Sicarius

I don’t want to live on this planet anymore.

Flappy Bird (Screenshot)

Flappy Bird (Screenshot)

Sind Morddrohungen mittlerweile sowas wie „in Mode“, oder warum wird bei jedem noch so unwichtigem Mist mittlerweile von der anonymen Masse sofort zu diesem „Mittel“ gegriffen und unter anderem damit quasi das normale Leben eines Menschen zumindest für kurze Zeit komplett aus der Bahn geworfen? Haben wir echt nichts Besseres zu tun, als das Leben von Leuten wie Dong Nguyen, dem Entwickler von Flappy Bird, (zumindest temporär) zu zerstören, nur weil er sein Spiel aus den Shops nimmt? Muss sich ein Zoo-Direktor mit Hass übersähen lassen, nur weil ein paar Verrückte der Meinung sind, dass das Leben einer Giraffe wichtiger ist als alles andere? Spielen wir damit nicht automatisch in die Hände derjenigen, die totale Überwachung von allem und jenem fordern? Selbst bei Dungeon Keeper die Entwickler zu bedrohen ist bei aller berechtigter Kritik am Spiel völlig daneben.

Tsunami des Hasses

Oder noch allgemeiner formuliert: Waren wir schon immer so und nur keiner hat es mitbekommen, weil wir alle zu weit entfernt wohnten und uns nur am Stammtisch auslassen konnten? Oder hat erst das Internet diesen vernichtenden Mob erschaffen und aufblühen lassen? Und wie viel davon ist die Schuld von Medien, die durch ihre Berichterstattung diese Kampagnen unterstützen und weiter anfeuern nur weil es Klicks bringt? Was sich alleine Kotaku wieder geleistet hat, geht auf keine Kuhhaut und dürfte einem ernstzunehmenden Journalisten einfach niemals passieren. Von der BILD brauchen wir erst gar nicht anzufangen. Außerdem stellt sich die Frage, ob die ganze Sache tatsächlich plötzlich mehr geworden ist in den letzten Jahren, es sich einfach nur mehr Leute trauen den Mund aufzumachen oder die Medien schlicht mehr darüber berichten und es deshalb dominanter daherkommt.

Vermutlich ist es eine Kombination aus allem. Speziell seit Anita Sarkeesian bemerke ich auf jeden Fall einen extremen Anstieg in Sachen Anzahl und, viel schlimmer, Umfang der Hasswellen. Ach und fürs Protokoll, weil auch einige Besucher hier auf der Seite nicht so gut auf die Dame zu sprechen sind: Ich habe ihren Kickstarter unterstützt (sogar noch bevor die ganze Welle losging) weil ich prinzipiell gut finde was sie macht. Schon allein weil es hier und da eine echte Diskussion anregt und andere motivieren kann etwas zu ändern oder zumindest auch den Mund aufzumachen. Ich bin jetzt aber nicht so blind und nehme ihre Videos komplett für bare Münze. Natürlich hat sie eine Agenda und entsprechend sind ihre Werke zumindest bislang durchaus etwas einseitig. Aber selbst das größte Arschloch im Internet müsste feststellen, dass spätestens der ganze Hass auf sie deutlich zeigt, dass in den Weiten der Games-Community irgendetwas absolut falsch läuft. Und es wird nur noch schlimmer werden, denn diejenigen, die heute unter diesen Bedingungen aufwachsen, werden es morgen bei der nächsten Generation fortsetzen. Entsprechend stehe ich weiter zu meinen Aussagen von 2011. Es ist eben NICHT normal, dass man sich gegenseitig auf Schlimmste beschimpft, nur weil einem vielleicht gerade nicht in den Kram passt, was der andere macht. Egal ob es Call of Duty, Street Fighter oder World of WarCraft ist: Am Ende des Tages wollen wir alle das Gleiche, nämlich Spaß haben.

Die Folgen

BRINK (Screenshot)

BRINK (Screenshot)

Natürlich: Die meisten Angriffe sind nach einer Woche (glücklicherweise) schon wieder ausgelaufen, haben meistens nichts Schlimmes nach sich gezogen (siehe Selbstmorde von Jugendlichen aufgrund von Facebook-Mobbing) und das nächste Opfer wird gesucht. Wir reden hier immer noch vom Internet. Aber ich hatte ja schon nach der Veröffentlichung meines Tests zu BRINK (ich finde das Spiel immer noch absolut empfehlenswert!) erwähnt, das so etwas einen echt mitnehmen kann. Natürlich sind die Kommentare unter meinen damaligen Tests (BRINK, Duke Nukem Forever und Red Faction: Armageddon) absolut kein Vergleich zu dem, was die oben genannten so abkriegen und im Kontrast absolut harmlos. Doch die Fakten sind die Gleichen: Egal wie stark dein Fell ist und ob du dir es entsprechend anmerken lässt oder nicht. Wenn dir genug Leute sagen, dass du ein unfähiger Depp bist, dann geht das auf jeden Fall unter die Haut. Jeder, der das Gegenteil behauptet, belügt sich entweder selbst, oder hat bislang ein wirklich behütetes Leben geführt.

Von daher kann ich es absolut nachvollziehen, wenn einige unter diesen Umständen Fordern das Internet zur Anonymous-freien Zone zu machen. An so manchen Tagen würde ich nach dem Lesen der Kommentarspalten in das gleiche Horn blasen, weil ich es einfach nicht fassen kann was so einige Leute ablassen ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Wenn es tatsächlich soweit kommt und wir alle nur noch nach Vorzeigen des Personalausweises einen Kommentar abgeben können, werden wir entsprechend geschockt feststellen: Wir sind selbst schuld daran. Weniger, weil wir nicht dagegen auf die Straße gegangen sind (das ist wieder ein ganz anderes Thema), sondern weil wir mit unserem Verhalten egal ob aktiv oder passiv („Ach das ist doch harmlos!“, „Ignoriere es doch einfach!“, „Das ist halt so!“) diese Konsequenz mit heraufbeschwört haben. Und das ist, da sind wir uns denke ich alle einig, keine schöne Zukunft und widerspricht auch komplett der Idee des freien Gedankenaustauschs. Von daher sollten wir uns tatsächlich alle einmal darüber genauer Gedanken machen, woher das eigentlich kommt, was es begünstigt und was wir dagegen tun könnten.

Epilog

Vor allem mit dem letzten Satz habe ich jetzt natürlich zum Abschluss noch den passiv-aggressive Vorwurf heraufbeschworen: „Das hast du ja alles gut erkannt und halbwegs ohne Rechtschreibfehler zusammengefasst. Aber das ist bekanntlich nix Neues. Die viel wichtigere Frage ist: Was machst DU denn nun dagegen?“ Nun, ich gehe ins Bett, mache mir viele Gedanken und Vorwürfe, spiele abstruse (und depressiv machende) Szenarien durch, wälze mich hin und her und schlafe irgendwann vor mentaler Erschöpfung ein. Und nein, das ist leider nicht lustig gemeint. Ihr wisst doch: Psychologische Behandlung und so. Von daher bin ich wohl derzeit immer noch der letzte, den ihr das fragen solltet. Mich nimmt sowas äußerst extrem mit, selbst wenn ich gar nicht direkt betroffen bin.

Was ich aber auf jeden Fall schon immer mache (und ihr hoffentlich auch), ist es den anderen nicht gleich zu tun und eben nicht auch das Surfbrett rauszuholen und mit einzusteigen und stattdessen meine Kritik anständig zu formulieren und zu untermauern. Es hilft schon seinen Kommentar noch einmal zu lesen und sich in die Schuhe des Empfängers zu versetzen bevor man ihn tatsächlich abschickt. Schreiben ist zwar therapeutisch und auch ich habe schon viele Kommentare und E-Mails verfasst, die nicht gerade freundlich klangen. Aber 99% davon habe ich am Ende dann doch nicht abgeschickt. Und die 1%, die doch durchgesickert sind, habe ich im Nachgang definitiv gebüßt.

PS: Nochmal kurz zur Giraffe Marius, auch wenn das normalerweise kein Thema für hier wäre: Zur Entscheidung an sich, warum das Tier getötet wurde, kann ich logischerweise nichts sagen. Aber ich gehe davon aus, dass die Gründe zum einen berechtigt sind und zum anderen das Tier vorschriftsmäßig sein Ende gefunden hat. Die Berichte von einem Betäubungspfeil und dann dem „Gnadenschuss“ sprechen aus meiner Sicht dafür. Zudem wurde die Giraffe am Ende nicht einfach in den Müll geworfen, sondern wurde vollständig wiederverwertet (=den anderen Zooinsassen zum Fraß vorgeworfen).

Die öffentliche Zerlegung finde ich hingegen richtig gut, gerade auch vor Kindern. Wir leben bekanntlich in einer Welt, in der die Hamburger von McDonalds und die Milch aus dem Supermarkt kommt. Da ist es absolut nicht verkehrt wenn die Kleinen mitkriegen, wie so etwas tatsächlich passiert. Natürlich sollten sie den Todesschuss nicht zu sehen bekommen und auch das Ausbluten sollte vorab durchgeführt werden. Das Gezappel kann selbst den nervenstärksten Erwachsenen unter Umständen traumatisieren. Aber die eigentliche Schlachtung? Immer her damit! Bei uns Zuhause werden Tiere getötet und geschlachtet seit ich denken kann und seit vielen Jahren beteilige ich mich sogar aktiv von Anfang bis Ende daran. Hat es mir geschadet? Garantiert nicht. Im Gegenteil weiß ich es definitiv zu schätzen zu wissen, wo meine Bratwurst herkommt (außerdem schmeckt es immer besser, wenn man selbst mit Hand angelegt hat). Von daher finde ich hat der Zoo hier seinen Bildungsauftrag voll und ganz erfüllt.

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2 Kommentare

Sehr guter Artikel! Da stimme ich dir sehr gerne zu. Und Brink und DNF waren sehr gute Spiele! Und RF:A ist auch schon auf der Warteliste. Ich gehe davon aus, dass du auch bei diesem Spiel recht behalten wirst und es mir sehr viel Spaß machen wird :smile:

Erstmal zum Gaming:
Mich regte besonders bei BRINK das künstliche Zersetzen des Spiels nach gestauchten Schwächen auf. Es war einfach gerade ‚in‘ auf das Spiel zu dreschen. Machte man den Fehler auf die offensichtlichen Troll-Postings mit Fakten zu reagieren, wurde dies Zurückgewiesen oder mal wieder ignoriert. Ich erinnere nur wieder an das Thema der KI. Doch auch trotz deiner Bildbeweise, Christoph, wurde weiter stur festgehalten an der voreingenommenen Meinung, nach der das Spiel eine absolute Gurke sein musste. Also nützte es am Ende wie zu erwarten war überhaupt nichts, sich die Mühe zu machen.
Dem armen Spiel wurde Unrecht getan und daher kamen kaum Spieler in die Online-Partien, weil es eben kaum Käufer gab. Das hatte zur Folge, dass sich immer weniger Spieler auf den sowieso schon dünnen Servern befanden, bevor überhaupt etwas Vernünftiges entstehen konnte und ohne aktive Multiplayer kann man mit dem Titel abseits vom COOP halt auch nicht viel machen. (Mir persönlich fehlt neben den spaßigen Partien allerdings auch das Endgame, andererseits haben Neueinsteiger rasch alles Wichtige freigespielt… schwierig.)

Anderer Eckpunkt:
Die gute Anita Sarkeesian war im Übrigen letzte Woche in der ZDF Heute App. Gewidmet wurde ihr einer der großen Meldungskästen und darüber hinaus war sie der Aufhänger der verlinkten Pixelmacher-Folge. Dazu noch der zugehörige Beitrag der natürlich wieder komplett unsortiert und unnötig kompliziert aufgebaut war, aber zumindest wurden ihre Statements nicht komplett aus dem Zusammenhang gerissen, wie bei den meisten anderen Beiträgen der Pixelmacher. Bei der Dame stört mich persönlich, die von dir angedeutete Einseitigkeit ihrer Darstellung. Das ist quasi das: Gleichberechtigung fordern, aber dann wieder den Gentleman erwarten, wenn es sich gerade anschickt. Immer wird der gleiche Lohn gewünscht, aber im Mindestlohn-Sektor im Bereich der schweren körperlichen Arbeiten wird dann von der kleinen zierlichen Arbeitskollegin mit einem Wimpernschlag begleitet doch wieder die Hilfe erwartet, wenn irgendwelche Objekte nicht erreicht werden oder einfach zu schwer sind. Hilfe, die man als Mensch alter Schule leisten möchte, aber kaum kann, weil man selbst nur unwesentlich größer oder kräftiger als die jeweilige Kollegin ist. Ein nicht gebogener, aber doch spezifischer Einzelfall, den ich nicht aufplustern möchte, aber von welchem die Gleichberechtigungsbewegung erwartet, dass man darüber hinweg geht… Sowas „geht“ dann immer „gar nicht“.
Ich weiß, dass das auch wieder eine leicht chauvinistische Note hat und dann auch wieder weiter ins Extreme gesponnen werden kann. Aber so ist das nun einmal, denn das Thema Gleichberechtigung ist – obwohl allgegenwärtig – dann doch nur mit der Pincette anzufassen und vorsichtig von allen Seiten zu betrachten, bevor man sich möglichst gewählt äußert. Doch genauso wie bei BRINK ist das zwecklos, denn man wird dann doch nur wieder in irgendein Lager gestopft. Da kommen alle Seiten keinen Deut besser weg. Nicht die Initiatoren, nicht die Flamer, nicht die Moralisten und erst Recht nicht die Kommentatoren. Und auch nicht die Leute, die darüber grübeln und nach einer Lösung suchen, aber keine finden. Dazu zähle ich mich dann auch und dann fällt mir irgendwann auf, dass ich völlig vergesse, dass auch oftmals dieses Ungleichgewicht gewünscht wird, um zufrieden zu sein. Wie das?
Ich persönlich denke, dass sie die Reaktionen zwar in der drastischen Form nicht verdient hat, aber auch nicht unverschuldet oder gar unerwünscht entgegen genommen hat. Einen Großteil Berechnung kann man der Situation nicht absprechen… Dazu riecht es dann halt doch zu sehr nach einem CoD-Skandal ähnlichem Schachzug, der Generierung von Aufmerksamkeit. Und die hat sie bekommen: Die Aufmerksamkeit eines deutschen Medienapparats auf sich zu ziehen, welcher digitale Themen sonst eher umgeht, wurde erreicht. Ist man nun tatsächlich so infam und wiegt diese Teile, wie auf einer Meta-Waage zwischen GUT und SCHLECHT gegeneinander auf, kann man sagen, dass gezahlte Preis vielleicht gar nicht so weit vom wirklichen Ziel entfernt ist. Und spontan hält sich mein Mitleid in Grenzen. Und dann muss ich mich dafür wieder schlecht fühlen. Das will ich aber gar nicht. Und deswegen fühle ich mich dann doch wieder schlecht. Ohne Betroffenheit geht es dann doch nicht. Unbefriedigende Erkenntnis.

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