Tagebucheintrag vom Tag danach (20.12.2007)

 

Diskussion

 

Liebes Tagebuch,

Wider erwarten ging gestern Abend um 19:00 nicht die Welt unter. Auch die Hölle gefror nicht und es regnete keine Feuerbälle vom Himmel. Es brachen nur ein paar Server zusammen und ein paar Internetseiten waren nicht mehr ganz so einfach zu erreichen.

Du fragst warum dies passiert ist? Auch wenn al-Qaida (oder wie auch immer die sich schreiben…) vermutlich die Sache für sich in Anspruch nehmen wird, ist in Wirklichkeit der amerikanischste Amerikaner der Geschichte Schuld: der Duke.

Liebes Tagebuch, kennst du noch den Duke? Das ist so ein blonder Typ mit ewig vielen Muskeln, schwarzer Sonnenbrille und einem roten Unterhemd. Der war damals 1991 die brutale Antwort von 3D Realms (die, das wissen viele gar nicht, auch heute offiziell immer noch Apogee Software heißen. 3D Realms ist nur ein Markenname.) auf den viel zu kinderfreundlichen Commander Keen. Das waren noch Zeiten!

Da lief der Duke in Duke Nukem noch von links nach rechts über den Bildschirm und hatte noch keines seiner Markenzeichen (und dank EGA auch keine wirklich gesunde Hautfarbe). Aber das war sowohl den Spielern als auch dem Duke selbst ziemlich egal. Das erste Spiel bestand aus drei Episoden (Shrapnel City, Mission: Moonbase und Trapped in the Future) und verkaufte sich ganz ordentlich. Obwohl es allerdings viel vom Blockbuster Turrican von 1990 klaute (inklusive einiger Grafiken), erlangte es nie den Ruhm von Commander Keen. Und das trotz der Rettung des kompletten Universums. Ruhe bekam er allerdings deswegen noch lange nicht.

Schon zwei Jahre später wurde er in Duke Nukem II nämlich von Aliens entführt, die ihm sein Gehirn aussaugen und natürlich wieder die Weltherrschaft an sich reißen wollten. Da sah er schon gesünder und viel mehr wie der Duke aus, den wir heute kennen. Aber er bevorzugte es weiterhin nur von links nach rechts und umgekehrt zu laufen und die Aliens hatten ihm wohl auch seine Sonnenbrillenkollektion gestohlen, denn er hatte keine auf.

So richtig abheben konnte der Duke aber mit beiden Spielen noch nicht. Er stand viel zu sehr im Schatten der einstigen Kollegen von id Software. Besonders Duke Nukem II hatte es äußerst schwer. Sieben Tage (03.12.1993) vor der Veröffentlichung von DOOM kam es auf den Markt  und sah deswegen kein Land. Das Mammut hat den Neandertaler zerquetscht ohne dass es vermutlich jemals jemand mitbekommen hat. Dabei war das Spiel doch in allen Belangen soviel besser als sein Vorgänger...

Aber es hat eben nicht sollen sein. DOOM übernahm die Herrschaft über die Computerspielelandschaft und alles andere trollte sich. Bevor der Duke allerdings im Untergrund verschwand, schwor er Rache. Das nächste Mal würde er es schaffen und Carmack & Co. in ihre Schranken verweisen. Dann würde er derjenige sein, der als Letzter lacht!

Drei Jahre sollten es bis zum Comeback vergehen, denn zuerst musste eine brandneue Engine geschrieben werden. Sie sollte nicht nur DOOM meilenweit übertreffen sondern auch zeigen, dass 3D Realms es mit id Software aufnehmen konnte. Build war der Name der Engine und 1995 erschienen die ersten zwei Titel damit: William Shatner’s TekWar und Witchaven.

Während das bloße Erwähnen von TekWar schon zu viel Aufmerksamkeit für diesen Lizenzschrott ist (vergesst den Namen bitte SOFORT wieder!), sollte man über Witchaven durchaus einige Worte verlieren, bevor wir wieder zurück zum Muskelmann im roten Unterhemd kommen:

Witchaven bezeichnete sich selbst als ein Action-Adventure im Fantasysetting mit Rollenspielelementen. Zwar waren die Rollenspielelemente selbst im Vergleich zu Lands of Lore eher rudimentär aber mischte das reine Egoshooter-Feeling (was es im Kern nämlich immer noch war) gut auf. Es macht schließlich immer Spaß Gegner zu töten, dafür Erfahrungspunkte zu erhalten, im Level aufzusteigen und immer bessere Waffen und mächtigere Zaubersprüche zu finden. Dank einer frühen Version der Build-Engine sah das ganze auch für damalige Verhältnisse sehr ordentlich aus. Aber ich müsste hier nicht über das Spiel reden, wenn es zu einem Blockbuster avanciert wäre.

Leider ging es, wie so viele Spiele, am id Software-Fluch zugrunde, denn Ende 1994 erschien Heretic: Shadow of the Serpent Riders. Vielen sagt dies vermutlich jetzt nichts, denn die Jugend von heute weiß eben nicht was gut ist, aber es war das erste Spiel von Raven Software in der langen Reihe von Kooperationen mit id Software.

Selbst das wäre vermutlich noch nicht das Todesurteil von Witchaven gewesen, da es dank des realistischeren Aussehen der Build-Engine zumindest technisch gesehen dem Shooter durchaus voraus war. Auch spielerisch bot Witchaven vor allem dank des Rollenspieltouchs mehr als das DOOM im Mittelalter-Spiel von Raven Software. Aber der Erfolg von Heretic ebnete schnell den Weg für Hexen: Beyond Heretic, den Nachfolger (es gibt zwar auch Heretic II aber eine Erklärung dafür sprengt den Rahmen dieses Artikels), der dann auch schon weniger als ein Jahr danach erschien. Somit blieb Witchaven keine wirkliche Luft zum atmen. Zwar verkaufte es sich gut genug um 1996 mit Witchaven II: Blood Vengeance einen, bei uns indizierten, Nachfolger zu erhalten aber trotz der guten Qualität verlief sich die Serie im Sande und die Entwickler von Capstone Software mussten im gleichen Jahr die Türen hinter sich schließen.

Nun aber zurück zu unserem blonden Helden: Da sich die Build-Engine bereits etabliert hatte und id Software augenscheinlich immer noch mit der alten DOOM-Engine hantierte, ließen sie am 29.01.1996 eine Bombe platzen und veröffentlichten Duke Nukem 3D. Fünf Monate bevor id Software mit Quake seinen nächsten großen Coup landen würde, erschien der männlichste Mann aller Männer erneut auf der Bildfläche und schaffte drei Jahre nach DOOM jeden Zweifel an seiner Person aus der Welt.

Der Egoshooter mit der Pseudo-3D-Engine (wie damals DOOM) schlug ein wie eine Bombe. Der Blondschopf mit den coolsten Einzeilern, die je aus den Boxen der Spieler gedrungen waren, eroberte rasant die Bildschirme. Angefangen von der Titelmusik aus der Feder von Lee Jackson und Robert Prince, den originellen Waffen wie dem Schrumpfstrahler über die ansprechend designten Level stimmte in den drei Episoden sowohl spielerisch als auch atmosphärisch einfach alles. Neben dem Duke selbst verhalfen aber besonders zwei Dinge dem Spiel zu seinem Blockbusterstatus: der Build-Editor und der Multiplayermodus.

Obwohl der Editor absturzanfälliger war als ein Segelflugzeug im tropischen Sturm, war die Entscheidung ihn mit auf die CD zu brennen eine Glanzleistung von 3D Realms. Dank der einfachen Bedienung sprossen schon wenige Tage nach der Veröffentlichung die ersten Levels im Usenet hervor und schufen eine ganz neue Generation von Level Designern. Gleichzeitig erlaubt das Easy-to-use-Interface eine Marktlücke zu schließen, die DOOM dank seiner doch eher komplizierten Handhabe nur bedingt zuließ: tonnenweise inoffizielle Add-ons.

Diese schossen schnell wie Pilze aus dem Boden und lockten den Spieler teilweise mit der Verheißung auf 1000 und mehr neue Levels von meist eher schlechter Qualität. Mit dem Publisher WizardWorks gab es allerdings auch drei qualitativ hochwertige Ausnahmen in Form von Duke Caribbean: Life’s A Beach,  Duke: Nuclear Winter und Duke it out in D.C.. Diese Pakete enthielten jeweils "nur" eine neue Episode und boten nicht nur solides Leveldesign sondern auch ansprechende Umgebungen wie das Weiße Haus oder eine Hotelanlage am Strand.

Aber das Herz von Duke Nukem 3D war und ist natürlich immer noch der Multiplayer-Modus für bis zu acht Spieler. Während der von DOOM eher rudimentär hinzugefügt wurde, war dieser beim Duke schon von Anfang an voll ausgereift und sogar separate Level dafür vorhanden. Auch dank der immer größeren Verbreitung von Modems & Co., fand dieser damit wesentlich mehr zuspruch und hielt das Spiel am Leben.

Angespornt durch den Erfolg des Originals, veröffentlichte 3D Realms im gleichen Jahr noch den Plutonium Pak – das bis heute einzige, offizielle Add-on zu Duke Nukem 3D. Dies enthielt nicht nur 11 neue Level, drei neue Gegner und eine neue Waffe sondern fügte zusätzlich noch einen Bot für den Multiplayer-Modus hinzu. Besser bekannt ist das Produkt übrigens als Duke Nukem 3D Atomic Edition, auch wenn dies nicht ganz korrekt ist. Duke Nukem 3D wird nach der Installation des Add-ons automatisch zur Atomic Edition, ist also eine Kombination aus Original und Add-on.

Dies war dann aber auch der bislang letzte Auftritt des Dukes in einem Spiel von 3D Realms. Aber seine Geschichte hört hier noch lange nicht auf:

Am 27.04.1997 wurde nämlich bereits der Nachfolger mit dem Namen Duke Nukem Forever offiziell angekündigt und mit einer Veröffentlichung wurde 1998 gerechnet. Aber ganz ohne den Duke endete 1997 dennoch nicht, denn für den Nintendo 64 wurde Duke Nukem 64 veröffentlicht. Im Mai 1998 gab es auf der E3 dann den erstem Trailer zu Duke Nukem Forever, der die Herzen alle Fans höher schlagen ließ und nur aus Gameplay bestand. Es sah alles danach aus, als könnte der Traum tatsächlich noch im selben Jahr wahr werden. Im Juni verkündete 3D Realms allerdings, dass man einen Wechsel zur Unreal Engine (1. Generation) vollzogen hätte. Zwar wurde versichert, dass alle Bestandteile des Trailers diesen Wechsel überleben würden aber die Fans begannen trotzdem bereits zu zittern. Der Releasetermin wurde gleichzeitig auf irgendwann 1999 verschoben.

Am 01.10.1998 feierte mit Duke Nukem: Time to Kill der Duke aber erst einmal sein Debüt auf der Sony PlayStation und mit Duke Nukem 3D auf dem Sega Genesis (Sega Mega Drive). Und dann wurde es sehr ruhig um den Duke.
1999 erschien dann für die Nintendo 64 noch Duke Nukem: Zero Hour und 2000 das Spiel Duke Nukem: Land of the Babes für die PlayStation. Von Duke Nukem Forever aber war außer ein paar Screenshots nicht viel zu sehen oder zu hören. Auf einer Weihnachtskarte verkündete 3D Realms dann im Dezember 2000, dass Duke Nukem Forever 2001 erscheinen wird. Auf der E3 2001 wurde zur Versicherung auch endlich neues und aufregendes Videomaterial veröffentlicht, dass die Fans wieder an den Duke glauben ließ. Es sollte aber gleichzeitig bis gestern das letzte richtige Lebenszeichen von Duke Nukem Forever sein. Zwar kamen immer wieder Gerüchte hoch und alle Seiten versicherten fleißig, dass der Duke noch lebt aber wie schon Daikatana, verkam auch dieser Titel immer mehr zu einem reinen Witz.

Das Franchise war allerdings nicht tot, denn derweil sorgten andere Firmen dafür, dass der Duke im Gedächtnis der Leute bleiben würde. So wurde 2002 sowohl Duke Nukem Advance für den Nintendo GameBoy Advance veröffentlicht als auch der sehr gelungene Plattformer im Stil der ersten zwei Spiele Duke Nukem: Manhattan Project für den PC. Sogar eine Version mit dem Namen Duke Nukem Mobile für Handys gibt es mittlerweile.

Gestern Abend veröffentlichte 3D Realms dann überraschend eine „Ich bin noch da!“-Nachricht in Form eines Teasers und 3D Realms beteuert gleichzeitig, dass in den nächsten Monaten noch mehr folgen würde.

Kommt der Duke also endlich 2008, liebes Tagebuch? Zu wünschen wäre es ihm aber ich halte mich erst einmal weiter an das Veröffentlichungsdatum, dass die PC Action immer proklamiert: 2063. Damit macht man sicher nichts falsch.

Nun aber gute Nacht, liebes Tagebuch![CH]

(Veröffentlicht am 20.12.2007)