Sam & Max – Season I – Episode I – Culture Shock

 

Review

Diskussion - Screenshots

Was lange währt, wird endlich gut. Zumindest dürfte so die erste Reaktion gewesen sein, als Telltale Games bekannt gab, die Rechte von Sam & Max erworben und auch gleich noch den Erfinder der beiden schrägen Charaktere Steve Purcell, ins Boot geholt zu haben. Als dann aber bekannt wurde, dass mit dieser Lizenz, getreu dem Motto der Entwickler, Episodenspiele entwickelt werden, war doch ein großes Stöhnen in der Fangemeinde zu vernehmen. Seit 01.11. ist nun die erste Episode namens „Culture Shock“ für jeden erhältlich und es ist an der Zeit mal einen genauen Blick darauf zu werfen, ob das mächtige LucasArts-Erbe würdig weitergeführt wird.

Verrückte Sachen

Die Geschichte ist sehr schnell erzählt: Brady Culture, erfolgloser Fernsehstar, missbraucht ehemalige Kinderstars, um kostenlose Videokassetten auszuliefern, die angeblich ein harmloses Fitnessprogramm enthalten. Nachdem man das Video allerdings anschaut, verfällt man dem Willen von Brady. Der weiße Hase Max und der braune Hund Sam können diesem Treiben natürlich nicht tatenlos zusehen und bekommen vom Commissioner den Auftrag Brady auszuschalten. Zu Beginn des Spiels haben die beiden allerdings ein ganz anderes Problem: Die hauseigene Ratte hat das Telefon gekidnappt und verlangt als Lösegeld echten Schweizer Käse.

Womit der Spieler auch schon mit dem ersten Rätsel konfrontiert wird: Wo findet er im Büro Schweizer Käse? Wie leider fast alle Rätsel im Spiel ist dieses sehr schnell gelöst, indem man sich einfach nur im Büro umschaut und das einzige Item benutzt, dass man zu diesem Zeitpunkt dabei hat. Dies führt uns zum größten Kritikpunkt an „Culture Shock“: Die Rätsel sind zwar sehr gut verpackt, aber völlig anspruchslos. Die benutzbaren Gegenstände halten sich in Grenzen und kombinieren kann man gar keine. Auch lässt sich in den Locations, sollten überhaupt weitere Gegenstände vor Ort zu finden sein, meist nur derjenige benutzen, der für das nächste Rätsel gebraucht wird. So muss an einer Stelle ein hypnotisierter Kinderstar mithilfe einer Anti-Diebstahl-Einrichtung ausgeschaltet werden, da der einzige aufnehmbare Gegenstand im Laden allerdings ein Käse ist, ist es sofort ersichtlich, dass man diesen dem Jungen unterjubeln muss. Diese Einfachheit unterfordert sogar Gelegenheitsspieler und führt zu einer sehr kurzen Spielzeit von allerhöchstens 2-3 Stunden.

Die wenigen Locations tragen ebenso, trotz ihrer guten Ausarbeitung, nicht gerade zu einem erfüllenden Spielerlebnis bei. Als erfahrener Adventure-Spieler hat man mehr das Gefühl einen interaktiven Trickfilm zu erleben als ein Adventure zu spielen.

Parlez-vous francais?

Was Sam & Max – Season I - Episode I – Culture Shock vor dem Totalabsturz bewahrt, sind die Charaktere und Dialoge. Während sich Max wie immer eher von der gewaltbereiten Seite zeigt (und öfters Gelegenheit dazu bekommt, diese auszuleben) und gerne unverblümt seine Meinung kundtut, strahlt Sam eine philosophische Ruhe aus, die man bei solch einem Partner nicht erwarten würde. Die wenigen anderen Charaktere sind auch sehr gut ausgearbeitet und passen in die verrückte Umgebung, wodurch die Dialoge teils groteske Züge annehmen, wenn Max mal wieder am liebsten alles kurz und klein schlagen würde, während Sam es mehr vom philosophischen Standpunkt aus betrachtet. Die sehr gut ausgearbeiteten Dialoge führen dazu, dass man sich in jeder Umgebung ganz genau umschaut, um auch wirklich jeden Satz zu hören, den Sam zu etwas loslässt, meist gefolgt von einem zynischen Kommentar von Max. Die Stimmen sind zwar nicht die selben, wie damals bei Hit the Road oder der, bei uns unbekannten, TV-Serie aber die beiden Hauptsprecher, sowie auch die Nebendarsteller machen ihre Sache sehr gut und tragen wesentlich zu Atmosphäre bei. Gute Englisch-Kenntnisse sind aber trotz Untertitel zwingend erforderlich, da besonders Sams Sätze nur so vor komplizierten Begriffen strotzen. Über eine dt. Synchronisation ist derzeit nichts bekannt. wobei sowieso die Gefahr besteht, dass dabei viele Gags auf der Strecke bleiben.

Spielerisch gibt sich „Culture Shock“ trotz 3D-Umgebung wie ein normales Point & Click-Adventure. Man steuert die Figuren komplett mit der Maus und sobald der Zeiger über ein Objekt fährt, hat man verschiedene Interaktionsmöglichkeiten. Ein Millimeter genaues Absuchen, wie es in anderen Adventures meist erforderlich ist, ist in "Culture Shock" erfreulicherweise nicht nötig, da meist deutlich ist, welche Gegenstände benutzbar sind und was zum Hintergrund gehört.

Gespräche laufen im üblichen Multiple Choice-Verfahren ab, wobei man für Sam meist keine vorgegeben Sätze auswählt, sondern nur die Richtung vorgibt um dem Spieler nicht gleich alle Gags lesen zu lassen sondern ihm es schmackhaft zu machen, alle Optionen auszuprobieren – spätestens beim zweiten Mal durchspielen.

Einen Ausriss aus dem Adventure-Schema bildet die Fahrt mit dem DeSoto, dem Dienstwagen der beiden, die man jederzeit starten kann. Während es in Sam & Max: Hit the Road ein Minispielchen gab, in dem Max auf dem Dach des DeSotos über die Autobahn heizte und Straßenschilder überspringen musste, fahren die beiden nun durch die Stadt und mähen alles nieder was ihnen in die Quere kommt. Dabei haben sie die Möglichkeit auf andere Wagen zu schießen oder sie mit einer fadenscheinigen Ausrede anzuhalten. Auch hier liegt der Reiz weniger darin die Sequenz zu spielen, da sie eher anspruchslos und schon bald überflüssig ist, sondern viel mehr in den Dialogen mit den Fahrern. Es ist einfach nur lustig wenn Sam zuerst einem Wagen das Rücklicht zerschießt und ihn dann anhält um ihm mitzuteilen, dass sein Rücklicht kaputt ist und er deswegen 10.000 Dollar Strafe zahlen muss.

Techtelmechtel

Grafisch kann das Spiel durchaus überzeugen. Steve Purcells Stil hat die Konvertierung in die 3. Dimension gut überstanden und wer alte Screenshots vom eingestellten Adventure Sam & Max 2 kennt, wird sofort eine deutliche Ähnlichkeit entdecken. Zwar lässt das Ganze doch etwas die Detailverliebtheit des alten 2D-Adventures vermissen aber dennoch sind die Umgebungen sehr stimmig gestaltet. Die Animationen sind äußerst gelungen und geschmeidig geraten. Sound erklingt allerdings eher sparsam und geht über wenige, typische Comicgeräusche nicht hinaus, was doch den technischen Gesamteindruck etwas trübt. Dafür läuft das Spiel auch auf schwächeren Rechnern ohne Probleme.

Fazit

Natürlich muss sich "Culture Shock" den Vergleich mit Hit the Road gefallen lassen. Auch wenn Hit the Road ein Vollpreisspiel war und als leichtestes aller LucasArts-Adventures gilt, stand es doch nie im Schatten von Day of the Tentacle oder Monkey Island, sondern wird auch heute noch in einem Atemzug genannt. Dies erhöht natürlich den Druck auf Telltale Games, deren Motto es eigentlich ist, Nichtspieler an den Rechner zu locken. Dass dies mit eher anspruchlosen Rätseln natürlich besser klappt, als mit schweren Kopfnüssen, dürfte verständlich sein. Obwohl der Preis eher gering ist, können selbst die besten Charaktere nicht lange über die fehlende Substanz hinwegtäuschen. Schon „Bone“ zeigte, dass diese Linie weder bei den Medien noch bei den Kunden äußerst gut ankommt. Das Potenzial ist auf jeden Fall gegeben, aber die mächtige Sam & Max-Lizenz kann einem zum Verhängnis werden, denn es schauen wesentlich mehr Augen auf das Ergebnis und der „endlich wieder ein Sam & Max-Spiel“-Bonus ist nun vergeben. Was Telltale Games bislang über die restlichen Episoden der ersten Staffel verlauten ließ, lässt allerdings eher den Schluss zu, dass sie ihrer Linie  treu bleiben.

Trotz all dem negativen Gerede, ist die Rückkehr von Sam & Max durchaus gelungen und nach dem Durchspielen überwiegt zuerst eher das positive Gefühl, endlich wieder ein Sam & Max Adventure gespielt zu haben, als die negativen Punkte. Der mit 75 MB sehr kleinen und äußerst kurzen Demo von „Culture Shock“ sollte jeder Adventure-Spieler eine Chance geben. Für Sam & Max-Fans, die vor allem die bekloppten Dialoge in Hit the Road mochten, ist der Kauf nach der langen Zeit der Abstinenz sowieso Pflicht. [CH]

3/5 Punkte

(Veröffentlicht 16.12.2006)