In meinem Blu-ray-Laufwerk dreht sich derzeit die vierte Staffel von The Shield. Erfunden von Shawn Ryan, wird es von der Werbung als “die härteste Copserie der Fernsehgeschichte” bezeichnet. Von dem Slogan mag man halten was man will, aber die Serie hat zu Recht “Keine Jugendfreigabe”.
Selbstverständlich ist The Shield aber keine sehenswürdige Serie nur weil sie voller Brutalität steckt, sondern weil sie voller grauer (Polizisten-)Charaktere und spannend inszeniert ist, mit staffelübergreifenden Handlungssträngen. Man kann es ein Stück weit mit The Wire vergleichen, wenngleich dort auch die “Bösen” – also die Drogendealer -, gleichwertig menschlich dargestellt werden und ein Gesicht erhalten. In dieser prämierten Drama-Serie dreht sich hingegen wirklich alles nur um Vic Mackey (Michael Chiklis), sein Strike-Team und eben die anderen Bewohner der “The Barn” genannten Polizeistation und deren alltäglichen Polizeiarbeit.
Im heutigen Eintrag möchte ich aber gar nicht so sehr über die Serie selbst schreiben. Die kann ich euch nur uneingeschränkt empfehlen, wenn ihr volljährig seid und einiges aushaltet. Doch eben dieser letzte Punkt ist es, der mich seit ein paar Tagen beschäftigt. Alles begann damit, dass ich die 11. Folge von Staffel 3 mit dem Titel Undercover (orig. “Strays”) gesehen habe. Sie hat mir nicht nur vor Augen geführt hat, wie gut die Serie und ihre Autoren tatsächlich ist. Sie hat mich auch zum Nachdenken über mich selbst angeregt – so schnulzig das klingen mag.
< Einschub >Wenn man den Originaltitel der Folge und dessen Übersetzung anschaut, wird einmal mehr deutlich, wie wenig Gedanken sich die Übersetzer teilweise machen. Während das Original einen echten Bezug zum Inhalt herstellt, wie sich natürlich erst im Nachhinein herausstellt, ist der deutsche Titel nicht mehr als eine langweilige Beschreibung ohne tieferen Sinn. Soviel verschwendetes Potenzial…< / Einschub >
Wie in den meisten Folgen, gibt es auch hier mehrere Erzählstränge. Normalerweise sind natürlich Vic Mackey und das Strike Team im Vordergrund. Hier rutscht jedoch ein Handlungsstrang in den Mittelpunkt, der euch als Zuschauer schon seit mehreren Folgen mehr oder weniger intensiv begleitet hat. Worum es genau geht ist für diesen Eintrag nicht relevant und eine Erklärung würde zu ausschweifend werden. Entscheidend ist nur die allerletzte Szene dieser Folge. Darin sehen wir den Charakter Detective Holland “Dutch” Wagenbach (verkörpert von Jay Karnes), der die zentrale Rolle in diesem Handlungsstrang gespielt hat, nachts in seinem Bett. Er wird vom lauten Miauen einer streunenden Katze geweckt – nicht zum ersten Mal, auch wenn wir die tatsächliche Situation als Zuschauer bislang nie gesehen haben.
Er geht mit etwas Futter vor die Tür und lockt die Katze an. Nach anfänglichem Zögern nähert sie sich ihm, er streichelt sie ein wenig und nimmt sie auf dem Arm. Auf den ersten Blick alles völlig normal – bis er anfängt sie zu erwürgen. Andere Serien würden spätestens hier vermutlich abblenden. The Shield zeigt hingegen den, gestellten aber doch sehr intensiven Überlebenskampf der Katze in all seiner Intensität. Dutch bleibt, trotz einiger Kratzer, völlig unbeeindruckt davon. Stattdessen schaut er ihr die ganze Zeit nur tief in die Augen. Als ihr letzter Lebensfunke erlischt, lässt er sie fassungslos aus den Händen fallen. Die finalen Frames vor der Abblende zeigen wie die Katze wie ein nasser Sack auf den Boden knallt und zusammensackt.
Warum der Charakter das tut ist im Kontext der Folge komplett nachvollziehbar. Ich kenne aufgrund der Vorgeschichte seine Gründe und ich weiß warum es für seine weitere Entwicklung innerhalb der Serie ein entscheidendes Erlebnis ist. Die Szene zeigt entsprechend mehr als jede andere in den ersten drei Staffeln, dass in The Shield eben keiner wirklich gut und keiner wirklich schlecht ist. Eine fantastische Leistung der Drehbuchautoren und des Schauspielers eben.
Aber je mehr ich über die Sequenz nachdenke, desto mehr komme ich zu dem Schluss, dass sie mich aus dem “falschen” Grund seit Tagen so sehr beschäftigt. Wenn ich an sie zurückdenke, sehe ich nicht den Charakter Dutch. Ich denke nicht an die Hintergründe seines Handelns oder wie er sich verhält. Ich denke auch nicht daran, wie ich in dieser Situation handeln würde oder versuche sonst wie das Geschehene auf mich zu übertragen. Ich sehe schlicht eine unschuldige Katze, die um ihr Leben kämpft, verliert und sprichwörtlich weggeworfen wird. Speziell diese letzten Sekunden, wie sie herunterfällt und in sich zusammensackt, machen mich fertig.
Die Szene ist so intensiv, so schockierend, sie reißt mich emotional massiv mit und lässt mich genau deshalb mit einem Fragezeichen zurück. Wenn Bambis Mutter stirbt, kann man die erzeugten Tränen noch verstehen, weil es der wohl wichtigste Moment im Film ist. Aber hier werden fast jede Folge irgendwelche Leute erschossen, erstochen oder sonst wie brutal ermordet. Ein ganzer Handlungsstrang ist sogar gefüllt von Leichen ohne Füße. Von all den Sachen, die ich in den letzten 26 Jahren über Film, Fernsehen und Videospiele sonst noch so “erlebt” habe ganz zu schweigen. Warum wühlt mich also gerade der, selbstverständlich gestellte Tod einer Katze so auf? Oder steckt doch mehr dahinter, als ich der Serie zutraue?


