Verschiedene Sorten von Aroma-Tropfen

„Künstlich“ ist für viele Ohren ein total böses Wort vor allem, wenn es im Zusammenhang mit Lebensmitteln fällt. Und natürlich: Es gibt viele Erfindungen der modernen Wissenschaft, die für nicht so ganz tolle Dinge genutzt werden. Dazu gehört definitiv auch einiges, was im Bereich der Aromen, Farb- und Zusatzstoffe passiert. Ist das Hackfleisch wirklich noch intensiv rot, weil es gut und frisch ist? Oder einfach nur, weil so viel zusätzlicher Kram reingepumpt wurde, dass es gar nicht mehr grau werden kann? Schlimmstenfalls weiß es nicht einmal mehr der Hersteller des Produkts…

Zumal ich durchaus glaube, dass diese Stoffe langfristig unser Geschmacksverständnis durcheinanderbringen können. Das bekannteste Beispiel dürfte die Vanille sein. Diesen intensiven Geschmack, den die meisten beispielsweise beim Verzehr eines Vanille-Eis erwarten hat mit dem Original eher wenig zu tun. Entsprechend überrascht ist man mitunter, wenn man mal eine echte Schote im Einsatz hat und es irgendwie anders und vor allem dezenter rüberkommt. „Das soll Vanille sein?! Niemals!“ Ich nehme mich davon selbstverständlich nicht aus. Ich gehöre definitiv ebenfalls zu den Banausen, die im direkten Vergleich vermutlich das „Fake“-Vanille-Eis lieber essen würden als das mit den schwarzen Punkten (=echte Vanille).

Andererseits lässt es sich absolut nicht leugnen, dass speziell diese künstlichen Aromastoffe irgendwie extrem praktisch sind. Schon Oma hatte schließlich fürs Kuchenbacken das kleine Fläschchen Vanille im Haushalt (vermutlich von Dr. Oetker). Und auch in der Casa Lysanda pflegen wir einen…ja, fast schon verschwenderischen Umgang mit Aromastoffen. Die Vorteile liegen schließlich auf der Hand: Wenn ich gerade Lust habe auf was Süßes habe kann ich entweder zu einem gekauften Erdbeerjoghurt mit mehr oder weniger viel Zucker greifen oder ich nehme mir einfach eine Schüssel Naturjoghurt und pack ein paar Tropfen Erdbeer-Aroma drauf. Gleicher Geschmack und Konsistenz bei wesentlich weniger Kalorien und null Zucker. Es lassen sich damit quasi Bedürfnisse auf eine Art und Weise stillen, die einen nicht gleich Dick und Fett werden lässt. Die ganze Sache hat aber einen massiven Haken: Wir gaukeln unserem Körper logischerweise damit etwas vor und das kann ein Problem sein.

Mangelernährung

Vermutlich alle Organismen auf diesem Planeten folgen ihren Bedürfnissen. Das ist wichtig fürs Überleben. Wenn ich auf die Toilette muss dann, weil mein Körper etwas loswerden möchte. Und das zeigt er mir dadurch an, dass er in mir das dazugehörige Verlangen erweckt. Wenn ich also Lust auf einen Schokoladenpudding habe, passiert das sicherlich nicht ohne Grund. Vielleicht habe ich gerade Stress und der Pudding soll meine Nerven beruhigen? Ich habe etwas geschafft und suche nun nach einer Belohnung? Oder ist irgendetwas in diesem Pudding drin (ein Mineral, ein Vitamin, eine Aminosäure, etc.) was mein Körper gerade akut braucht? Alles ist möglich. Aber während ich Stress und Belohnung mitunter mit einem Aroma besänftigen kann, schließlich ist es erst einmal eine Kopfsache, gleiche ich mit ein paar synthetischen Verbindungen die nach Schokolade schmecken z.B. keinen Magnesium-Mangel aus. Ich verarsche mich damit nur kurz selbst aber sobald mein Inneres die Täuschung durchschaut hat, tritt das Verlangen wieder hervor – unter Umständen sogar stärker.

Egal ob mit oder ohne künstliche Aromen: In so einer Situation muss ich auch mal innehalten und mich fragen, warum ich gerade dieses Bedürfnis habe. Steckt da vielleicht etwas mehr dahinter? Sucht mein Körper was bestimmtes und er weiß auf die Schnelle eben nur, dass er es z.B. durch den Griff in den Süßigkeitenschrank bekommt obwohl ein anderer Weg gesünder wäre? Das ist logischerweise nicht einfach zu entschlüsseln. Gewohnheiten und die Gesellschaft machen es sogar noch schwieriger. Mir doch egal, dass die Banane tonnenweise Fruchtzucker hat. Sie schmeckt gut, es ist „gesundes“ Obst und ich hab‘ Lust drauf also rein damit, um die Kalium-Zufuhr sicherzustellen!

Und zu guter Letzt bestehen diese Aromen selbstverständlich aus ziemlich synthetischem Kram der mit Hilfe von teils sehr komplizierten chemischen Prozessen gewonnen wird, was ggf. ebenfalls nicht so super ist. Die Wissenschaft ist da ja leider noch nicht so weit mit Langzeitstudien. Beispielsweise sind Süßungsmittel wie Aspartam oder Sucralose enthalten (sollen Krebserregend sein) und der Geschmack kommt selbst bei der Aussage „Natürlicher Aromastoff“ nicht unbedingt aus dem Originallebensmittel. Das Erdbeeraroma hat wahrscheinlich noch nie eine Erdbeere gesehen, sondern wurde durch andere Mittel und Wege erschaffen.

Unsere Laster

Getränkepulver

Brauchen wir den ganzen Zusatzkram? Nein. Sollten wir ihn meiden? Definitiv. Reines Wasser, Sprossen, Beeren und ab und zu ein Stück Mammut und/oder Fisch reichen zum Leben vermutlich aus. Aber irgendwo hat die Evolution das wohl versaut. Selbst unsere Katzen würden sich lieber nur von Leckerlis ernähren. Das soll nicht abwertend gemeint sein. Ein gesunder Lebensstil bedeutet nicht gleichzeitig, dass man kein erfülltes Leben hat. Wir sind aber nun einmal alles Individuen und zumindest aktuell möchten Lysanda und ich unserem Bedürfnis nach Süßem ein Stück weit nachgeben statt uns in vollständigem Verzicht zu üben. Allerdings bestenfalls so, dass es eben nicht komplett auf die Hüfte schlägt. Deshalb greifen wir derzeit auf folgende Konsumgüter zurück:

Myprotein FlavDrops, GymQueen Tasty Drops und Pure Flavour Drops

Bei allen drei Produkten handelt es sich um flüssige Aromatropfen, die in den verschiedensten Geschmacksrichtungen zur Verfügung stehen. Der Unterschied zwischen denen von Myprotein und GymQueen besteht hauptsächlich darin, dass GymQueen einige Sorten wie z.B. Mandarine hat, die es bei Myprotein nicht gibt. Pure Flavour Drops haben hingegen den Vorteil, dass sie kein Süßungsmittel enthalten im Vergleich zu den anderen beiden, die auf Sucralose setzen. Der Vorteil dürfte klar sein: Man kann sie auch dort verwenden, wo es nicht Süß schmecken soll.

Am meisten nutzen wir die von Myprotein mit eher klassischen Sorten wie Vanille, Himbeere, Erdbeere & Co. ein. Das Ergebnis ist gefühlt etwas intensiver als bei den Konkurrenzprodukten und trifft somit eher das, was wir uns unter dem jeweiligen Geschmack vorstellen. Alle drei lassen sich wunderbar einsetzen, um vor allem Frühstück oder Nachtisch zu verfeinern. Ich pack‘ z.B. ein paar Tropfen morgens in mein Glas Milch während Lysanda sich gerne etwas (ungesüßte) Vanille in den Kaffee tropft. Oder eben besagte Quark/Joghurt-Kreationen, die dabei helfen den Griff zu kalorien-haltigeren Snacks zu unterbinden. Ach und zum Backen sind die Drops natürlich ebenfalls geeignet.

BOLERO Getränkepulver

Früher habe ich hauptsächlich Wasser und Saft aus Glasflaschen sowie zuckerhaltige Erfrischungsgetränke aus PET-Flaschen konsumiert. Als Lysanda in mein Leben trat habe ich dann zumindest bei den Erfrischungsgetränken auf Light-Varianten mit Süßungsmittel (hauptsächlich Aspartam) und ggf. sogar ohne Koffein gewechselt. Aber die kamen immer noch in Plastikflaschen daher und das ist weder praktisch für die Umwelt noch ist das mit den Weichmachern und Mikroplastik so gut für den Körper. Erst vor kurzem hat Coca Cola angefangen zumindest ihre Cola-Varianten ebenfalls in Glasflaschen zu verkaufen. Entsprechend waren wir letztes Jahr auf Coke Zero in 1l Glasflaschen gewechselt. Die sind zwar wesentlich teurer als Billig-Cola-Light aus dem Discounter aber eben keine Plastikflaschen.

Beim Wasser hatte sich das Thema Kistenschleppen Anfang 2018 hingegen in Luft aufgelöst, als wir uns einen SodaStream mit Glasflaschen sowie unsere Osmoseanlage angeschafft hatten. Warum schließlich teure Kisten aus dem Getränkehandel durch die Gegend tragen, wenn man das bessere Wasser Zuhause hat (und viel Geld dafür bezahlt hat) und es bei Bedarf selbst zum Sprudeln bringen kann? Aber nur Wasser trinken ist wie gesagt ab und zu dann doch etwas langweilig. Lysanda hat für sich dahingehend BOLERO Getränkepulver entdeckt. Das sind hochkonzentrierte Getränkepulver, die es in dutzenden von Sorten gibt (nicht alle gut). Die Süße kommt hier erneut u.a. dank Sucralose aber auch Stevia ist enthalten. Lysanda löst ein Päckchen (9g) in 250ml Wasser und kippt dann einen Schuss davon in ihr normales Glas (nochmal 250-300ml Wasser), um es noch weiter zu verdünnen. Kostengünstig, nimmt wenig Platz weg und schmeckt – perfekt für sie. Für mich ist das allerdings nichts. Der Geschmack der Süße – vermutlich ist die Stevia das Problem – gefällt mir einfach nicht. Entweder es ist nicht süß genug oder schlägt um in dieses lakrizartige wofür Stevia bekannt ist. Insofern kamen wir erstmal nicht ganz vom Kistenschleppen weg.

SodaStream Sirup

Eine Ladung Soda Stream Sirup

Doch wir haben endlich auch für mich eine Alternative gefunden: SodaStream Sirups. Die gibt es technisch gesehen schon ewig – es war damals bei unserem Gerät sogar ein Probepack dabei. Der konnte mich aber genauso wenig geschmacklich überzeugen wie die anderen Sorten im Angebot. Die Cola ohne Zucker schmeckt beispielsweise sehr Zitronig und obwohl die Cola Light-Geschmacksrichtung sehr nah an besagte Billig-Cola aus dem Discounter rankommt, ist es trotzdem nicht das Wahre.

Der Clou ist jedoch, dass sie nicht nur ihre eigenen Kreationen vermarkten, sondern seit 2018 einer kleinen Firma namens PepsiCo angehören. Dadurch gibt es nun zusätzlich noch Geschmacksrichtungen wie Pepsi MAX, Miranda, 7UP und Schwip Schwap – und was soll ich sagen? Die schmecken 1:1 wie das Original. Vermutlich, weil es exakt die gleichen Inhaltsstoffe (inkl. Sucralose und Aspartam) sind. Eine Pepsi in der Dose ist ja technisch gesehen ebenfalls nur gefärbtes und geschmacklich angepasstes Wasser.

Damit haben wir nun den heiligen Gral für mich gefunden. Wir nutzen unser gereinigtes und damit (vermutlich) gesünderes Wasser, ich muss keinerlei Kisten mehr schleppen und trotzdem bekommen wir den süßen Geschmack, den wir suchen. Ach und günstiger ist es logischerweise ebenfalls. Für 4,99€ holt man aus einer Flasche Sirup ca. 9 Liter raus (je nachdem wie intensiv ihr es haben wollt). Für eine Kiste (6x1l) legt ihr ohne Pfand hingegen mindestens 9€ auf den Tisch. Nachteil allerdings: Der Sirup kommt in Plastikbehältnissen daher, die entsprechend nach dem Verbrauch in den Müll wandern. Da würde ich mir langfristig ebenfalls einen Umstieg auf Glas wünschen. Auch, wenn es dann etwas teurer sein sollte.

Jetzt müsste es sowas nur noch für Multivitaminsaft geben und wir hätten endgültig alle Getränkekisten aus unserem Haushalt verbannt. Davon trinken wir aber auch nicht so viel.

Während unser Rondrer seine Drohung wahr gemacht und zum Verfassungszeitpunkt schon fast neun Stunden in Gothic 3 gesteckt hat, war ich die letzten zwei Wochen eher im Fluss. Meine Motivation FarCry 2 zu starten ist einfach nicht sonderlich groß :smile: . Stattdessen habe ich mir ein Reihe Indie-Titel genauer angeschaut, die auf diversen Wegen irgendwann mal in meiner Steam-Sammlung gelandet sind:

Unlock The King (Herstellerbild)

Unlock the King 1-3 (2019/2020; PC, MAC, NSWI) – Das Genre der „Chess-Inspired Puzzle Games“ ist überraschend groß. Hätte ich nicht gedacht. Und ein Entwickler, Minimol Games, scheint sich besonders wohl in dieser Nische zu fühlen und hat unzählige solcher Titel im Portfolio. In ihrer Unlock the King-Trilogie geht es beispielsweise – wie der Name schon andeutet – darum dem König einen Weg zum Ziel freizuschaufeln. Dieser wird versperrt durch andere Schachfiguren wie Türme, Pferde oder Läufer, die sich alle nur nach den entsprechend bekannten Regeln bewegen können. Die Spielfelder hingegen sind äußerst individuell gestaltet und haben mit der Realität nichts zu tun. Wäre ja auch sonst etwas langweilig.

Im ersten Teil puzzelt ihr nur auf einer 2D-Ebene, im zweiten wird es 2.5D (einzelne Plattformen sind höher oder niedriger) und im letzten dann voll 3D mit einer Rubik’s Cube-Mechanik. Sprich in Unlock the King 3 spielt sich alles auf einem Würfel im Nichts ab. Die einzelnen Teile des Würfels müssen hier mit Hilfe der anderen Spielfiguren so geschickt gedreht werden, dass der König zum Ziel kommen kann. Insgesamt über alle drei Spiele (kosten je 0,79€ auf PC bzw. 0,99€ auf der NSWI) hinweg erwarten euch 250 Puzzle, die einem schon relativ früh (bin in Teil 1 derzeit kurz vor Level 40/100) ganz schön Kopfzerbrechen bereiten. Aber das Grübeln macht Spaß und ist technisch sehr ansprechend gestaltet. Der Grafikstil ist ganz klar von TRON inspiriert und sehr minimalistisch, das Spielfeld lässt sich frei drehen und die Soundkulisse ist angenehm einlullend. Klare Empfehlung für Denksportliebhaber!

AtmaSphere (Herstellerbild)

AtmaSphere (2018; PC) – Hier zeigt sich mal wieder, wie wichtige Mund-zu-Mund-Propaganda ist. Ich habe gesehen, dass ein gewisser Philipp Spilker aus meiner Freundesliste das gespielt hat und es auf 0,41€ reduziert war (ist es zum Verfassungszeitpunkt auch noch). Also hab‘ ich mir so gedacht: Dieser Philipp weiß ab und zu (nicht immer) was gut ist, also schau‘ dir das für den Preis doch mal an. Viel erwartet habe ich tatsächlich nicht. Optisch machte es auf den Screenshots den Eindruck eines billigen Asset-Swap-Titels und, dass es 107 sehr einfache Achievements gibt erfüllte mich ebenfalls nicht Zuversicht.

Das Spielprinzip ist simpel: Ihr seid eine Metallkugel namens Ballard, die sich von links nach rechts einen Weg durch das mit Fallen, dünnen Traversen und unzähligen Gemeinheiten bestückte Level zu ihrer liebsten Kugel namens Ballerina bahnt. Auf dem Weg sammelt ihr fünf Diamanten (ihr müsst eure Dame ja beeindrucken) und Goldstücke. Letztere haben abseits der dazugehörigen Achievements aber keine Funktion. Insgesamt gibt es 30 Level für die ich ca. 3 1/2 Stunden gebraucht habe. Jedes Level bietet neue Herausforderungen, neue Fallen und alte Fallen in neuen Konstellationen. Das reicht von einfachen Stacheln, die aus der Erde schießen über Ventilatoren, die euch wegstoßen und Steinen, die vom Himmel fallen bis hin zu schnell rotierenden Plattformen und – das nervigste überhaupt – glitschige, dünne Mauern. Was bin ich an denen in den letzten Leveln fast verzweifelt…

Erschwert wird das Ganze noch dadurch, dass alles halbwegs physikalisch korrekt simuliert wird. Ballard ist wie gesagt eine Metallkugel. Die braucht einen Moment, um auf Tempo zu kommen und bleibt gleichzeitig nicht sofort stehen. Da rauscht man gerne mal am Ziel vorbei. Und auch die verschiedenen Materialien der Plattformoberflächen merkt man teils deutlich. Glücklicherweise sind die Checkpoints größtenteils fair verteilt. Ihr verliert also beim Runterfallen nicht allzu viel Zeit und könnt hingegen zügig einen zweiten Versuch an der kniffeligen Stelle wagen. Unterm Strich macht das Paket überraschend viel Laune. Das Leveldesign ist wirklich erstklassig und hält bei der Stange obwohl die Präsentation maximal zweckmäßig daherkommt. So zieht sich die Bahn in luftiger Höhe durch einen verregneten Wald, es glänzt alles ein wenig zu viel und die Musik geht einem tatsächlich relativ zügig auf den Geist. Dennoch: Ich hatte meinen Spaß und kann es tatsächlich für Geschicklichkeitsfans absolut empfehlen (für 0,41€ sowieso).

Latte Stand Tycoon (Herstellerbild)

Latte Stand Tycoon (2019; PC, MAC, LNX) – Mit dem Titel hatte ich so viel „Spaß“, dass ich sogar ein negatives Steam-Review verfasst habe als Gegenpol zu den ganzen positiven Bewertungen. Frag‘ mich durchaus ob die ein anderes Spiel gezockt haben… Die Geschichte ist simpel: Maya und Mia kommen nach Falling Leaves, um ihr Elternhaus zu restaurieren. Sie bekommen vom Bürgermeister 90 Tage das zu tun, andernfalls wird es abgerissen. Und wie wollen die beiden das nötige Geld dafür verdienen? Indem sie einen Kaffee… Korrektur: Einen Lattestand am Straßenrand eröffnen. Ihr kauft dazu die drei Inhaltsstoffe Kaffee, Milch und Gewürz ein und entscheidet jeden Abend wie das Rezept für den nächsten Tag aussehen soll. Abhängig vom Wetter haben die Kunden nämlich unterschiedliche Geschmäcker. Scheint die Sonne, sollte der Latte kälter sein als an einem Regentag und während eines Sturms mögen die Kunden den Latte wesentlich milchiger als, wenn es nur bewölkt ist.

Steht das Rezept, geht’s los. Anfangs müsst ihr die Kaffeemaschine noch manuell bedienen und alle paar Tassen anwerfen, später gibt es automatisierende Upgrades. Das Ergebnis ist gleich: Ihr schaut ca. 60 Sekunden (bei zweifacher Beschleunigung) dabei zu, wie die Kunden euren Kaffee kaufen und direkt bewerten. Ein weißes Schaumsymbol? Zu Milchig. Rote Linien? Zu Heiß. Dollarzeichen? Zu Teuer. Das merkt ihr euch entsprechend, passt das Rezept für den nächsten Tag mit gleichem Wetter an und hofft irgendwann nur noch Herzchen und grüne Daumen nach oben zu bekommen. Dann steigt eure Reputation, es kommen mehr Kunden und ihr bekommt mehr Geld rein. Mit diesem Geld verbessert ihr dann euren Stand, repariert das Haus und könnt sogar einen Wagen anheuern, um telefonische Bestellungen anzunehmen.

Klingt auf dem Papier super spannend. Die Realität ist sowas von langweilig. Nach einer Woche im Spiel habt ihr das perfekte Rezept für jedes Wetter gefunden, dann scheffelt ihr am laufenden Band Kohle und habt bis spätestens Tag 40 alle Upgrades gekauft. Und das war’s dann. Es gibt nichts mehr zu tun als jeden Tag das Rezept an der Maschine anzupassen und dann dem total verpixelten Treiben (man erkennt so gut wie nix) zuzuschauen. Ab und zu kommt der Bürgermeister vorbei und sagt ein paar Sätze – das war’s aber auch schon. Selbst am besagten 90. Tag passiert nichts Besonderes. Es wird zwar erwähnt, dass ihr jetzt zu einem größeren Stand in der Innenstadt umziehen könntet. Dieser Umzug findet aber nicht statt. Ihr könnt nur auf immer und ewig den gleichen Zyklus aus Latterezept einstellen und Zuschauen weiter fortführen. Ich hab’s tatsächlich bis Tag 100 noch ausgehalten und es dann deinstalliert. Definitiv knapp vier Stunden Lebenszeit, die ich bereue. In der aktuellen Form (und ich bezweifle, dass der Entwickler noch etwas tut) definitiv einen großen Bogen drum machen – trotz eines Preises von nur 0,39€ zum Verfassungszeitpunkt. Ihr könnt allerdings gerne mein Guide bewerten. Mein allererstes auf Steam und dann für sein Schundspiel :smile: .

Dee-6: Dice Defenders (Herstellerbild)

Dee-6: Dice Defenders (2021; PC) – Dieser Titel wird erst am 1. April veröffentlicht. Ja, der Webmaster spielt auch mal was brandaktuelles! Die Entwickler hatten Co-Optimus ein paar Keys zur Verfügung gestellt, weshalb ich bereits loslegen und zum Verfassungszeitpunkt (sage ich in diesem Eintrag ziemlich oft, oder?) rund sechs Stunden darin versenkt habe. Aber gleich vorweg: Es hat gar keinen Coop-Modus. Es ist ein reines Einzelspielererlebnis – genauso wie das Vorbild. Das Werk des Entwicklers KBA3u’s factory basiert nämlich auf dem Brettspiel Deep Space D-6 von 2015, ist aber keine offizielle Umsetzung. Das Brettspiel hingegen ist inspiriert vom extrem erfolgreichen Indietitel FTL: Faster Than Light (2012). Ein Videospiel wird zu einem Brettspiel und dann wieder zu einem Videospiel quasi :wink: .

Um was geht’s?

Ihr steuert ein Raumschiff mit einer Mannschaft bestehend aus sechs Würfeln. Euer Gegenspieler ist ein Stapel mit 42 sogenannten Bedrohungskarten. Eure Aufgabe: Solange überleben bis ihr alle 42 Bedrohungen (und je nach Einstellung eine Bosskarte) besiegt habt. Eine Runde läuft dabei folgendermaßen ab: Es wird eine Bedrohung gezogen. Dies kann eine interne (z.B. ein Maschinenbrand) oder eine externe Bedrohung sein (meist ein feindliches Schiff). Anschließend würfelt ihr, um zu sehen welche Art von Mannschaft euch in dieser Runde zur Verfügung steht. Sensoren, Krankenstation, Maschinenraum, Waffenkammer, Schildgenerator und ein Kommandoraun stehen zur Verfügung. Letzterer erlaubt es euch entweder ein Crewmitglied beliebig auszuwechseln oder die restlichen Würfel noch einmal zu werfen. Das Besondere an den Sensoren ist hingegen, dass diese Würfel solange gebunden sind bis diese entweder voll besetzt sind oder ihr sie mit Hilfe der Crew der Krankenstation zurückholt. Sind die Sensoren voll, wird automatisch eine weitere Bedrohungskarte außerhalb der Reihe gezogen.

Nun müsst ihr versuchen mit den erwürfelten Crewmitgliedern den Bedrohungen entgegen zu treten. Einfachstes Beispiel: Ihr habt Würfel mit dem Waffenkammersymbol und bemannt diese entsprechend. Anschließend könnt ihr auf eine (oder mehrere) externe Bedrohung(en) schießen. Je mehr Crewmitglieder ihr reinstecken könnt, desto mehr Schüsse habt ihr. Feinde können bis zu vier Lebenspunkte haben und bleiben solange eine Gefahr, bis sie zerstört sind. Habt ihr alle Crewmitglieder eingesetzt (oder könnt nichts mehr machen), wird der Bedrohungswürfel geworfen. Jede Bedrohung hat Abhängigkeiten, die sie aktiv werden lässt. So schießen die Schiffe der Weltraumpiraten beispielsweise immer dann, wenn der Würfel auf 1, 2 oder 3 landet und verursachen dann Schadenspunkte an eurem Schiff. Es gibt aber auch Bedrohungen, die schlagen automatisch zu, wenn bspw. eure Schilde zerstört sind. Habt ihr den Bedrohungswürfel überlebt, wird unerbittlich die nächste Bedrohung gezogen und die nächste Runde beginnt.

Das Drumherum

Dee-6: Dice Defenders (Herstellerbild)

Das Spiel bietet für jedes Schiff eine Kampagne mit entsprechend thematischen Bedrohungen je Mission sowie ein halbes Dutzend Spielerschiffe mit jeweils einem anderen Aufbau und Funktionen. Diese müsst ihr nach und nach freischalten indem ihr Schlachten gewinnt und/oder Achievements freischaltet (z.B. deaktiviert drei Bedrohungen in einer Runde). FTL: Faster Than Light lässt grüßen. Es gibt auch die Option sich direkt in die Schlacht zu stürzen ohne eine Hintergrundgeschichte sowie Einstellungen mit denen ihr euch das Leben leichter/schwerer machen könnt. Je schwerer, desto mehr Punkte und Geld bekommt ihr nach einem erfolgreichen Durchgang. Mit dem Geld könnt ihr während einer Runde im globalen Shop einkaufen und so bspw. auf einen Schlag eine externe Bedrohung auslöschen oder Crewmitglied wieder für die Runde aktivieren. Ich habe es bislang aber nur gehortet :smile: .

Ein erfolgreiches Match durch alle 42 Karten dauert 30-45 Minuten und euer Erfolg ist logischerweise sehr vom Würfelglück abhängig. Wenn ihr Pech habt und sich zig interne und externe Bedrohungen auf dem Bildschirm sammeln, ihr gleichzeitig aber jede Runde nur noch zwei Crewmitglieder zur Verfügung habt, ist das Ende meist sehr schnell erreicht. Die Taktik kommt dabei jedoch trotzdem nicht zu kurz. Man muss schon stark überlegen wie man seine begrenzte Crew einsetzt und welche Bedrohungen gerade priorisiert behandelt werden sollten. So hat es zwar relativ lange gedauert bis ich den ersten Boss erfolgreich zerstört habe. Aber mittlerweile (bin in Mission 9 der ersten Kampagne) schaffe ich es auch die ein oder andere aussichtslos erscheinende Situation zu meistern und bin entsprechend gut gelaunt danach. Ihr wisst schon: Der Dark Souls-Effekt.

Grafisch orientiert sich das Spiel an den Vorlagen und ist entsprechend übersichtlich und klar. Die FTL: Faster Than Light-Inspiration kommt sehr deutlich rüber. Aber das ist okay und erfüllt seinen Zweck. Der Hintergrund bewegt sich und ab und zu fliegt mal ein Planet oder ein Satellit vorbei (kann beides ausgeschaltet werden). Das war’s aber auch schon. Durch die Boxen dringt hingegen ein angenehm zurückhaltender, atmosphärischer Soundtrack.

Beim Christoph meint: Ich bin schwer begeistert von dieser Brettspielumsetzung (sonst hätte ich vermutlich noch keine sechs Stunden darin versenkt). Natürlich könnte man sich fragen, warum ich nicht lieber FTL: Faster Than Light starte. Aber die Antwort dürfte schlicht sein, dass die Komplexität bei Dee-6: Dice Defenders nicht so hoch ist. Es gibt keine Ausrüstung, keine Shops, keine Flugrouten, keine unterschiedlichen Crewrassen und vor allem keine hektischen Echtzeit-mit-Pause-Kämpfe. Stattdessen kann ich gemütlich vor mich hinwürfeln und versuchen den Bedrohungsstapel abarbeiten. Das ist angenehm chillig und doch gleichzeitig eine echte taktische Herausforderung selbst oder gerade, wenn das Würfelglück mal wieder nicht auf meiner Seite ist. Definitiv ein Spiel, dass ich euch nur ans Herz legen kann. Und zwar egal, ob ihr FTL: Faster Than Light mochtet oder nicht. Und 1000mal besser als das stupide und mega-unfaire Chainsaw Warrior (ein Solobrettdpiel/Videospiel von Games Workshop) ist es ebenfalls.

Letzte Woche haben wir das 20jährige Bestehen von Beim Christoph gefeiert. Heute vor 20 Jahren ist hingegen ein Spiel in die Händlerregale gekommen, das für mich und viele Veteranen dieser Seite ebenfalls eine besondere Bedeutung hat: Gothic, der Rollenspielhit aus deutschen Landen entwickelt von der Piranha Bytes Software GmbH und veröffentlicht von Egmont Interactive und dtp unter ihrem gemeinsamen shoebox-Label.

Ein bisschen Abschweifen

Giants: Citizen Kabuto (Herstellerbild)

Bevor wir aber genauer auf diesen absoluten Klassiker eingehen, darf natürlich nicht unerwähnt bleiben, dass 2001 grundsätzlich ein extrem gutes Jahr für Videospiele war. Serious Sam: The First Encounter feiert beispielsweise kommenden Sonntag seinen zwanzigsten. Black & White kam hingegen am 30. März 2001 in Deutschland auf den Markt. Außerdem in 2001 (in der Releasereihenfolge): Tropico, Red Faction, Baldur’s Gate II: Throne of Baal, Operation Flashpoint: Cold War Crisis, Anachronox, Final Fantasy X, Max Payne, Arcanum: Of Steamworks and Magick Obscura, Shenmue II, Silent Hill 2, Ico, Devil May Cry, Stronghold, Grand Theft Auto III, Aliens vs. Predator 2, Civilization III, Soul Reaver 2, Burnout, SSX Tricky, Project Gotham Racing, Giants: Citizen Kabuto, Ghost Recon und natürlich ein kleiner, völlig unbedeutender Launchtitel für Microsofts erste Xbox namens Halo: Combat Evolved, der über Nacht den Konsolenshooter neu erfinden sollte.

Heftig, was da damals los war und diese Aufzählung ist logischerweise nur die absolute Spitze des Eisbergs! Über ein Dutzend langjährige Serien haben 2001 ihren Anfang gehabt. So viele Titel, welche die Spielelandschaft teilweise komplett und nachhaltig verändert haben. Und gleichzeitig zahlreiche Werke, die innovativ waren und trotz oder gerade deswegen irgendwie keinen Fuß auf den Boden bekamen. Nein, ich rede nicht von Black & White. Das hat Peter Molyneux nur zu hoch gehypt. Verkauft hat es sich trotzdem wie geschnitten Brot (und wurde hier und da sogar Videospiel des Jahres) und bekam entsprechend einen Nachfolger spendiert. Ich rede hingegen beispielsweise vom Third-Person-Shooter/RTS-Mix Giants: Citizen Kabuto mit seinen drei völlig unterschiedlichen, spielbaren Fraktionen oder Ion Storms rundenbasiertes Sci-Fi-Party-Rollenspiel Anarchronox. Und ja, ich bin wie immer Teil des Problems. Ich hab‘ sie zwar im Regal stehen (von Giants sogar die Erstauflage) aber beide bislang nicht einmal ansatzweise durchgespielt. Wie lange noch bis ich in Rente gehen kann? Knapp 30 Jahre nach aktueller Gesetzgebung? Okay… :sad: .

Ein Rechenfehler

Doch zurück zu Gothic, dem zweitbesten Einzelheldenrollenspiel aller Zeiten. Warum nur zweitbestes? Weil der Nachfolger Gothic II (mit dem Addon Die Nacht des Raben) noch einmal eine große Schippe draufgelegt hat. Aber darüber können wir dann nächstes Jahr reden, wenn es am 29. November seinen 20. Geburtstag feiert. Wer Teil 1 nicht kennt: Ihr seid ein Neuankömmling im Minental auf der Insel Khorinis. Da sich das Königreich Myrtana im Krieg mit den Orks befindet, braucht es dringend das magische Erz aus den dortigen Bergwerken. Da aber nicht genug freiwillige Bergarbeiter bereitstehen, wurde kurzerhand entschieden ein Zwangslager aufzubauen. Reingeworfen wird jeder, der eine Hacke halten kann egal ob er nur ein Stück Brot geklaut oder eine ganze Ortschaft abgeschlachtet hat.

Um die Gefangenen von der Flucht abzuhalten, sollte eine magische Barriere errichtet werden, die zwar lebende Dinge reinlässt, aber nicht mehr raus. Leider haben die zwölf Magier in Mathe nicht so richtig aufgepasst (oder das magische Erz hat dazwischen gefunkt) und die Barriere umfasst nun das komplette Minental – inkl. der Magier. Da der König aber natürlich trotzdem sein Erz braucht, schließt er notgedrungen einen Handel mit den Insassen ab: Erz gegen alltägliche „Gegenstände“. In Anführungszeichen, weil auch Frauen zu diesen Lieferungen gehören und diese im Gothic-Universum nicht ganz so toll behandelt werden. Ich lasse das aber jetzt hier mal so kommentarlos stehen, okay? Danke.

Eine faustgroße Begrüßung

Gothic (Herstellerbild)

Das Spiel beginnt damit, dass ihr buchstäblich ins kalte Wasser unten am Fuß des Transportaufzugs geworfen werdet. Am Rand des kleinen Sees bekommt ihr anschließend von der Willkommensgarde einen Faustschlag in die Fresse. Nachdem ihr aus eurer Ohnmacht zurückkehrt, erwartet euch Diego, der den namenlosen aber sprechenden Helden begrüßt und ins Wesentliche einweiht. Gut, technisch gesehen ist der Spielercharakter nicht namenlos. Man erfährt ihn nur nie. Das Problem ist, dass ihn in keinem der Spiele einer danach fragt und er direkt von Diego klar gemacht bekommt, dass es auch irrelevant ist:

Diego: Ich bin Diego.
Held: Ich bin…
Diego: Mich interessiert nicht wer du bist. Du bist neu hier. Ich kümmere mich um die Neuen.[…]

Wenn das kein genialer Spieleinstieg ist, weiß ich auch nicht. Kein Hochglanzmist von wegen „Auserwählter“ oder so. Stattdessen harte Realität: Ich bin neu hier, stehe ganz oben auf der Abschussliste und werde vermutlich die erste Woche nicht überleben.

Und genau das ist es, was sogenannte Euro-Rollenspiele und Gothic ganz speziell ausmacht warum ich sie so viel besser finde als der High-Fantasy-Hochglanzscheiß vor allem aus dem Hause Bethesda. Ja, ich rede sowohl von The Elder Scrolls als auch den neueren Fallout-(Haupt-)titeln. Das Minental ist kein netter Ort. Es wimmelt nur so von wilden Tieren, Monstern (und Orks) und nicht raus zu können ist trotz der Versorgung durch den König keine schöne Sache. Und das zeigt sich an allen Ecken und Enden, denn das Tal mag zwar größtenteils mit Gefangenen besiedelt sein. Aber das sind trotzdem normale Menschen (inkl. des Helden). Menschen (und Tiere!), die einen einfachen aber realistischen Tagesablauf haben, die eher „Arschloch“ sagen als „Entschuldigen Sie“, die aus der Barriere raus wollen und eben keine hochtrabenden „Ich-lauf-mit-blank-geputzter-Rüstung-durch-die-Straßen-und-erschlag-den-Drachen“-Sirs und Madams. Das macht die Welt von Gothic trotz ihrer wenigen Polygone glaubhafter und nachvollziehbar als ich es damals aus anderen Spielen kannte.

Dazu kommt, dass diese komplett offene Spielwelt – es gibt nach dem erstmaligen, damals zugegeben sehr langen Laden nur 2-3 weitere Ladebildschirme z.B. beim Besuch der Minen – an sich sehr abwechslungsreich und mit sehr viel Liebe zum Detail gestaltet ist. Es gibt einen Tag- und Nachtwechsel mit Wettereffekten (wenn Blitze die Barriere erhellen sieht das immer noch genial aus) und jeder einzelne Gegenstand ist mit der Hand platziert. Erkunden wird entsprechend belohnt und ein paar natürliche Barrieren zwingen euch zwar auf bestimmte Wege aber euer Spielfortschritt wird hauptsächlich dadurch gebremst, dass euch im jeweiligen Gebiet stärkere Monster erwarten, die ihr vermutlich noch nicht besiegen könnt. „Vermutlich“, weil ihr ggf. vorbeirennen könnt oder sie sogar theoretisch auch mit Level 1 platt machen könnt, wenn ihr geschickt genug seid. Tote Viecher bleiben hingegen tot. Nur zum Kapitel-Wechsel wird die Welt aktualisiert und neue (nicht die gleichen!) Monster verteilt.

Kampf und Mampf

Das Kampfsystem spaltet vermutlich bis heute die Gemüter. Auf Knopfdruck wechselt ihr vom Bewegungsmodus in den Kampfmodus. Im Original wählt ihr nun euer Ziel mit den Pfeiltasten aus, haltet anschließend die „Strg“-Taste gedrückt und kombiniert diese dann wieder mit den Pfeiltasten (bzw. WASD). Ihr schlagt also nicht einfach zu, sondern müsst auch die Richtung wählen. Nach unten ist „Verteidigung“. Der Witz ist: Einfach draufhämmern geht nicht. Ihr müsst ähnlich wie später bei The Witcher zum rechten Zeitpunkt quasi den Schlag realistisch fortsetzen. Wenn ihr also zuerst nach links geschlagen habt, sollte der nächste nach rechts erfolgen. Erst dann kriegt ihr die richtigen Kombos hin und lasst eurem Feind keine Chance. Keine Frage: Das ist im ersten Moment extrem ungewohnt. Ich möchte es aber nicht mehr missen. Ich hab‘ in Gothic 2 sogar relativ zügig wieder zurückgeschaltet auf diese Art der Steuerung, weil ich selbst am ersten Goblin gescheitert bin ohne.

Gothic (Herstellerbild)

Außerdem merkt man das Training beim Lehrer (gegen Erz und Erfahrungspunkte) speziell beim Nahkampfstil. Schlägt der Held anfangs noch ziemlich unbeholfen auf den Gegner ein und pausiert viel, werden seine Bewegungen mit jeder Stufe flüssiger und ihr könnt diese noch präziser steuern. Sowieso ist Gothic sehr gut darin euch die Entwicklung eures Charakters zu vermitteln. Ist anfangs noch jeder Scavenger ein echtes Problem, fallen am Ende selbst ausgewachsene Golems zügig tot um und das nicht, weil ihr einfach nur im Level aufsteigt (die gibt’s nämlich nicht) und dadurch ein paar Zahlen hochgegangen sind. Es gibt stattdessen eben diesen direkten Bezug zu eurer Ausrüstung und euren erlernten Fähigkeiten. Das ist besonders extrem spürbar, sobald ihr euch einem der drei Lager anschließt (Neues und altes Lager sowie Sumpflager – grob Nahkampf, Fernkampf und Magie). Dann bekommt ihr nämlich die Ausrüstung des jeweiligen Lagers und seid plötzlich (was aber total Sinn macht) sehr viel stärker. Quasi „Ich bin jetzt Teil einer Gemeinschaft und dadurch besser“. Das ist ein extrem cooles Gefühl… zumindest bis man die Piranha-Bytes-Standardformel durchschaut hat. Diese Meilensteine gibt es nämlich in allen ihren Titeln – teils mehrfach :smile: .

Das Minental befreien

Natürlich wäre das Spiel doch etwas langweilig, wenn ihr auf immer und ewig nur der namenlose Neuling wärt. Ihr werdet selbstverständlich am Ende der Held sein, der die Barriere zerstört und das Minental befreit. Dazu tötet ihr wie von einem Rollenspiel gewohnt haufenweise Sachen, sammelt dabei Erfahrungspunkte mit denen ihr eure Fähigkeiten verbessert und Gegenstände, betreibt Handel, etwas Handwerk gibt es ebenfalls (Schmieden, Alchemie, etc.) und erfüllt Aufgaben (erfreulich wenige „Töte dies, bring das dahin“-Sachen), die euch kreuz und quer durch die abwechslungsreiche Landschaft schicken. Dabei erfahrt ihr immer mehr über die Hintergründe, lernt viele interessante (oder nervige) Charaktere durch teils geniale Dialoge kennen und deckt logischerweise nach und nach den eigentlichen Grund auf, warum die Barriere nicht so geworden ist wie gewünscht.

Auf dem Weg zum Finale lassen euch die Entwickler sehr viele Freiheiten. Ihr seid nicht zwingend einem Archetyp verpflichtet – ein reiner Wassermagier hat nur Zugriff auf stärkere Sprüche – und könnt euren Charakter so aufbauen wie ihr es wollt. Ein Großteil der Quests kann zudem auf mehrere Arten gelöst werden. Ja, einfach alle abschlachten gehört dazu. Und das Tempo des Fortschritts bestimmt ihr selbst. Wenn ihr erst drei Stunden lang das Gebiet rund um den Aufzug erkunden wollt, dann hindert euch nichts daran. Ihr werdet also wirklich einfach in die Welt geworfen und könnt tun und lassen was ihr wollt. Der Rest ergibt sich komplett organisch und fast schon automatisch.

Fazit

Gothic (Herstellerbild)

Ich kann mich nicht an viel aus meiner Kindheit und Jugend erinnern. Aber zwei Sachen weiß ich auf jeden Fall noch: Ich hatte Gothic das erste Mal auf einer Buchmesse gesehen. Vermutlich anno 2000. Es war recht fehl am Platz aber es gab‘ damals ja noch keine Spielemessen in Deutschland. Es lief auf einem Rechner am Rand eines Stands und ich wusste ehrlich gesagt nicht viel damit anzufangen (ein Teil des alten Lagers war zugänglich). Entsprechend habe ich mich nicht lange damit beschäftigt. Ihr wisst schon: Kunstbanause.

Die zweite Sache ist ein Feiertag im Jahre 2001 (vermutlich Ostersonntag oder Ostermontag), den ich noch ganz genau vor Augen habe: Rondrer, Daiah und Don Quichotte waren im Wohnzimmer vor meinem Computer (ein Pentium-3-Rechner, den ich Azzkickr abgekauft hatte) versammelt und schauten mir zu wie ich Gothic spielte. Ich war noch recht am Anfang, wir haben in der Zeit auch das In Extremo-Konzert zum ersten Mal gesehen. Und wir alle waren von dem Spiel begeistert. Rondrer hat es sich im Anschluss sogar gleich selbst geholt und wir haben dann über ICQ sehr viel über unsere Erlebnisse gechattet.

Gothic und Gothic II haben mich also durchaus geprägt, was mich sicherlich etwas voreingenommen macht. Aber ich spiele sie beide (mit dem ein oder anderen Grafik- und Bugfixing-Mod) immer noch sehr gerne aufgrund ihrer spielerischen Qualitäten und kenne absolut keine vergleichbaren Werke. Ja, selbst Risen kommt an das Original nicht ganz ran – und das nicht nur wegen der Nostalgiebrille. Was Piranha Bytes da vor 20 Jahren fabriziert hat war einfach eine geniale und runde Sache. Gothic hat eine authentische, lebendige und frei begehbare 3D-Spielwelt in der es angenehm „erwachsen“ zugeht ohne gleich in „Gewalt“ und „Sex“ zu versumpfen und wo nicht alles einfach nur schwarz und weiß ist. Und es macht Spaß diese zu erkunden.

Im Jahr 2021 aber, da mache ich mir natürlich keine Illusion, ist der Titel in vielerlei Hinsicht (Steuerung, Technik, etc.) sehr veraltet. Da kann auch die immer noch sehr aktive Mod-Community nur bedingt helfen. Wir konnten ja schon 2006 unseren Azzkickr nur schwer davon überzeugen den zweiten Teil endlich mal zu spielen obwohl er am Ende total begeistert davon war (und trotzdem bis heute nicht Teil 1 nachgeholt hat). So gerne ich also nun was von wegen „Pflichtspiel“, „müssen alle Rollenspielliebhaber nachholen“ und dergleichen faseln würde – die Realität ist schlicht und einfach wie so oft: Wer damals nicht dabei war, wird sich vermutlich schwer damit tun. Einen Versuch ist es aber definitiv wert. Versprochen! Also traut euch :smile: .

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