Defcon – Everybody Dies

 

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Style over Substance. Stil über Substanz - Ein Thema, dass des Öfteren die Gemüter vor allem in der Blog-Szene erhitzt. Hier geht es darum, dass ein Spiel größeren Wert auf die künstlerische Ausarbeitung legt als auf das Gameplay. In diesem Zusammenhang ist auch das neuste Werk von Introversion in aller Munde: Defcon. Aber was ist an dieser Behauptung dran?

Mal was anners

Getreu ihrer Philosophie hat Defcon weder etwas mit Darwinia noch mit Uplink zu tun, sondern ist ein völlig eigenständiges Spiel. Das Spiel handelt von einem unvermeidbaren globalen, thermonuklearen Krieg und ist zeitlich im "Kalten Krieg" angesetzt, als dieses Thema an der Tagesordnung war. Der Spieler nimmt nun die Position eines Befehlshabers der sechs Supermächte (Europa, Asien, Russland, Afrika, Süd- oder Nordamerika), die nur grob ihren realen Vorbildern entsprechen, auf der Welt ein und steuert das Geschehen auf einer Weltkarte die durch Neonlicht von hinten erhellt wird.

Wir haben doch keine Zeit!

Das Spiel ist in mehrere Phasen - von DEFCON 5 bis DEFCON 1 - unterteilt. Während DEFCON 5 dazu dient, die eigenen Gebäude und Seestreitkräfte zu platzieren, ist es erst ab DEFCON 1 erlaubt sich atomarer Mittel zu bedienen. Die einzelnen Phasen laufen dabei automatisch herunter, man hat aber die Möglichkeit jederzeit das Spiel in vier Stufen beschleunigen. Stufe eins ist Echtzeit und Stufe vier ist 20-mal so schnell. Egal wie schnell sie abläuft, man sollte die Zeit in jeder Phase effektiv nutzen.

Zu Beginn stehen immer drei Gebäudetypen in einer vorbestimmten aber vom Server änderbaren Menge zur Auswahl, die man in seinem Land platzieren kann. Standardmäßig sind dies sieben Radarschüsseln, vier Militärflughäfen und sechs Raketensilos. Die Aufgabe des Radars ist es (logischerweise) feindliche Einheiten und Flugkörper sichtbar zu machen um, den Raketensilos die Möglichkeit zu geben, diese im Abwehrmodus dann (hoffentlich) abzuschießen. Im Flughafen stehen hingegen Jäger und Bomber zur Verfügung, die man auf die Feinde loslassen kann. Da die Raketensilos die einzige Verteidigung gegen gegnerische Nukes darstellt, sollten diese immer sorgfältig und vor allem in der Nähe von Hauptstädten platziert werden.

Kollateralschäden

In jedem Land gibt es nämlich mehrere Städte, die bei DEFCON 1 als Ziele für Atomsprengköpfe dienen und durch deren Auslöschung, die eigentlichen Punkte im Spiel verdient werden Wie in der Wirklichkeit haben diese natürlich unterschiedliche Einwohnerzahlen und je nach Größe der Stadt, die eine Nuke trifft, tötet man dabei natürlich mehr oder weniger Einwohner. Es ist also von Vorteil statt Xi’An mit “nur“ 1,9 Millionen Einwohnern lieber Hong Kong mit seinen 9 Millionen potentiellen Opfern anzugreifen. Andererseits ist Xi’An vielleicht nicht so gut verteidigt, wie Hong Kong und um das widerum möglichst früh herauszufinden kommt die Seefahrt ins Spiel.

Wie bei den Gebäuden, gibt es auch bei den Seestreitkräften nur drei verschiedene Einheiten: Den Flugzeugträger, das Schlachtschiff und das U-Boot. Während sich der Träger nur gegen U-Boote selbst verteidigen kann aber dafür eine Ladung Bomber und Jäger mit dabei hat, ist das Schlachtschiff gut mit Waffen ausgerüstet. Das U-Boot hat hingegen mehrere Atomsprengköpfe an Bord und bewegt sich unter Wasser. Zum besseren Schutz der einzelnen Einheiten, kann man sich während DEFCON 5 und DEFCON 4 mehrere Seestreitmächte aus bis zu sechs Einheiten von den 36 (von jeder Einheit zwölf) verfügbaren zusammenbauen und gegen den Feind schicken.

Ab DEFCON 3 ist es dann den Schiffen und Flugzeugen erlaubt den Kampf zu eröffnen. So beginnen die ersten Scharmützel und die gegnerischen Ländereien können mithilfe von Flugzeugen ausgekundschaftet werden, um schon vorab die Positionen der gegnerischen Silos ausfindig zu machen. Es gibt zwar eine rudimentäre KI der eigenen Einheiten mit der sich die Schiffe selbst ganz gut selbst verteidigen aber dennoch kann manuelles Eingreifen durchaus zu besseren Ergebnissen führen. Hierbei ist vor allem wieder der Faktor Zeit zu beachten. So starten fünf Flieger auf demselben Träger zeitversetzt oder auch der Wechsel in den Anti-U-Boot-Modus benötigt ebenfalls seine Zeit.

Everybody Dies

Wenn dann endlich DEFCON 1 ausgerufen wird, gibt es noch viel mehr zu beachten. So hat man zwar Unmengen an Sprengkörpern in Bombern, Raketensilos oder U-Booten zur Verfügung aber bei einem Abschuss vernachlässigen sie ihre eigene Verteidigung. So müssen U-Boote auftauchen, bieten somit ein einfaches Ziel, während Raketensilos keine gegnerischen Flugobjekte mehr zerlegen können. Erschwerend kommt hinzu, dass bei einem Launch jeder Spieler ab sofort die Position des eigenen Silos kennt und es somit ins Visier nehmen kann. Da es im normalen Modus Punkte dafür gibt, wenn man gegnerische Städe trifft aber man selbst Punkte abgezogen bekommt, sollte eine Nuke ihr Ziel im eigenen Land gefunden haben, ist hier sehr taktisches Vorgehen gefragt. „Easy to play, hard to master“, ist hier der Grundsatz. Während man das Spielprinzip innerhalb weniger Minuten verstanden hat – auch dank des guten Tutorials – muss man viele Stunden investieren um sein Handwerk wirklich perfekt zu beherrschen.

Ich bin so allein…

Obwohl das Hauptaugenmerk von Defcon ganz klar auf Mehrspielerpartien liegt, besteht doch die Möglichkeit gegen die KI erste Trockenübungen zu machen. Diese stellt sich dabei selten wirklich dumm an und ist ein harter Gegner. Wobei hier die Mitspieleranzahl und die Länderverteilung durchaus einen Unterschied machen können. Während Europa ziemlich klein und dadurch mit Silos nur so voll gepflastert ist, muss man sich in Nordamerika schon genau überlegen wie man sie verteilt. Hinzukommt noch, dass die Sprengköpfe immer in einer nördlich verlaufenden Kreisbahn ihr Ziel anfliegen. Wenn da z.B. Asien und Russland von Spielern belegt sind, kann es durchaus sein, dass Asien keine einzige Nuke nach Nordamerika rein bringt, da sie schon von Russland abgeschossen werden vorher.

An diesem Punkt man sich auch etwas durch Diplomatie helfen. So steht es einem frei, mit anderen Mitspielern z.B. einen Waffenstillstandsvertrag oder eine Allianz auszuhandeln. Ob Vertragspartner sich auch wirklich daran hält, ist natürlich eine andere Frage, denn letzten Endes kann es sich niemand leisten jemanden zu ignorieren.

Neben dem normalen Modus stehen auch noch andere Spielmodi zur Verfügung. So kann man z.B. eine Runde Speed-Defcon spielen. Dort kann man die Zeitbeschleunigung nicht verändern und sie steht dauerhaft auf 20fache Beschleunigung. Wer es eher gemütlich mag, hat auch die Möglichkeit das gesamte Spiel in Echtzeit hinter sich zu bringen, was mehrere Stunden in Anspruch nimmt. Außerdem ist es möglich noch unterschiedliche Siegbedingungen festlegen, wie z.B. der Sieg der Kriegspartei mit den meisten Überlebenden.

Schlimm, schlimm
Defcon ist sehr subtil angelegt. Die Musik hält sich dauerhaft im Hintergrund und verbreitet eine depressive Stimmung. Dies passt allerdings zum heiklen Thema und es kann schon an den Nerven zerren wenn man im Hintergrund plötzlich eine schluchzende Frau hört, während auf dem Bildschirm über einer gerade getroffen Stadt die Meldung „3.4 Million dead“ erscheint. Auch der Rest der Grafik orientiert sich daran und erinnert frappierend an den Filmklassiker „Wargames“ aus den 80igern. Auf der Weltkarte bewegen sich neonfarben-leuchtende Einheiten und die Sprengköpfe ziehen auf ihrem Weg ins Ziel einen Schweif hinter sich. Alles ist sehr schlicht und funktional gehalten, wie man es von einem Bildschirm in einer Kommandozentrale erwarten würde und sieht dennoch durch die Effekte und die geschickt eingesetzte Beleuchtung sehr gut aus.

Mit Rücksicht auf seine treue Fangemeinde, hat Introversion aber auch dieses Spiel vollkommen und einfach Modbar gemacht. Vom einfachen abändern der Städtenamen über das komplette ändern der Weltkarte sind dem Modder keine Grenzen gesetzt. Außerdem ist zu erwarten, dass Introversion wie schon bei Darwinia und Uplink das ein oder andere neue Feature mit Patches hinzufügen wird und natürlich auch die wenigen Probleme behebt.

Wie sie es z.B. jetzt mit dem Serverbrowser getan haben. In der Release-Version war dieser sehr eingeschränkt, wurde jedoch mittlerweile mit dem Patch auf Version 1.1 umgebaut und bietet nun die gewohnten Features, wie beispielsweise einen Filter etc.

Fazit

Meiner Meinung nach hat Defcon den Begriff „Style over Substance“ nicht verdient. Das Spiel mag auf den ersten Blick simpel sein und nicht viel bieten aber bis man gegen sechs KI-Gegner oder die ganz großen Spieler im Internet wirklich Land sieht, geht einige Zeit vorbei. Dabei hat man  sehr viel Spaß beim Erproben neuer und immer anderer Taktiken  Auch der Preis von nur 14€ (als Downloadversion von Introversion) oder $14,95 über Steam sind ein wirklicher Kaufgrund. Wer sich von der heiklen Thematik nicht abschrecken lässt, sollte zumindest einen Blick in die verfügbare Demo werfen. [CH]

5/5 Punkte

(Veröffentlicht am 19.10.2006)