Sicarius

Mit drei Assassinen durch Raum und Zeit

FarCry 2 (Herstellerbild)

Nachdem ich FarCry: New Dawn durchgespielt habe, bin ich nun technisch gesehen auf der Höhe der Zeit was die Serie angeht. „Technisch gesehen“, weil mir nicht nur die Konsolen-exklusiven Titel (FarCry Instincts & Co.) fehlen, sondern tatsächlich auch FarCry 2. Da bin ich 2008 (lang ists her) nicht sehr weit gekommen, bevor meine Aufmerksamkeit von etwas anderem in Beschlag genommen wurde. War ja ein schwieriges Spiel mit seinen nervigen Kontrollpunkten an denen direkt nach dem Umdrehen wieder Gegner standen, der ganzen Malaria-Sache und der Grafik vom Typ „Braunes Braun ist Brauner als Braun“. Aber irgendwann werde ich auch dazu kommen und es ist hier immerhin nur ein Titel aus der Hauptreihe, der mir fehlt.

Bei Assassin’s Creed sieht die Sache wesentlich schlechter aus. Mit Assassin’s Creed Valhalla ist vergangenes Jahr der mittlerweile 12. Teil der Serie erschienen, die Spin-offs wie Assasin’s Creed: Liberation noch nicht mitgezählt – ich bin erst bei Assassin’s Creed III angekommen, dem fünften Teil von 2012. Ja, da habe ich noch einiges vor mir. Immerhin habe ich es wie erwähnt geschafft die Spin-off-Trilogie Assassin’s Creed Chronicles zu beenden. Diese besteht aus Assassin’s Creed Chronicles: China (2015; PC, PS4, XONE, PSV), Assassin’s Creed Chronicles: India (2016; PC, PS4, XONE, PSV) und Assassin’s Creed Chronicles: Russia (2016; PC, PS4, XONE, PSV) und wurde zur Hochzeit von Ubisofts Cross-Media-Promotion-Phase (Videospiele, (Kurz-)Filme, Comics, Bücher und so) entwickelt.

Die Geschichte

(Cover)

Assassin’s Creed Chronicles: China schließt direkt an den (Anime-)Kurzfilm Assassin’s Creed: Embers an. Darin wird ein stark gealterter Ezio (Held der Teile 2 bis 4) von der Chinesin Shao Jun besucht, die ihn darum bittet trainiert zu werden. Im Spiel kehrt ihr als vollwertige Assassine 1526 zurück nach China. Der Orden wurde dort fast vollständig ausgelöscht und ihr startet euren Rachefeldzug gegen die Templar-Gruppe namens „Eight Tigers“. Mit im Gepäck: Eine geheimnisvolle Holzbox, die euch Ezio gegeben hat und auf die die Templar total scharf sind.

Assassin’s Creed Chronicles: India hingegen setzt die Geschichte des Graphic Novel Assassin’s Creed: Brahman fort. Dieser erzählt von Arbaaz Mir, der 1839 in Indien auf der Suche nach dem legendären Koh-i-Noor-Diamanten ist, einem Teil von Eden. Das Spiel setzt 1841 an als die Templar mit einem mysteriösen Artefakt (Spoiler: Ezios Box) in Indien ankommen und natürlich möchte es Arbaaz haben.

Bleibt noch Assassin’s Creed Chronicles: Russia. Dieses Mal schlüpft ihr in die Rolle von Nikolai Orelov aus dem Comic Assassin’s Creed: Subject Four. Im Comic passiert einiges aber fürs Spiel am relevantesten ist, dass Nikolai in den Besitz einer Scherbe kommt – ein Teil von Mirs Koh-i-Noor-Diamant. Das Spiel beginnt 1918 zum Start der russischen Revolution. Nikolai hat einen finalen Auftrag angenommen, um endlich genug Geld zusammen zu haben, damit er mit seiner Frau nach Amerika fliehen kann. Wie es immer so mit Helden kurz vor dem Ruhestand ist, kommt es ganz anders als geplant. Ohne groß zu spoilern: Box und Diamant kommen endlich zusammen mit unvorhergesehenen Konsequenzen und ihr spielt neben Nicolai auch die junge Anastasia, die eher unfreiwillig zur Assassine wird.

Box und Diamant sind quasi die übergreifenden Elemente, welche den Spielen zumindest den Ansatz einer übergeordneten Geschichte geben sollen. Diese Verbindung ist allerdings ziemlich dünn und der Twist es nicht wert – genauso wie die eigentlichen Erzählungen. Das liegt unter anderem daran, dass ihr quasi „in medias res“ startet. Wer das Begleitmaterial nicht konsumiert hat, kennt die Charaktere und ihre Situation nicht und bekommt abseits des üblichen „Assassinen vs. Templar“-Kram keinen wirklichen Grund sich für sie zu interessieren. Da alle drei Titel zudem relativ kurz sind (10-12 Level mit ca. 6 Stunden Spielzeit beim ersten Durchlauf jeweils), bleibt gar nicht richtig Zeit für eine Charakterentwicklung. Verschlimmert wird die Sache dadurch, dass die Enden genauso offen sind wie der Anfang. Ja, natürlich besiegt Shao Jun die Bösewichter und belebt den Orden neu während Arbaaz Mir seine große Liebe und Nikolai Orelov sein Herz findet. Aber zufriedenstellend sieht anders aus und weiter geht’s vermutlich entweder gar nicht (Stichwort Anastasia) oder in anderen Titeln der Serie (Stichwort Phoenix Project). Die reale Welt kommt übrigens überhaupt nicht darin vor. Ihr spielt ausschließlich die Erinnerungen.

Das Spielprinzip

Assassin’s Creed Chronicles: China (Herstellerbild)

Bei allen drei Titeln handelt es sich um sogenannte 2.5D Side-Scroller. Sprich ihr bewegt euren Charakter auf einer Ebene von links nach rechts – allerdings mit sehr viel Vertikalität (ja, auch Türme müssen erklommen werden) und, was ich richtig cool finde, Ebenenwechsel. Einfaches Beispiel: Durch das 2D-Haus führt ein gerader Gang mit Versteckmöglichkeiten und Fenstern. Wenn ihr in eins der Verstecke geht, springt ihr quasi in den Hintergrund. Geht ihr hingegen aus dem Fenster, wechselt ihr in den Vordergrund. Das ist entsprechend nicht nur eine optisch ansehnliche Spielerei, sondern hat handfeste Auswirkungen auf die Art und Weise, wie ihr euch durch die Level bewegt. Eure Feinde können euch nämlich nur wahrnehmen, wenn ihr auf der gleichen Ebene wie sie seid (mit ein paar Ausnahmen in Bezug auf ihr Gehör).

Die Titel bieten die aus der Hauptserie bekannte Kombination aus Action, Schleichen, Klettern und kleinere Umgebungspuzzle lösen. Viele bekannte Elemente wie z.B. das „in einer Gruppe Zivilisten verstecken“ kommen ebenfalls vor. Gegner haben Sichtfelder, schlagen Alarm, wenn sie euch sehen oder Leichen finden und kommen in verschiedensten Nah- und Fernkampfvariationen mit ihren eigenen Stärken und Schwächen daher. Um sie zu umgehen und/oder mit ihnen fertig zu werden stehen euren Charakteren jeweils Gadgets wie Rauchbomben, ein Greifhaken oder Wurfmesser zur Verfügung. Kommt es doch mal zu einem Nahkampf, greift ihr hingegen zum Schwert und schnetzelt euch mit Paraden, Rollmanövern und etwas Taktik (meist erfolglos) durch die Gegnerhorden. Ja, wie von der Serie gewohnt ist der Kampf Mann-zu-Mann meist die schlechtere Wahl, die ihr eher selten überlebt. Schleichen, Ablenken, alternative Wege finden und, wenn ihr nicht auf die beste Wertung aus seid, aus dem Hinterhalt töten sind stattdessen die oberste Wahl für eure Assassinen-Karriere. Je nachdem wie gut ihr einen Abschnitt meistert bekommt ihr eine andere Bewertung. Ziel ist es in jedem Level eine bestimmte Punktzahl zu bekommen, um Verbesserungen wie z.B. mehr Munition freizuschalten. Und ja: Nur selten wird euch ein bestimmter Spielstil aufgezwungen. Stattdessen hat jedes Problem meist mehrere Lösungsmöglichkeiten. Es gibt ein paar Gemeinheiten der Entwickler speziell in Bezug auf die Collectibles. Aber die kann man im Zweifel einsammeln und dann den letzten Checkpoint erneut laden, um seine Gesamtwertung nicht zu gefährden. Die Checkpoints sind immerhin zahlreich, wenn auch teilweise an bescheuerten Stellen gesetzt. Letzteres stört aber hauptsächlich 100%-Spieler wie mich, da sie das ein oder andere Collectible dadurch nicht mehr erreichen können und das Level neu starten müssen.

Jeder Teil der Trilogie bietet außerdem ein paar Sprintlevels, um zusätzliche Abwechslung reinzubringen. In den normalen Erinnerungen habt ihr meist alle Zeit der Welt, um zu überlegen wie ihr weiterkommt, alle optionalen Aufträge zu erfüllen und alle Collectibles zu finden. Die Zeit zum Nachdenken ist auch ein Stück zwangsweise bedingt durch teilweise lange Wartezeiten bis die Gegner in gewünschter Position sind. In den (5-15 Minuten langen) Sprintlevels seid ihr hingegen fast durchgängig in Bewegung. Bleibt ihr stehen, bedeutet das meist den sofortigen Tod z.B. weil um euch herum alles in sich zusammenfällt. Speziell in Assassin’s Creed Chronicles: Russia sind die Timings hier gnadenlos und jede falsche/überflüssige Bewegung führt zum Neustart. Und auch sonst ist der letzte Teil der Serie ein riesiger Mittelfinger der Entwickler, was den Schwierigkeitsgrad im Vergleich zu Assassin’s Creed Chronicles: China und Assassin’s Creed Chronicles: India angeht. Das Spiel erwartet, dass ihr das Spielprinizip mittlerweile gemeistert habt und eure Ausführung perfekt ist. Ich war echt froh, als der finale Kampf vorüber war…

Schlechte Steuerung

Assassin’s Creed Chronicles: India (Herstellerbild)

Problematisch ist die hohe Erwartungshaltung von Assassin’s Creed Chronicles: Russia an eure Fähigkeiten vor allem deshalb, weil euere Charaktere nicht so reaktionsschnell sind, wie man es von einem Plattformer erwarten würde. Stattdessen brauchen Animationen ihre Zeit und können nicht unterbrochen werden – mit buchstäblich fatalen Folgen. Ihr wisst beispielsweise gar nicht wie oft ich neu laden musste, nur weil ich plötzlich einen Slide hingelegt und in einen Gegner gerammt bin, obwohl ich ihn eigentlich bestehlen wollte aber das Spiel meinen entsprechenden Tastendruck falsch interpretiert hat. Oder nicht rechtzeitig aus dem Sichtfeld eines Feindes verschwunden bin, weil erst die „ich geh an die Leiter“-Animation fertig sein musste, bevor ich sie zügig hochklettern konnte. Sowieso ist in der Hitze des Gefechts die Sache mit den Ebenen mitunter absolut nicht hilfreich. Wenn ihr beispielsweise an der Decke hängt und in den Vordergrund wechseln wollt, müsst ihr den Stick in Richtung Wand drücken, statt zu euch. Absolut nicht intuitiv und bis zuletzt ein echtes Problem für mich.

Ja, ich habe alle drei Titel mit dem Gamepad gespielt. Ich hatte Assassin’s Creed Chronicles: China zwar mit Tastatur und Maus angefangen aber selbst nach dem Ändern der Tastenbelegung bin ich absolut nicht damit zurechtgekommen. Es ist einfach zu viel, was man in stressigen Situationen gleichzeitig drücken muss. Das ist schon auf dem Gamepad nicht einfach, auf der Tastatur kriegt man nur einen Knoten in die Finger :smile: .

Schicke Grafik und ein paar Unterschiede

Immerhin können sich die Spiele optisch sehen lassen. So haben alle drei völlig unterschiedliche Grafikstile, die ihrem Setting absolut gerecht werden und auch fünf Jahre später noch super aussehen. Das extrem ist erneut Assassin’s Creed Chronicles: Russia, das größtenteils in Schwarz-und-Weiß mit roten Aktzenten daherkommt. Sieht absolut genial aus. Assassin’s Creed Chronicles: India ist hingegen sehr bunt und farbenfroh während Assassin’s Creed Chronicles: China eher wie eine zum Leben erweckte alte, asiatische Zeichnung wirkt (leichter Cell-Shading-Touch). Und trotzdem ist dank Mirror’s Edge-ähnlicher Akzente (rote Einfärbungen, Farbkleckse) immer sofort erkennbar, wo es weitergeht und mit was ihr interagieren könnt und was nicht. Außerdem steht euch wie den Helden der Hauptspiele die „Eagle Vision“ zur Verfügung, Sie hilft u.a. dabei Gegner (und ihre Patroullienpfade) sichtbar zu machen und ist auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad (Plus Hard) die einzige Möglichkeit die Sichtfelder zu sehen. Plus und Plus Hard werden übrigens erst nach dem erstmaligen Durchspielen freigeschaltet. Dafür startet ihr mit allen freigeschalteten Upgrades und könnt sogar weitere erspielen. New Game+ quasi.

Assassin’s Creed Chronicles: Russia (Herstellerbild)

Jetzt haben wir aber genug über die Gemeinsamkeiten der drei Titel geredet. Es gibt natürlich auch abseits der Optik ein paar spielerische Unterschiede. Sie sind nicht sehr groß aber speziell bei Assassin’s Creed Chronicles: India merkt man deutlich, dass die Entwickler fast ein Jahr mehr Zeit hatten, um das Spielprinzip zu verfeinern und sinnvoll zu erweitern. Es fühlt sich eindeutig runder an und z.B. der neue Greifhaken von Arbaaz ist echt praktisch und eröffnet neue spielerische Möglichkeiten. Gleichzeitig seid ihr eben in unterschiedlichen Jahrhunderten unterwegs. So spielen bei Nikolai Schusswaffen und Elektrizität eine große Rolle während Shao Jun eher klassisch mit Seil und Dolch durch die Levels schleicht und klettert. Ihr findet euch entsprechend sofort in jedem Titel wieder zurecht, die Herausforderungen und Lösungen sind aber doch angenehm anders und die ganze Trilogie überraschend abwechslungsreich.

Beim Christoph meint: Es macht aus meiner Sicht wenig Sinn nur einen der drei Titel zu spielen. Schließlich versteht ihr dann noch weniger, als ihr es sowieso schon tut, wenn ihr das Begleitmaterial nicht kennt. Gleichzeitig sind sie aus meiner Sicht doch unterschiedlich genug, um jeweils eine eigene Wertung verdient zu haben. Und die ist für Assassin’s Creed Chronicles: China 3 von 5 Sics, für Assassin’s Creed Chronicles: India 4 von 5 Sics und für Assassin’s Creed Chronicles: Russia 2 von 5 Sics. Ja, Russia hat mich zur Weißglut getrieben. So viele Neustarts, nur weil ich nicht im perfekten Moment den richtigen Button gedrückt habe. Das ist reines Auswendiglernen der Levels und das macht an sich schon keinen Spaß, Experimentieren will ich in so einer Situation noch weniger.

Assassin’s Creed Chronicles: India trifft hingegen den „Sweet Spot”. Das Spielprinzip ist ausgereift, funktioniert abseits der Probleme mit der Steuerung und macht richtig Laune. Ja, man könnte sogar sagen, dass trotz all dem vielen Warten auf den richtigen Moment ein gewisser Flow aufkommt. Das hilft dann auch über die mäßige, mit wenig animierte Zwischensequenzen erzählte, Hintergrundgeschichte hinwegzusehen. Assassin’s Creed Chronicles: China hat zwar den interessantesten Hauptcharakter aber die spielerischen Möglichkeiten sind im Vergleich noch etwas begrenzt (und die Levels linearer) und damit die Freiheit für mich als Spieler interessante Lösungen zu finden und umzusetzen getrübt. Gerne gespielt habe ich es trotzdem.

Unterm Strich ist die Assassin’s Creed Chronicles-Trilogie eine willkommene Abwechslung zu den gefühlt immer größer werdenden offenen Welt der Hauptserie. Sie tragen zwar inhaltlich aus meiner Sicht nur wenig zum Assassin’s Creed-Universum bei, aber das Spielprinzip funktioniert grundsätzlich und hält die paar Stunden bis zum Abspann bei Laune. Mal abgesehen davon, dass mir keine wirklich vergleichbaren Titel bekannt sind. Leider kann ich nur erneut betonen, dass die Steuerung in vielen Situation wirklich bescheiden ist. Und das ist in einem Plattformer, wo ich Präzession brauche, ein absolutes No-Go. Eine klare Empfehlung kann ich entsprechend selbst für Hardcore-Assassin’s Creed-Fans nicht aussprechen.

Glücklicherweise ist Assassin’s Creed Chronicles: China anlässlich des chinesischen Neujahrfests noch bis morgen Abend kostenlos zu haben. Reinschnuppern kostet also buchstäblich nichts :smile: .

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