Die Erlösung

(Indirekte Fortsetzung von „Die
Qual
“)
Diskussion

Wie lange bin ich schon hier? Bin ich gerade erst angekommen oder sind bereits Tage, Monate oder sogar Jahre verstrichen?
Ich fühle mich so frei. Ist dies der smaragdgrüne Traum? In den Erzählungen sah er anders aus. Es hieß, man würde die Welt in ihrer ursprünglichen Form sehen. Man würde sie sehen, wie sie war, bevor wir kamen. Bevor wir kamen und sie nach unseren Vorstellungen veränderten. War es vor Jahrtausenden so, wie ich es jetzt wahrnehme?
Was sehe ich überhaupt? Ich bin nicht von Dunkelheit umgeben, doch sehe ich nichts. Oder glaube ich nur nichts zu sehen? Ich kann nicht beschreiben was meine Augen sehen. Ich denke meine Stimmen zu hören, aber ich kann mich nicht darauf konzentrieren. Was geschieht mit mir? Ich glaube etwas zu fühlen, bin mir aber nicht sicher.
Wo bin ich? Bin ich tot? Ich erinnere mich nicht mehr. Meine Gedanken, meine Erinnerung fließen mir davon. Ich spüre sie, kann sie aber nicht festhalten. Alles geschieht am Rande meiner Wahrnehmung.
Wer bin ich? Es ist alles so undeutlich. Könnte ich doch nur einen klaren Gedanken fassen. Was bin ich? Verwirrung beherrscht meinen Geist. Bin ich nicht fähig zu verstehen, was mit mir passiert? Ich weiß noch nicht einmal, ob ich dies alles denke, sage oder vielleicht sogar schreie. Ob „hier“ überhaupt noch jemand ist? Könnte mich dieser Jemand hören?

Stimmen. Höre ich sie oder bilde ich sie mir nur ein? Und wenn sie da sind: Kann ich mich ihnen überhaupt mitteilen? Ich versuche zu schreien, bin mir aber nicht sicher, ob ich es wirklich getan habe.

Da! Eine Erinnerung. Ein Bild. Ein Name: Nefarian. Verzweifelt halte ich diesen Gedanken fest, während mir tausend weitere durch den Kopf schießen und in die Unendlichkeit verschwinden. Irgendetwas erscheint mir an diesem Namen wichtig. Wenn ich doch noch mehr wüsste. Ich versuche mich zu konzentrieren. Ich richte
meine gesamte Wahrnehmung auf diese Erinnerung aus. Wer ist Nefarian? Ist er gut oder böse? Wo habe ich ihn getroffen? Kann er mir helfen? Elune, gib mir Kraft.

Elune? Eine weitere Erinnerung? Komme ich des Rätsels Lösung näher? Ich muss die Verzweiflung verdrängen und mich stärker konzentrieren. Panik steigt in mir auf.

Derweil in einer anderen Dimension, hielt ein riesiger Drache einen Menschen in seiner Klaue und zerdrückte ihn. Seine Leiche warf er achtlos in die Ecke zu den zahllosen Anderen in verschiedenen Verwesungsstadien. Im nächsten Augenblick verschwand der Drache und an seiner Stelle stand mitten im riesigen Thronsaal ein Mann, eingebettet in einen dunklen Mantel und das Gesicht im Schatten der Kapuze verborgen. Er schritt zurück zu seinem Thron, setzte sich nieder und gähnte.

„Schon wieder 40 von diesen Nichtsnutzen vernichtet. Wie viele kommen denn noch, bevor sie lernen, dass ich – Nefarian, Sohn von Deathwing - unbesiegbar bin?“, waren seine verbitterten Gedanken, als er plötzlich etwas verspürte. Kurz schoss ein leiser Schrei durch seinen Kopf und eine Erinnerung an eine vergangene Zeit suchte sich ihren Weg nach oben. Nefarian ließ es zu und erinnerte sich genau. Es war der rätselhafte Vorfall mit dieser Elfe, die im Nichts verschwunden war. Lange Zeit hatte er darüber nachgedacht und dann aufgegeben. Warum kam nun diese Erinnerung wieder hoch? Er spürte etwas und der Schrei klang vertraut. Er schloss die Augen und zog sich vollständig in sein Inneres zurück. Suchend öffnete er seinen Geist und versuchte dem Gespür zu folgen. Seinen Ursprung und den Zusammenhang zu finden.

Irgendwas ist dort. Die Panik versucht mich zu verschlingen. Kommt es auf mich zu? Mein Rettungsanker droht mir zu entgleiten. Nefarian! Elune! Lauthals schreie ich in das Nichts hinein. Ich fühle es. Es kommt näher. Meine Erinnerungen rasen an mir vorbei. Immer schneller verpuffen sie im Nichts. Bald werden sie alle verschwunden sein. Ein Schwall von Gefühlen überwältigt mich. Verzweiflung, Panik, Schmerz, Kälte. Meine Sinne spielen verrückt.
Es ist um mich herum. Überall. Ich meine es zu sehen. Etwas tritt aus dem Gewirr heraus und wird deutlicher in meiner Wahrnehmung. Hin und her gerissen lasse ich die Erinnerungen fliegen und wende meine Aufmerksamkeit und Konzentration dem Fleck am Horizont zu. Quälend langsam wird er deutlicher. Die Umrisse einer Gestalt zeichnen sich ab. Gefühle der Freude und tiefen Angst reihen sich in den Fluss der Gedanken ein, der mich zu verschlingen droht.

Nefarian vernahm einen weiteren Schrei. Dieses Mal war er deutlicher. Etwas rief seinen Namen. Das Gefühl der Vertrautheit wurde immer stärker. Wer auch immer nach ihm rief, er hatte etwas mit dem Erlebnis mit der Elfe zu tun. Eine ungeheure Neugier stieg in ihm auf. Er kam der Lösung immer näher. Er spürte es. Er musste nur noch weiter suchen. Tiefer vordringen. Da erblickte er es plötzlich. Erinnerungen, Gedanken und Gefühle flossen im Nichts an ihm vorbei. Nefarian ging näher heran und betrachtete den Strom. Er floss wahnsinnig schnell und Nefarian musste sich stark konzentrieren, um zumindest Bruchstücke deutlicher erkennen zu können. Da traf es ihn und er verstand. Es waren die Erinnerungen einer Elfendruidin – der Elfendruidin, die ihn besucht hatte und ihn vernichten wollte. Nun wusste er auch, wohin sie verschwunden war. Sie hing zwischen den Welten. Im zeitlichen Nichts, geschaffen von ihr selbst. Wie die Elfe diese Leistung vollbracht hatte, war Nefarian völlig schleierhaft, aber er wollte sie unbedingt befreien. Er wusste nicht genau warum er dies wollte. Sie war doch auch nur eine von diesen Leuten, die seinen Tod wollten. Oder doch nicht? Nefarian wusste auch darauf keine Antwort. Er wusste nur, dass er schnell handeln musste, da sonst von der Elfe nur noch eine leere Hülle übrig bleiben würde. Schnellen Fußes schritt er entgegen der Strömungsrichtung am Fluss entlang und sah schon bald am Horizont den Beginn des Stroms und dort stand sie: Die Elfe. Umgeben von Nichts stand sie dort mit geöffneten Augen. Schweiß floss ihr in Strömen am Körper herab und ihre Augen blickten wild umher. Ihr ganzes Gesicht war verkrampft und Leichenblass. Nefarian konnte sich nicht vorstellen, wie es sich anfühlte, wenn einem alles entrissen wird und man nichts dagegen tun konnte, aber er wollte es auch nie selbst erfahren. Er ging weiter auf die Elfe zu, die plötzlich ihre Arme hob. Nefarian blieb stehen und schaute den Armen zu, wie sie ihn völlig unkontrolliert anzuflehen schienen. Nun nahm er die Beine in die Hand und rannte das letzte Stück. Neben ihr angekommen wusste er nicht wirklich, was er tun konnte. Er blickte an der elenden Gestalt herab und fand es faszinierend, wie schön Elfen, selbst in solch einem Zustand, noch sind. Vorsichtig streckte er eine Hand aus und berührte sie am Arm.

Die Gestalt kommt näher, wird aber nicht deutlicher. Sie hebt sich vom Hintergrund ab, ist dennoch schwammig. Ist sie mein Peiniger oder mein Retter? Ich versuche die Arme zu bewegen und ihn anzuflehen schneller zu machen, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt noch so etwas wie Gliedmaßen habe.
Die Gestalt bleibt stehen. NEIN! Habe ich etwas falsch gemacht? Hat sie Angst vor mir? Komm her! Hilf mir! Rette mich! Es hat keinen Zweck. Es hört mich nicht. Alles ist verloren. Ich weiß nicht, was mit mir
passiert, aber ich fühle eine Leere, die sich ihren Weg in mich bahnt und mich zu verschlingen droht. Sie kommt immer näher. 
Es bewegt sich wieder. Es kommt schnell auf mich zu. Hoffnung keimt in mir auf. Aber was ist das? Kurz vor mir verschwindet es einfach. Wo ist es hin? Ich kann es nicht mehr sehen. Hat es mich doch verlassen? Schmerz. Abgrundtiefe Schmerzen durchfahren meinen Körper. Die Dunkelheit hat mich erfasst. Die letzten Erinnerungen suchen sich ihren Weg aus meinem Körper. Das Ende ist nah. Niemand kann mir mehr helfen. Alle haben mich verlassen. Ich gebe auf.

Huch? Für einen Moment dachte ich, ich würde eine Berührung spüren. Dort. Ein Gefühl. Keines von meinen. Kurz flammte es auf. Nun ist es wieder weg und ich fühle nur noch Dunkelheit und immer schrecklicher werden diese Schmerzen. Ich halte es nicht aus. Ich falle auf die Knie. Moment. Ich fühle wie ich auf etwas Hartes treffe. Ich drohe nach vorne zu kippen und versuche mich mit meinen Händen abzustützen. Ich spüre sie, habe aber keine Kraft und falle auf den Boden. Ich höre und sehe immer noch nichts, aber ich habe das Gefühl, dass der Strom sich umgekehrt hat. Erinnerungen, Gedanken, Gefühle fließen in mich zurück. Nun erkenne ich sie genau. Dort meine ersten Gehversuche in Teldrassil. Hier meine Reise zur Dunkeleisenschmelze. Alles fließt in mich zurück. Die Dunkelheit wird verdrängt. Die Schmerzen werden weniger. Überwältigt von der Flut die über meinen Kopf hinweg fährt und fasziniert von den Gedanken, die sie enthält, bleibe ich liegen.

Sicarius schloss die Augen, zuckte plötzlich furchtbar zusammen und verrenkte sich als hätte sie höllische Schmerzen. Nefarian riss die Hand von der Schulter. Hatte er etwas falsch gemacht? Er wollte der Elfe doch nur helfen, hatte er sie nun dem endgültigen Tod zugeführt? Er war verzweifelt. Die Elfe ging in die Knie und fiel auf den Bauch. Die Arme von sich gestreckt, blieb sie so liegen. War sie Tot?

Nefarians Blick fiel auf den Strom und da sah er, dass sich dieser umgekehrt hatte. Er floss wieder in die Elfe zurück. Freude erfasste ihn. Hatte er sie gerettet? Einer der mächtigsten Herrscher Azeroths macht sich Gedanken um eine Elfe. „Wie absurd!“, dachte sich Nefarian und betrachtete seine Situation. Er stand gedanklich hier, irgendwo im Nichts und schaute hinab auf eine Elfe. Eine Elfe, die einen abgrundtiefen Hass auf ihn hatte. Dies hatte er schon bei der ersten Begegnung verspürt. War es die Neugier, die ihn hierher getrieben hat oder der innige Wunsch sie wieder zu sehen? Er hatte nicht viel übrig für ihresgleichen, aber er wollte wissen, was genau damals geschah. Deshalb war er hier. Diese Einsicht stellte ihn zufrieden und er widmete sich wieder der Elfe, die immer noch ruhig da lag.

Der Strom war mittlerweile schwach geworden und es würde nur noch wenige Augenblicke dauern bis wieder alles, was sie verloren hatte, wieder eins mit ihr war. Er kniete sich neben sie und wartete ab.

Ich weiß, dass es nur Erinnerungen sind, dennoch glaube ich, real dort zu sein und die Situationen wieder zu durchleben. Ich bin gefangen. Gefangen in meiner eigenen Welt, aber es macht mir nichts aus. Ich finde es wundervoll. Doch was ist jetzt? Der Strom ist abgerissen und ich höre jemanden neben mir atmen. Bilde ich es mir wieder nur ein oder ist es real? Ich fühle meinen Körper. Ich fühle, wie er durch den Fall schmerzt. Aber es sind andere Schmerzen. Reale Schmerzen. Ich bin mir wieder meiner bewusst. "Öffne die Augen Sicarius!" befehle ich mir und sie gehorchen. Gleißendes Licht blendet mich, aber ich schließe sie nicht wieder. Ich warte ab, bis sie sich an die Helligkeit gewöhnt haben. Ich hebe den Kopf etwas und erblicke Schuhe.

„Wo bin ich?“, entfährt es Sicarius. „In meinem Thronsaal.“, antwortete Nefarian, der genauso verwundert über diese Erkenntnis war, wie die Elfe. Er saß wieder auf seinem Thron und sie lag vor der untersten Stufe. Genau an dem Ort, an dem sie damals verschwunden war. Der Bann war gelöst. Sicarius stand langsam auf und registrierte endlich wer da zu ihr sprach. „DU!“, schrie sie und schreckte zurück. „Du hast mir das angetan!“. Fasziniert von dieser Reaktion blickte sie Nefarian nur an. „Ich weiß nicht wie du es gemacht hast, geschweige denn, was du überhaupt mit mir getan hast, aber ich schwöre dir, dass ich mich dafür rächen werde!“. Wieder Herr über ihren Körper erblickte sie ihren Stab auf den Boden liegen und hob ihn auf. „Nicht heute, nicht morgen, aber irgendwann werde ich dich vernichten!“, sprudelte der Hass aus der Elfe. Nefarian empfand einerseits bedauern, da er nun nie erfahren würde, was sich zugetragen hatte, andererseits hätte es keinen Wert mir ihr zu diskutieren. Selbst wenn sie ihm glauben würde, würde sie es doch nie akzeptieren das er, Nefarian – Sohn von Deathwing ihr das Leben gerettet hatte. Vielleicht war es auch besser so. Aus diesem Grund erwiderte er nichts, als sich die Elfe mit den Worten „Ich kehre nun zu meinen Freunden zurück und werde ihnen von deiner Schandtat berichten. Ich werde sie auf deine Vernichtung einschwören. So wahr mir Elune helfe!“ verabschiedete und den Raum wieder durch die große Eingangstür verließ.

Nefarian blickte noch lange nachdem sie verschwunden war, auf die Tür. Er wusste, dass er sie beim nächsten Treffen töten musste und wer ganz genau hinschaute, konnte erkennen wie bei diesem Gedanken eine Träne an seiner Backe herab lief.[CH]