näher und immer näher zu kommen. Doch so sehr er sich auch konzentrierte, er verstand nicht, was sie sagten und konnte auch ihren Ursprung nicht ausmachen. Ohne Vorwarnung gefror ihm das Mark in den Knochen und die Kälte wurde unerträglich. Mit aller Macht versuchte er sich zu wehren, die Worte abzublocken und sich ganz auf seine Aufgabe zu konzentrieren.

Nach einiger Anstrengung schaffte er seinen Körper wieder seinem Willen zu unterwerfen. Schnell wie der Wind huschte er hinter dem nächsten Baum in Deckung. Er zitterte am ganzen Leib. Was passierte mit ihm? Welcher Zauber lag auf diesem Stück Land? Während er weiter mit der Fassung rang, sah er plötzlich den Grund für sein Unbehagen. Die Schriften hatten nicht übertrieben als sie dieses Ungeheuer beschrieben. Doppelt so groß wie er, lief es mit schweren Schritten über den Feldweg durch den Wald. Erhellt von einem Licht, das aus dem Nichts zu kommen schien, konnte er jedes noch so kleine Detail an der fürchterlichen Kreatur ausmachen. Die tiefschwarzen Augen bei deren Anblick er das Gefühl hatte seine Seele zu verlieren. Die riesigen mit unzähligen Fasern überzogenen Flügel, die bei jedem Schritt auf seinem Rücken bebten. Die in sich verdrehten Hörner, die aus seiner Stirn ragten und die hässliche Fratze mit den spitzen Zähnen noch betonte. Und die mit hässlichen Warzen übersäte Haut in einer Farbe, für die der Dieb keine Beschreibung fand.

Die Stimmen wurden blitzartig unerträglich laut. Instinktiv hielt der Dieb sich die Ohren zu. Doch es half nichts. Sie waren in seinem Kopf. Es machte ihn rasend, dass er sie nicht verstand. Es erschien ihm wie ein unzusammenhängendes Kauderwelsch, das jede Synapse in seinem Gehirn gleichzeitig stimulierte. Er fiel auf die Knie und wankte vor und zurück, nicht in der Lage irgendetwas zu tun. Sollte dies sein Ende sein? In den Wahnsinn getrieben von einem Dämon? Nein. Nein und nochmals nein. Er hatte sich nicht sein ganzes Leben auf diesen Moment vorbereitet, um sich jetzt geschlagen zu geben. Mit letzter Kraft rappelte er sich auf und versuchte so schnell und leise wie möglich Abstand zum Ungeheuer zu schaffen. Jeder Schritt war ein Kampf, den er zu verlieren drohte. Doch tatsächlich: Je weiter er sich entfernte, desto leiser wurden die Stimmen. Als sie vollständig verschwunden waren, hielt er inne. Mit der rechten Hand stützte er sich erschöpft an den vergnatzten Stamm eines uralten Baumes und atmete tief durch. Erst jetzt bemerkte er, dass der Mond schien und sein ornamentierter Lederhandschuh im fahlen Licht einen unscheinbaren Glanz ausstrahlte. Dabei war er sich sicher gewesen, dass es diese Nacht keinen Vollmond geben würde. Dieser Gedanke verdrängte die Frage, warum der Dämon ihn nicht bemerkt hatte und führte ihn zurück zu seiner Aufgabe.

Er begann sich zu orientieren. „Sehr gut. Ich bin in meiner Hast nicht allzu weit vom Weg abgekommen.“ stellte er zufrieden fest als er auf der anderen Seite des Feldwegs sein Ziel entdeckte: Den Hintereingang der Kathedrale.

Die schwere, metallbewerte Eichentür war mit dem Löwen-Wappen des Ordens verziert und wurde von zwei Fackeln erhellt. Zwei Wachen standen regungslos davor. „Warum stehen die da, wenn dort hinten so ein Monster herumläuft?“ fragte sich der Dieb kurz. Doch es war blödsinnig sich großartig Gedanken darüber zu machen. Er hatte sich nicht umsonst die schwierige und sehr riskante Arbeit gemacht die alten Baupläne aufzustöbern und zu stehlen. Er wusste, dass die Kathedrale nach hinten immer niedriger wurde und hier am Ende nur noch ein Stockwerk umfasste. Wahrscheinlich war den Bauherren langsam das Geld ausgegangen. Durch den Wald, der den hinteren Teil umgab, dachten allerdings trotzdem alle, dass die Kathedrale dort genauso imposant wäre wie im vorderen Bereich.

Diese Tatsache machte er sich nun zu Nutze und schlich sich unbemerkt an die Kirchenwand heran. Leise murmelte er erneut einige mystische  Worte: „Sic itur ad astra“. Seine Hände wurden kurz von einem Lichtschein umgeben. „Wieso musste dieser Zauber so aufsehenerregend sein?“ dachte er sich, als er an sich hinab schaute. Wie auf Kommando ertönte plötzlich eine tiefe Stimme vom Hintereingang: „Wer ist da?!“  Rüstungen begannen zu klappern und der Krawall wurde schnell lauter. Im Hinterkopf hatte er auch das Gefühl, als würden die Stimmen zurückkehren. Sollte er doch dem Dämon zum Opfer fallen?

„Verdammt.“ dachte er „Ich hätte vorsichtiger sein sollen.“ Schnell setzte er sich auf den Boden und umgab sich völlig mit seinem Mantel. Eine große Gestalt kam um die Ecke. Es war glücklicherweise nicht der Dämon, sondern nur einer der Wächter. Der Mensch blickte finster in seine Richtung und kam mit langsamen Schritten auf ihn zu. Erneut begann Furcht im Dieb aufzusteigen. „Wenn ich mich fürchte ist alles verloren.“ schalte er sich und versuchte seine Angst zu unterdrücken. Mittlerweile konnte er den schweren Atem des Wächters hören. Einen Meter vor ihm kam dieser zum Stillstand, schaute sich um und lauschte in die Nacht hinein. Hoffentlich würde sein verzauberter Mantel das halten, was ihm die alte Hexe versprochen hatte.

Der Dieb vergrub sein Gesicht noch tiefer in dem weichen Stoff und wagte es nicht einmal einen kleinen Spalt zu öffnen, um den Wächter zu beobachten. Glücklicherweise kamen die Stimmen doch nicht zurück. Es war nur der Wächter und er hier an dieser Stelle. Nach wenigen Minuten, die dem Dieb wie eine Ewigkeit vorkamen, setzte sich der Bulle von einem Mann mit der riesigen Hellebarde in der Hand wieder klappernd in Bewegung und verschwand um die Ecke. Die kauernde Gestalt verharrte noch einige Zeit. Erst als nichts mehr zu hören war, wagte sie sich aus dem Mantel hervor und verschnaufte kurz. Anschließend legte der Dieb beide Hände auf die Mauer, zog sich hoch und presste die Füße gegen die Steine. Als er sichergestellt hatte, dass sein Spruch funktionierte und er nicht herunterfallen würde, machte er sich an den kurzen Aufstieg. Die magischen Handschuhe aus dem Hause des Zauberers zu stehlen war die Mühe wert gewesen, stellte er zufrieden fest als er oben angekommen war. Bevor er die Worte des Deaktivierungszaubers sprach, ließ er dieses Mal mehr Vorsicht walten und versteckte seine Hände unter dem Mantel. Wenige Sekunden später konnte er wieder die Handschuhe zusammenhalten ohne, dass sie aneinander kleben blieben.

Kapitel III – Die Ruhe

Das Dach der Kathedrale war hier hinten komplett flach und er konnte ohne Probleme das runde Rückfenster erreichen. Es war wohl nur zur Dekoration gedacht, denn Licht würde hier wohl nie eindringen. Dennoch sah es beeindruckend aus. Im fahlen Licht konnte der Dieb jedoch das Bild nicht erkennen, dass ein schon lang verstorbener Künstler dort hinlassen hatte. Stattdessen schaute er vorsichtig durch das Fenster ins Innere. Es brannten nur vereinzelt Kerzen und nichts bewegte sich. Im Schattenspiel der Lichter ließen sich einzelne Details der Umgebung erkennen. Ein feiner Wandteppich hing neben einer reich verzierten Holztür und auf einer nicht minder beeindruckenden Kommode spiegelte sich der Schein der Kerze in einem silberneren Leuchter wieder, der unter einem reich ausgeschmückten Spiegel stand. Doch solche Wertgegenstände waren für ihn nicht mehr von Interesse. Diese Dinge waren für ihn wertlos geworden. Sein Ziel war wesentlich wichtiger und es lag noch weit entfernt.

Er versichertes sich, dass tatsächlich niemand dort unten war, nahm einen Diamantenschneider aus der Tasche und machte sich an die Arbeit ein Loch in das Fenster zu schneiden. Zu spät fiel ihm ein, dass er etwas vergessen hatte. Ein dumpfer Knall ertönte als die Scheibe auf den Teppich aufschlug und in 1000 Stücke zerbarst. „Verdammt, verdammt, verdammt. Du bist so dumm.“ schallte er sich gedanklich und verharrte ruhig. „Was ist denn nur heute los mit dir? Dein ganzes Leben hast du für diesen Tag trainiert und jetzt passieren dir solche Anfängerfehler. Reiß dich gefälligst zusammen, Caspar!“

Als niemand erschien, wischte er sich den Schweiß von der Stirn und machte sich zurück an seine Arbeit. Da selbst er es nicht ohne Verletzungen überlebt hätte von dieser Höhe herunter zuspringen, holte er ein kleines Stück Seil aus seiner Tasche hervor. Er umklammerte es und sprach wieder seltsame Worte. „Per omnia saecula saeculorum“. Mit jedem Atemzug wurde das Seil länger und länger bis es hinunter zum Teppichboden reichte. Er befestigte es an der metallenen Fassung des Fensters und kletterte lautlos hinab.

Der Boden unter seinen Füßen knirschte dank der Glasscherben als Caspar sich das letzte Stück leise fallen ließ und mit demselben Zauber das Seil auf die ursprüngliche Größe zurückverwandelte. „Was mach‘ ich jetzt?“ dachte er kurz über das Dilemma mit den Glasscherben nach, nahm aber dann das Risiko in Kauf entdeckt zu werden und ließ sie einfach liegen. Die Zeit lief ihm davon. Er musste in das Turmzimmer gelangen, bevor die Morgenmesse begann.

Sein Blick schweifte durch seine Umgebung. Er war wie vermutet in den Mönchsgemächern angekommen. Hier erwartete er nicht jemanden zu treffen und er würde auch schon bald die offiziellen Wege verlassen. Auch wenn sein Ausflug im Wald ihn mehr Zeit gekostet hatte, als erwartet: Die nächtliche Gebetsstunde war noch nicht vorüber. Er konnte den Singsang aus dem Langhaus hören. Trotzdem huschte er vorsichtig auf leisen Sohlen von Schatten zu Schatten den Gang entlang auf die Höhle des Löwen zu.

Ein Schlafraum reihte sich an den nächsten. Zwischen den schweren Eichentüren die immer gleichen Dekorationen. Bilder von Heiligen hingen über silbernen und goldenen Kerzenleuchtern, unschätzbare Wertgegenstände, die hier einfach so im Flur aufgehoben wurden. Er hätte für den Rest seines Lebens ausgesorgt, würde er auch nur einen Bruchteil davon stehlen. Jeder andere Dieb wäre in diesem Moment neidisch auf ihn und würde ihn verfluchen dafür, dass er sie einfach links liegen ließ. „Deine Rache macht dich nicht reich!“ würden sie sagen „Vergiss den Bischof, mach‘ den Coup deines Lebens und setze dich in ein fernes Land ab!“. Doch Caspar konnte nicht anders. Er würde nicht ruhen, bevor der leibgewordene Satan in Form des Erzbischofs Eucharius sein qualvolles Ende gefunden hatte. Das schuldete er seiner Familie, seiner Stadt, seinen Mitmenschen, die unter dem Joch der Kirche leiden und sterben mussten während die Anhänger sich in ihren Prachtbauten verbargen und es sich gut gehen ließen.

Endlich hatte er die unscheinbare Stelle erreicht, die nur im ursprünglichen Bauplan eingezeichnet war und für deren Geheimhaltung unzählige Bauarbeiter und Architekten ihr Leben lassen mussten. Es war keinerlei Unterschied zu den restlichen Wänden zu erkennen. Die Holzversiegelung ging nahtlos ineinander über. Im Schein einer danebenstehenden Kerze konnte er jedes Detail der Maserung im Holz erkennen. Er suchte eine bestimmte Linie. Die eine Linie, die ihn zu einem unscheinbaren Symbol führen würde. Ein Symbol, so klein, dass es selbst einem geübten Auge nicht aufgefallen wäre. Doch Caspar wusste, dass es hier ist und auch ungefähr wo. Er zog den rechten Handschuh aus, fuhr über eine kleine Furche und folgte ihrem Verlauf.

Im Hintergrund waren die Gebete der Mönche intensiver geworden. Er konnte jetzt die Knabenstimmen aus dem Chorjoch hören, die laut durch die mit einem Metallkreuz versehene Holztür wenige Meter weiter den Gang hinunter drangen. Erneut durchfuhr ihn das unterschwellige Gefühl, dass in seinem Kopf etwas rumorte. Was war dieser Ort? Was geschah hier Unheimliches? Welche geheimen Kräfte waren hier am Werk, von denen die Außenwelt nichts mitbekam? Der Dämon im Wald war bereits schlimm genug. Doch Caspar hatte das ungute Gefühl, dass ihn an seinem Ziel noch viel Schlimmeres erwarten würde.

Kapitel IV – Das Geheimnis

Es dauerte länger, als es ihm lieb war. Doch irgendwann fühlte Caspar unter der Fingerkuppe das winzig kleine Kreuz, dass der beste Holzschnitzer des Landes in die Vertäfelung geritzt hatte bevor er von den Wachen abgeführt und öffentlich am Galgen aufgeknöpft worden war. Er hätte Gotteslästerung begangen, behauptete damals die Kirche.

Caspar drückte leicht auf das Kreuz und sprach „Ad maiorem die glroiam“. Flammen erschienen rund um die Vertiefung, doch der Dieb fühlte keine Wärme. Vorsichtig gab er mehr Druck auf seine Hand und sah mit an, wie sie im Holz eintauchte. Es war offensichtlich der gleiche Effekt, wie an der Mauer. Aber warum benötigte er dann andere Worte? Er wusste es nicht. Es war ihm aber auch egal. Er neigte den Kopf und hielt kurz inne bevor er sich aufrichtete und durch das Holz in den dahintergelegenen Raum trat.

Schlagartig sank die Temperatur. Es war stockdunkel. Mit seiner rechten Hand taste er seine Umgebung ab. Seine Finger fuhren über den glatten und unnatürlich kalten Stein. Er war richtig, da war er sich sicher. Es musste sich um die geheime Wendeltreppe handeln, die geradewegs hoch in den Turm führte. Doch er hatte nicht damit gerechnet, dass es hier keine Lichtquelle geben würde. Die Baupläne hörten an der Vertäfelung auf. Nur in den Aufzeichnungen eines längst verstorbenen Bischofs hatte er vage Andeutungen über diesen geheimen Gang gefunden. Dieser Bischof konnte angeblich vom menschlichen Fleisch nicht lassen und schmuggelte, so die Legenden, junge Mädchen und Jungen in sein Schlafzimmer, die danach nicht mehr gesehen waren. Aber er war nicht der ursprüngliche Erbauer der Kathedrale gewesen. Caspar überlegte, ob er es wirklich riskieren sollte hier eine Fackel anzuzünden. Andererseits blieb ihm keine andere Wahl. Er konnte nichts sehen und die Gefahr die Treppe hoch oder runterzustürzen war zu groß.

Während er im schwarzen Nichts stand und sich Gedanken machte, hörte er es hinter ihm rumoren. Die Gebetsstunde war vorüber. Die Mönche gingen zurück in ihre Gemächer, um noch ein paar Stunden zu schlafen vor der Morgenmesse. „Das Fenster! Sie werden die Scherben entdecken und das ganze Haus in Alarmbereitschaft versetzen!“ fuhr es Caspar durch den Kopf „Ich habe keine Zeit mehr. Ich muss nach oben gelangen, bevor sie den Bischof in Sicherheit bringen“. Er griff an seinen Gürtel, suchte seine unscheinbare Pechfackel und den dazugehörigen Feuerstein. Kleine Blitze erhellten die Dunkelheit bevor das Pech Feuer fing und die Umgebung dauerhaft in tiefe Schatten tauchte. Nun konnte er die Treppe sehen. Sie führte in engen Windungen sowohl nach oben als auch nach unten. Was dort unten wohl lauerte? Caspar wagte es gar nicht erst es sich vorzustellen und begann mit dem mühsamen Aufstieg.

Kapitel V – Die Erkenntnis

Eine gefühlte Ewigkeit arbeitete sich Caspar die kalten Steinstufen nach oben. Um ihn herum war nichts außer kaltem Stein. Das einzige Geräusch war das monotone Knarzen der Fackel, die es ihm erlaubte gerade so seine Füße zu sehen. Er versuchte sich vorzustellen, was ihn am Ende des Aufstiegs erwarten würde. Er stellte sich vor, wie er den Bischof in seinem Bett überraschen und ihm seinen Dolch in die Kehle rammen würde. Er dachte an die Genugtuung, die er in diesem Moment fühlen würde und an seine ermordete Familie, die im Jenseits vor Freude aufschreien würde. „Heute Nacht wird es Gerechtigkeit geben!“ murmelte er leise zu sich.

Unendliche viele Stufen später war er endlich am Ende der Treppe angekommen. Sie endete an einer Steinwand. Es gab keinen offensichtlichen Zugang. Caspar löschte die Fackel. Ratlos zog er erneut den rechten Handschuh aus und legte die nackte Hand auf den Stein. Wie ein Blitz durchfuhr in die Kälte. Aber er hielt Stand und murmelte noch einmal die mystischen Worte. Nichts passierte. Er versuchte es mit den Worten, die er an der Mauer verwendet hatte. Wieder nichts. Verzweifelt dachte der Dieb darüber nach, was er in den Aufzeichnungen noch alles gelesen hatte. Wühlte in seinen Erinnerungen, ob er vielleicht einen Zauberspruch übersehen hatte. Plötzlich erschien ein Spalt in der Mauer, der langsam größer wurde. Erschrocken zog Caspar die Hand weg und wich ein paar Schritte zurück. Immer mehr Licht und Wärme drang aus dem Inneren heraus. Polternd erklang eine tiefe Stimme.

„Komm heraus, du Wicht! Zeige dich, du Unhold! Hast du tatsächlich geglaubt, ich würde es nicht bemerken, wenn jemand die alten Worte spricht? Ich habe von deiner Anwesenheit bereits gewusst, als du durch die Mauer geschritten bist. Doch ich war daran interessiert zu erfahren, was du vorhast und habe dich gewähren lassen. Sogar den Wächter der Nacht habe ich gegen seinen Willen zurückgepfiffen und die Mönche einen zusätzlichen Rosenkranz beten lassen, um dich und dein Tun in Ruhe beobachten zu können. Nun bist du jedoch weit genug gekommen. Es gibt keinen Ausweg mehr für dich. Ich weiß, du bist gekommen um mich zu töten. Doch du bist es, der hier und jetzt seinen Tod finden wird. Komm aus deinem Loch heraus und stelle dich dem Ende wie ein Mann, du hinterhältige Maus. Vielleicht wird der allmächtige Vater deiner Gnädig sein!“

Caspar, halb versteckt im Schatten, zögerte. Seine Gedanken rasten. Es hätte ihn also doch misstrauisch machen sollen, dass ihn auf seinem Weg kein großartiger Widerstand erwartet hatte. Ein Zurück gab es jedoch nicht mehr. Die Wand war nun komplett offen und das dahinterliegende Zimmer verschwand in einem gleißenden Licht. Er lockerte den Dolch an seinem Gürtel, hob die Hand vor seine Augen und schritt hindurch.

Es dauerte einige Momente, bis er sich wieder an die Helligkeit gewöhnt hatte. Langsam aber sicher wurden die Umrisse des Raumes und seiner Inhalte deutlich. Er befand sich tatsächlich hoch oben im Turm im Schlafzimmer des Bischofs. Zu seiner linken erlaubte das riesige Fenster den Blick auf die Stadt hinab. Die Sonne begann gerade aufzugehen und tauchte den Horizont in ein blutrotes Farbenmeer. Zu seiner rechten erwartete seinen Blick ein mit Gold und Rubinen überzogenes Himmelbett voll mit schneeweißer Bettwäsche. Unter seinen Sohlen spürte er den reich verzierten und samtweichen Teppich.

Sein Blick richtete sich nach vorne. Wenige Schritte von ihm entfernt stand er, Erzbischof Eucharius, und starte ihn boshaft an. Gekleidet in die traditionelle, purpurne Bischofsrobe mit der dazugehörigen Dreiecksmütze, hielt er den goldenen Bischofsstab in der rechten und ein silberglänzendes Kurzschwert mit einem Goldgriff in der anderen Hand. Er hätte einen bedrohlichen Eindruck gemacht, wäre er nicht untersetzt gewesen. Es war offensichtlich, dass ihm die Roben viel zu groß waren und wie feuchte Lappen von seinen Gliedern hingegen. Caspar hatte nach den ganzen Gräueltaten, die dieser Mensch verursacht hatte, etwas anderes erwartet. Doch der Anblick gab ihm Hoffnung. Diesen Knirps würde er besiegen können. Da war er sich sicher.

Ohne noch eine weitere Sekunde zu zögern, schnappte Caspar sich seinen einfachen Dolch und rannte lautlos auf den Bischof zu. Wie er es seit Jahren geübt hatte, sprang er kurz vor seinem Ziel ab, machte einen Salto und stieß im Flug seinen Dolch in den Nacken von Eucharius. Doch der erwartete Widerstand kam nicht. Die Klinge traf ins Leere. Irritiert verlor Caspar die Balance und krachte rücklings auf den Boden. Das Antlitz des Bischofs waberte und verschwand plötzlich. Caspar verstand die Welt nicht mehr und vernachlässigte für den Bruchteil einer Sekunde seine Deckung. Ein heißer Windhauch blies ihm jäh entgegen, ein Brandgeruch schlich ihm in die Nase und er bekam starke Schmerzen im linken Arm. Als er seinen Blick darauf richtete, konnte er gerade noch sehen wie die flammenumwehte Klinge sich zurückzog und den Blick frei machte auf zwei mächtige, mit riesigen Krallen besetzte Füße. Ihnen folgten Beine, die keinem Menschen gehörten. Beine, die er so ähnlich vor kurzem schon einmal gesehen hatte. Sie waren überzogen mit einer stachelbesetzten, tiefroten Haut. Er folgte dem mit pumpenden Adern besetzen Körper Richtung Kopf und erschauderte.

„Du hast doch nicht erwartet, dass ein kleiner Halbwüchsiger der Anführer der mächtigsten Organisation der Erde ist, oder? Sieh dem Schrecken in die Augen, der diese Welt beherrscht und sterbe in dem Gewissen, dass du niemals eine Chance hattest“. Während er sich sein tiefschwarzes Schwert auf die Schultern bettete, betrachtete der Dämon mit einem hässlichen Grinsen den Dieb, der da vor ihm auf dem Boden lag. Haushoch ragte das rote Monstrum vor Caspar empor, siegessicher und bereit mit ihm zu spielen.

Der Dieb rang mit seiner Fassung. Er konnte nicht glauben, was er sah. Vor Angst rutschte er nach hinten bis er mit dem Rücken an einen Bettpfosten krachte. Schmerz durchfuhr ihn und ließ ihn abermals zusammenzucken. Der Dämon sah ihm sichtlich amüsiert zu und Schritt langsam im Zimmer auf und ab. „Was kann ich gegen so etwas tun?! Was kann eine ganze Armee gegen so etwas ausrichten?!“ dachte Caspar bevor er endlich wieder seinen Mut fand. „Das ändert nichts!“ sagte er mehr zu sich, als zum Dämon und sein Gesicht verfinsterte sich. Er spürte den Dolch in seiner rechten Hand und umklammerte ihn fester. Sein Entschluss war gefasst. Er würde hier und jetzt sterben. Doch mit seinem letzten Atemzug würde er diese grässliche Gestalt mit in den Tod reißen. Das war er ihnen schuldig.

In einer fließenden Bewegung raffte sich Caspar auf, streifte sich seinen Mantel vom Rücken und warf ihm den Dämon entgegen. Dieser reagierte wie erwartete, schwang sein mächtiges Schwert und zertrennte mit Leichtigkeit den Fetzen Stoff. Der Dieb nutzte die Sekunde der Abgelenktheit, sprang auf das Monster zu und rammte seinen Dolch so tief wie möglich in dessen Schwertarm. Dieses Mal traf die feine Spitze auf Fleisch und bohrte sich tief durch die Muskeln bevor ein Knochen sie stoppte. Der Dämon schrie auf, mehr aus Überraschung als aus Schmerz, und schwang die mächtige Klinge zurück. Caspar konnte sich nicht rechtzeitig ducken und wurde durch die Wucht des Aufpralls mitsamt Dolch in das Fenster geschleudert. Er merkte, wie es hinter ihm nachgab und ein Teil wegbrach. Schnell verlagerte er sein Gewicht während das Glas hinunter in die Tiefe vor die Füße der Wächter fiel. Diese schauten erschrocken auf und sahen ein finsteres Flammenspielspiel im Fenster hoch über ihnen.

Der Dämon drehte sich zu Caspar um und holte zu einem weiteren Schlag aus. Dieses Mal war der Dieb jedoch vorbereitet, hechtete zur Seite und trieb seinen Dolch tief in die Wade des Ungeheuers. Schwarzes Blut troff aus der klaffenden Wunde. Doch der Dämon schien weiterhin unbeeindruckt. In einer flüssigen Bewegung korrigierte er seinen Schwertschwung und streifte Caspars Rücken. Der Schmerz war unerträglich und die Flammen hinterließen eine tiefschwarze Furche. Er krachte mit dem Bauch auf den weichen Teppich. So schnell wie der Schmerz gekommen war, verschwand er auch wieder. Immer mehr Adrenalin strömte durch den Körper des Diebs und begann seine Sinne zu schärfen. Er drehte sich auf den Rücken und bemerkte, dass der Dämon sehr nah am Fenster stand. Das war seine Chance.

Caspar sprang auf und rannte, noch während der Dämon zum nächsten Angriff ansetze, mit dem Kopf zuerst auf ihn zu. Der Dieb zerrte an seinen letzten Kraftreserven, beugte seinen Schädel vor und kollidierte mit dem Bauch des roten Riesen. Der Dämon verlor tatsächlich seinen Halt, warf sein Schwert erschrocken weg und versuchte sich mit ruderten Armen wieder zu fangen. Doch es war zu spät. Rücklings stürzte er durch das Fenster, das sofort seinem Gewicht nachgab, in die Tiefe. Er versuchte seine Flügel zu öffnen, doch er war nicht schnell genug. Mit Caspar auf dem Bauch krachte er auf das harte Pflaster, das unter seinem Gewicht nachgab und in tausend Stücke zerbarst. Die Erde unter ihnen verformte sich zu einem Krater während die Druckwelle Jahrhunderte alten Staub aufwirbelte.

Caspar spürte zuerst den Aufprall in allen Knochen, dann fühlte er wie eine warme Flüssigkeit überall an seinem Körper herabzulaufen begann. Er hatte sich beim Zusammenprall mit den Stacheln auf der Haut des Dämons selbst aufgespießt. Taub vor lauter Schmerz versuchte er unter großer Anstrengung zum Gesicht des Monsters hochzuschauen. Die weinroten Augenlider des Dämons waren geschlossen und er regte sich nicht. Doch der Dieb traute der Sache nicht. Mit seinem letzten Atemzug fühlte er nach seinem Gürtel und zog den Stift aus der metallenen Kugel heraus, die dort seit Jahren hing. „Zurück in die Hölle mit dir!“ glaubte Caspar zu sagen, die herbeigerannten Wachen konnten jedoch nur ein Krächzen verstehen bevor sie wenige Sekunden später in einer riesigen Wand aus Feuer verschwanden. Als sich der Tumult legte, war nur noch ein Krater voller Asche übrig, der von den ersten Sonnenstrahlen des Tages beleuchtet wurde. Caspar hatte gesiegt. Der Dämon war nicht mehr. Endlich war die Welt frei und sein Rachefeldzug beendet.

Kapitel VI – Das Ende

Keiner der herbeigeeilten Stadtbewohner wusste, was passiert war. Ungläubig betrachteten sie den Krater vor sich und das zerstörte Fenster hoch oben im Turm bevor sie von den aus der Kathedrale herausströmenden Mönchen verscheucht wurden.

Wenige Tage darauf wurde auf dem Kirchenvorplatz verkündet, dass Erzbischof Eucharius gegen Satan höchstpersönlich gekämpft und sich geopfert hatte, um die Welt vor dem Ende zu retten. Aus allen Ecken der Erde kamen die Menschen angereist, um der prunkvollen Beerdigung beizuwohnen. Die besten Künstler des Landes boten sich an, das Turmfenster zu reparieren und in neuem Glanz erstrahlen zu lassen. Und auch ein neuer Bischof wurde ernannt. Ein Mann, von dem vorher noch nie jemand gehört hatte. Er würde ein neues Zeitalter einläuten, hieß es. Nur Caspar, als er vor dem Himmelstor stehend hinab auf die Erde schaute, konnte die wahre Gestalt erkennen, die sich unter der blassen Haut dieses kargen Menschens versteckte. Er hatte versagt.[CH]