*pust* Ganz schön viel Staub auf dieser Kategorie. Ja, Lesen steht irgendwie bei mir nicht sonderlich weit oben auf der Tagesordnung. Kriege es auch nicht in den Alltag integriert. Lysanda beispielsweise hat sich angewöhnt auf der Vibrationsplatte einfach mal zehn Minuten zu lesen nach dem Sport. Ich hingegen? Selbst die Werke auf dem Nachttisch bleiben oft monatelang unberührt, bevor ich mal wieder eine Seite umblättere. Gleichzeitig wird der Platz in den Regalen immer kleiner… Aber hey: Man soll ja die positiven Dinge im Leben sehen. Zum Beispiel, dass ich es tatsächlich endlich mal wieder geschafft habe einen toten Baum fertig zu konsumieren! Und da ich gefühlt mittlerweile mehr Fachbücher über die Videospieleindustrie habe, als “normale” Belletristik, war es dieses Werk:
Master of Magic – The Official Rob Hubbard Softography (Chris Abbott, Dr. Rob Hubbard & Prof. Kenny McAlpine; 2024) – Ja, es ist eine “Softography”, keine Biographie im klassischen Sinne. D.h. der Fokus des Buchs liegt voll und ganz auf den Werken von Rob Hubbard und eher im beiläufig auf die Person selbst. Und dieser ist eine der bekanntesten Komponisten für den Commodore 64 und einer der damaligen Pioniere im Bereich der SID-Programmierung.
SID steht für “Sound Interface Device” und macht genau das, was auf der Packung steht: Töne produzieren. Und neben Soundeffekten lässt sich damit logischerweise auch Musik machen. Das war damals noch nicht selbstverständlich, und dem C64 halbwegs anständige Sachen zu entlocken war definitiv eine Kunst für sich. Nicht nur wegen der begrenzten, wenn auch für damalige Verhältnisse fortschrittlichen Möglichkeiten des Soundchips. Einen Soundeffekt und gleichzeitig Musik abspielen? Anfangs ein Ding der Unmöglichkeit. Und wegen der harten Speicherbegrenzung musste man als Entwickler äußerst kreativ sein und sich gut überlegen, ob ein Level mehr nicht doch wichtiger ist als ein paar zusätzliche Töne aus den blechernen Boxen. Und trotz dieser Limitationen haben die Virtuosen dieser Zeit – und davon war Rob Hubbard einer – dem Brotkasten mehr als nur ein paar langweilige Piepstöne entlockt.
Von Vorteil war, dass der Brite schon immer musikalisch war. Bevor er den C64 für sich entdeckte, arbeitete er als Studiomusiker. Ende 1983 kaufte er sich ein Gerät und brachte sich damit BASIC bei, um Musiklernsoftware zu programmieren. Da ihm BASIC allerdings zu langsam war, wechselte er relativ zügig zu Assembly – also Maschinensprache. Seine Lernsoftware wollte jedoch keiner haben. Deshalb bastelte er sich einen professionellen C64-Musikplayer, sprich einen eigenen Soundtreiber, und machte sich ab April 1984 auf die Suche nach Aufträgen für Programmierung und/oder Komposition. Da es damals noch nicht so mit dem Internet war, hat er dazu klassisch Softwareentwickler per Post angeschrieben – und tatsächlich gleich zwei Jobs bekommen.
Die Anfänge
Zum einen sollte er die Musik für den C64-Port von Up, Up and Away beisteuern – der dann aber erst 1985 auf den Markt kam. Und zum anderen beauftragte Ubik Software ihn damit ein Spiel basierend auf einer TV-Show für Kinder namens “Razzmatazz” zu programmieren. Da Ubik Software pleite ging, wurde am Ende jedoch nichts daraus. Insofern hatte Rob 1984 dann doch nicht so viel Erfolg mit seinem neuen Projekt. Ein Flyer und eine Demokassette im Januar 1985 brachten den Ball jedoch so richtig ins Rollen. Für über 75 Videospiele (nicht nur, aber hauptsächlich für den C64) hat Hubbard anschließend zwischen 1985 und 1989 neue Musik geschrieben, bestehende Kompositionen auf den C64 konvertiert und häufig auch die Soundeffekte beigesteuert. Mit zu seinen bekanntesten Werken auf der Brotmaschine zählen wohl Monty on the Run (1985), Thing on a Spring (1985), W.A.R. (1986), International Karate (1986) und Wiz (1987). Achtung: Akute Pieps-Gefahr beim Klicken der Links! Aber das sollte eigentlich klar sein?! Wobei das genau die Werke von Rob und seinen ebenbürtigen Kollegen ausmacht: Es sind größtenteils auch heute noch hörenswerte Musikstücke. Dynamisch, melodisch, abwechslungsreich – eben trotz der Hardwarelimitationen normale Musik und nicht nur zwei Piepstöne aus dem PC-Speaker.
Und obwohl es durchaus einige Angebote gab in dieser Zeit bei einem Entwickler direkt anzuheuern, blieb er vergleichsweise lange unabhängig. Er lehnte sogar Aufträge ab, weil er in dem Sinne zugeschüttet wurde mit Arbeit. Doch Anfang 1988 bekam er dann doch eine Chance, die er nicht ablehnen konnte: EA war so begeistert von seiner Arbeit an Skate or Die, dass sie ihn anheuern wollten. Nach seinen Erfahrungen auf dem Campus in Redwood City fiel ihm die Entscheidung wohl nicht sonderlich schwer. Nicht nur lernte er die kalifornische Sonne zu schätzen, auch die Möglichkeit neue Technologien wie den Roland MT-32 in die Finger zu bekommen, reizten ihn ungemein. Gerade wegen seines hohen Outputs war er 1987 nach eigenen Aussagen kreativ nämlich relativ ausgebrannt und suchte Wege seine Passion wieder aufleben zu lassen.
Zur Ruhe kommen
Sein Output wurde unter EA weniger, da er mehr im Hintergrund arbeitete und die Grundlagen für seine Kollegen legte. Aber nachdem er sich die Jahre zuvor so verausgabt hatte, war es verständlich. Neben einigen der ersten EA-Sporttiteln, hat er in der Zeit beispielsweise auch die Titelmusik für Peter Molyneuxs Populous komponiert sowie den Soundtrack und die Soundeffekte für Road Rash produziert. Sein größter Coup war aber wohl sein Reverse Engineering des SEGA Mega Drive, das es EA erlaubte einen besseren Lizenzdeal mit SEGA auszuhandeln. 1997 wechselte er dann ins Management, weil EA immer häufiger auf lizenzierte Musik setzte. Er war für Strategie, Musiklizenzierung und das Management der vielen Audio-Produzenten zuständig, an die EA die Aufgaben outsourcte.
2002, im Alter von 47 Jahren, hatte er dann genug von EA und zog zurück nach England. Ihm war es zu “unternehmerisch” geworden. Seitdem macht er in dem Sinne nur noch, worauf er wirklich Lust hat. Beispielsweise seine Musik für Orchester umschreiben (8-Bit Smyphony), für den ein oder anderen Indie-Film (Väter der Pixel-Monster – Englands Computerspiel-Pioniere) komponieren, und ja, auch neue Musik produzieren (Rob Returns) sowie Remixe nicht nur seiner alten Werke (Hubbard ‘80*).
2016 hat er außerdem die Ehrendoktorwürde (“Doctor of Music”) von der University of Abertay erhalten.
Das Buch
So viel zur Person “Rob Hubbard”. Kommen wir nun zum Buch: Auf den 354 Seiten werden alle Werke – und damit meine ich wirklich alle – behandelt, an denen er bis zum Druck des Buchs beteiligt war. Oder in Zahlen ausgedrückt: Über 100 Spiele in chronologischer Reihenfolge. Und da keiner von euch verlangen kann alle diese Musikstücke auswendig zu kennen, gibt es passend dazu online eine äußerst umfangreiche Mediengalerie. Zu fast allen Titeln könnt ihr euch nicht nur Robs Musik anhören, sondern auch den dazugehörigen SID-Treiber und je nachdem weiteres Hintergrundmaterial dort herunterladen. Theoretisch könnte ich hier den Link posten, aber da könnte jemand was dagegen haben. Deswegen lasse ich es lieber.
Die Mediengalerie ist immens wichtig beim Lesen des Buches. Musik lässt sich schließlich nur bedingt gut beschreiben. Entsprechend versucht der Autor es gar nicht erst. Textpassagen wie z.B.
The echoed solo halfway through the tune is actually a piss-take of the sax solo in the Hall and Oates hit “Maneater”.
(Chris Abbott, 2024 S. 55)
lassen sich vom Leser somit nur einordnen, indem ihr das Lied vor oder während des Lesens des Textes anhört. Leider ist der Aufbau der Mediengalerie dafür speziell auf dem Smartphone nur bedingt geeignet. Ständig bin ich am Rumnavigieren und Suchen des richtigen Videos im Unterordner (die SIDs selbst spielt es ja nicht ab). Das unterbricht massiv den Lesefluss und hat mich leider relativ schnell davon abgehalten es überhaupt zu versuchen. Am Ende habe ich es nur noch bei den Titeln gemacht, wo es wirklich zum Textverständnis notwendig war.
Der Inhalt
Den Schreibstil von Master of Magic würde ich als “flapsig” bezeichnen. Es wird schnell klar, dass der Autor absoluter Hubbard-Fan ist und (scherzhaft) jeden verurteilt, der anderer Meinung ist. Sehr häufig sind beispielsweise Seitenhiebe auf damalige Spieletester, die schlechte Noten gegeben haben. Das kann man machen, muss der Leser aber mögen. Und meine Erwartungshaltung an so ein Werk ist definitiv eher eine fakten-basierte Schreibe als sowas. Insofern hat mich das durchaus gestört. Der Standardaufbau jedes Spieleberichts ist hingegen eine Vierteilung:
- Im ersten Abschnitt geht es um die zeitliche Einordnung, das Spiel bzw. seine Entwicklungsgeschichte soweit sie relevant ist, welche Vorgaben Rob hatte, wie die Musik entstanden ist und eventuelle Besonderheiten. Rob kommt hier auch und wieder selbst zu Wort. Für ein Werk, das sich rühmt in Zusammenarbeit mit ihm entstanden zu sein, allerdings doch gefühlt zu wenig. Liegt aber vielleicht daran, dass er sich häufig gar nicht mehr daran erinnert. Also nicht nur an das explizite Musikstück. Teilweise weiß er gar nicht mehr, dass er überhaupt für dieses Spiel was gemacht hat.
Kann ich ihm nicht verdenken. Er wurde zur Legende gemacht, obwohl er aus seiner Sicht eigentlich nur Auftragsarbeiten erledigte. Schade ist es trotzdem, weil genau diese Informationen aus erster Hand ein großes Kaufargument für das Buch ist. Aber auch sonst kommt mir dieser Teil des Textes häufig viel zu kurz vor. Stattdessen wird den anderen, weniger interessanten Abschnitten mehr Raum gegeben.
- Im 2. Abschnitt geht es um eventuelle Ports und andere Versionen des Spiels. Vor allem natürlich in Hinsicht darauf, ob Rob dafür ebenfalls die Musik gemacht hat oder zumindest seine Version die Basis war – teils inklusive einer erneut sehr flapsig formulierten Beurteilung des Ergebnisses.
- Der dritte Abschnitt enthält hingegen O-Töne aus damaligen Spielemagazinen, die explizit die Musik und die Soundeffekte erwähnt haben. Dieser Part ist sehr England-lastig (da stammt nun einmal Buch und Autor her), z.B. die deutsche Happy Computer wird allerdings ebenfalls hier und da zitiert.
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Und im letzten Abschnitt wird es dann extrem technisch. Und zwar geht es explizit um die Veränderungen im Soundtreiber für das jeweilige Spiel. Also welche Version des Treibers kommt zum Einsatz und welche Anpassungen hat Rob vorgenommen, um dem C64 die richtigen Töne zu entlocken. Problematisch bei diesem Absatz ist, dass ihr zum einen ein gewisses Verständnis für Soundtechniken benötigt. Beispielsweise was ein “Wobble” ist oder ein “Glide” ist. Und zum anderen müsst ihr quasi den Treiber kennen. Sonst könnt ihr mit Aussagen wie “ORA #40 in the pulse-width routine.” wenig anfangen. Es gibt zwar im Anhang eine kleine Einführung in den Treiber, aber ganz ehrlich: Selbst nach dem Konsum dieses sehr auf Programmierer zugeschnittenen Abschnitts habe ich die meiste Zeit nur Bahnhof verstanden. Und das ist schlecht, da das “Driver Update” häufig einen signifikanten Teil zu einem Spiel einnimmt.
Jedes Spiel bekommt mindestens zwei Seiten spendiert. Bei den “wichtigeren” bzw. einflussreicheren Titeln wie beispielsweise das namensgebende Master of Magic, sind es durchaus mal mehr. Hier darf dann auch mal der dritte Autor, Professor Kenny McAlpine, zu Wort kommen und seine Sicht der Dinge teilen. Er hat maßgeblich bei den Recherchen für das Buch unterstützt und ist selbst ein vielfach ausgezeichneter Komponist und Musiker.
Optisch verschönert werden die Artikel hingegen vornehmlich durch Fotos der Spielepackungen und dem ein oder anderen Screenshot. Insgesamt halbwegs abwechslungsreich gestaltet und gut zu lesen.
Beim Christoph meint: Von mir bekommt Master of Magic – The Official Rob Hubbard Softography nur
. Die Mediengalerie ist eine coole Sache, aber das Buch selbst hat meine Erwartungen nicht wirklich erfüllt. In Bezug auf den Treiber ist es mir zu detailliert ohne die Basis dafür zu legen. Und in allen anderen Punkten ist es meist zu oberflächlich als, dass ich daraus wirklich einen Mehrwert gezogen hätte. Es funktioniert maximal als Nachschlagewerk, um zu prüfen ob Rob Hubbard an Titel XY beteiligt war und in welcher Form. Wirklich viel über ihn und seine Arbeit habe ich durch den Konsum jedoch nicht gelernt. Vielleicht ist es für Hardcorefans geeignet, die sowieso schon das meiste wissen und sich darüber freuen es mal gesammelt in gedruckter Form zu haben. Aber als einer, der bislang nur vereinzelt ein paar Werke von Rob Hubbard gehört hat? Nicht empfehlenswert.
Es ist geschafft: Wir haben unseren Star-Trek-Marathon erfolgreich abgeschlossen. Fast drei Jahre haben wir gebraucht, um zehn Serien (888 Episoden) und 13 Filme zu konsumieren. Nicht nur, weil das viel Holz ist – grob überschlagen 640 Stunden. Sondern auch, weil wir ein paar (Anime-)Pausen dazwischen gemacht haben und nicht jeden Tag Zeit hatten. Damit bin ich (und Lysanda) jedoch endlich mal wieder auf dem aktuellen Stand – mit einem kleinen Sternchen dran. Was technisch gesehen noch fehlt, ist Star Trek: Sektion 31 sowie Star Trek: Strange New Worlds. Bei ersterem warte ich darauf, dass die Blu-ray für unter 5€ verramscht wird. Bei letzterem warte ich noch auf die zwei weiteren Staffeln, bevor wir uns damit beschäftigen. Außerdem haben wir noch ein paar Episoden von Star Trek: Short Treks und Star Trek: Very Short Treks nicht gesehen, weil man irgendwie echt schwer rankommt. Außerdem fehlt natürlich die ganz neue Serie, Star Trek: Starfleet Academy. Aber ehrlich gesagt alles nichts, worauf ich mich begierig stürze.
Das ist in dem Sinne auch der Hauptgrund, warum erst jetzt der nächste Star-Trek-Eintrag kommt, obwohl wir seit dem Letzten ganze drei Serien geschaut haben. Mein Gesamtfazit zu NuTrek ist nämlich – mit Ausnahme von Star Trek: Prodigy -, dass das alles maximal Mittelmaß ist. Und wenn ihr einen Journalisten fragt, worüber es am schwierigsten zu schreiben ist, dann über sowas. Was Schlechtes lässt sich genüsslich zerreißen. Was Gutes in den Himmel loben. Aber ein Werk, das einen einfach nur gleichgültig zurücklässt und man fünf Minuten später schon wieder vergessen hat? Was soll man darüber großartig berichten?
Doch es hilft nichts: Ich möchte diese Eintragsserie selbstverständlich halbwegs anständig zu Ende bringen. Beschäftigen wir uns also heute endlich mal mit Star Trek: Discovery. Anno 2017 die erste neue Serie nach zwölf Jahren Pause.
Der Schauplatz
Wir befinden uns zu Beginn zehn Jahre vor den Ereignissen in Raumschiff Enterprise an Bord der USS Discovery. Ja, man hat sich einfach in die bekannte Zeitlinie reingepflanzt, ohne anschließend sonderlich viel Rücksicht darauf zu nehmen. Das Raumschiff wirkt gleichzeitig futuristisch (Hochglanz innen wie außen, große Räume/Gänge, ziemlich flaches Design) und doch irgendwie altbacken (kantige Dreiecks-Rumpfsektion). Die Technik hat es allerdings voll in sich und ist in Teilen sogar der Kirk-Enterprise überlegen. Ihr wisst schon, dem eigentlichen Flaggschiff der Flotte. Und damit meine ich nicht nur den Sporen-Antrieb, der es ihr nach kurzen Startschwierigkeiten erlaubt in Sekunden Millionen von Lichtjahren zu überbrücken und am Ende sogar Dimensionen zu wechseln. Auch Bewaffnung und die restliche technische Ausstattung (Holokommunikation) geht gefühlt weit über das hinaus, was man bei Kirk gesehen hat.
Aber okay, ich will ja nicht auf so unwichtigen Details rumreiten. Man sagt am Ende einfach “alles Geheimsache” und jede Abweichung vom etablierten Kanon ist buchstäblich Geschichte. Wenn es nur im echten Leben so einfach wäre… Immerhin haben sie sich das bisschen Mühe gemacht. Außerdem spielt das Schiff sowieso in der gesamten Serie keine wirklich wichtige Rolle. Trotz aller modernen Computereffekte fehlt ihm irgendwie die Präsenz einer Enterprise (egal welcher Buchstabe) oder sogar einer ebenfalls computer-generierten Voyager. Und ja, neben dem sehr flachen Design und den generischen Korridoren/Räumen, gebe ich dem Sporen-Antrieb einen Teil der Schuld daran. Sie springt faktisch die meiste Zeit nur direkt von A nach B und ist sonst ziemlich stationär – selbst in den paar J.J.-Abrams-Pew-Pew-Schiffskämpfen. Sie fühlt sich nicht wie ein Zuhause für unsere Crew an und entsprechend kann auch gar keine Bindung bei mir als Zuschauer aufkommen.
Die Charaktere
Leider hört die fehlende Bindung nicht bei der USS Discovery auf. Ich kann ja nachvollziehen, dass man keine richtige Ensemble-Show wie Star Trek: Deep Space Nine machen wollte. Die erste Staffel hat nur noch 15 Folgen von den in den 90ern üblichen 26. Die fünfte sogar die heute üblichen zehn. Da haben die Macher Bryan Fuller und Alex Kurtzman es vorgezogen eine durchgängige und vor allem sehr persönliche Geschichte zu erzählen statt dem alten Episodenformat zu folgen. Und zwar die Geschichte von Michael Burnham. Meuterin auf der Suche nach… keine Ahnung? Freisprechung? Erlösung? Dem Sinn des Lebens? Egal. Da hat man auf jeden Fall keine Zeit, jeden Charakter der Crew mal ins Rampenlicht zu stellen und eine eigene Folge zu spendieren. Und das meine ich jetzt nur bedingt sarkastisch. Selbst bei Raumschiff Enterprise lag der Fokus ja faktisch auch nur auf Kirk und Spock. McCoy war schon nur wenig beteiligt, vom Rest ganz zu schweigen. Insofern ist es zwar schade, wenn die anderen nicht wirklich zur Geltung kommen. Überraschend ist es aber bei diesem Aufbau nicht.
Star Trek: Discovery hat allerdings zwei Probleme: Zum einen kann ich mit Burnham überhaupt nichts anfangen. Ihr Verhalten ist in so vielen Situationen einfach nur konstruiert und dient nur dazu, die Geschichte in die vom Autor gewünschte Richtung zu bringen. Gleichzeitig wird jedwede Art von Charakterentwicklung dadurch torpediert, dass sie am Ende dann doch einfach so das bekommt, was sie will. Lerneffekt null. Dass sie im Serienfinale faktisch gottähnliche Möglichkeiten erhält, ist für sich betrachtet nichts Ungewöhnliches im Star-Trek-Universum. Aber es ist der unrühmliche Höhepunkt von 65 Episoden vollgestopft mit Szenen einer uneinsichtigen und unverbesserlichen Frau, die nur durch viel Glück (=sie ist der Hauptcharakter) und die (fehlgeleitete) Unterstützung ihrer Kamerad*innen überhaupt so weit gekommen ist.
Die Michael-Burnham-Show
Passend dazu dreht sich halt wirklich ALLES um sie – das andere Problem der Serie. Selbst in den paar Folgen, in denen einer der anderen im Mittelpunkt steht, drängt sie sich rein und ist nicht selten am Ende das Zünglein an der Waage. Als Vorzeigebeispiel wird da gerne Vergiss mich nicht aus der 3. Staffel genannt. Eine entscheidende Folge für den ersten Mensch mit einem Trill-Symbionten namens Adira Tal. Burnham hat in der gesamten Serie mit Adira nur wenige Berührungspunkte. Aber statt die Trill das Problem selbst in die Hand nehmen zu lassen – sie werden nämlich durch Burnhams Verhalten als ziemlich dämlich dargestellt -, muss natürlich sie den Tag retten. Selbst Paul Stamets oder seinen Freund Hugh Culber (ja, ein Schwulen-Pärchen) als Helfer herzunehmen wäre die bessere Wahl gewesen. Schließlich sind sie ja Adiras Bezugspersonen auf der Discovery. Aber nein: Das Universum von Star Trek: Discovery dreht sich ausschließlich um Burnham und ihre “Beziehungen”.
Wie es richtig gehen könnte, zeigt übrigens Saru. Als erster Kelpianer in der Sternenflotte ist er faktisch der einzige klassische Star-Trek-Charakter der Serie. Er macht in den fünf Staffeln eine echte Entwicklung durch und wird mit glaubwürdigen, moralischen Konflikten konfrontiert. Ganz im Gegensatz zu Burnham, deren Konflikte nur aufgesetzt sind, um die Geschichte voran zu treiben. Oder besser gesagt: Ich hätte mir noch mehr von ihm gewünscht statt von Michael.
Die anderen Charaktere hingegen bleiben im besten Fall hinter ihrem Potential zurück. Schlimmstenfalls vergisst man, dass sie überhaupt Teil der Crew sind. Stamets und Hugh definieren sich hauptsächlich durch ihre Beziehung. Sylvia Tilly, Burnhams anfängliche Zimmergenossin, entwächst glücklicherweise ihrem “Comic-Relief”-Status, das geschieht jedoch eher so nebenbei. Owosekun und Detmar haben weniger zu tun als damals Mayweather und Sato bei Star Trek: Enterprise – und waren in der fünften Staffel sogar gar nicht mehr dabei. Am unrühmlichsten ist aber definitiv Wissenschaftsoffizierin Airiam. Man sieht zwei Staffeln so gut wie nichts von ihr. Dann fällt den Autoren plötzlich ein, dass es sie gibt, und zeigen 2-3 persönliche Sachen. Alles in der Hoffnung, dass ihr am Ende der Folge irgendwas spürt und nicht nur gleichgültig die Dutzenden von Logiklücken analysiert, die allein in dieser Episode enthalten sind. Und auf die ganze Sache mit Philippa Georgiou/der terranischen Imperatorin aus dem Spiegeluniversum will ich gar nicht erst eingehen. Warum musste die unbedingt nach Staffel 2 noch mit dabei sein?!
Der Inhalt
Wir haben also ein uninteressantes Schiff, das einfach nur da ist. Eine Crew mit einem buchstäblichen Hauptcharakter, um den sich das ganze Universum dreht, und ansonsten hauptsächlich Statisten. Taugt dann wenigstens der Inhalt was? Sind die Geschichten, die die Autoren erzählen mitreißend, tiefgründig und so richtig Trekkie? Nun, sie sind zumindest von einer stetigen Eskalation geprägt. Ich weiß zwar nicht, warum man unbedingt eine doppelte (oder dreifache) Eskalation braucht – es sind ja schon nur so wenige Folgen pro Staffel. Aber das Universum einmal retten reicht halt nicht. Es muss immer noch schlimmer kommen, bevor Michael den Tag endgültig retten kann.
Bevor wir jedoch einen Blick auf die einzelnen Staffeln werfen, muss ich noch eine Sache loswerden: Alle haben über das Intro von Star Trek: Enterprise geschimpft, aber das hat wenigstens die richtige Stimmung verbreitet. Das Intro von Star Trek: Discovery hingegen ist einfach nur minimalistischer Mist. Das Titellied ist total lahm und nichtssagend. Und diese komischen, animierten Konzeptzeichnungen mit wenig nachvollziehbarem Zusammenhang zur Serie machen es nicht besser. Keine Ahnung, welcher neumodische Designer sich hier ausgetobt hat. Das einzig interessante am ganzen Intro war, wie viele ausführende Produzenten an der Serie mitgewirkt haben. So viele Namen. Gilt übrigens für alle NuTrek-Serien. Gefühlt mehr “Executive Producer” in der Auflistung als Schauspieler…
Doch nun zu den einzelnen Staffeln:
- Staffel 1: Game of Thrones im Weltraum. So lässt sich diese Staffel zusammenfassen. Wem Star Trek: Deep Space Nine schon zu düster war, der wird an den ganzen Gewaltorgien hier noch weniger Gefallen haben. Zuerst der Krieg gegen die Klingonen, dann als 2. Eskalationsstufe der Ausflug ins Spiegeluniversum. Ja, es ist definitiv was los in den 15 Episoden und vor allem Michelle Yeoh (Captain Philippa Georgiou/Terranische Imperatorin) als auch Jason Isaacs (Captain Gabriel Lorca) tragen viel zum Unterhaltungsfaktor bei. Insgesamt nicht viel klassisches Star Trek, aber trotz bekloppt aussehenden Klingonen ein unterm Strich unterhaltsames und ansehnliches (wenn mal jemand das Licht anmacht) Action-Spektakel. Es hätte jedoch etwas kürzer sein dürfen.
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Staffel 2: Die längste Pilotfolge für eine andere Serie (Star Trek: Strange New Worlds), die es je gab? Captain Christopher Pike übernimmt die Kontrolle über die USS Discovery auf der Suche nach Spock. Stellt sich heraus, dass Burnham seine Quasi-Schwester ist. Sarek und seine Frau nahmen sie nämlich bei sich auf nachdem ihre Eltern von Klingonen (vermeintlich) getötet wurden. Ach, und nebenbei gerät eine KI von Sektion 31 gerät außer Kontrolle. Eine fulminante Weltraumschlacht im Finale und ein wirklich guter Kapitän (doch etwas Hoffnung für Star Trek: Strange New Worlds?). Die übertriebene Verbindung zu Burnham inkl. Zeitreisen (was sonst?), das unlogische Verhalten von Spock plus die erneut unnötige weitere Eskalation der Gefahr überstrapaziert das Ganze aber massiv.
- Staffel 3: Wir befinden uns 900 Jahre in der Zukunft. Man lässt den ganzen alten Ballast also hinter sich und schreibt eine neue Geschichte. Nach einem Ereignis namens “The Burn” ist die Sternenflotte und die Föderation nur noch ein Gedanke in den Köpfen weniger. Tatsächlich habe ich weder mit dem Ereignis (für Star-Trek-Verhältnisse nicht das unglaubwürdigste) noch mit der Staffel grundsätzlich ein Problem. Was ist schließlich Trekkiger als daran zu arbeiten die alten Ideale wieder zu finden und die Welten zu vereinen? Wäre da nicht unser lieber Hauptcharakter und sein neuestes Liebesspielzeug namens Book, die einem die Suppe versauen. Ja, ich klinge wie eine kaputte Schallplatte. Deswegen höre ich an dieser Stelle einfach auf.
- Staffel 4: Ich musste tatsächlich gerade nachschauen, worum es hier überhaupt ging. Die Antwort: Eine riesige Bergwerksmaschine, gesteuert aus einer anderen Galaxie, frisst sich durch das Universum – und zerstört selbstverständlich ausgerechnet Books Heimatplanet. Und dann ist da noch so ein anderer Typ aus einer anderen Dimension… Der Übertritt von der einen in die andere Galaxie hatte das gleiche Niveau wie das “Achtung, wir fallen gleich über den Rand der Erde!” in den alten Sagen. Ne, da fällt mir echt nichts mehr zu ein. Vergesslich und über weite Strecken dämlicher als Star Trek V: Am Rande des Universums.
- Staffel 5: Eine Schatzsuche nach einer uralten Technologie. Okay, mit der grundsätzlichen Prämisse kann man was anfangen. Hat durchaus was Trekkiges. Die Umsetzung mit den Rätseln und der Jagd nach dem nächsten Artefakt war auch tatsächlich ganz gut gelungen. Dass man mehr über die Breen erfährt, ist zwar ein zweischneidiges Schwert (nimmt viel von ihrer bedrohlichen Mystik), aber das ungleiche Liebespaar hat für mich funktioniert. Einzig der weiterhin große Fokus auf Burnham und der dazugehörige Twist im Finale trübten den ansonsten überraschend positiven Eindruck von dieser Staffel.
Irgendwo auf Reddit (finde den Thread nicht mehr), hat jemand mal geschrieben, dass man an jeder Staffel gut erkennen kann, was zu der Zeit “in” war. Sprich Star Trek: Discovery hat keine eigene Identität, sondern hat nur kopiert was “angesagt” war. Und ja, ich kann dem Autor da durchaus ein Stück weit zustimmen.
Beim Christoph meint: Sagen wir, wie es ist: Wenn nicht “Star Trek” draufgestanden hätte, wäre die Serie komplett an mir vorbei gegangen und ich hätte nichts verpasst. Der Fokus des modernen Fernsehens auf Binge-Watching mit kleinen Staffeln und zusammenhängenden Folgen schadet der Erzählung hier mehr als es ihr nützt. Es bleibt dem Zuschauer keine Luft zum Atmen und dem Kennenlernen der Charaktere. Dass die Verarbeitung von Emotionen bzw. die Aufarbeitung von Beziehungen häufig gerade mitten in den Actionsequenzen abgehandelt wird, hilft da auch nicht wirklich weiter.
Stattdessen wird ohne Rücksicht auf Verluste die Geschichte vorangetrieben und das – möglicherweise aus der Not heraus – indem man Michael Burnham vorschickt und alles auf sie bezieht. Das funktioniert noch halbwegs in der 1. Staffel, aber danach wird es einfach nur noch unglaubwürdig und ermüdend. Die ständigen und vorhersehbaren Eskalationen zur Mitte der Staffeln tragen ihr Übriges dazu bei, dass ich mit einem Gefühl von “hat eh alles keine Relevanz” weiter zur nächsten Folge zappe und mich mehr mit Logiklücken beschäftige, als mit den Charakteren und ihren Abenteuern mitzufiebern. Und ich habe in diesem Eintrag wahrlich nur die Spitze des Eisbergs besprochen. Auf Punkte wie Kommandodisziplin oder die ganzen Gefühlsduseleien bin ich gar nicht erst eingegangen. Insofern ist mein persönliches Gesamtfazit zu Star Trek: Discovery: Ich hatte all die Jahre nichts verpasst.
Damit waren es nur noch zwei Star-Trek-Einträge, die ich euch “schuldig” bin
.
PS: Die Serie ist optisch übrigens extrem unruhig. Das liegt weniger am Effektgewitter, sondern daran, dass die Kamera gefühlt immer in Bewegung sein muss. Selbst in einer Besprechungsszene muss man um den Tisch herumfahren und so Kram. Echt eine fragwürdige Entscheidung.











