Azzkickr

Ode an den Penetrator

Saints Row: The Third. Das erste Spiel seit langer Zeit dessen Release ich tatsächlich herbeigesehnt habe und seit Ewigkeiten wieder ein Titel, bei dem ich im Vorfeld wirklich alles verschlungen habe, was ich finden konnte.“ – – – NICHT ! ABSOLUT GARNICHT!

Nein, man kann wahrlich nicht behaupten, dass ich auch nur ein geringstes Interesse an Saints Row 3 hatte. Streng genommen war mir die Serie bis vor kurzem sogar komplett fremd. Teil 1 und 2 kannte ich gar nicht und auf Teil 3 wurde ich auch nur zufällig durch einen Trailer aufmerksam. Ein Trailer, der mich ob des hohen Grades skurriler Inhalte dann aber doch neugierig machte. Ok, es gab auch eine Phase, wo ich dann auch schon entschieden hatte, das Spiel zu ignorieren, weil’s einfach zu absurd erschien. Letztlich war es dann aber doch die Neugierde auf diese Art von Spiel und – wie schon öfters – der Artikel des sicherlich nicht ganz unvoreingenommen Webmasters, der mich dazu bewog, das Spiel zu kaufen. Achso: Dass es just bei Steam für’n Zehner zu haben war, hatte natürlich rein Garnichts damit zu tun :laughing: .

Das Warum, weshalb und wieso

Es war also seit Jahren mal wieder ein Spiel, von dem ich nicht wusste, ob es mich wenigstens auch nur ansatzweise unterhalten würde. Ich wusste nur: ich steh auf schwarzen Humor, Ironie, Zynismus und politisch-inkorrekte Inhalte. Ich wusste aber auch, dass ich bislang jedes Open-Word-Spiel nach kurzer Zeit total gelangweilt, stellenweise auch genervt wieder beiseitegelegt hab. Hat das Experiment also geklappt?

Die Story des Spiels passt auf einen Bierdeckel: Stadt (Steelport) will von verschiedenen Banden erobert werden. Auseinandersetzung eskaliert, Regierung schaltet sich auch noch mit ein. Auseinandersetzung eskaliert noch mehr. Fertig. Ok, ich tue dem Spiel damit sicher etwas unrecht, vor allem zur Vorgeschichte, die offenbar in den beiden Vorgängern behandelt wurde, kann ich an dieser Stelle nichts sagen (für Infos bitte an den Webmaster wenden). Ist aber auch letztlich nicht nötig, denn das Faszinierende an diesem Spiel ist zweifellos nicht die Geschichte, sondern sind die äußerst kurzweiligen Missionen, die Charaktere, der Humor und der „Ich-säubere-die-Stadt-bis-ins-letzte-Eck“-Suchtfaktor. Aber der Reihe nach.

Der Spielablauf

Herstellerbild zu Saints Row: The ThirdWie für viele Open-World-Spiele typisch gibt es sowohl Hauptmissionen, die die Handlung vorantreiben, als auch sekundäre Aufgaben, deren Erledigung optional aber durchaus lohnend ist und die sich vor allem ohne großes Suchen an fast jeder Ecke der – für mich persönlich – angenehm überschaubaren, weil eben nicht exorbitant großen Stadt Steelport zu finden sind. Es gibt etwa ein halbes Dutzend verschiedener Typen dieser Nebenquests, unterteilt in jeweils drei Schwierigkeitsgrade. Davon durchaus realistische (Zerschlagen von feindlichen Bandenoperationen, illegaler Handel, Eskortmissionen, Transportmissionen) aber auch sehr absurde (Panzerfahrt, Amokfahrt, Versicherungsbetrug, Parcours [Professor Genki]). Es sind dabei besonders letztere, die immer wieder Spaß machen und von denen man gerne noch mehr hätte. Während die Panzer- und Amokfahrt einfach nur das Ziel hat binnen möglichst weniger Zeit möglichst viel Chaos und Zerstörung in die Stadt zu bringen, also einfach mal die Sau rauszulassen, geht es beim Versicherungsbetrug darum, sich möglichst geschickt vor Autos zu werfen und sich zu verletzten, was, wenn man die Steuerung mal kapiert hat, auch ein Spaß ist. Die — leider sehr wenigen — Parcours sind jedoch ein besonderes Highlight: hier geht es darum, unter Zeitlimit einen mit Fallen, Gegnern (Maskottchen und Schlägertypen) und Reaktionstests (aufploppende Zielscheiben) gespickten Hindernislauf zu bestehen. Kurz gesagt: das macht einen Heidenspaß. Ich bin dafür, dass einer der großen Publisher mal ein AAA-Vollpreisspiel nur mit solchen Parcours auf den Markt bringt :smile: .

Diese Missionen machen aber natürlich nicht nur Spaß, sondern bringen auch handfeste Vorteile. Mit jeder absolvierten Quest erhält man nicht nur Geld und Respekt sondern man erhöht auch seinen Einfluss in der Stadt (bzw. dem jeweiligen Stadtteil) – mit der Folge, dass mehr eigene Gangmitglieder auf den Straßen unterwegs sind und weniger des Gegners. Erreicht man 100%, gilt das Gebiet als gesäubert, die Gegner sind verschwunden. Diese 100% erreicht man jedoch nur, wenn man zusätzlich zu den Nebenmissionen auch Geschäfte erwirbt, die in Folge dessen einen regelmäßigen Betrag abwerfen und die als Zufluchtsort gelten um etwaige Verfolger schlagartig loszuwerden (nicht ganz realistisch, aber äußerst nützlich).

Das Hamsterrad

Das Spiel macht dabei etwas sehr richtig. Etwas, was ich persönlich nur aus Hack ’n‘ Slay-Rollenspielen kenne: es motiviert den Spieler ungemein, „die Stadt zu erobern“. Während man in einem Diablo 3 bspw. im Minutentakt neue, tolle Items bekommt und im Level aufsteigt, ist es in Saints Row: The Third die Kurzweiligkeit der Nebenmissionen, die bei der Stange hält. Keine dieser Nebenaufgaben dauert mehr als 10min, die allermeisten sind in weniger als 5min erledigt. So entsteht das bekannte „nur noch eine Mission“-Prinzip. Toll. Hinzu kommt, dass man sich mit Hilfe des erlangten Respekts — ähnlich wie in RPGs — nach und nach neue Fähigkeiten freischaltet, die man mit dem verdienten Geld aktivieren kann. Und ich war echt überrascht, wie vielseitig und tiefgehend Saints Row 3 da ist: grob geschätzt sind das um die 100 freischaltbaren Talente/Boni/Gebäudeupgrades. Super. Und vor allem ist das Ganze auch ordentlich ausbalanciert: das Geld bleibt bis zum Ende immer recht knapp, der „Kauf“ neuer Talente muss also gut geplant sein. Und: diese Talente sind auch wirklich spürbar. Einige Missionen habe ich bspw. erst geschafft, als ich mich weiter hochgelevelt hatte. Grandios.

Bleiben auf der Habenseite also noch die Charaktere und der Humor, wobei beides natürlich ineinander greift. Serientypisch ist bei den Charakteren von klischeehaft bis skurril alles dabei, ohne aber — zumindest meiner Meinung nach — ins Peinliche oder maßlos Überzogene abzugleiten. Entsprechend auch der Humor: einerseits ist in den Gesprächen viel Ironie und Sarkasmus zu entdecken, andererseits tut das Szenario sein Übriges (teils herausragende Level, viele Anspielungen auf Filme und andere Spiele). Ich sag nur: EINHORN! :smile: Aber auch die Liebe zum Detail überzeugt: allein schon die variantenreichen Nahkampfangriffe sind ne Wucht!! Und die obligatorischen Radiosender sind natürlich auch mit an Bord (wobei ich immer den Klassiksender drin hatte, was sehr bizarr ist, wenn man grade mit ’nem Panzer alles wegballert :laughing:). Achja: die Charaktere singen doch tatsächlich an einer Stelle zu einem Lied! Wie super ist das denn?!

Die andere Seite

Also alles gut in Steelport? Nein, leider nicht. Und dieses „leider“ mein ich dabei absolut ernst. Denn ich muss zugeben: wären die folgenden Schwächen nicht, wäre Saints Row: The Third eines der besten Spiele, die mir seit Jahren in die Hände gekommen sind (freilich aufgrund auch wegen seiner Extravaganz und schweren Vergleichbarkeit mit z.B. Heavy Rain und Mass Effect). Aber leider haben die Programmierer so einige Böcke geschossen. Dazu gehört die bestenfalls durchschnittliche Technik: Grafik, Animationen, Sound. Nichts davon ist gut, sondern höchstens als zweckmäßig zu bezeichnen. Das wäre noch halbwegs vertretbar, aber das Spiel leidet trotzdem unter Performanceproblemen, vor allem im DX10/11-Modus. Bei mir kam es regelmäßig etwa alle 2-3 Minuten zu 2-3 Sekunden langen Hängern. Gegen Ende, wenn die Gegnermassen zunehmen, ist das Spiel auch mehrmals abgestürzt. Die Steuerung reiht sich auf diesem Niveau ein. Grundsätzlich solide, ist sie vor allem bei den Versicherungsbetrug-Missionen und Motorradfahrten extrem unkalkulierbar (und nein, ich finde nicht, dass das so sein sollte). Auch bleibt die Spielfigur oft an kleinen, nur zentimenterhohen Objekten hängen.

Das — zumindest für mich — Ärgerlichste ist aber, dass das Spiel keine deutsche Sprachausgabe hat. Wenn man nicht über sehr gute bis hervorragende, praxisgerechte Englischkenntnisse verfügt, geht einem leider sehr viel vom Humor und der Story verloren. Man muss wirklich in der Lage sein, auch während des hektischsten Schusswechsels oder den anstrengendsten Autofahrten ein akzentbehaftetes, sehr schnell gesprochenes Englisch zu verstehen. Rein theoretische Kenntnisse, so gut sie auch sein mögen (wie bei mir), werden da ohne Praxisübung nichts nützen. Das darf man dem Spiel jetzt natürlich nicht als Schwäche anrechnen, aber faktisch hat es bei mir den Spielspaß getrübt.

Fazit

Wie sieht also das Fazit aus? Hatte der Webmaster Recht, oder ist er nur ein voreingenommener Fanboy? Mitnichten! Ich kann an dieser Stelle nur meinen Dank aussprechen für seinen Artikel, der wohl das I-Tüpfelchen war und mich letztlich zum Kauf bewegt hat. Saints Row: The Third ist, aller Schwächen bei Technik, Steuerung und Lokalisation zum Trotz, ein tolles Spiel, das mich hervorragend unterhalten hat. Ich kann mir nur wünschen, dass es einen vierten Teil auf Basis der Next-Gen-Konsolen geben wird, wenngleich die Chancen dazu wohl nicht allzu gut stehen, schaut man sich die Meinung des neuen THQ-Chefs Jason Rubin an. Oder die schwierige Geschäftslage von THQ im Allgemeinen, sowie die nur mittelmäßigen Verkaufszahlen von Saints Row: The Third im Speziellen (Anm. d. Red.: Eigentlich war es mit 4 Millionen verkauften Einheiten der erfolgreichste THQ-Titel im Geschäftsjahre 2011).

Aber wenn wir alle Daumen drücken klappt’s ja vielleicht doch :smile: . Bis dahin: Kaufbefehl auch von meiner Seite aus!

WERTUNG

Spielspaß: 8,5 von 10 (Englisch-Profis: 9,0 von 10)
Technik: 5,5 von 10 (1 Punkt Abzug wegen Hänger und Abstürzen)

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17 Kommentare

*läuft mit stolz geschwellter Brust in den Kommentarbereich* Hab' ich's nicht gesagt? HAB' ICH'S NICHT GESAGT? Da seht ihr mal wieder, was passiert, wenn man auf mich hört! :wink:

*ignoriert den Webmaster mit Thorax-Schwellung*

"Ich wusste aber auch, dass ich bislang jedes Open-Word-Spiel nach kurzer Zeit total gelangweilt, stellenweise auch genervt wieder beiseitegelegt hab."

Das… Genau das. Meine Sorge bei diesem Spiel und vergleichbaren Spielen. Ich finde es überaus erquickend, dass ich deinen Eintrag vollständig gelesen habe und erst jetzt beim Zitieren deinen Titel sehe. Genau das habe ich nämlich gedacht: Azz schreibt hier eine Ode und mein Highlight auf der E3 ist ein Titel wie WatchDogs. Und mein nächster Gedanke war direkt: Hilfe, ich erlebe den Verfall! Mal schauen, vielleicht werde ich mir im Steam Summer Sale SR3 zulegen und vielleicht wird WatchDogs ja so gut werden wie erhofft.

wg Technik:
Übrigens kannst du beim Starten der Anwendung im Kompatibilitätsmodus ein paar der 3 Sekunden-Hänger ausmerzen, wenn das Spiel versucht "unbemerkt" etwas vorzuladen oder zu spawnen. Du wirst dabei nicht aus dem DX10/11 Modus rausgekickt. Bei mir hat es zumindest geholfen. Ob es immer noch so ist (aufgrund Updates oÄ)… steht auf einem anderen Blatt.

Was mir grad noch produktives einfällt: Das bei uns indizierte The Club von 2008 war genau so ein Parkour-Shooter. Allerdings jetzt nicht so absurd und lustig gemacht wie Genki.

Die Hexe schielt immer wieder mal auf SR3, wahrscheinlich für die 360… allein wegen dem Editor und der totalen Durchgeknalltheit bin ich mir sogar sicher, dass sie eine Menge Spaß an dem Zeug haben würde :laughing:

Ich war bei dem 10€ Angebot auch sehr kurz vorm zuschlagen… Habs dann aber doch nicht gemacht, weil ichs nicht geschnitten will (auch wenns nicht wirklich stark geschnitten ist) und außerdem hat Sic mir geraten auf die GOTY zu warten ;)

"weil ichs nicht geschnitten will"
Den Gedanken hatte ich auch, wobei du es dir ja von Leuten aus dem Ausland schenken lassen kannst.

"und außerdem hat Sic mir geraten auf die GOTY zu warten ;)"
Das interessiert mich: Sagt doch mal da noch was dazu.

Bei der Menge an DLCs und dann auch noch Ende Oktober das Stand-Alone-Addon Enter The Dominatrix. Da kommt garantiert eine Compilation.

Was gibts dazu zu sagen? DLC natürlich.. Die Liste auf Wikipedia ist lang, aber interessant sind ja nur die, die auch Missionen mitbringen, was wohl Hauptsächlich auf die im Season Pass erhältlichen zutrifft..

Hier die Liste:

Funtime! Pack
Moneyshot Pack
Shark Attack Pack
Invincible Pack
Explosive Combat Pack
Z Style Pack
Warrior Pack
Online Pass
Season Pass
Genkibowl VII (Free with Season Pass)
Gangstas in Space (Free with Season Pass)
Bloodsucker pack
The Trouble with Clones (Free with Season Pass)
Special Ops Pack
Nyte Blayde Pack (Free with Season Pass)
Steelport Gangs Pack
Penthouse Pack
Witches & Wieners

Edit: Da war jemand schneller, aber ich war ausführlicher :P

jetzt verstehe ich eure antworten… dass in einer GOTY die DLCs dabei sind, ist mir klar, aber wie gesagt: welche Erweitern denn sinnvoll und sind nicht nur Kostüm Packs oder Mini-Minimissionen?

Genkibowl VII, Gangstas in Space und The Trouble with Clones. Alles andere sind nur zusätzliche Figuren und Autos (und Outfits), wenngleich die Nyte Blayde Karre schon cool ist.

Hab' jetzt beim Humble THQ Bundle zugeschlagen… für 4,20€ war SR3 dabei:

https://www.humblebundle.com/

Ungeschnitten. Ich glaube, dass es mittlerweile nur noch geschnitten für deutsche Käufer kommt. Naju, aber für den Preis kann man nichts falsch machen und außerdem gab's ja noch Metro2033, Darksiders, RedFaction:Armageddon, Company of Heroes + Addons und die dazugehörigen Soundtracks dazu. Hat sich also extrem gelohnt (auch wenn ich alles andere schon besessen habe).

Hoffen wir mal, dass THQ damit über den Berg kommt ~

Auf dem für geschnittene Spiele üblichen Wege konnte man es aktivieren. Wegen Beat-the-Average ist Saints Row 3 ein Key, die anderen Spiele sind _gemeinsam_ alle im Anderen… sprich Doubletten kann man nicht einfach so weiter verschenken.

Man konnte jetzt als Deutscher im Nachhinein einen Key für die geschnittene Fassung nachfordern, ich denke aber, wenn man den Support anschreibt, dass es auch umgekehrt geht. Laut anderer User antworten die recht fix. ;)

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