Lysanda L'eau

Lysandas Bücherkiste: Die Herrin der Träume & Neva

Ich habe mir dieses Jahr vorgenommen mal wieder mehr zu lesen und ich muss sagen: Wir nähern uns der Halbzeit von 2019 und ich hab‘ tatsächlich schon gut ein Dutzend Bücher in diesem Jahr verschlungen. Neben ein paar Fachbüchern natürlich vor allem Werke die zu meinem Beuteschema „Frau als Protagonist“ passen. Nicht alle davon fanden anschließend einen ewigen Platz in unseren Bücherregalen aber wie bei jedem Unterhaltungsmedium gilt auch bei Büchern: Geschmack ist Subjektiv. Was mir nicht gefällt, gefällt vielleicht euch. War das jetzt schon ein Spoiler für die heutige Auswahl? Nur zum Teil :smile: .

(Cover)

Die Herrin der Träume (Sara Sef; La Señora de los Sueños; 1993) – Ich, Ana Fernández, ich Unglückliche, bin eine Frau, die sich langweilt. Das Leben ist mir eine Last, nichts interessiert mich, mein Dasein hat keinen Sinn.. So beginnt das Werk der mexikanischen Autorin. Depressiver könnte es wohl nur sein, wenn sie die Protagonistin dabei auf eine Brücke bereit zum Absprung stellen würde. Doch so extrem ist es nicht. Ana ist „nur“ gefangen in ihrem Alltag. Sie ist die typische Hausfrau und Mutter, die darüber hinaus nichts in ihrem Leben hat. Die Kinder und ihr Mann nehmen sie als so selbstverständlich wahr wie ein Möbelstück. All ihre Tage sind gleich und so verfällt sie in eine Depression.

Dort ist sie gefangen ohne Ausweg, bis sie an einer Buchhandlung vorbeikommt und das Lesen für sich entdeckt. Die Bücher erlauben es ihr in fremde Welten einzutauchen, in die Schuhe jemand anderes zu schlüpfen und allerlei Dinge zu erleben. Mit jedem Buch verändert das Gelesene Ana und auch ihre Depression. Sehr zum Unmut ihrer Familie, die für Veränderungen wenig offen ist. Doch die „Macht der Literatur“, wie es so schön auf dem Buchrücken zu lesen ist, lässt sich nicht aufhalten. Eingebettet ist die Handlung in die Therapie der Familie beim Psychologen. Ana erzählt ihm die Geschichten aus den Büchern mit ihr als Protagonistin, erläutert ihm ihr veränderndes Leben und die Familienmitglieder beschreiben ihr Unverständnis über die jeweilige Veränderung bzw. wie sie damit umgehen.

Beim Christoph meint: Von mir erhält Die Herrin der Träume 3 von 5 Sics. Das Thema „Hausfrau“ ist jetzt nicht so meins und hätte ich das Buch nicht kostenlos aus einer Bücherbox, ich hätte es vermutlich nie gelesen. Zumal es zum Glück heute nicht mehr der Standard ist, dass Frau nur Zuhause rumsitzt, den Haushalt bewältigt und ihren Mann und ihre Kinder umsorgen muss. Die Frage „Was wäre, wenn ich in diesem Buch leben würde?“ – mit Buch meine ich die Bücher der Protagonistin – finde ich jedoch spannend. Auch der grundlegende Aufbau des Werks hat mir gefallen. Im Vordergrund der Erzählungen steht vor allem die Selbstreflektion von Ana. Was hat sie durch das Lesen des jeweiligen Buches gelernt, wie hat die Tochter auf Anas Verhaltensveränderung reagiert und dergleichen.

Doch obwohl Die Herrin der Träume mit etwas mehr als 300 Seiten nicht das dickste Buch ist, schwaffelt die Autorin mir zu sehr. Ich muss nicht wissen, dass das blaue Kleid auch noch sechs Schleifen und zwanzig gelbe Bommel hat. Oder wie viele ausschweifende Feste in Russland gefeiert werden. Da bin ich eher jemand, der es kurz und direkt mag. Insofern hat sich das Lesen etwas unnötig hingezogen. Unterm Strich bin ich zwar ganz froh das Buch entdeckt und gelesen zu haben aber irgendwann noch einmal in die Hand nehmen werde ich es definitiv nicht. Anders sieht es beim folgenden Buch aus:

(Cover)

Neva (Sara Grant; Dark Parties; 2011) – Protektionismus erlebt nicht erst seit Trump eine Art Renaissance. Entsprechend aktuell ist der Jugendroman der amerikanischen Autorin. Das Heimatland ist eingeschlossen von einer mächtigen Energiekuppel. Kontakt mit der Außenwelt findet schon lange nicht mehr statt und in der Kuppel wird alles und jeder überwacht (1984 lässt grüßen). Freiheit und Individualität sind über die Jahrhunderte hinweg immer weiter zurückgedrängt worden – das geht sogar so weit, dass sich die Menschen in der Kuppel äußerlich immer ähnlicher geworden sind. Als Ursache wird ein Ereignis namens „Terror“ von der Regierung genannt (da ist er wieder, der Echtweltbezug). Das wäre angeblich damals nur passiert, weil alle zu Individuell gewesen wären. Nur die Kuppel konnte die Gemeinschaft und damit die Menschheit vor dem Aussterben retten. Außerhalb der Kugel gäbe es auch nichts mehr.

Also alles Friede, Freude, Eierkuchen? Natürlich nicht. Ein Teil Jugend hat es wie immer nicht so sehr mit Kontrolle, Gleichheit und solchem Firlefanz. Um sich von den anderen abzugrenzen, lassen sie sich tätowieren oder malen sich Zeichen auf ihren Körper. Stiller Protest quasi. Mittendrin ist die 16jährige Neva. Sie kommt zwar als Tochter eines Ministers aus einem guten Hause, fühlt sich aber wie viele Jugendliche etwas verloren und ist auf der Suche nach sich selbst. Gleichzeitig vermisst sie ihre Großmutter, die eines Tages einfach verschwunden ist. Sie beginnt daraufhin zu beobachten, dass immer mehr Menschen verloren gehen. Da sie aber keine Fragen stellen darf und schon erst recht keine Antworten bekommt, beschließt sie gemeinsam mit ihrer besten Freundin gegen die Regierung zu rebellieren. Ab diesem Zeitpunkt wird sie zur Gejagten und muss nicht nur um ihr eigenes Leben fürchten.

Beim Christoph meint: Mir hat Neva gefallen und es gibt entsprechend 4 von 5 Sics. Negativ in Erinnerung bleibt mir die Liebesgeschichte. Sie bringt weder die Protagonistin weiter noch wird sie zu einem befriedigenden Ende geführt. Stattdessen ist sie einfach nur da, um bestimmte Punkte der Haupthandlung weiter voran zu treiben. Dies hätte man aus meiner Sicht aber auch anders lösen können. Gleichzeitig bleiben andere, interessantere Handlungsstränge auf der Strecke denen ich gerne weiter gefolgt wäre. Zudem hätte Neva noch ein paar weitere Details über Heimatland in Erfahrung bringen können. Und obwohl das Motiv der Gejagten natürlich einen gewissen Druck erzeugt, ist Neva Geschichte weniger von schweren Entscheidungen und mehr durch reaktionäres Handeln geprägt.

Dennoch ist die Geschichte spannend erzählt und wie erwähnt leider ein brandaktuelles Thema. Die Protagonistin ist für mich glaubwürdig und jemand, in den ich mich hineinversetzen kann. Dank der Ich-Perspektive bin ich als Leser auch jederzeit mittendrin, weiß teilweise sogar weniger als Neva und bin stattdessen bei jeder mehr oder weniger überraschenden Wendung live dabei.

Eine Fortsetzung ist zwar seit langem angekündigt aber aus meiner Sicht ist die Geschichte abgeschlossen. Zusätzliches Material gibt es aktuell nur in Form des eBooks Neva: Tag der Befreiung. In den beiden Kurzgeschichten spielt unter anderem Nevas Großmutter eine Hauptrolle.

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