Sicarius

Jurassic Park (alt und neu)

Kennt ihr noch Jurassic Park? Ja, von mir aus auch das Buch von Michael Crichton, vermutlich aber eher Steven Spielbergs Film von 1993. Der mit den Dinosauriern, zum Teil im Computer gemacht (auf einer damals riesigen Serverfarm), zum Teil aber auch noch richtige, haushohe Roboter. Gesehen habe ich ihn damals nicht. Ich war noch zu jung, auch wenn ein paar Klassenkameraden geprahlt haben von wegen „Ich bin schon reingekommen!“. Dennoch war ich voll gehyped von den paar Szenen, die ich im Fernsehen gesehen hatte. Warum auch nicht? Jungs mögen Dinosaurier und der Film hatte (und hat auch eigentlich immer noch) die realistischsten Dinosaurier ev4r. Zum ersten Mal gesehen habe ich ihn dann glaube ich viel viel später mal im Free-TV oder so. Trotzdem immer noch ein empfehlenswerter Film, auch wenn das Buch definitiv besser ist, schon allein [SPOILER] wegen dem höheren Bodycount :wink: .

Ganz ohne Jurassic Park bin ich damals aber nicht geblieben. Neben meinem tollen Making-of-Buch mit vielen Bildern, hat mein Bruderherz, er war damals noch Herr über den Rechner, ein komisches Spiel für unseren 486er angeschafft:

Jurassic Park (1993)Jurassic Park (DOS) – Schon Anfang der 90iger gehörte es zum guten Ton, dass ein Blockbuster seine eigene Spieleumsetzung erhält. So durfte sich auch Jurassic Park über nicht nur eine, sondern gleich mehrere Spiele freuen. Ich kenne, mangels Hardware, zwar nur die DOS-Version. Sie ist aber, soweit ich das überblicken kann, sowieso die beste Fassung mitsamt der inhaltlich identischen AMIGA-Umsetzung.

Screenshot aus Jurassic Park (DOS)Das Spiel startet nach dem Angriff des T-Rex auf das Auto mit unseren Hauptpersonen und ihr übernehmt die Rolle von Dr. Alan Grant, der sich zuerst auf den Weg macht die beiden nervigen Kinder Tim und Lex zu finden und zu Dr. Hammond zu bringen. Im zweiten Abschnitt müsst ihr dann den Strom wieder einschalten, damit alle Personen von der Insel fliehen können. Soweit, so normal und damit enden auch die Parallelen zur Filmgeschichte, der Rest hat abseits einiger Anleihen (ihr trefft beispielsweise auf den kranken Triceratops) mit der Filmhandlung eher weniger zu tun.

Die erste Perspektive

Der erste Teil des Spiels ist für die damalige Zeit recht klassisch gehalten. Aus einer Top-Down-Perspektive steuert ihr Grant durch die verschiedenen, relativ großen Areale auf der Suche nach Keycards und Schalter oder anderen Gegenständen, die euch das Weiterkommen erlauben. Und natürlich wimmelt es überall nur so von kleinen und großen Dinos mit wenig echter KI, die euch ans Leder wollen. Auch keine wirkliche Überraschung hier für Veteranen. Die ersten Level sind leider entsprechend langweilig und vor allem auch unübersichtlich (Was muss ich eigentlich tun? Wo muss ich hin?). Aber später wird es dann doch interessanter, abwechslungsreicher und, ganz wichtig, nervenaufreibender. Allein die Verfolgungsjagd mit dem T-Rex wird mir ewig in Erinnerung bleiben — sowohl Positiv, als auch Negativ.

Und zwar ist das Biest schneller als ihr und eure Waffe ist praktisch nutzlos. Stattdessen habt ihr Zugriff auf Leuchtfackeln, die den T-Rex kurzzeitig aufhalten (ungefähr wie im Film eben). Nur dürft ihr nicht den Fehler machen sie ihm einfach so vor die Füße zu werfen, denn in bestimmten Abständen kommen Gräben voller Bezinkanister. Und euer Ziel ist es mit einem exakten Wurf (denkt an die Zerstörung des ersten Todessterns) diese Anzuzünden und den T-Rex dadurch länger aufzuhalten bis er am Ende keine Lust mehr hat. Wenn ihr da keine mehr dabei habt, dann ist das schlecht. Und die ganze Zeit wackelt dabei der Bildschirm und das Getrampel des T-Rex, nur unterbrochen von einem seiner infernalischen Schrei hin und wieder, tönt durch die Boxen. Wie gesagt: Absolut nervenaufreibend und ab einer gewissen Anzahl an Neustarts wegen einem verfehlten Wurf oder einem verpassten Sprung auch absolut frustrierend. Freies Speichern? HA! Level von vorne starten, mein Lieber!

Die zweite Perspektive

Screenshot aus Jurassic Park (1993)Der Grund, warum sich mir das Spiel so massiv eingeprägt hat, liegt jedoch im zweiten Spielabschnitt. Da wechselt ihr nämlich in die Ego-Perspektive und müsst euch durch äußerst karge Umgebung arbeiten, nur bewaffnet mit einer Schrotflinte. Denkt an Turok: Dinosaur Hunter, nur mit noch weniger Details und einer noch geringeren Sichtweite als beim N64-Klassiker.

Allerdings trug die geringe Sichtweite auch massiv zur Atmosphäre dieser Level bei, denn eure Gegenspieler sind hier Velociraptoren, die euch buchstäblich aus dem Nichts ins Gesicht springen (wie auf dem Screenshot). Da kriegt man stellenweise echt einen Herzinfarkt und geht nur noch vorsichtig Schritt für Schritt voran. Zumal Munition und Lebensenergie äußerst knapp sind. Natürlich besucht ihr aus dieser Perspektive auch ein paar der Schauplätze des Films, darunter das Besucherzentrum, die berühmte Küche und eben der Raum, in dem Ellie nach und nach die Schalter umlegt. Zwar alles sehr simpel umgesetzt, aber doch auf seine Art und Weise sehr cool und das labyrinthartige Leveldesign erhöht die Spannung noch weiter.

Bagdadsoftware meint: Technisch ist das Spiel natürlich hoffnungslos veraltet (nicht nur grafisch, auch soundtechnisch — die Velociraptoren haben exakt einen, wenn auch coolen, Soundeffekt), aber wenn ihr euch darauf einlasst und über die, heutzutage etwas umständliche, Steuerung hinweg seht, dann erwartet euch immer noch ein spielerisch durchaus lohnenswerter Titel — vor allem für Fans der Vorlage, auch wenn der Ooooh- und Schockfaktor natürlich nicht mehr so hoch ist wie damals. Wenn ihr die DOS- irgendwo herbekommt, dann unbedingt mal einen Blick drauf werfen!

Kurze Überleitung

Wie ich plötzlich wieder auf diesen Titel komme? Nun, Telltale Games haben vorgestern nach langer Verspätung ihr neustes Projekt veröffentlicht:

Jurassic Park - The GameJurassic Park – The Game – Bislang konzentrierte sich Telltale Tales vor allem auf das Adventure-Genre mit casual-freundlichen, aber humorvollen Spielen wie Tales of Monkey Island, Back to the Future: The Game und natürlich den Sam & Max-Umsetzungen. Mit Jurassic Park – The Game gehen sie nun in eine andere Richtung und machen stattdessen einen rudimentären Heavy Rain-Klon — besser lässt es sich nicht beschreiben.

Der Hauptteil der vier Episoden, die alle gleichzeitig und in einem Paket veröffentlicht wurden, verbringt ihr entsprechend damit Actionszenen beizuwohnen und dabei im rechten Moment die richtige oder zumindest eine der angezeigten Tasten zu drücken. Hier und da habt ihr etwas Entscheidungsfreiheit und angelehnt an Heavy Rain, führt ein misslungenes Quick-Time-Event nicht immer gleich zum Spielende. Sterben werdet ihr trotzdem noch sehr oft. Telltale Games hat auch extra einen Todescounter eingebaut. Zusätzlich könnt ihr euch Medaillen für jeden Abschnitt verdienen. Schafft ihr ihn perfekt, gibt’s Gold und je öfter ihr danebendrückt oder gar sterbt, desto weiter runter geht’s, bis ihr gar keine mehr bekommt.

Meh…

Die Medaillen sind dann auch der einzige Grund, warum man eine der Episoden vielleicht noch einmal spielt. Anders als Heavy Rain, läuft das Spiel nämlich sehr linear ab. Selbst wenn ihr es schafft den wütenden Triceratops noch rechtzeitig in seinen Käfig zu sperren, kommt danach trotzdem gleich der T-Rex, der Triceratops bricht aus, euer Auto überschlägt sich etc. pp. Sprich: Die Szenen verändern sich nur äußerst marginal basierend auf eurem Erfolg bei den QTEs. Und werdet ihr doch mal aufgefressen, zerdrückt oder kommt anderweitig zu Tode — ja, das Spiel ist trotz fehlendem Blut nichts für Kinder –, startet die Sequenz schlicht vom letzten Checkpoint neu.

Unterbrochen werden die Actionszenen durch kleinere, ja man kann sie fast als seichte Wimmelbildeinlagen bezeichnen, in denen ihr einen abgeschlossenen Abschnitt durch den Klick auf Hotspots „untersucht“. Frei Herumlaufen? Gibt es nicht. Ihr hangelt euch wirklich nur von Hotspot zu Hotspot. Sobald ihr euch durchgeklickt habt, Rätsel sind das absolut keine, startet die nächste Actionsequenz.

Diese Abschnitte sind überhaupt nicht gelungen und für mich als Filmkenner war der zweite dieser Art in Episode 1 auch das frustrierende Erlebnis überhaupt. Die Aufgabe? Nedrys Rasierschaumdose finden, die er bekanntlich vor seinem Tod verloren hat. Wer den Film gesehen hat, weiß exakt wo sie liegt, aber natürlich gibt es dort zu Beginn noch keinen Hotspot. Stattdessen muss ich erst ne Viertelstunde umständlich Nedrys Fußspuren nachverfolgen und derlei Kram. Absolut frustrierend und auch schlicht bescheuert. Da freue ich mich umso mehr auf die nächste Actionsequenz.

Nette Atmosphäre

Screenshot aus Jurassic Park - The GameDie Geschichte des Spiels läuft zu Beginn ein Stück parallel zum Film/Buch, geht aber schon bald darüber hinaus. Sobald ihr am Besucherzentrum ankommt, erwartet euch dort nur noch der T-Rex, während im Hintergrund der Helikopter mit den anderen Richtung Abspann fliegt. Ihr selbst schlüpft in die Rolle von Dr. Gerry Harding, den man auch kurz im Film sieht und eigentlich mit dem Boot weggefahren sein soll, sowie seiner Tochter und einer „Komplizin“ von Nedry, die beauftragt wurde die Dose am Dock entgegenzunehmen, sich dann aber auf die Suche nach ihm macht und (unfreiwillig) auf die anderen beiden trifft. Der Übergang zwischen den Charakteren erfolgt meist fließend, je nachdem wie die Situation gerade abläuft und es ist nie so, dass ihr jetzt in diesem Abschnitt nur Harding steuert und im nächsten nur die Tochter. Es sei denn natürlich, die Gruppe wurde getrennt.

Die Hintergrundgeschichte ist ganz nett, schon alleine deshalb, weil es ist interessant ist zu erfahren, was eigentlich mit den restlichen Leuten auf der Insel so passiert ist und ich vermisse es auch nicht wirklich, dass keine bekannten Charaktere darin vorkommen. Zudem ist das Tempo die meiste Zeit angenehm hoch. Natürlich versucht Telltale aber genau in den Actionsequenzen richtig schön Spannung aufkommen zulassen. Das Highlight in Episode 1 ist beispielsweise der Kampf zwischen dem bereits erwähnten T-Rex und dem Triceratops, wo ihr euch vor denen in Sicherheit bringen müsst (siehe Screenshot). Das ist super in Szene gesetzt und funktioniert mit den QTEs auch richtig gut. Aber leider verliert selbst dieser Abschnitt durch die Technik des Spiels massiv an Atmosphäre.

Absolut mangelhafte Technik

Das größte Problem sind unerklärliche Framedrops und Standbilder, die nicht nur bei mir, sondern auch bei anderen PC-Nutzern auftreten. Wie es auf dem iPad ist, kann ich allerdings nicht sagen. Diese treten vor allem in den Actionsequenzen auf, in denen es buchstäblich überlebenswichtig ist reagieren zu können und sind entsprechend spielentscheidend. Hoffentlich kommt da noch zügig ein Patch nach.

Aber selbst abseits davon kann das Spiel absolut nicht überzeugen. Es kommt immer noch die gleiche Engine zum Einsatz wie schon damals bei Bone (2005!) und das sieht einfach nur noch grässlich aus. Die Welt wirkt größtenteils „falsch“, weil Licht- und Schatteneffekte nur rudimentär vorhanden sind, die Texturen nicht gerade detailliert und stark verwaschen daherkommen und die sehr kleinen Areale sind äußerst leer. Auch den Charakteren fehlt es an Details, vor allem aber an guten Animationen. Packt man dann noch das oft komplett misslungene Pacing dazu (Dialoge, die gefühlt zu spät starten und solcherlei Kram), wirkt der Großteil des Spiels einfach nur noch steif und amateurhaft unbeholfen — und das ist der ultimative Atmosphäre-Killer. Da lenkt auch die tollste T-Rex-Verfolgungsjagd nicht mehr von ab und lässt die Motivation gen Null sinken.

Bagdadsoftware meint: Jurassic Park – The Game hat definitiv seine guten und auch sehr coolen Momente, die Lust aufs Weiterspielen machen. Und die QTEs, auch wenn sie im Vergleich zu einem Heavy Rain sehr simpel gehalten sind, funktionieren erstaunlich gut. Aber viel zu viel Spielspaß wird zum einen durch die veraltete und stellenweise schlicht verhunzte Technik verbraten, die unerklärlichen Framedrops kann ich den Actionsequenzen einfach nicht gebrauchen, und zum anderen durch diese spielerisch vollkommen belanglosen „Adventureeinlagen“ zunichte gemacht. Höchstens Jurassic-Park-Fans werden mit dem Titel begrenzt ihre Freude haben. Alle anderen sollten hingegen ganz klar die Finger davon lassen oder zumindest die Demo abwarten, wenn denn noch eine kommen sollte.

Abschließend noch eine Bitte an Telltale Games: Macht endlich mal eine Pause. Zieht euch mal ein Jahr zurück, überdenkt euren extremen Casualfokus vielleicht ein bisschen, baut gleichzeitig eine etwas modernere Engine und überrascht uns dann wieder mit einer gelungenen Wiedergeburt einer lang erwarteten Spielreihe wie damals mit der ersten Staffel von Sam & Max.

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