Die Qual

 

Nefarian. Alle rannten sie zu den Silithen. Alle rannten sie nach Ahn’Qiraj um Käfer zu töten. Nicht so unsere kleine Elfe. Sie wollte das wahre Übel auf dieser Welt töten. Sie wollte ihm persönlich in die Augen blicken und den Todesstoß verpassen. Und heute wäre es soweit.

Sie hatte alle seine Schergen besiegt und vor ihr lag die Tür. Die Tür zum Thronsaal. Kurz dachte sie darüber nach was für eine Genugtuung es doch wäre, würde hinter diesen Toren Deathwing höchstpersönlich sitzen und auf sie warten. In den Krallen noch immer die Dämonenseele und den Geist vernebelt vor Raserei. Aber dann besann sie sich zurück. Es war nicht Deathwing der auf sie wartete aber es war kein minder schwerer Gegner. Nein, Nefarian durfte man nicht unterschätzen. Sicarius holte noch einmal tief Luft und drückte dann die schweren, eisenbeschlagenen Türen auf.

Und da trafen sich ihre Blicke. Tief im Thronsaal saß er hocherhoben auf seinem Platz und blickte ihr genau in die Augen. Nefarian. Ein Schauder lief Sicarius über den Rücken aber sie hatte einen Entschluss gefasst und würde sich daran halten. So nahm sie allen Mut zusammen und schritt langsam auf den Thron zu.

Auf halbem Weg donnerte ihr plötzlich die tiefe Stimme Nefarians entgegen:

„Wer wagt es schon wieder mich zu stören? Wie viele Abenteurer muss ich noch besiegen bevor ihr es aufgebt mich aufzusuchen?“

Unbeeindruckt schritt Sicarius weiter voran. Nefarian saß gelangweilt auf seinem Thron und starrte sie an.

„Warum gibst du nicht einfach gleich auf, Elfe? Ich werde dich doch sowieso zerquetschen wie eine Made. Ihr Helden langweilt mich. Immer wieder kommen von Euch welche her und wollen mich sofort töten. Niemand nimmt sich mal die Zeit und unterhält sich einfach mal mit mir.“

Sicarius blieb stehen und schaute Nefarian nachdenklich an.

„Ich habe einen Eid geschworen dich zu töten und ich werde diesen Eid heute erfüllen oder sterben!“

Nefarian stöhnte und antwortete "Na dann mach bevor ich mich vor Langeweile selbst umbringe.“.

Zweimal würde sich Sicarius nicht bitten lassen weshalb sie mit Schwung ihren Stab vom Rücken löste und in Kampfhaltung ging. Aber dann zögerte sie.

„Ja was den nun?“ fragte Nefarian sie ungeduldig.

Sie hörte allerdings seine Frage nicht. Sie sank langsam auf ihre Knie und starrte ins Leere.

„Was soll das?“ rief eine Stimme in ihrem Kopf und plötzlich fand sie sich in einem Kreis aus Licht umgeben von völliger Dunkelheit wieder. Vor sich am Rand des Kreises erblickte sie eine weitere Elfe.

Sicarius kannte sie. Es war Fjolnara. Aber was machte sie hier? Und was ist das hier überhaupt? War sie in den grünen Traum gefallen? Nein das konnte nicht sein. Sie fühlte sich als stände sie vor einem Gericht.

„Was soll das?“ fragte Fjolnara ein weiteres Mal.

„Was soll was?“ antwortete Sicarius zurück.

„Warum bist du nicht dort draußen und tötest Nefarian?“ fauchte Fjolnara zurück.

„Diese Frage quält mich momentan selbst. Warum stehe ich hier? Wochen, Monate, Jahre habe ich mich auf diesen Tag vorbereitet und jetzt?“ warf Sicarius zurück.

„Du bist von Zweifeln zerfressen. Du lebst eine Illusion. Du tust so als wäre alles in Ordnung aber in Wirklichkeit willst du gar nicht hier sein. Gestehe es endlich ein!“ sagte Fjolnara zunehmend aggressiver.

Ängstlich schaute Sicarius Fjolnara in die Augen und flüsterte:

„Ja. Ja, ich habe Zweifel. Ich sehe keinen Sinn mehr in dieser Welt.“

„Keinen Sinn?“ rief plötzlich ein Chor von Stimmen und aus dem Dunkel traten mehrere Gestalten. Sicarius kannte sie alle. Dort waren Sugescha die Priesterin, Peraine die Magiern, Ivashana die Hexe und sogar Albyricus der mächtige Taurenschamane.

„Wir sind jung und unerfahren. Wir wollen die Welt entdecken und unsere Fähigkeiten verbessern. Wir wollen eines Tages selbst vor Nefarian stehen. Und DU wagst es zu sagen du würdest keinen Sinn mehr in dieser Welt sehen?“ übernahm Sugescha das Wort. „Selbst an dir kannst du herabschauen und die Unvollkommenheit sehen die dich noch umfängt.“

„Ich kenne all Euere Geschichten. Ihr könnt mir nichts Neues erzählen. Ich war in allen Landen, habe mit allen Leuten gesprochen, habe alles gesehen. Ihr habt keinen Reiz mehr für mich!“ schrie Sicarius verzweifelt.

„Belüge dich nicht selbst. Jeder ist anders und ich am meisten. Meine Geschichte kennst du noch nicht im Ganzen.“ antwortete der Taure mit brummender Stimme. „Du hast solange gekämpft die Gemeinschaft zu erschaffen und nun willst du sie verlassen?“

„Und was ist mit der anderen Gemeinschaft die du so sehr lieben gelernt hast?“ rief Peraine zwischenrein. „Sie vermissen dich doch jetzt schon!“. Als sie diesen Satz sagte traten noch mehr Gestalten rings um Sicarius aus dem Kreis. Es waren ihre Freunde der Dunklen Union.

„Verlaß uns nicht!“ schrieen sie mit qualvollen Stimmen im Chor.

Verzweifelt sank Sicarus zu Boden und hielt ihre Hände vors Gesicht.

Nefarian sah eine dicke Träne an der violetten Elfenwange herunterlaufen und verstand nicht was dies sollte. Er konnte sie mit dem kleinen Finger zerdrücken aber sie würde sich nicht einmal wehren. Warum saß sie da und weinte? Die Elfe begann ihn neugierig zu machen und er stieg langsam von seinem Thron herab. Da wurde plötzlich ihr Gesicht finster und ernst.

„Ich hatte nie vor Euch zu verlassen.“ schrie Sicarius in Gedanken. „Ich bin es nur Leid in dieser Welt zu wandeln.“

Sie erhob den Kopf, erhob ihren Köper und formte ihre Hände zu Fäusten. Mit zurückgekehrten Mut entgegnete sie den Gestalten: „Ich bedaure es doch auch nicht so oft hier sein zu können aber ich will es einfach momentan nicht. Dort draußen gibt es andere Welten die auf mich warten. Andere, grundverschiedene Aufgaben, die zu lösen mein Ziel ist. So vieles das nur auf mich wartet. Zu Euch kann ich immer wieder zurückkehren aber momentan bin ich es einfach überdrüssig geworden. Ihr habt Euren Reiz verloren.“

„Unseren Reiz?“ brummte eine Stimme und ein schneeweißer Tiger trat in den Kreis vor Sicarius. „Ich habe meinen Reiz verloren? Ich sehe doch wie deine Augen nach mir Gieren. Wie du mich in deinen Träumen begehrst. Und du behauptest ernsthaft wir hätten unseren Reiz verloren? Du belügst dich doch selbst!“

„Natürlich belüge ich mich selbst. Ich muss doch Gründe finden warum ich nicht in diese Welt komme. Die Wirklichkeit ist aber das ich diese Welt momentan nicht mehr sehen kann. Ich weiß, ich verliere durch diese Einstellung nur alles aber ich kann einfach nicht. Ich hab diesem Universum soviel Lebenszeit geopfert, das ich es einfach überdrüssig geworden bin. Ich will komplett neues erleben oder altes wieder erleben und nicht auf der Stelle treten. So sehr es auch schade für Euch und die Gemeinschaft ist. Es wird die Zeit kommen dar ich voll zurückkehren werde und meine Lust neu entflammt ist aber solange werde ich diesem Universum die meiste Zeit fern bleiben. Ob es Euch gefällt oder nicht!“

Mussmutig traten die Gestalten zurück ins Dunkel und Sicarius entspannte sich.

„Ich habe nur noch eine Aufgabe zu erledigen!“ dachte sie.

Nefarian hatte die ganze Zeit das Spiel ihrer Mimik beobachtet und verfluchte seine Kräfte. Er war eines der stärksten Wesen auf dieser Welt aber Gedankenlesen konnte er immer noch nicht. Er wollte so gerne erfahren was diese Elfe in ihrem Kopf durchmachte. Welchen Konflikt sie lösen musste und warum. Aber so konnte er sie nur beobachten. Plötzlich verschwand sie. Sie löste sich einfach in Luft auf. Nefarian erschrak. War er nun verrückt geworden?

Kurz schaute er noch auf den Fleck wo gerade noch die Elfe gekniet hatte und setzte sich dann in Gedanken versunken zurück auf seinen Thron und erwartete die nächsten Abenteurer.[CH]