Sicarius

Eine Geschichte aus anderen Zeiten

Vorsicht: Der folgende Text enthält massive Spoiler zum Fallout: New Vegas-DLC Dead Money!

Es ist ja nicht so, dass ich es gewollt hätte. Ich habe mehrfach versucht auf ihn einzureden. Aber wahrscheinlich hatte er schon aufgehört mir zuzuhören, als wir uns das erste Mal in seiner Befehlswohnung begegnet sind. Für ihn war ich nur ein Mittel zum Zweck. Es kümmerte ihn nicht, dass seit 200 Jahren um ihn herum alles tot und er selbst nur noch ein Abziehbild seiner Vergangenheit war. Der Gedanken an Rache erfüllte ihn gänzlich und machte ihn auch innerlich zu einem hässlichen Ghoul. Doch alleine konnte er sein Ziel nicht erreichen. Er brauchte mich, um ins Sierra Madre einzudringen.

Zu dem Zeitpunkt wusste ich aber von all dem noch gar nichts. Dean, so war sein Name, war einfach ein weiteres Arschloch, dem ich auf meinen Reisen durch das Ödland begegnete und dessen Hilfe ich notgedrungen in Anspruch nehmen musste. Mein Hass galt zuerst einmal demjenigen, der mich überhaupt erst in dieses gottverlassene Geisterdorf gebracht hatte. Interessanterweise wollte auch er in das Casino gelangen. Er zwang mich entsprechend dazu, die anderen drei im Dorf Verschollenen zu finden und zusammen mit ihnen die Grabesruhe zu stören. Dank einer von ihm kontrollierten Bombe um den Hals, hatte ich wohl oder übel keine andere Wahl als seinem Befehl zu gehorchen. Glücklicherweise erging es den anderen genauso. Stirbt einer, sterben alle, war die Devise. Das machte die Sache etwas leichter.

Ruhelose Geister

Herstellerbild zu Fallout: New Vegas - Dead MoneyWobei „etwas leichter“ immer noch „verdammt schwer“ bedeutete. Was die fallenden Bomben aus diesem Ort und seinen ehemaligen Bewohnern gemacht hat, ist das schlimmste, was ich bislang gesehen habe — und ich habe schon in unzähligen Vaults dem absoluten Grauen ins Gesicht geschaut. Wenn ich wenigstens meine Waffen dabei gehabt hätte! So musste ich mich mir mit dem behelfen, was ich so finden konnte: angerostete Küchenmesser, uralte Pistolen und anderer, für mich völlig unbrauchbarer Kram. Ich habe mich verdammt nochmal auf Energiewaffen spezialisiert! Was will ich da so uraltem und fehleranfälligem Pulverzeugs?

Zumal die Dorfbewohner zu etwas geworden sind, dass sich sowieso nicht mehr durch Kugeln beeindrucken lässt. Schneidet man ihnen nicht explizit die Kehle durch, stehen sie immer wieder auf. Sie erinnern mich ein Stück weit an die alten Geschichten von Zombies, welche die Welt nach der Apokalypse unsicher machen. Wenn die Erzähler damals nur gewusst hätten, wie schrecklich tatsächlich die Welt nach dem atomaren Krieg aussieht.

Allerdings sind die Geister eher wie hungerlose Zombies, die sich hinter einer Maske mit giftgrün glühenden Augen verstecken und rastlos die Gassen patrouillieren. Zusammengekauert habe ich sie anfangs aus dem Schatten heraus beobachtet. Ihrem markerschütternden Heulen gelauscht und versucht ihr Tun zu entschlüsseln. Doch schon bald wurde mir klar: Diese Geister erfüllen keinen Zweck mehr. Ihr stochern im Geröll, ihr Wille alles zu töten, was sich bewegt — dahinter steckt kein Instinkt oder gar Gedanke mehr. Nur wenn sie eines der vielen Hologramme erblicken, welche unermüdlich die Vorzüge des Sierra Madre preisen, dann scheinen sie sich kurz an ihr ehemaliges Leben zurück zu erinnern. Doch dieses Aufflackern einer Gehirnaktivität dauert nur kurz an.

Die ersten Zwei

Ich habe nur ungern den Kampf mit ihnen gesucht. Stattdessen bin ich von Schatten zu Schatten und über die Dächer zu meinen Zielen gehuscht. Selbst der schizophrene Supermutant Dog ist bereitwillig in die Knie gegangen, um den Kämpfen zu entgehen. Aber von ihm möchte ich gar nichts erzählen. Er war nur ein weiterer Schlüssel, dessen ich mich annahm und ihn so lange bearbeitete, bis er ins Schloss namens Sierra Madre passte. Dean und Christine hingegen waren die zwei Gestalten, die auf meinem Weg die größte Rolle spielen sollten.

Dass ich mit dem Ghoul einmal Ärger bekommen würde, hätte mir allerdings schon bei unserer ersten Begegnung bewusst werden sollen. Er befahl mir mich neben ihn hinzusetzen und mir war sofort klar, dass sich unter dem Stuhl eine Bombe befand. Und dennoch habe ich mich mit ihm eingelassen, ja sogar versucht ihn zu verstehen und ihm zu helfen. Ich hätte besser einen anderen Weg finden sollen. Aber wie sagt man so schön? Hinterher ist man immer schlauer.

Die rastlose Diva

Woher sollte ich auch wissen, dass er es war, der Christine in den Auto-Doc eingesperrt hatte. Sie konnte zu dem Zeitpunkt ja dank ihm nicht mehr sprechen. Und aufgrund einer alten Kriegsverletzung, die ihren Schädel wie ein auseinandergefallenes Puzzle aussehen ließ, war sie nicht einmal in der Lage mir ihr Leid aufzuschreiben. Erst gegen Ende meiner Mission erfuhr ich, dass dieses Scheusal von einem Ghoul versucht hatte sie zum Tresorschlüssel umzufunktionieren. Dessen Öffnungsmechanismus reagierte auf die Stimme von Vera, der Diva des Sierra Madre und Freundin des Hausherren Sinclair.

Und selbst diese hatte Dean aus blindem Hass für seine Zwecke missbraucht. Alles nur, um seinen Erzfeind Sinclair für seinen Erfolg zu bestrafen. Dabei schimmert in seinen Worten immer wieder eine gewisse Wehmut durch, wenn er von ihr spricht. Die Rolle als Liebhaber scheint wohl nicht komplett gespielt gewesen zu sein. Doch alle Gefühle, die er jemals für sie hatte, sind mit dem Fall der Bomben und der 200 Jahre langen Wartezeit ausgelöscht worden zu sein. Reiner Hass brodelt nun in seinem Inneren. Und Vera? Sie streift als Hologramm durch das leere Casino und wiederholt ständig ihre Hilferufe, die sie kurz vor ihrem Tod in den Himmel schrie. Ein trauriger Anblick.

Das Ende des Ghouls

Herstellerbild zu Fallout: New Vegas - Dead MoneyEs war entsprechend nur eine Frage der Zeit, bis mir Dean in den Rücken fallen würde. Nach unserer Ankunft im Casino war es dann auch gleich so weit. Der Dummkopf dachte, dass er mich jetzt nicht mehr brauchen würde. Alles Zureden half nichts. Er war so geblendet von seiner Wut, dass mir am Ende nichts anderes übrig blieb als ihn von seinem Leid zu erlösen. Als er starb, explodierte die Bombe um seinen Hals und er wurde dort begraben, wo er zuletzt ein Mensch gewesen war: Auf der Showbühne des Sierra Madre. Zum Glück war die Verbindung zwischen unseren Halsbändern zu diesem Zeitpunkt schon gelöst, sonst wäre ich auch nicht mehr am Leben.

Eigentlich kann er sich glücklich schätzen, dass er am Ort seines letzten menschlichen Wirkens verendete. Ich hatte sogar seine Performance als Hologramm gefunden und ihm vorgespielt. Aber das ließ ihn genauso kalt wie alles andere. Im Tresor hätte ihn jedoch ein anderer, wesentlich qualvollerer Tod erwartet. Sinclair wusste nämlich, so fand ich kurze Zeit später heraus, von seinem Plan. Vera hatte Dean verraten. Wäre Dean in den Tresor eingedrungen, hätte sich die Tür hinter ihm geschlossen und das Thema wäre erledigt gewesen.

Das zweite Ärgernis

Was nicht bedeutet, dass dort unten im Keller des Sierra Madre nicht doch noch ein Mensch sein Ende gefunden hat. Es war da ja noch die Sache mit dem Typen, der mich überhaupt erst in dieses gottverlassene Stück Land geschleift hatte: Elijah. Bislang kannte ich ihn nur aus seinen Tagebüchern, die ich auf meinen Reisen gefunden hatte und natürlich vom Holobildschirm, von dem aus er mir seine Befehle erteilte. Ein arroganter und besserwisserischer Egomane, der meinte nur weil er ein paar Bücher gelesen hat und einmal Teil der Bruderschaft war, wäre er was Besseres als alle anderen auf dieser Welt und nun alles dran setzte Macht zu gewinnen. Kein Wunder, dass Christine von der Bruderschaft ausgeschickt worden war um ihn zu töten.

Aber das konnte ich nicht zulassen. Nach all dem was er uns und all denen, die vor uns kamen, angetan hatte, war ein schneller Tod viel zu gut für ihn. Er wollte unbedingt in den Tresor gelangen? Kein Problem, habe ich mir gedacht. Er war ja sowieso als Grab gedacht und da es Dean jetzt nicht mehr brauchte, war genug Platz darin für Elijah. Tür auf, rausgeschlichen, gewartet bis er drin war und Tür zu. Als er merkte, was geschah, war es schon zu spät. Ich kann seine dumpfen Schläge gegen den massiven Stahl immer noch hören.

Das Ende

Während ich diese Zeilen schreibe, versucht Elijah wahrscheinlich immer noch einen Weg aus dem Tresor zu finden. Der alte Sadist Sinclair hatte genug Essen und Trinken für Monate dort unten gebunkert. Der alte Mann könnte noch lange überleben und nach einem Ausweg suchen. Doch es gibt keinen. Die Tür ist für alle Zeiten verschlossen. Ich frage mich, ob er sich am Ende die Kugel geben wird oder lieber langsam aber sicher dahinsiecht. Bittet er vielleicht sogar schon um Vergebung für seine Sünden? Tut mir Leid alter Mann, aber darauf kannst du lange warten. Christine wird dir als neue Herrin des Casinos weder vergeben noch einen Teufel tun und dich herauslassen.

Ich habe diesem gruseligen Ort hingegen nach getaner Arbeit schnellstmöglich den Rücken gekehrt und bin wieder zurück in die Mojave. Nach den engen und trostlosen Gassen und Gängen tut der Anblick der Weite der Steppe und der blaue Himmel über dem Kopf gut. Doch den Kampf um das tote Geld werde ich wohl niemals vergessen.

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4 Kommentare

Die Spoilerwarnung ist ja sehr hilfreich, wenn man nicht weiß von was die Spoiler sind ;) Gut anhand der Screenshots kann ichs mir denken… Aber trotzdem :tongue:

Wer nicht weiß, um was es geht, wird auch nicht wirklich gespoiltert. Aber falls eben einer weiß, um was es geht, sollte er eine faire Warnung haben — das war der Gedanke :smile: .

Also ich hab au erst den ersten Absatz gelesen, dann aufgehört und mir erstma die Bilder angeguggt. Als ich dann wusste, worums geht, war ich sehr froh, nicht weiter gelesen zu haben. Ein Hinweis auf das Spiel wär echt gut gewesen :)

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